30. Mai 2011: Seminar „Kultur – Medien – Migration“ in Weingarten
Interkulturelle Exkursion an den Bodensee
Fragen der Integration und der Migration spielen im Studiengang Kultur- und Medienbildung eine wichtige Rolle. Deshalb veranstaltete der Studiengang vom 23. bis 27. Mai 2011 eine Exkursion nach Ravensburg und Weingarten: Leitthema der Exkursion, an der die Studentinnen und Studenten des Aufnahmejahrgangs 2009 teilnahmen, war „Kultur – Medien – Migration“. Zum einen lag der Schwerpunkt auf einem Ländervergleich „Schweiz – Österreich – Deutschland“, zum anderen auf der Darstellung von Migranten in den Medien (exemplarisch „Radio 7“ und „Schwäbische Zeitung“) und der Migrationsarbeit im ländlichen Raum rund um Ravensburg. Zwei Studentinnen berichten.
Untergebracht waren wir im Tagungshaus Weingarten der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, welche die Exkursion mit einer beträchtlichen Summe an Drittmitteln finanziell unterstützt hat. Klaus Barwig, der als Referent der Akademie für Migration zuständig ist, und Stephan Buchloh, Leiter der Abteilung Kultur- und Medienbildung, waren die Organisatoren der Exkursion. Sie empfingen uns sehr herzlich. Zunächst sprach Klaus Barwig über die Entstehung der benachbarten Basilika und über ihre besondere Bedeutung für den Ort Weingarten. In der Basilika ist eine Reliquie zu finden, die einen Blutstropfen Jesu Christi enthalten soll.
Die „Blutritter“ und die Arbeit mit Migranten in Ravensburg-Weingarten
Die Reliquie stand auch in dem Dokumentarfilm „Die Blutritter“ im Mittelpunkt, welcher ein humorvolles und informatives Porträt über Weingarten, seine Bürger und die berühmte Reiter-Prozession mit der heiligen Reliquie zeichnet, den sogenannten „Blutritt“, der immer am Freitag nach Christi Himmelfahrt stattfindet. Wir sahen uns diesen Film gleich am Abend unseres ersten Tages in Weingarten an. Am Montagnachmittag hatten wir Ivanka Seitz und Yalcin Bayraktar vom Christlichen Jugenddorfwerk Bodensee-Oberschwaben (CJD) zu Gast, die uns einen ausführlichen Einblick in ihre Migrationsarbeit in Ravensburg-Weingarten und in die Aktivität des Türkischen Akademikervereins TAVIR e.V. in Ravensburg gaben.
Interkulturelle Stadtführung, Moscheebesuch, „Schwäbische Zeitung“ und „Linse“
Am Dienstagvormittag wurden wir von Prof. Dr. Hans Walz, Hochschule Ravensburg-Weingarten, durch Ravensburg geführt. Hierbei vermittelte uns Hans Walz anschaulich verschiedene Aspekte interkulturellen Stadtlebens. Die Historie von Migrationsbewegungen stand dabei im Vordergrund (zum Beispiel die Sinti-Verfolgung, die Schwabenkinder). Als aktuelles Beispiel für interkulturelle Standentwicklung besuchten wir danach die Mevlana-Moschee in Ravensburg und verschafften uns einen Einblick in die muslimische Glaubenspraxis. Unser Gesprächspartner war Albrecht Bucher, ein zum Islam konvertierter Deutscher.
Anschließend hatten wir die Möglichkeit, mit Annette Vincenz, einer Lokalredakteurin der „Schwäbischen Zeitung“, zu sprechen. Die vielen Seiten des Lebens von Migranten darzustellen gestalte sich sehr schwierig, sagte Frau Vincenz. Zudem sei eine ausländische Leserschaft aufgrund vom Sprachbarrieren und Konkurrenzmedien (muttersprachliche Zeitungen und TV-Sender) momentan kaum erreichbar. Den Abschluss des Tages bildete der Besuch im Kulturzentrum „Linse“ in Weingarten. Dort standen uns Eugen Detzel und Bernd Eiberger Rede und Antwort. Das soziokulturelle Zentrum bietet neben einem kommunalen Kino mit zwei Sälen auch viele Musikveranstaltungen und Diskussionsabende an. Von dem kulturellen und interkulturellen Anspruch der „Linse“ konnten wir uns durch den kostenlosen Besuch der Kinoabendvorstellung selbst überzeugen.
Migration im internationalen Vergleich: Reise über den Bodensee
Der Mittwoch stand unter dem Thema „Migration im internationalen Vergleich“. Hierzu besuchten wir im schweizerischen Rorschach den dortigen Campus der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen und sprachen mit den Professoren Ruedi von Fischer und Dani Fels. Wir besichtigten in Rorschach ein von der Hochschule unterstütztes Stadtteilprojekt, das zur stärkeren Beteiligung und Integration seiner Bewohner führen soll.
In der Fachhochschule Vorarlberg im österreichischen Dornbirn informierte uns Doris Böhler, Dozentin an der FH, über die Migrationspolitik Österreichs. Anhand von verschiedenen Projekten zeigte uns die Leiterin des Jugendreferats der Marktgemeinde Lustenau, Michaela Wolf, die kommunalen Integrationsbestrebungen.
In Lustenau besuchten wir das Jugendzentrum „Culture Factor Y“ und sprachen mit dem Leiter Roman Zöhrer. Mädchen und Jungen aus Hiphop-Gruppen tanzten für uns, und wir sahen uns Kurzfilme an, die die Jugendlichen selbst gedreht hatten. So gewannen wir einen guten Einblick in die offene Jugendarbeit. In Bregenz hielten wir uns zwei Stunden auf – Zeit, die Erlebnisse des Tages nochmals zu reflektieren und die Abendstimmung am Bodensee zu genießen.
Neue Pädagogik in der Werkrealschule, „Radio 7“ und eine berühmte Orgel
Am Donnerstag blieben wir im Raum Ravensburg-Weingarten. Rudolf Bosch, Rektor der Werkrealschule Kuppelnau, stellte uns seine Arbeit vor. Rund 80 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund. Durch das Ganztagskonzept, eine erhöhte Pädagogenzahl und teilflexible Stundenpläne verzeichnen sie erstaunliche Lernerfolge. Die Schulpolitik der Kuppelnauschule kann als Positivbeispiel für Migrations- und Bildungsarbeit bezeichnet werden. Während unseres Aufenthaltes hatten wir auch Gelegenheit, der Schulsozialarbeiterin und der Schülersprecherin Fragen zu stellen und somit zwei weitere Perspektiven auf den Schulalltag zu erhalten.
Danach besuchten wir den kommerziellen Sender „Radio 7“ und sprachen mit Volker Anders, dem Leiter des Studios Ravensburg, über die Darstellung von Migranten im Medium Radio. Klaus Barwig gab optional im Anschluss einen vertiefenden Einblick in das deutsche Staatsangehörigkeits- und Ausländerrecht. Zum Tagesausklang besichtigten wir die Basilika. Organist Stephan Debeur gab ein kleines Konzert auf der berühmten Joseph-Gabler-Orgel mit 6666 Pfeifen und führte uns in die Besonderheiten dieser Orgel ein.
Jugendberufshilfe für Migranten und die Darstellung von Migranten in den Medien
Am letzten Tag stand das Berufliche Fortbildungszentrum der bayrischen Wirtschaft (bfz) mit vier Kurzvorträgen und einer Theaterzirkusaufführung auf dem Programm. In den Vorträgen wurden verschiedene Teilaspekte des weitläufigen Arbeitsfeldes (Jugendberufshilfe für junge Migranten) des bfz näher erläutert und durch einen Filmbeitrag veranschaulicht. Unsere Gesprächspartner waren hier unter anderem Dr. Alfred Hurst und Sandra Deichmann.
Im Tagungshaus referierte anschließend Privatdozent Dr. Michael C. Hermann von der benachbarten Pädagogischen Hochschule Weingarten über die Delinquenz von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Er fragte nach der Darstellung jugendlicher Straftaten in den Medien. Nach einer kurzen Reflexionsrunde war die Exkursion offiziell beendet, und wir traten unsere individuelle Rückreise an.
Nora Auth, Laura Blankenhorn



