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Küstenmorphologie, Karsttürme und Kultur

 

Kuba – damit verbinden viele Menschen zuerst einmal Zigarren, Rum, Karibik und die Castro-Brüder. Dreißig Studierende der Fächer Geographie und Kultur- und Medienbildung der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg konnten sich hingegen während einer fünfzehntägigen fächerübergreifenden Großexkursion vom 4. bis 18. Juni 2011 davon überzeugen, dass das Land über die klischeehaften Vorstellungen noch einiges mehr zu bieten hat. Dabei wurden sie von Dr. Wilma Ubbens, Prof. Dr. Stephan Buchloh und Prof. Dr. Peter Kirchner unterstützt und begleitet. Eine Geographie-Studentin berichtet.

Die krododilförmige Insel mit einer West-Ost-Erstreckung von über 1.200 Kilometern liegt in der Karibik, nur etwa 150 Kilometer südlich von Florida, und gehört naturräumlich zu den Großen Antillen. Von der Küstenmorphologie über den tropischen Regenwald bis hin zu spektakulären Karstformen bietet sie dem naturgeographisch interessierten Besucher reichhaltiges Anschauungsmaterial, das immer wieder zum Staunen einlädt. Kuba besticht außerdem durch seine Kulturlandschaften, die vor allem durch die spanische Kolonialzeit geprägt wurden; allen voran die zum Teil restaurierten Städte. Die Bewohner der Insel erlebten wir als sehr offen und freundlich. Filme und Musik Kubas sind auch in Deutschland nicht mehr unbekannt: Mit seinem Film „Buena Vista Social Club“ gab der deutsche Regisseur Wim Wenders tiefe Einblicke in das kubanische Kulturleben.


Empfang im deutschen Kulturinstitut

Die Erkundung begann und endete für die gemischte Exkursionsgruppe in der Hauptstadt Havanna. Dort wurden wir überaus freundlich von den Mitarbeitern des deutschen Kulturinstituts, der „Cátedra Humboldt“, empfangen. Die Cátedra ist Teil der Universität von Havanna und hat sich der Förderung der deutschen Sprache und Kultur in Kuba verschrieben. Sie arbeitet wie ein Goethe-Institut, ohne freilich zu dieser Einrichtung zu gehören. Stephan Buchloh hatte bereits im vergangenen Jahr bei einer Vortragsreise nach Kuba den Kontakt zu dem deutschen Kulturinstitut und zu dessen Präsidenten, Prof. Dr. Iván Muñoz Duthil, hergestellt. Im Juni 2010 hielt der kubanische Professor auf Einladung der Abteilung Kultur- und Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg einen Vortrag. Auf diesen Kontakten konnte die gemeinsame Exkursion der Fächer Geographie und Kultur- und Medienbildung nun aufbauen.

Umfangreiche Unterstützung durch die „Cátedra Humboldt“

Die Cátedra Humboldt hatte in Absprache mit Peter Kirchner und Stephan Buchloh für die deutsche Reisegruppe einen Exkursionsplan ausgearbeitet. Buchloh war überdies ein paar Tage früher nach Havanna gereist, um in der Cátedra Humboldt die Details der Kuba-Rundreise, besondere Programmpunkte und zukünftige Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu besprechen.

Begegnungen mit kubanischen Studenten und Vorträge über Kulturthemen

Die Cátedra ist einer schönen alten Villa untergebracht – leider fehlt der Universität das Geld für eine Renovierung des Hauses. Die begrenzten finanziellen Möglichkeiten werden mit Fachkompetenz, Engagement und Herzlichkeit wettgemacht. Gleich beim ersten Besuch in der Cátedra Humboldt kamen wir bei einer kleinen Feier mit kubanischen Studenten zusammen und konnten uns über Kultur, Politik und Studentenleben in Havanna austauschen. Auch wissenschaftliche Vorträge kamen nicht zu kurz: Prof. Dr. Iván Muñoz Duthil referierte über die deutsch-kubanischen Kulturbeziehungen, und Dr. René Caparrós führte in ein Thema ein, in dem sich Geographie und Kultur begegnen. Er sprach über die Geschichte der Architektur auf Kuba und legte damit den Grundstein für mehrere Stadtrundgänge. An den Vorträgen nahmen auch kubanische Studenten teil. Sie kümmerten sich rührend um uns und organisierten sogar einen Salsa-Abend. Einige Kubaner begleiteten uns auch zur Uferpromenade Havannas, dem „Malecón“. Dort pulsiert in der Nacht das Leben: Viele junge Kubaner spielen Gitarre, singen und feiern.

Havanna – Sanierung und Verfall

Der Hafen von Havanna war früher wegen seiner geschützten Lage der wichtigste spanische Handelshafen in Lateinamerika, hat heute aber durch seine schmale Hafeneinfahrt und durch die amerikanische Handelsblockade an Bedeutung verloren. Ausführlich erkundeten wir vor allem die Altstadt von Havanna. Im Mittelpunkt der Rundgänge standen die Baustile und der Gesamtzustand der Häuser. Es gab die Aufgabe, Karten zu zeichnen. Während die wichtigsten Plätze der überwiegend barocken und klassizistischen Altstadt in den letzten zwei Jahrzehnten saniert wurden, leiden viele Viertel Havannas an einem erschreckenden Zerfall der ehemals so prächtigen Bausubstanz.

Aufbruch in den Westen nach Pinar del Río

Nach drei Tagen Hauptstadterlebnis startete die insgesamt neuntägige Rundreise in den Westen von Kuba. Dabei stand uns ein kubanischer Reiseleiter zur Seite, der in Deutschland studiert hatte und den die Cátedra Humboldt für unsere Tour gewinnen konnte: Luis Alberto Albuerne Watson sprach fließend Deutsch und lieferte auf allen Stationen der Rundfahrt fundierte Hintergrundinformationen über Kultur, Geschichte und Politik. Wir Studenten hatten uns mit Referaten auf die Reise vorbereitet. Peter Kirchner und Wilma Ubbens gaben geographische Erläuterungen, und Stephan Buchloh antwortete auf kulturelle Fragen. Außerdem half er bei Sprachproblemen weiter. Die Exkursion war also bestens vorbereitet und bot eine Fülle von Informationen. Zunächst bewegten wir uns entlang der Gebirgskette von Guaniguanico („Cordillera de Guaniguanico“). Wir besuchten einen Orchideengarten und wanderten zum Wasserfall von Soroa. Neben der intensiven Auseinandersetzung mit der tropischen Vegetation und einem ersten Regenwalderlebnis bot die Kalktuffzunge des Wasserfalls ein ideales Studienobjekt für die Ausfällungsprozesse von Kalk. In der Provinz Pinar del Río stand die Besichtigung einer Zigarrenfabrik an, wo die berühmten Havannas handgerollt werden.

Die „Mogotes“ im Viñales-Tal

Im Valle de Viñales („Viñales-Tal“) – einem Höhepunkt der Rundreise – stand der Formenschatz des tropischen Turmkarstes mit seinen typischen Mogotes (Karsttürmen) im Mittelpunkt. Diese Vollformen des Karstes, die in Deutschland so nicht zu finden sind, wurden ergänzt durch einige auch hierzulande sehr bekannte Karstformen, wie man sie zum Beispiel in der Tropfsteinhöhle Cueva del Indio sehen kann. Der Besuch einer Aussichtsplattform beim Hotel Los Jazmines musste auf den nächsten Tag verschoben werden: Auf einer engen Passstraße fuhr uns ein Lastwagen in den Bus – verletzt wurde niemand, und auch der Schaden hielt sich in Grenzen. Unser Busfahrer Javier hatte alles richtig gemacht. Aber bis der Unfall aufgenommen und alles besprochen war, vergingen mehrere Stunden. Am nächsten Morgen fuhren wir schließlich zu der Aussichtsplattform – von dort konnte man die Mogotes sehen, die vor dem Hintergrund der Sierra de los Órganos („Orgelpfeifengebirge“) aus der Ebene aufragten.

Kleinbauern und der Tabakanbau

Am fünften Tag kamen wir bei einer Erkundungswanderung, bei der wir auch auf einige kleinbäuerliche Betriebe stießen, in den Genuss eines typisch tropischen Nachmittagsregens. Die Bauern in dieser Gegend, die auf den rot-verwitterten Böden den besten Tabak der Welt anbauen, antworteten freundlich auf alle unsere Fragen. Um die Qualität des wichtigen Exportgutes der Zigarren nicht zu gefährden, mischt sich der Staat nicht ein. Damit stehen die Kleinbauern im Viñales-Tal in scharfem Kontrast zu der verstaatlichten Plantagenwirtschaft, zum Beispiel beim Zuckerrohr.

Die „Schweinebucht“ – Ort einer gescheiterten Invasion

Auf der einzigen Autobahn der Insel führte die Route zurück wieder an Havanna vorbei an die Südküste. Auf diesem Reiseabschnitt, der in Playa Girón endete, hielten wir an, um mit Motorbooten zu einem nachgebauten Indianerdorf der Ureinwohner, der Taínos, zu gelangen. Außerdem besichtigten wir eine Krokodilfarm und bestaunten die Rautenkrokodile, die es nur auf Kuba gibt. In der Bahía de Cochinos konnten wir uns in dem dortigen Museum ausführlich über die von den Amerikanern unterstützte Invasion von Exilkubanern informieren. („Bahía de Cochinos“ wird als „Schweinebucht“ übersetzt, allerdings bezieht sich der Ausdruck „cochinos“ hier auf eine Fischart, die „Drückerfische“, und nicht auf Schweine, die im Spanischen ebenfalls „cochinos“ heißen.) Die Invasion scheiterte unter anderem an der unzureichenden Kenntnis der geographischen Gegebenheiten: Die Bucht ist für Schiffe mit größerem Tiefgang zu seicht. Was wäre gewesen, wenn die Invasoren ordentlich Geographie studiert hätten …

Cienfuegos und Trinidad

Die nächste Station unserer Rundreise war Cienfuegos. Dessen sogenannte Taschen-Bucht erkundeten wir bei einer Bootsfahrt. Wir untersuchten, wie koloniale und neoklassizistische Gebäude in der Stadt verteilt sind und welche Struktur die Industrie hat. Der typische schachbrettartige Grundriss einer geplanten lateinamerikanischen Stadt wurde sichtbar. Ähnliches war auch in Trinidad zu beobachten. Auffällig waren hier überdies Fenstervergitterungen aus Holz und die in Käfigen gehaltenen Singvögel und Papageien, darunter die Kuba-Amazone, die nur auf Kuba lebt. Trinidad ist eines der beliebtesten Touristenziele auf Kuba. Abends sitzen die Menschen auf den Treppenstufen neben einer Kirche, trinken, plaudern und tanzen. In der Casa de la Música und der Casa de la Trova spielen Bands bekannte Lieder wie „Chan Chan“, „Guantanamera“ oder „Comandante Che Guevara“.

Wanderung durch den tropischen Regenwald in der Sierra de Escambray

Ein besonderes Highlight war der kräftezehrende Abstieg zum Wasserfall Caburno im Nationalpark Topes de Collantes in der Sierra de Escambray. Ein Bad in dem kühlen Teich unterhalb des Wasserfalls war nach der schweißtreibenden Wanderung auf einem rutschigen Serpentinenpfad eine wahre Wohltat. Der Wiederaufstieg durch das Treibhausklima des tropischen Regenwaldes brachte manchen aus der Gruppe an den Rand seiner Leistungsfähigkeit.

Im Tal der Zuckermühlen

Im Kontrast zu den bergigen Teilen des Landes steht das Valle de los Ingenios („Tal der Zuckermühlen“), dessen weitgehend ebene Talform und flache Hänge ideal für den Anbau und die Verarbeitung von Zuckerrohr waren. Diese Landschaft weist auch deutliche Prägungen durch den Menschen auf, wie die waldlosen Hänge der Hügel beweisen: Die Menschen holzten die Wälder ab, um die Zuckermühlen zu befeuern. Nach dem Ende der Subventionskäufe der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre schrumpfte die kubanische Zuckerindustrie drastisch – sie war auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Trotzdem ist Zuckerrohr nach wie vor ein wichtiges kubanisches Exportgut, entweder als Rohzucker oder in seiner veredelten Form als Rum.

Das Mausoleum des Ernesto „Che“ Guevara in Santa Clara

Die Städte Sancti Spíritus und Santa Clara in Zentralkuba durften aufgrund ihrer bedeutsamen Rolle während der Revolution, die in Kuba immer noch allgegenwärtig ist, nicht im Exkursionsprogramm fehlen. In Santa Clara besuchten wir das Museum und Mausoleum von Che Guevara. Die Kubaner dokumentieren hier eindrucksvoll, wie der Argentinier sich für die Revolution eingesetzt hat und zum kubanischen Nationalhelden wurde.

Weiße Strände in der Touristenhochburg Varadero

An der Nordküste stand die Halbinsel Hicacos mit dem Massentourismusstrand von Varadero auf dem Programm. Diese Küstenlandschaft prägt mit dem feinen weißen Kalkmehl-Stränden und dem flachen, türkisfarbenen Meer nachhaltig unser Bild von der Karibik. Über zwanzig Kilometer hinweg reihen sich hier All-Inclusive-Hotels wie in einer Perlenschnur aneinander. Mit fünf gecharterten Katamaranen fuhren wir von einem dieser Hotels über einen Kilometer aufs Meer hinaus, um beim Schnorcheln ein kleines Riff mit seinen Korallen und bunten Fischen zu bewundern. Neben dem tropischen Regenwald konnten wir damit das zweitkomplexeste Ökosystem der Erde während der Kuba-Exkursion kennenlernen. Über den Massen- und Pauschaltourismus diskutierten wir ausgiebig auf der Weiterfahrt im Bus, unserem rollenden Hörsaal: Einerseits spült der Tourismus Devisen ins Land und bietet vielen Einheimischen eine lukrative Beschäftigung, andererseits verursacht er ökologische Probleme.

Besuch in der internationalen Filmhochschule San Antonio de los Baños

Zurück in Havanna besuchten wir die „Escuela Internacional de Cine y TV“ in San Antonio de los Baños, die zu den größten Ausbildungsstätten für Film und Fernsehen in Mittelamerika zählt. Eine Mitarbeiterin der Abteilung für internationale Beziehungen, María Julia Antuña, zeigte uns die Bibliothek und die Studios der Hochschule. Besonders stolz war sie auf das hochschuleigene Schwimmbad. An der Filmhochschule studieren vor allem Ausländer, die sehr hohe Studiengebühren bezahlen müssen und dafür eine international orientierte Film- und Fernsehausbildung erhalten. Auch ausländische Filmexperten und Regisseure bieten hier Workshops an. Kubaner bekommen ein Stipendium. Ein weiterer Gesprächspartner war der Filmkritiker und Filmwissenschaftler Luciano Castillo Rodríguez, der die Mediathek der Filmhochschule leitet.

Neben der Filmhochschule besuchten wir noch einen „Organopónico“ in Havanna-Alamar: Mitten in der Millionenstadt Havanna werden hier mit Unterstützung der deutschen Hilfsorganisation „Welthungerhilfe“ Lebensmittel für die Bevölkerung angebaut und direkt vermarktet.

Abschied in der Cátedra Humboldt / Praktika und Projekte im deutschen Kulturinstitut

Mit einer kleinen Abschiedsfeier im deutschen Kulturinstitut Cátedra Humboldt endete die an Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen so reiche Exkursion in ein Land, das so viele Kontraste bietet. Erneut kam es zu einem Austausch mit kubanischen Germanistik-Studenten, aber auch eine Studentin aus Österreich, die ein halbes Jahr lang als Praktikantin in der Cátedra Humboldt gearbeitet hatte, berichtete von ihren Erfahrungen. Solche Möglichkeiten bestehen auch für Ludwigsburger Studierende: Das deutsche Kulturinstitut bietet Studierenden der Pädagogischen Hochschule die Möglichkeit, für mindestens zwei Monate ein Praktikum zu absolvieren oder auch in einem längeren Zeitraum ein Projekt zu verwirklichen. Die Tätigkeiten reichen vom Deutschunterricht über die Organisation von Ausstellungen bis zum Drehen eines Films. Dies könnte besonders für Studierende des Studiengangs Kultur- und Medienbildung reizvoll sein, die ein ganzes Semester im Ausland verbringen können.

„Una noche cubana“ an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg

Am Donnerstag, dem 27. Oktober 2011, um 19.30 Uhr werden Studierende der Geographie und der Kultur- und Medienbildung im Literaturcafé einen Kuba-Abend mit Musik, Getränken, Ausschnitten aus kubanischen Filmen und Fotos von der Reise veranstalten. Diese "Noche cubana" ist auch im  Veranstaltungskalender der Pädagogischen Hochschule schon angekündigt. Gezeigt wird dabei auch ein Kurzfilm, den zwei Studentinnen während der Exkursion gedreht haben. Darüber hinaus werden die Ergebnisse der Exkursion in Texten und Fotos auf einer CD dokumentiert. Zu der „Noche cubana“ sind alle Mitglieder der PH herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.


Kristin Kurz

 

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Kultur- und Medienbildung > Aktuelles > Archiv 2011 > 20. Juni 2011: Exkursion nach Kuba
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