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Theater für Karl Tapir

„Er ist doch nur ein Mensch!“ – Zustimmung oder Empörung im Publikum. Gleichgültigkeit sucht man an diesem Abend vergebens. Das ist auch fast nicht möglich bei dieser Masse an Relevanz. Denn Leben, Liebe, Tod und Angst finden in jedem Dasein statt. Und so hat dort auch das Theaterstück „Helges Leben“ von Sibylle Berg seinen Platz, das all diese Themen auf seine Art behandelt. Aufgeführt wurde es am 9. und 10. Juni vom Studiengang Kultur- und Medienbildung (Aufnahmejahrgang 2008) unter der Leitung von Vanessa Puttner, akademische Mitarbeiterin im Fach Theater/Literatur.

Mensch à la carte

Wir befinden uns an diesem Abend in einer postapokalyptischen Welt. Die Menschheit hat es endlich geschafft und sich selbst um den Verstand und die Vorherrschaft auf der Erde gebracht. Die Tiere regieren ab sofort. Und wieso sollten die Tiere sich nicht genauso unmenschlich verhalten wie die Menschen? Folgerichtig bestellt sich Karl Tapir bei Frau(!) Gott ein Menschenleben als abendfüllendes Unterhaltungstheater in seinen Partykeller. Neben ihm auf der Couch: seine neue Liebe Frau Reh. Gemeinsam mit dem Publikum erleben die beiden bei knackigen Karotten die bestellte Darbietung.

Das Vorspiel

„Das Vorspiel“ gestaltet sich wortwörtlich, und so erlebt das Publikum die Zeugung des Titelhelden. Und nachdem die Emanzipation auch ihren Platz findet, wenn Helges Mutter verkündet: „Ich bin jetzt genug schwanger!“, sind wir schon mitten im ersten Teil des Stücks: „Geburt bis 17“. Hier wird schon deutlich, dass es auch und vor allem um menschliche Abgründe geht. Natürlich ist die Ehe von Helges Eltern kurz vor dem Ende, und natürlich ist der ungeliebte Helge ein beliebtes Mobbingopfer in der Schule. Doch sind es nicht nur kleine und große Schicksalsschläge, die Helges Leben so schwer machen, sondern fehlender Mut zu Entscheidungen und allgemeine Trägheit. Eine Konstante in seinem Leben ist die Angst, die sich ihm seit frühester Kindheit zur Seite gesellt.

Warten auf den Werbeblock

Wenn Herrn Tapir das Menschenleben im Partykeller zwischenzeitlich mal wieder zu dröge und stumpfsinnig erscheint, wird einfach vorgespult. Weitere Unterbrechungen sind tierische Werbeblöcke und die Zwischenrufe von Frau Reh. Inzwischen ist Helge fast in seinem zweiten Lebensteil angekommen – „erwachsen werden“. Doch vorher trennen sich noch seine Eltern, und Frau Gott spielt zwischendurch ein bisschen Keyboard. Bis hierhin ist das Stück von Schnelllebigkeit und Pointenreichtum geprägt. Dies nimmt ab der Hälfte etwas ab. Ganz im Gegensatz zur vulgären Ausdrucksweise, die sich durch das gesamte Leben Helges zieht.

Wie der Vater, so der Sohn


Helge steuert inzwischen geradewegs auf seinen nächsten Lebensabschnitt. „Dreißig bis egal“ zu. So verloren, wie die Teilüberschrift es erahnen lässt, wirkt auch Helge. Er befindet sich in einem noch tieferen Lebensloch und ähnelt unweigerlich seinen Eltern in allen Belangen. Streit mit der Freundin, Lethargie und Erfolglosigkeit. Langsam aber sicher drängt sich beim Zuschauer der Verdacht auf, dass Helges Leben die Kurve nicht mehr recht kriegen wird. Die Angst ist immer noch sein sehr präsenter und bestimmender Begleiter und bringt Helge dazu, seinen Frust und sein Unverständnis mit Gewalt zu kompensieren.

Ende gut?


Die vielen Pointen weichen im vierten Teil – „Das Alter“ – einer sehr trostlosen und ehrlichen Darstellung eines langsamen, einsamen Sterbens. Auf der Bühne herrscht zwar, wie in den drei Teilen zuvor, immer noch viel Bewegung, es dreht sich jetzt aber alles um den alten Helge. Karl Tapir bekommt hier eine starke Darstellung des menschlichen Innenlebens geboten. So fragt sich Helge: „Hat mich keiner geliebt?“ – und stellt damit vielleicht die für das Stück zentrale Frage. Denn sein ganzes verkorkstes Leben in der Schräglage lässt sich auf fehlende Nähe und Liebe zurückführen. Ein kaltes Stück Menschenleben geht zu Ende, und es beschleicht einen das stille Bedauern darüber, dass wir alle nur eines zur Verfügung haben. Helge hätte beim zweiten Mal vielleicht auch vieles anders gemacht. Doch ein Erfolgserlebnis gibt es dann doch noch! Im Angesicht des Todes besiegt er die Angst, die ihn bis an sein Sterbebett begleitet hat.

Mutmachtheater

Oberflächlich betrachtet ist dieses Stück über Leben, Liebe, Tod und Angst nur eine Provokation um der Provokation willen. Verschont bleibt nichts und niemand. Mit einer penetrant vulgären Sprache wird hier alles kritisiert und durch den Dreck gezogen: Religion, die Menschheit an sich, der Kapitalismus, Männer, Philosophie, die Gesellschaft, Ideale und irgendwie auch der Umgang mit Tieren. Vielleicht ist das zu viel gewollt für 90 Minuten Theater. Vielleicht ist es aber einfach auch ein gutes Stück gegen die Angst in jedem von uns, sein Leben nicht auszukosten, falsche Entscheidungen zu treffen oder dem Weltschmerz mit allgemeiner Verzweiflung nachzugeben. Vielleicht kann man einfach mit einem guten Gefühl aufstehen und das Leben sowie sich selbst nach dieser Kulturkatharsis etwas reflektierter sehen. Und wenn die bösen Wörter dabei helfen, dann soll es verf**** nochmal so sein.

Lion Oeding

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