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Vorträge, Filme und eine Party bei den Ludwigsburger Filmtagen 2010

 

Die Darstellung von Metropolen wie Bangkok, Singapur und Jakarta in zeitgenössischen Filmen stand im Blickpunkt der ersten Tagung, welche die Abteilung Kultur- und Medienbildung ausrichtete. Vom 29. bis 31. Januar 2010 kamen Fachleute aus Indonesien, den Philippinen, den USA, der Schweiz, Polen, Großbritannien und Deutschland zur Konferenz „Megacities und Film: Südostasien auf der Leinwand“ in die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg.

An der Tagung nahmen neben den Filmexperten zahlreiche Studentinnen und Studenten teil. Es standen nicht nur wissenschaftliche Vorträge auf dem Programm, sondern auch Vorführungen von Filmen aus Thailand und aus Singapur, Workshops zur Filmanalyse, ein Werkstattgespräch aller Referenten der Tagung und eine Filmparty. Die Beiträge waren zu vier Themenblöcken gruppiert: „Nationale Identität. Kulturelle Vielfalt“, „Stadtbilder“, „Stadtlandschaften der Gegensätze“ und „Stadt und Globalisierung“. Die Referenten fragten nach der Art und Weise, in der Filme das Leben in einer Megacity darstellen. Sie untersuchten, wie sich die Metropolen Südostasiens als menschliche Lebenswelten und filmische Erzählräume entwickeln. Dabei erörterten die Filmexperten auch das Verhältnis der Megacities und der gegenwärtigen Gesellschaften Südostasiens: Kristallisieren sich soziale Entwicklungen der Länder Südostasiens in Großstädten wie Jakarta, Singapur und Manila? Wie greifen gegenwärtige Filme solche Tendenzen auf?

Rektor Prof. Dr. Martin Fix eröffnet die internationale Tagung

Eröffnet wurde die Tagung durch den Rektor der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Prof. Dr. Martin Fix. In seinem Grußwort ging er auf die besondere Rolle des Bachelor-Studiengangs Kultur- und Medienbildung in der Pädagogischen Hochschule ein; diese werde von außen vor allem als Lehrerbildungseinrichtung wahrgenommen, gewinne inzwischen aber ein immer ausgeprägteres Profil als „Kompetenzzentrum für Bildungswissenschaften“.

Filmgeschichte, Festivalerfolge und die Faszination einer fremden Kultur

Stephan Buchloh, Leiter des Studiengangs und gemeinsam mit der akademischen Mitarbeiterin Diplom-Romanistin Sarah Wüst für die Tagung verantwortlich, führte sodann in das Thema der Veranstaltung ein. Er zog historische Linien zum Thema „Großstadt im Film“ am Beispiel von Filmen wie „Metropolis“ von Fritz Lang (1926), „Berlin: Die Symphonie der Großstadt“ von Walter Ruttmann (1927), der „Gojira“- oder „Godzilla“-Reihe, die im Jahr 1954 mit einem Film von Ishiro Honda begann, und von Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982), in dem das Los Angeles des Jahres 2019 die Züge einer asiatischen Megacity trägt. Zugleich stellte Buchloh die Erfolge von Regisseuren wie Apitchatpong Weerasethakul und Pen-ek Ratanaruang auf internationalen Filmfestivals wie Cannes, Berlin und Oberhausen heraus, die dem südostasiatischen Film der Gegenwart – zumindest in der Filmszene – eine größere Aufmerksamkeit bescherten. Stephan Buchloh erwähnte auch die Faszination, die von den südostasiatischen Ländern und den Megacities selbst ausgeht. Eine Alltagsphilosophie, die in Thailand um die Begriffe „sanuk“, „sabai“ und „suay“ kreist und damit Lebensfreude, Wohlbefinden und Schönheit in den Mittelpunkt stellt, kann auf Menschen in Deutschland einen besonderen Reiz ausüben.

„Nationale Identität. Kulturelle Vielfalt“

Im ersten Vortrag der Tagung ging die schweizerisch-thailändische Wissenschaftlerin Natalie Böhler dem Motiv der „Thainess“ in dem Film „Monrak Transistor“ von Pen-ek Ratanaruang aus dem Jahr 2001 nach. Welche Rolle spielt das spezifisch Thailändische in der Gesellschaft und in der filmischen Darstellung? Der Londoner Filmexperte Robert Williamson widmete sich den Klassenunterschieden in der thailändischen Gesellschaft und speziell in der Megacity Bangkok. Unter dem Titel „Working and Dreaming“ analysierte er, wie thailändische Regisseure Hoffnungen auf sozialen Aufstieg in Bangkok in Szene setzen und wie sie diese Träume mit der Realität konfrontieren. Die in Stuttgart lebende indonesische Wissenschaftlerin Hedy Holzwarth rückte die ethnische Vielfalt in Jakarta ins Blickfeld. Sie sprach über den Film „Si Doel, der Junge aus Jakarta“, der sich mit den Gegensätzen zwischen den alteingesessenen Bewohnern der indonesischen Hauptstadt und den Zugewanderten beschäftigt.

„Stadtbilder“

In seinem Referat „Bangkok in Unterhaltungsfilmen“ beleuchtete Stephan Buchloh, wie die Hauptstadt Thailands in populären Filmen der Gegenwart charakterisiert wird, zum Beispiel in „Ong Bak“ (2003), „Beautiful Boxer“ (2003), „Sagai United“ (2004), „Jenny“ (1996), „Bangkok Traffic Love Story“ (2009), „Super Hap Sap Sabut“ (2008) und „Bangkok Dangerous (1999, Remake 2008). Wiederkehrende Themen sind die Gegensätze Stadt – Land, Tradition – Moderne, Beschleunigung – Verlangsamung und die Megacity Bangkok als Ort der Freiheit, aber auch als Ort des Verbrechens und der Gefahr. Um den singapurischen Film ging es in dem Vortrag „Stadtbilder als Spiegel der Gegenwartsgesellschaft“, den die Hohenheimer Kommunikationswissenschaftlerin Stephanie Geise ausgearbeitet hatte. Sie hatte ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt und als Vertretung Arne Spieker benannt, der für sie einsprang. Im Mittelpunkt standen Filme von Kelvin Tong, Woo Yen Yen/Colin Goh, Eric Khoo und Royston Tan, der in seiner Arbeit „15“ dem verbreiteten Bild von Singapur als dem sauberen Wirtschaftsparadies ein nachdenklich stimmendes Porträt heutiger Jugendlicher gegenüberstellt. Yvonne L. Michalik, wissenschaftlich-künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, konzentrierte sich in ihrem Beitrag ebenfalls auf Singapur. Sie analysierte den Film „Salawati“ von Marc X. Grigoroff aus dem Jahr 2008, welcher die seelischen Konflikte eines jungen Mädchens angesichts des Todes des Bruders schildert.

„Stadtlandschaften der Gegensätze“


Dem Film „Sud Pralad – Tropical Malady“ von Apitchatpong Weerasethakul (2004) wandte sich die Berliner Bildwissenschaftlerin und Regisseurin Tina Hedwig Kaiser zu. Der Film spielt zu einem großen Teil im Dschungel, der laut Kaiser für das „ausgeschlossene Andere Bangkoks“ steht. Ihr Interpretationsansatz nahm vor allem die Bildkompositionen in den Blick. Mervin Espina aus den Philippinen dehnte das Sichtfeld auf Brunei aus, welches ebenfalls zu Südostasien gehört, aber vielen Leuten nicht bekannt ist. Unter dem Titel „Uploading the Underground. Independent Video Adventures in the Brunei Megakampong“ präsentierte er die unabhängige Video- und Filmszene von Brunei. Der Vortrag des Jenaer Medienwissenschaftlers Robert Geib „Die asiatische Metropole als utopische und nostalgische Vision“ wies geographisch über das Thema hinaus, da er sich mit Animationsfilmen aus Japan beschäftigte. Gleichwohl erwiesen sich die Ausführungen Geibs als sinnvolle Erweiterung: Geib bot einen Vergleichshintergrund zu den Megacities Südostasiens, der die Sicht auf südostasiatische Metropolen schärfte, und führte mit dem Animationsfilm ein weiteres Genre in die Tagungsdiskussion ein.

„Stadt und Globalisierung“

Das gegenwärtige Filmschaffen in der Megacity Singapur stand im Zentrum des Interesses von Stewart Chang, einem amerikanischen Staatsbürger mit chinesischen Wurzeln, der in Los Angeles als Anwalt arbeitet und zugleich an der California State University in Long Beach in der Abteilung für asiatische und asiatisch-amerikanische Studien lehrt und forscht. Gegenstände seines Vortrags „Revisiting Chapters of the Pitiful Lotus“ waren Probleme von nationaler Identität, die Einflüsse der Globalisierung und des westlichen Wirtschaftssystems sowie der Gegensatz zwischen traditionell-patriarchalischen Lebensumständen und dem Streben nach Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Stewart Chang untersuchte diese Themen an Filmen von Jack Neo, Eric Khoo und Royston Tan. Der Frage, wie das Kino Malaysias globale Tendenzen und nationale Besonderheiten miteinander verbindet, widmete sich der deutsche Filmwissenschaftler Frank Thomas Meyer in seinem Beitrag „Transnational Imaging Aspects of the Megacity in ‚Cicak Man‘“. Dieses Werk des Regisseurs Yusry aus dem Jahr 2006 kann als komödiantischer Superhelden-Film und gleichzeitig als Action Film gelten. Der Film greift das Großstadtthema auf – er spielt in einer Stadt namens „Metrofulus“ und erinnert damit an den Titel des Werks von Fritz Lang.

Daß Großstadtfilme nicht immer Stadtlandschaften ins Bild rücken müssen, sondern das Lebensgefühl einer Stadt auch durch einen Blick in Innenräume ausdrücken können, machte die in Berlin lebende polnische Kommunikationswissenschaftlerin Agata Anna Lisiak deutlich. Auch wenn sie in ihrem Vortrag „Anonymous Interiors: Taiwanese Cities in Film“ taiwanesische Filme analysierte und damit über die Grenze des südostasiatischen Raums hinausschaute, wies sie auf bemerkenswerte Entwicklungen in einigen Megacities Asiens hin: Im Gegensatz zum traditionellen Leben auf Straßen, Plätzen und Märkten ziehen etliche Bewohner nun einen Aufenthalt in klimatisierten, aber auch anonymen Innenräumen vor; sie nähern sich damit den Lebensformen in westlichen Großstädten an. Taiwanesische Filme von Edward Yang und Ming-Liang Tsai setzen sich mit solchen Globalisierungstendenzen auseinander.

Filmparty mit Buffet, Musik und Filmvorführung

Bei den vielen Informationen sollte auch Zeit für Entspannung und Spaß bleiben – „sabai“ und „sanuk“ sollten auch in Deutschland zu ihrem Recht kommen. Deshalb fand gleich am ersten Abend der Tagung eine Filmparty statt, und zwar im Literaturcafé der Pädagogischen Hochschule. Die Vorbereitungsgruppe hatte ein reichhaltiges Buffet mit kleinen Köstlichkeiten aufgebaut, die gut schmeckten, aber dennoch nicht den Rahmen einer universitären Veranstaltung sprengten. Im Hintergrund lief die neueste thailändische Popmusik, und man konnte Studenten und Referenten in angeregten Gesprächen beobachten. Höhepunkt des Abends war die Vorführung eines Films mit einem Underdog-Motiv: erst als Hinterwäldler verlacht, dann in der Megacity erfolgreich. Nach der Vorführung spendeten die Partygänger Applaus: Filme aus Südostasien sind nicht nur auf hochkarätigen Festivals erfolgreich, sie können auch gut unterhalten.

Workshops zur Filmanalyse


Die Ludwigsburger Filmtage 2010 bestanden nicht allein aus Vorträgen und der Filmparty, sondern widmeten sich an einem Vormittag ebenfalls ausführlich der Filmanalyse. Damit sollten auch und gerade die studentischen Teilnehmer die Chance bekommen, die reine Zuhörerrolle zu verlassen und selbst aktiv zu werden. In vier Workshops nahmen die Tagungsteilnehmer einen thailändischen Film aus dem Jahr 2001 unter die Lupe, der ein Bild der Jugend Bangkoks zwischen Gewalt, Drogen und Langeweile zeichnet. Die Arbeitsgruppen wurden geleitet von der akademischen Mitarbeiterin Sarah Wüst, den Studentinnen Nadja Theilemann und Maren Scharpf sowie von Stephan Buchloh. In den Workshops diskutierten die Teilnehmer über die Anlage der Figuren, über die filmische Dramaturgie, über ästhetische Gestaltungsmittel und über die Darstellung der Megacity Bangkok. Im Plenum trugen die vier Gruppen ihre Ergebnisse zusammen.

Diskussionsrunde aller Referenten


Zum Abschluß der Tagung setzten sich die Referenten zusammen und griffen zentrale Fragen der bisherigen Vorträge und Gespräche noch einmal im Zusammenhang auf. Natalie Böhler, Stephan Buchloh, Stewart Chang, Mervin Espina, Robert Geib, Hedy Holzwarth, Tina Hedwig Kaiser, Agata Anna Lisiak, Frank Thomas Meyer, Yvonne L. Michalik und Robert Williamson erörterten das Bild, das zeitgenössische Filme von südostasiatischen Megacities zeichnen, entlang der Gegensätze, die diese Filme immer wieder in den Blick rücken: Unterschiede zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern, zwischen männlichen und weiblichen Rollenverständnissen, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Stadt und Land, zwischen Religiosität und Atheismus, zwischen der Landessprache und dem Englischen, zwischen dem Leben in Innenräumen und dem Leben auf öffentlichen Plätzen – dies alles verdichtete sich zur Frage nach einer Identität der Menschen, die in den Metropolen Südostasiens leben. Aber auch mit dem Thema der filmischen Darstellung zwischen traditionellen und experimentellen Erzählformen und Bildkompositionen setzte sich die Referentenrunde auseinander. Schließlich erzählten die Vortragsredner – als Antwort auf die Frage eines Studenten – von ihrer ganz persönlichen Begeisterung für die Länder Südostasiens und deren Filme.

Ludwigsburger Filmtage 2010 – eine Tagung als Teamarbeit

Die Tagung „Megacities und Film: Südostasien auf der Leinwand“ wäre nicht möglich gewesen, wenn sich nicht verschiedene Leute außergewöhnlich stark engagiert hätten. Sarah Wüst aus der Tagungsleitung, Karin Matt als Sekretärin der Abteilung Kultur- und Medienbildung und Nadja Theilemann als studentische Hilfskraft kümmerten sich schon im Vorfeld um alle organisatorischen Fragen von der Raumreservierung über das Einholen von Essensangeboten bis zur Einladung der Referenten. Während der Tagung erhielten sie Verstärkung durch die Studentinnen Eva Jaksch und Berit Priebe. Alexander Korn gestaltete das Tagungsfaltblatt und das Plakat, und Christian Frey betreute die Technik. Sarah Wüst und Nadja Theilemann leiteten nicht nur Workshops, sondern übernahmen auch die Moderation einzelner Themenblöcke. Das Zusammenspiel aller Beteiligten verlief reibungslos.

Offensichtlich hat sich der große Einsatz ausgezahlt: Von Teilnehmern war zu hören, daß sie die Atmosphäre der Tagung als sehr angenehm empfanden und die Veranstaltung als abwechslungsreich, anspruchsvoll und informativ einschätzten. Eine Studentin kommentierte: „Ich wußte gar nicht, daß es in Südostasien eine so spannende und vielfältige Filmlandschaft gibt. Die Filmtagung hat mir ganz neue Sichtweisen vermittelt.“

 

- Impressionen I

- Impressionen II

 

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