Forschung
Behinderung als soziobiographischer Prozess - zur sozialen Rekonstruktion von Behinderung in lebensgeschichtlichen Schwellensituationen
Gegenstand der fallrekonstruktiven und qualitativen Forschungsarbeit ist die Analyse sozialer Konstitutions- und (Re-)Konstruktionsprozesse von Behinderung im Zusammenhang biografischer Schwellensituationen betroffener behinderter Menschen (Einschulung, Ende der Schule, Phasen der Entscheidungen über Wohn-/Lebensform, Arbeit/Beruf, Partnerschaft, Krisensituationen). Leitend ist dabei die Annahme, dass in solchen Lebenssituationen die Vergewisserung über soziale, individuelle, und lebensgeschichtliche Ressourcen nicht nur mit einer Transformation biografischer Deutungen und Rekonstruktionen einher geht, sondern auch mit einer intensivierten Erfahrung und (Re-)Konstruktion der "Behinderung" verknüpft ist. Dieser mehrdimensionale Prozess wird als ein durch die Schwellensituation gleichsam "katalysierter" vielschichtiger sozialer Vorgang verstanden, in den die betroffenen Menschen, ihr familiales und lebensweltliches soziales Umfeld sowie institutionelle und professionelle Akteure (Schule, Beratungseinrichtungen, Institutionen im Bereich der Unterstützung von Wohnen und Teilhabe am Arbeitsleben u.a.) gleichermaßen involviert sind. Ziel ist es, auf der Grundlage von in mehreren Durchläufen nach Kriterien eines sogenannten "theoretical samplings" (Strauss) erhobener qualitativer Interviewdaten und darauf basierender Einzelfallanalysen eine qualitative Typologie zu konstruieren, in der wesentliche Zusammenhänge von biografischer Deutung, der (Re-)Konstruktion von "Behinderung" sowie ihrer lebensgeschichtlichen und sozialen Einbettung abgebildet werden können.
Im Rahmen des Projekts wurde eine Fallmonographie als Buch veröffentlicht: Jörg Michael Kastl: Hannes K., die Stimmen und das Persönliche Budget. Bonn (Psychiatrieverlag) 2008. Dabei handelt es sich um die wohl bisher umfangreichste biographische Studie im Rahmen der Soziologie der Behinderung. Bereits fertiggestellt ist desweiteren ein Manuskript von Jörg Michael Kastl und Dirk Neges, das derzeit (2011) für die Veröffentlichung vorbereitet wird.
Die Thematik stellt einen langfristigen Forschungsschwerpunkt der Abteilung Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung dar. Hierzu sind mittel- und langfristig weitere Veröffentlichungen und Projekte geplant.
Zur Thematik hier einige Vorträge von Jörg Michael Kastl zum Download:
- Behinderung als soziobiographischer Prozess, Reutlingen 2005
- Krise, Biographie und professionelles Handeln, Mössingen 2009
- Inklusion und Exklusion im Lebenslauf - zum Problem der uneingelösten Professionalisierung von Behindertenhilfe und Sozialpsychiatrie, Bad Boll 2010
- Die Stimmen und das Geld, Hamburg 2010
Mitarbeiter: Dirk Neges, Sebastian Priwitzer; Leitung: Prof Dr. Jörg Michael Kastl
Begleitforschung zum Projekt "Selbstständig Leben"
In dem Modellprojekt „Selbständig Leben“ wurden 25 Personen mit einer geistigen oder einer psychischen Behinderung, die bereits Eingliederungshilfe durch den Landkreis bzw. die Stadt Reutlingen erhalten und bisher stationär von der BruderhausDiakonie betreut werden, die Möglichkeit geboten, durch eine intensive, flexible ambulante Betreuung aus der Rolle des Heimbewohners in eine eigenverantwortliche Lebensführung zu gelangen. Angesprochen waren ausdrücklich Menschen mit mittleren und hohen Hilfebedarfen, die in bisherigen Modellen des ambulant betreuten Wohnens bzw. des Persönlichen Budgets wenig Chancen zu einer Lösung vom stationären Kontext hätten.
Die Durchführung dieses Projekts fand in Kooperation zwischen dem Landkreis Reutlingen als Leistungsträger und der Stadt Reutlingen als Delegationsnehmer und der Bruderhaus-Diakonie als Leistungserbringer statt. Die Konzeption lehnte sich dabei an ein bereits an der Psychiatrischen Klinik in Wiesloch erprobtes Klientenbudget-Modell an, nach dem ein Einstieg in einen Ambulantisierungsprozess mit dem vollen stationären Kostensatz ermöglicht werden soll. Sukzessive sollte dieser Satz - nach Maßgabe des Unterstützungsbedarfs - einer Degression unterzogen wurden. Da es sich bei diesem Budget um ein Gruppenbudget handelte, sollten dabei Dispositionsspielräume für die Organisation flexibler und lebensweltbezogener Hilfeformen entstehen.
Die Funktion der Begleitforschung lag in der Überprüfung, ob diese Ziele erreicht werden können. Aufgaben der Begleitforschung waren im Einzelnen die Erarbeitung von Evaluationskriterien, die Vorbereitung bzw. Vereinheitlichung der Projektdokumentation sowie die Auswertung der Projektdokumentation, die Erhebung von quartalsweisen Verlaufsdaten und die Analyse dieser Daten, einschließlich einer Ergebnisevaluation. Dabei kame einerseits multivariate statistische Verfahren der Datenauswertung zum Einsatz. Zugleich wurde die Lebens- und Wohnsituation der KlientInnen und Klienten und deren biographischer Hintergrund mit Hilfe von qualitativen Leitfadeninterviews und (teil)standardisierten Befragungsverfahren dokumentiert und analysiert.
Die Begleitforschung wurde aus im Jahr 2009 bewilligten Mitteln der Aktion Mensch finanziert und ist mittlerweile abgeschlossen (2011). Der im Frühjahr 2011 fertig gestellte Abschlussbericht liegt in veröffentlichter Form vor. Er kann bei der BruderhausDiakonie bestellt werden bei Barbara Fischer - BruderhausDiakonie- Stiftung Gustav Werner und Haus am Berg - Ringelbachstraße 211- 72762 Reutlingen - Telefon 07121 278 265 -
Telefax 07121 278 306.
Am 16.9.2011 fand in Reutlingen in der Bruderhausdiakonie eine Tagung statt, im Januar 2012 ist eine weitere Tagung angekündigt.
Mitarbeiter: Stefano Lavorano, Dirk Neges, Andreas Thiemke; Leitung: Prof Dr. Jörg Michael Kastl


