15. Februar 2011: Gastprofessor in Thailand
Zwischen Filmarchiv und Deutschcamp
Stephan Buchloh verbringt Forschungssemester in Bangkok / Gastprofessuren an der Thammasat University und der Silpakorn University / Internationale Konferenzen / Studien- und Praktikumsmöglichkeiten für Ludwigsburger Studentinnen und Studenten
Das Land des Lächelns und der Reiz des Fremden: freundliche Menschen und eine Kultur, die sich Deutschen nicht sofort erschließt. Darstellungen in Filmen können den Zugang zum Unbekannten erleichtern - aber auch sie müssen erst interpretiert werden. Durch Filme etwas über Thailand und seine Kultur zu lernen und damit gleichzeitig ein künstlerisches Feld zu untersuchen, dem in Deutschland bislang nur wenig Beachtung geschenkt wird - diese Aufgabe stellte sich Stephan Buchloh für sein Forschungssemester. In Ludwigsburg leitet er die Abteilung Kultur- und Medienbildung, doch für das Wintersemester 2010/11 entschloß er sich, das schöne Schwabenland zu verlassen und seine Zelte in Bangkok aufzuschlagen.
Einladungen von zwei thailändischen Universitäten
Eine institutionelle Einbindung boten Buchloh zwei thailändische Universitäten: Sie luden ihn ein, dort Gastprofessuren zu übernehmen. Mit der "Faculty of Journalism and Mass Communication" der Thammasat University Bangkok besteht schon seit dem Jahr 2008 ein Kooperationsabkommen. Kurzfristig kam darüber hinaus eine Zusammenarbeit mit der Deutschabteilung in der "Faculty of Arts" der Silpakorn University Bangkok auf dem Campus Nakhon Pathom zustande.
Thammasat University: Seminar und studentische Werkschau mit Filmen und Fotos
In der Thammasat University hielt Stephan Buchloh ein Seminar zu Fragen von Massenmedien und Gesellschaft, in dem es unter anderem um Fragen der journalistischen Ethik, um internationale Mediensysteme und um das Verhältnis von thailändischen Filmen und der Gesellschaft Thailands ging. Die Fakultät stellte für ihn ein Büro bereit und kümmerte sich um das Kopieren der Seminarunterlagen. (Ein Text mit Fotos zur Lehre an der Thammasat University findet sich hier.) Buchloh konnte seine Lehrtätigkeit mit seinen Forschungsarbeiten verbinden. Er führte Gespräche mit Fachleuten und sammelte eine Fülle von Materialien zur thailändischen Filmkultur.
Das Leben der Thammasat-Medienfakultät besteht nicht nur aus Seminaren, sondern auch aus diversen Sonderveranstaltungen. Die Dekanin der Fakultät, Prof. Dr. Pornchit Sombutphanich, organisierte gemeinsam mit Studenten einen Tag mit einer Werkschau künstlerischer Arbeiten, der im Kaufhaus "Central World" stattfand. Das ist eine Besonderheit Thailands: Hier kann man Flächen in Shopping Malls für einen Tag mieten. Hinzu kam, daß das Einkaufszentrum im Mai 2010 zu einem großen Teil ausbrannte, als sich die Auseinandersetzungen zwischen der "Rothemden"-Protestbewegung und der Armee zuspitzten. Bei der Thammasat-Veranstaltung, die sich "The Core" nannte, wurden Photographien mehrerer Studenten gezeigt, und es gab eine kleine Talkshow. Höhepunkt des Abends war die Vorführung von drei studentischen Filmen in einem der großen Kinos von "Central World". Die Arbeiten der thailändischen Studenten hatten eine hohe Qualität und brauchten den Vergleich mit Werken von Profi-Regisseuren nicht zu scheuen - ein Beleg für die hohe Ausbildungsqualität der Thammasat University. (Übrigens werden in Thailand alle Leute bei ihrem Vornamen genannt, und der Doktortitel zählt mehr als der Professor: Deshalb hieß es immer "Dr. Pornchit".)
Internationale Konferenz über Medien und gesellschaftlichen Wandel
Auch auf der Forschungsseite hat die Universität viel vorzuweisen. Im Dezember 2010 lud die Fakultät zu einer internationalen Fachtagung in das UNO-Gebäude von Bangkok ein: "Future Imperatives of Communication and Information for Development and Social Change". Die Konferenz wurde zusammen mit dem "Department of Communication at the University of Nagasaki" und dem "Center Communication for Sustainable Social Change (CSSC) at the University of Massachusetts Amherst" veranstaltet. Es gab Vortrags- und Diskussionsrunden unter anderem zu den folgenden Themen: "Nachhaltigkeit", "Journalismus", "Gesundheitskommunikation", "Politische Kommunikation", "Grüne Kommunikation und Klimawandel". Stephan Buchloh moderierte das Panel "Journalismus" und hielt einen zusammenfassenden Schlußvortrag in seinem Panel. In der Gruppe referierten zum Beispiel Mine Gencel Bek aus der Türkei sowie Pooja Rana und B. K. Ravi aus Indien. Es ging um die Rolle des Journalismus und speziell neuer journalistischer Formen in Prozessen des sozialen Wandels. Höhepunkt der Tagung war eine Rede des thailändischen Ministerpräsidenten Abhisit Vejjajiva. Der Politiker setzte sich mit dem Verhältnis von Politik und Journalismus auseinander und sprach Fragen der Zensur an, die in Thailand ausgeprägt ist. Da Abhisit in England geboren ist und in Oxford studiert hat, trug er seine Ausführungen in perfektem Englisch vor. Nach der Ansprache von Abhisit hatte auch Stephan Buchloh Gelegenheit, mit dem Ministerpräsidenten ein paar Worte zu wechseln.
Die Germanistikabteilung der Silpakorn University
Kurzfristig bekam Stephan Buchloh eine weitere Einladung zu einer Gastprofessur: Die Germanistikabteilung der Philosophischen Fakultät der Silpakorn University fragte bei ihm an, ob er auch dort Seminare anbieten könne. Die Silpakorn University hat einen Standort in Bangkok und einen weiteren Campus in der Stadt Nakhon Pathom, die etwa 50 Kilometer westlich von Bangkok liegt. Dort befindet sich auch die Deutschabteilung. Die Mitarbeiter und Studenten der Abteilung empfingen den Hochschullehrer mit großer Herzlichkeit und großem Interesse. Die Abteilung organisierte die Fahrt von Bangkok nach Nakhon Pathom und zurück, empfing ihn mit einem schmackhaften Mittagessen und stellte ihm einen Schreibtisch zur Verfügung.
"Deutschcamp" auf dem Lande
Stephan Buchloh wurde sogleich eingeladen, an einem dreitägigen Blockseminar mitzuwirken, das in einer Hüttenanlage auf dem Land stattfand. Bei einer Fülle von Spielen, bei Tanz und Gesang, bei einem abendlichen Schönheitswettbewerb erprobten und verbesserten rund 100 junge thailändische Studentinnen und Studenten ihre Deutschkenntnisse. Es war rührend und faszinierend zu sehen, wie, rund neuntausend Kilometer von Deutschland entfernt, freundliche junge Menschen deutsche Lieder sangen und sich abmühten, die schwierigen Regeln von Deklinationen und Konjugationen anzuwenden. Verantwortlich für das Seminar, das jedes Jahr als "Deutschcamp" stattfindet, zeichneten die Abteilungsleiterin Asst. Prof. Dr. Sawitree Thong-urai und ihre Kolleginnen Asst. Prof. Wanpen Banchongthad und Asst. Prof. Dr. Korakoch Attaviriyanupap. Die Germanistikabteilung pflegte auch deutsche Sitten und Gebräuche: Man dachte an den Nikolaustag und informierte sich über Weihnachten im Schnee. Buchloh organisierte mit den aufgeweckten und fleißigen Studentinnen (es gab einen einzigen jungen Mann in seinen Seminaren) eine kleine Weihnachtsfeier in seinem Seminar und analysierte mit ihnen zum Abschied deutsche Popsongs.
Besuch im Nationalen Filmarchiv
Im Rahmen der Gastprofessur an der Silpakorn University besuchte Stephan Buchloh mit einigen Studentinnen das Nationale Filmarchiv und Filmmuseum in Salaya in der Provinz Nakhon Pathom ("Thai Film Archive"). Es beherbergt eine Fülle von Requisiten aus wichtigen Werken der thailändischen Filmgeschichte, eine reichhaltige Auswahl von technischen Geräten und viele Schriften und Filme. Das Problem für ausländische Forscher ist, daß Publikationen fast ausschließlich in der Thaischrift vorliegen und daß die Filme auf englische Untertitel verzichten. Die Studentinnen der Silpakorn University hatten sich auf den Besuch im Filmmuseum intensiv vorbereitet: Sie hatten sich mit dem Filmvokabular vertraut gemacht und dolmetschten die Worte der thailändischen Museumsführerin ins Deutsche. Das Engagement der Studentinnen war beeindruckend.
Hindernisse in der Filmforschung
Was im Nationalen Filmarchiv auffiel, erweist sich leider auch als Schwierigkeit bei Forschungen zum Gegenwartsfilm: Zwar laufen die meisten thailändischen Filme in den Kinos von Bangkok mit englischen Untertiteln. Sobald sie jedoch auf DVD erscheinen, fehlen die Untertitel. Die Industrie möchte sich wohl die Chance erhalten, die Arbeiten ins Ausland zu verkaufen, wo DVDs erheblich teurer sind als in Thailand. Doch kommen die wenigsten thailändischen Filme tatsächlich im Ausland heraus. Allerdings findet man in Singapur oder Kuala Lumpur in der Tat noch mehr thailändische Filme mit Untertiteln als in Bangkok. Doch auch in diesen Ländern ist die Auswahl thailändischer Filme gering, wenn man sie mit den tatsächlich produzierten Arbeiten vergleicht. Stephan Buchloh versuchte, in der "Sukhumvit Thai Language School" (STL) die thailändische Sprache zu erlernen, um sich so auch mit der Filmkultur besser vertraut machen zu können. Doch die Zeit eines Semesters reichte nicht aus, um die Sprache wirklich zu beherrschen und Konversationen in Filmen zu verstehen.
Konferenz der Chulalongkorn University über Thailand und Europa
Weitere Höhepunkte des Aufenthaltes von Stephan Buchloh in Bangkok waren eine Konferenz in der Chulalongkorn University mit Gästen aus vielen Ländern und ein internationales Filmfestival. Aus Anlaß des hundertsten Todestages von König Chulalongkorn veranstaltete die Universität gleichen Namens, die in Thailand den Ruf als die beste Universität genießt (die Thammasat University gilt als die Nummer 2 und die Silpakorn University als die Nummer 3 oder 4), die Tagung "Chulalongkorn International Conference of Oriental Studies (CHICOS)". Behandelt wurden unter anderem die Beziehungen zwischen Thailand und Deutschland und zwischen Thailand und Italien im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert, aber auch der Buddhismus in der Weltliteratur. Prof. Dr. Pornsan Watanangura, die Leiterin der Germanistischen Abteilung der Chulalongkorn University, hatte Stephan Buchloh eingeladen, an der Konferenz teilzunehmen. Die thailändische Germanistin sprach über den "Beginn einer neuen Ära in den thailändisch-europäischen Beziehungen: König Chulalongkorn als der erste Honorar-Europäer" und über "Hermann Hesses Morgenlandfahrt und die Suche nach Selbsterkenntnis - eine buddhistische Perspektive".
Filmfestival in Bangkok
Das "8. Weltfilmfestival von Bangkok" glänzte mit einer Eröffnungsgala in einem großen Kino des luxuriösen Einkaufszentrums Siam Paragon ("Paragon Cineplex"). Thais verstehen es, besondere Ereignisse farbenprächtig und abwechslungsreich zu inszenieren. Stephan Buchloh konnte an der Veranstaltung teilnehmen, bei der nach Konfettiregen und Ansprachen der Film "Tee Rak" (englischer Titel: "Eternity") des jungen Regisseurs Sivaroj Kongsakul vorgeführt wurde. Der Film zeigt, wie ein junges verliebtes Paar zusammenfindet und wie die Frau später alleine zwei Kinder aus der Beziehung großzieht - der Mann ist gestorben, und die hoffnungsfrohe Stimmung vom Beginn des Films hat sich in die Gleichförmigkeit eines traurigen Alltags verwandelt. Das Festival will Nachwuchsfilmern und Produktionen jenseits des Mainstreams eine Plattform bieten.
Zensur nach Vorführung eines umstrittenen Films
Das "World Film Festival" war zugleich Schauplatz eines Skandals. Kurz nach der Vorführung des Films "Insects in the Backyard" von Tanwarin Sukkapisit wurde der Film von der thailändischen Zensur verboten. Das Werk befaßt sich mit dem Verhältnis von zwei Teenagern zu ihrem Vater, der inzwischen als Transvestit lebt. Man hielt dem Film einen Verstoß gegen die öffentliche Moral vor. Der Zensurfall gilt als der erste Fall eines offiziellen Filmverbots unter einem neuen Filmbewertungssystem, das im Jahr 2009 in Thailand eingeführt wurde und für das das Kultusministerium zuständig ist.
Studien- und Projektmöglichkeiten für Studentinnen und Studenten aus Ludwigsburg
Durch die Kontakte zu den beiden thailändischen Universitäten bieten sich auch den Ludwigsburger Studentinnen und Studenten Möglichkeiten für ein Studium oder ein Projekt in Thailand. Die Medienfakultät der Thammasat University öffnet ihr englischsprachiges Bachelor-Programm in jedem Wintersemester für fünf Leute aus dem Studiengang Kultur- und Medienbildung. Im Wintersemester 2011/12 können Hannah Panknin, Antonia Ruhl, Lisa Spintig, Katharina Wagner und Veronika Weixler diese Chance wahrnehmen. Die Deutschabteilung der Silpakorn University ist an muttersprachlichen Tutoren interessiert, die in der Lehre mitwirken. Möglich wären dort auch Theaterprojekte. Schließlich besteht die Hoffnung, daß umgekehrt auch einmal thailändische Studentinnen und Studenten nach Ludwigsburg kommen. Dr. Pornchit überlegt derzeit, im Mai 2011 einige thailändische Studentinnen für einen Kurzaufenthalt nach Ludwigsburg zu schicken. Es wäre für die Abteilung Kultur- und Medienbildung eine große Freude, wenn sie die ausgeprägte Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die Stephan Buchloh in den beiden thailändischen Universitäten erfahren durfte, einmal erwidern könnte.
Impressionen
- Thammasat University
- Internationale Konferenz
- Silpakorn University
- Deutschcamp
- Filmmuseum
- Sprachschule
- Stadt



