Hier werden Primärtexte nach verschiedenen Ordnungskategorien (historisch, thematisch, formal) vorgestellt und mit Arbeitsaufgaben didaktisiert. Die Aufgaben sind mit der Ikone
markiert. Kontext-Materialien (Bild, Hintergrundinformationen zur Zeitgeschichte, Ton etc.) stehen für die Bearbeitung ebenso zur Verfügung, wie der Handapparat und externe Informationen (via Internet). Musterinterpretationen sind zur Selbstkontrolle ebenfalls angefügt.
Von den Texten (Arbeitsblättern) gibt es auch pdf-Files zum Ausdrucken. Ausschnitte von Inszenierungen sollen als video-Files mit Beobachtungsaufgaben versehen werden.
Weiterführende Literaturhinweise, Rechercheaufgaben (Umgang mit Bilbiothek), Hinweise zum Anfertrigen schriftlicher Arbeiten (Zitieren, Bilbiographieren etc.) sollen eingearbeitet werden.
Didaktische Aspekte werden generell und im Hinblick auf Konkretisierungen von Inhalten an den vorliegenden Texten problematisiert werden (Hinführung zum fachdidaktischen Orientierungswissen in Modul 2).
zum Begriff Drama |
»Schauspiel«, auch übertragen gebraucht im Sinne von »aufregendes, erschütterndes Geschehen«: Das Substantiv wurde im 17. Jh. aus dem gleichbedeutenden griechisch-lateinischen ›drama‹ (Grundbedeutung: »Handlung, Geschehen«) entlehnt. Zugrunde liegt dieser Bildung das griechische Wort ›dran‹ (»tun, handeln«) zu dem sich als Adjektiv das griechische Wort ›dratstikós‹ (»wirksam«) gesellt. (Duden-Etymologie) Drama ist eine der drei großen literarischen Gattungen (neben Epik und Lyrik), unter der literarische Textvorlagen zusammengefasst werden, die für die Aufführung auf dem Theater geschaffen werden. Als mimetische (nachahmende) Gattung fingiert sie Realität und tritt in zwei unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. "Als gedruckter Text ist es wie die Erzählung eine fiktionale Gattung, da es vom Leser erwartet, sich eine erfundene Wirklichkeit als etwas tatsächlich Gegebenes vorzustellen. Sobald aber auf einer Bühne gespielt wird, verändert es seinen Gattungscharakter. Da das Geschehen jetzt physisch-real gegenwärtig ist, fordert es vom Zuschauer kein Eingehen auf eine Fiktion mehr. Statt sich das Fingierte vorstellen zu müssen, sieht er die Vorstellung real auf der Bühne. Fiktion verwandelt sich damit in Simulation. [...]
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Präsentationsformen |
"Spielen, Zeigen und Darstellen sind, wie es scheint, die Grundformen dramatischer Präsentation. Das Spielen folgt den motorischen oder sprachlich-assoziativen Impulsen, die sich aus dem Spiel selbst ergeben. Indem es ähnliche Impulse im Zuschauer auslöst, setzt es in ihm das Spiel der Phantasie frei und kann ihm auf diese Weise Unterhaltung und intel- lektuelle Befriedigung verschaffen, ohne daß er von seiner kognitiven Seite her angesprochen und ihm eine Erkenntnis vermittelt wird. Das Zeigen von szenischen Bildern und Sequenzen zielt auf die theatralische Präsentation einer epischen Fiktion, die den Zuschauer in der distanzierten Rolle
des Betrachters und den Gegenstand in der Zeitform eines aktualisierten Präteritums läßt. Das Darstellen hingegen will die Simulation eines in der Gegenwart ablaufenden Geschehens, in das der Zuschauer sich so hineinziehen läßt, daß er es für die Dauer der Illusion als gegenwärtig und wirklich empfindet.
Die drei Grundformen gehören nicht notwendig getrennten dramatischen Genres an. Sie können durchaus in einem Stück miteinander verbunden werden, doch wird die jeweils dominierende Präsentationsform den Grundcharakter des Stückes bestimmen. Wichtig ist nur, daß der Zuschauer weiß, welche Grundform intendiert ist, damit er nicht mit falschen Erwartungen an das Stück herangeht. Ebenso wichtig ist aber auch, daß der Autor die dem Gegenstand angemessene Präsentationsform wählt." (Gelfert 1992, S. 11ff.) |
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"Aristoteles definiert das Drama als die "Nachahmung« (mimesis) einer Handlung, womit er das gleiche meint, was wir im Vorangegangenen als Simulation bezeichnet haben. Das bedeutet, daß die beiden unabdingbaren Elemente, ohne die ein Drama nicht zustande kommt, der Simulator und das Simulierte bzw. der die Handlung Nachahmende und die nachgeahmte Handlung sind. In der klassischen Dramaturgie heißen sie Charakter und Handlung. Damit sind allerdings bestimmte Eigenschaften vorausgesetzt, die heute durchaus nicht mehr für alle dramatischen Formen zutreffen." (Gelfert 1992, S. 14f.)
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| Figur | "Die handelnde Figur auf der Bühne kann in sehr unterschiedlichen Graden der Individualisierung eingesetzt werden. Als höchstentwickelte Form gilt traditionell der voll ausgebildete, psychologisch komplexe Charakter. Shakespeares Helden sind dafür herausragende Beispiele. Ein Merkmal eines echten Charakters wird oft darin gesehen, daß er sich entwickelt. Dies ist aber nur dann möglich, wenn die Handlung ihm genug Zeit dafür läßt. [...] Voll entwickelte Charaktere werden im Englischen oft mit dem von E. M. Forster geprägten Begriff round characters bezeichnet und damit von den flat characters abgegrenzt, die im Gegensatz zu jenen keinerlei psychologische Komplexität aufweisen. Im Deutschen pflegen wir letztere als Typen zu bezeichnen. Typen sind in der Regel durch wenige Merkmale, oft nur durch ein einziges charakterisiert. Dabei lassen sich zwei gegensätzliche Grundfonnen unterscheiden: Idealtypen und Sonderlinge. Idealtypen sind solche, die ein allgemeinmenschliches Charaktermerkmal, sei es eine Stärke oder eine Schwäche, in einseitiger und oft überzeichneter Weise verkörpern. [...]
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| Geschehen | "So wie ein Text sich nicht ohne eine Figur auf der Bühne realisieren kann, so kann eine Figur, mit der nichts geschieht, nicht Träger von etwas sein, das zwei oder mehr Stunden lang die Aufmerksamkeit des Zuschauers fesseln soll. Dies Geschehen nennen wir gewöhnlich Handlung. Im traditionellen Drama von Äschylus bis Ibsen wird auch tatsächlich durch die Figuren mehr oder weniger aktiv gehandelt. Aber schon bei Tschechow wird die »Handlung« der Stücke wesentlich durch die Inaktivität der Figuren bestimmt. Und im modernen Drama stehen oft Personen auf der Bühne, die überhaupt nicht mehr handeln, sondern nur noch etwas mit sich geschehen lassen. Dennoch spricht man auch hier meist von Handlung. Im Englischen werden solche Mißverständnisse durch das Wort plot vermieden, das oft auch im Deutschen als Fremdwort verwendet wird. [...] Schon Aristoteles definierte die Tragödie als die »Nachahmung einer in sich abgeschlossenen und vollständigen Handlung«, und mit der ihm eigenen Gründlichkeit fügte er hinzu, daß jedes Ganze immer einen Anfang, eine Mitte und ein Ende habe. [...] Das handwerkliche Geschick des Dramatikers erweist sich darin, daß er in die Eröffnung des dramatischen Geschehens alle Informationen über vorausgegangene Ereignisse einfließen läßt, soweit deren Kenntnis erforderlich ist, um die nachfolgende Handlung zu verstehen. Da aber das neue Geschehen in der Handlungsgegenwart bereits läuft, muß die Vergangenheit durch besondere Kunstgriffe in die Gegenwart hereingeholt werden. Dies kann z. B. dadurch geschehen, daß ein Wissender einen Unwissenden einweiht [...] Die drei hier skizzierten Phasen - Anknüpfen an die Vorgeschichte, Motivation der neuen Handlung und Vorbereitung einer Situation, die deren Beginn ermöglicht - faßt man unter dem Begriff Exposition zusammen. Darunter versteht man allgemein die kunstgerechte Entwicklung einer Handlung aus einer Ausgangssituation, die das nachfolgende Geschehen logisch verständlich und psychologisch glaubwürdig macht. Die Exposition muß noch nicht die gesamte Vorgeschichte enthalten. Es ist dramaturgisch meist wirkungsvoller, wenn diese nach und nach enthüllt wird. Sie muß auch nicht alle handelnden Personen vorstellen. Entscheidend ist ihre Funktion als "Treibsatz« der Handlung. [...] Ist der Treibsatz der Exposition gezündet, steigt die Hand- lung bis zu einem vom Zuschauer vorausgeahnten Höhepunkt an. In der Tragödie ist dies der Punkt, an dem die letzte Hoffnung für den Helden schwindet und sich sein Schicksal der Katastrophe zuneigt. Aristoteles nennt diesen Wendepunkt Peripetie. In der Komödie entspricht ihm der Punkt der äußersten Verwicklung des Handlungsknotens, von dem an der Zuschauer, der auf eine komische Lösung eingestimmt ist, auf das Denouement, zu deutsch die Aufknotung, wartet.
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| Schauplatz | "Im antiken Drama genügte es, die Handlung in der Phantasie des Zuschauers einem aus dem Mythos bekannten imaginären Ort zuzuweisen, ohne daß dieser real gezeigt werden mußte. Mit dem Aufkommen des Illusionstheaters und der Darstellung von Stoffen, die nicht wie die antiken Mythen allgemein bekannt waren, mußte dem Zuschauer auch der Ort der Handlung in irgendeiner Weise vorgeführt werden, da sonst die Identifikation mit dem Geschehen auf der Bühne beeinträchtigt worden wäre. Shakespeare hatte noch nicht die neuzeitliche Guckkastenbühne mit ihren illusionsfördernden Kulissen.
Nachbau des Globe Theatre in London (1997) Man spielte im elisabethanischen Theater auf einer Rampenbühne, die in das Auditorium hineinragte und von drei Seiten her einzusehen war. Es fanden zwar durchaus Requisiten und Bühnenversatzstücke Verwendung, durch die ein bestimmter Schauplatz angedeutet wurde, und auch die oft sehr kostbaren Kostüme trugen als Insignien sozialer Ränge zu einer realistischen Ortsbestimmung des Geschehens in der Phantasie des Zuschauers bei. Doch den weitaus größten Teil der Vergegenwärtigung des Schauplatzes mußte die dichterische Sprache leisten. [...] Die Naturalisten mußten dem Schauplatz nicht nur aus Gründen des Illusionstheaters große Bedeutung beimessen, sondern vor allem deshalb, weil sie im Milieu einen der wesentlichen determinierenden Faktoren sahen, die auf den Menschen einwirken. Bei Gerhart Hauptmann gehört der Schauplatz zum inneren Bereich des dramatischen Gegenstandes und wird deshalb in den Bühnenanweisungen sehr bestimmt und detailliert beschrieben. Bei Shakespeare ist der Wald von Arden in Wie es Euch gefällt oder die Heide in König Lear nicht materieller Gegenstand, sondern Ausdruck des inne- ren Dramas. Deshalb ist eine nur andeutende Darbietung auf der Bühne in diesem Fall wahrscheinlich wirkungsvoller, da sie der Phantasie beim Aufbau einer symbolhaltigen Bildvorstellung mehr Freiheit läßt. Will man ein Theaterstück interpretieren, d. h. auf das hin analysieren, was an ihm poetisch wirksam ist, so wird man bei der Betrachtung des Schauplatzes als erstes fragen müssen, ob er ein aktiv wirksamer Teil des dramatischen Geschehens oder nur die bildhafte Unterstützung einer bestimmten Bedeutung ist." (Gelfert 1992, S. 24ff.)
Bühnenbildkonzept zu "Polter, Geist und Ti" von Erik Uddenberg
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| Requisiten | "Außer dem Schauplatz im weiteren Sinn gibt es noch materielle Einzelobjekte, die dramaturgisch wirkungsvoll eingesetzt werden können. Die Krone, die Heinrich IV. bei Shakespeare neben sich auf dem Sterbebett haben will, oder der Schädel Yoricks in der Totengräberszene in Hamlet sind Requisiten, deren Symbolik gar nicht zu übersehen ist.
Hamlet (Inszenierung "The Young Shakespeare Workshop" 2001) [...] Manche Autoren wie z. B. Tennessee Williams haben ihre Stücke mit so zahlreichen symbolischen Requisiten befrachtet, daß man als Interpret kaum des Guten zuviel tun kann, wenngleich man gelegentlich versucht ist, diesen Vorwurf dem Autor zu machen." (Gelfert 1992, S.26)
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Das inszenierte Stück artikuliert sich durch den vorgetragenen Haupttext und ihn begleitende nonverbale Äußerungen (Mimik, Gestik, Musik) und Zeichensysteme (Kostüme, Requisiten, Bühnenbild). Das Drama muss seine Handlung durch die handelnden Akteure auf der Bühne aus sich selbst heraus für den Zuschauer plausibel und nachvollziehbar machen. Man sagt, es ist ›absolut‹: Für die Dauer des Stücks gehen Zuschauer und Akteure (analog zur Epik) einen Fiktionalitätsvertrag ein. Während der Darbietung ist die Fiktion inszenierte Wirklichkeit, der Zuschauer lässt sich darauf ein, leidet mit, fühlt sich in Figuren ein, denkt und wertet – ist Betroffener. »Der Dramatiker ist im Drama abwesend. Er spricht nicht, er hat Aussprache gestiftet. Das Drama wird nicht geschrieben, sondern gesetzt. Die im Drama gesprochenen Worte sind allesamt Entschlüsse, sie werden aus der Situation heraus gesprochen und verharren in ihr; keineswegs dürfen sie als vom Autor herrührend aufgenommen werden.« (Peter Szondi) Folgende Kunstmittel tragen zur ›Betroffenheit‹ der Zuschauer bei: |
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durch Zeitsprung zwischen zwei Szenen wird die Gesamtheit der Handlung auf wesentliche Episoden beschränkt > nur das für die Handlung Wichtige wird szenisch dargestellt und der Verlauf dadurch nachvollziehbarer |
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fassen solche Zeitsprünge zusammen und ermöglichen Anschlüsse im Handlungsverlauf, sie kommentieren das Dargestellte, ›steigen aus der Handlung aus‹ und sprechen die Zuschauer direkt an, ›holen sie in die Handlung herein‹ |
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Die dramatische Personenrede ist in eine Konstellation leibhaftig agierender Personen (der Schauspieler) eingebettet, sie wird unmittelbar in der dargestellten Gegenwart erlebbar |
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Bühne |
Die Handlung wird in einem Handlungsraum (Bühne) sinnlich erfahrbar |
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außersprachliche Mittel |
Die Personenrede der Akteure wird mit außersprachlichen Elementen verbunden
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Somit ist die Inszenierung eines Dramas im Theater ein komplexes semiotisches System, das sich parallel mit mehreren Zeichensystemen artikuliert.
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Europäische Dramen- und Theatergeschichte ist in ihren Grundlinien eine zweieinhalbtausend Jahre langer Prozess der Abarbeitung an dem von den Griechen geprägten Modell und seinen Grundsätzen:
»Die Tragödie ist die Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden –Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt. [...] Aristoteles verstand das theatralische Geschehen als weitreichenden psychosozialen Prozess, in dem das Publikum Handlungsorientierung und Entscheidungshilfe in analogen Konfliktsituationen für sich gewinnen kann. Wir haben es im Wesentlichen mit 2 Großformen der Gattung Drama zu tun – dem geschlossenen und dem offenen Drama
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| Das Drama als Spielform | "Was bedeutet es eigentlich, dass das Drama 'gespielt' wird? Wir sehen Minna von Barnhelm oder Don Carlos auf der Bühne oder den beliebten Schauspieler X oder die gefeierte Schauspielerin Y in einem Film oder einem Fernsehspiel. Das mag eine besonders gute oder besonders schlechte Aufführung, ein öder Film oder ein großartiges Fernsehspiel sein, die Tatsache, dass da eine Dramenfigur auf der Bühne dargestellt ist oder ein Schauspieler bzw. eine Schauspielerin eine Rolle in einem Film oder einem Fernsehspiel spielt, ist völlig alltäglich und ganz und gar selbstverständlich. Dass, was da stattfindet, ein ganz und gar eigenartiges, eigentlich recht befremdliches und sogar problematisches Kunstgebilde ist, das unsere Kultur - und nur sie - hervorgebracht hat, das vermag heute praktisch niemand zu sehen, weil es eben zu selbstverständlich ist. |
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| Das Drama als Zeichensystem der Personalität | "Wir haben uns im vorhergehenden Abschnitt mit dem Theaterspiel befasst und wenden uns jetzt dem Dramentext zu, der diesem Theaterspiel zugrunde liegt, nämlich den Spieltext bildet, aufgrund und mit Hilfe dessen das Drama als Theaterspiel realisiert wird. Wir erkunden zunächst die Merkmale, die der Dramentext als Spieltext aufweist, und wie sie funktionieren: [...] Der Haupttext des Dramas
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| Das neuzeitliche Drama und sein Weltbild | "Die Gegenwärtigkeit des Dramas [...] Die ausschließliche Sprachlichkeit des Dramas Im Gegensatz zur Epik jedoch, die den Menschen zu beschreiben vermag, wie er ist, stellt die Kunst des Dramas den Menschen mit einer Einschränkung dar, die nicht zu umgehen ist und den Menschen auf der Bühne stilisiert. Dieser Einschränkung ist durch die Kunstgattung hervorgerufen. Der Mensch des Dramas ist ein redender Mensch, das ist seine Einschränkung, und die Handlung ist dazu da, den Menschen zu einer besonderen Rede zu zwingen. (1966, S. 111) Es ist das entscheidende Merkmal des Dramas, dass es die Vorgänge, die es darstellt, versprachlichen, in direkte dialogische Rede der handelnden Figuren verwandeln muss. Und das ist gleichzeitig sein Problem, denn es ist teilweise unnatürlich (Freytag), es bildet eine Stilisierung der dramatischen Figuren und so eine "Einschränkung" des Dramas (Dürrenmatt). - Doch steht das in weiteren Zusammenhängen, hängt nämlich mit der 'Personalität' des Dramas zusammen: [...] Die Subjektivität des neuzeitlichen Dramas Diese Umwelt war natürlich auch im bisherigen Drama gezeigt worden, jedoch nicht als selbständiges Element, sondern nur von der Mittelpunktsfigur des Dramas aus. Sie erstand aus der Reaktion des Helden auf sie. Sie wurde gesehen, wie der Sturm "gesehen" werden kann, wenn man auf einer unbewegten Wasserfläche die Schiffe ihre Segel entfalten und die Segel sich biegen sieht. [...] Jemand könnte einwenden, Brecht sehe das so, weil es ihm bekanntermaßen auf die Darstellung der 'umweltlichen', der gesellschaftlichen Verhältnisse durch das Drama ankomme. Deshalb sei noch ein anderer wichtiger Dramentheoretiker herangezogen, der ganz bürgerlichen Einstellungen verpflichtet und sozialistischer Gesin- nung unverdächtig ist. Gustav Freytag schreibt 1863 [...] für das Drama sei es notwendig,
daß der Held die Fähigkeit besitzt, sein Inneres in großartiger Weise mit einer gewissen Reichlichkeit der Worte auszudrücken, und da diese Forderungen bei solchen Menschen, welche dem Leben der Neuzeit angehören, sich steigern, so wird auch dem modernen Helden auf der Bühne ein tüchtiges Maß seiner Zeitbildung unentbehrlich sein. Denn nur dadurch erhält er innere Freiheit. Deshalb sind solche Klassen der Gesellschaft, welche bis in unsere Zeit unter dem Zwang epischer Verhältnisse stehen, deren Leben vorzugsweise durch die Gewohnheiten ihres Kreises gerichtet wird, welche noch unter dem Druck solcher Zustände dahinsiechen, die der Hörer übersieht und als ein Unrecht verurteilt, [...] zu Helden des Dramas nicht gut verwendbar [...]. Dafür, dass das nicht ausnahmslos gilt, sind etwa Büchners "Woyzeck" und Hauptmanns "Weber", sind die Werke Horvaths, Fleißers, Brechts überzeugende Beispiele. Freytag formuliert das bürgerliche Verständnis des Dramas, aber nicht nur als Alibi für bürgerlichen Individualismus und soziale Instinktlosigkeit. Sondern er beschreibt bei aller Enge des Blicks die strukturelle Eigenart des neuzeitlichen Dramas, dass sich in ihm alles um die Figur des Helden dreht, der aus sich in "innerer Freiheit" handeln muss und daher keinen außerindividuellen Bedingungen und Zwängen unterliegen und deshalb auch nicht aus Schichten stammen darf, die durch den "Druck" gesellschaftlicher Verhältnisse geprägt sind. Auf keinen Fall werden an dem Helden solche außerindividuellen Bedingungen, die ihn bestimmen, keinesfalls werden etwa gesellschaftliche Verhältnisse als solche, werden Gewaltherrschaft, Un- terdrückung, Armut dargestellt. Und nicht, weil Freytag sie nicht sieht oder sie unerheblich findet - "die Sorge um Besserung der armen und gedrückten Klassen soll ein wichtiger Teil unserer Arbeit im wirklichen Leben sein", sagt er in diesem Zusammenhang (1969, S. 59) -, aber das neuzeitliche Drama ist strukturell, nach Art seines ästhetischen Zeichensystems nicht der eigentliche Ort, um sie darzustellen. Im neuzeitlichen Drama geht es strukturell um anderes. Hegel betont es unermüdlich: "von allem aber, was vor sich geht, muß es die Aeußerlichkeit abstreifen, und an deren Stelle das thätige und selbstbewußte Individuum setzen." (1953f., Bd. 3, S. 482) Das Drama ist getragen von den "selbständig aus sich handelnden Individuen" (S. 482); das das Drama bestimmende Prinzip ist "das Innere des sich aus sich bestimmenden Individuums" (S. 483); oder in anderer Terminologie: was das Drama ausmacht, ist "die Subjektivität als solche in ihrer ungefesselten Selbstbestimmung und Freiheit" (S. 527). Es ist nicht nur so, dass die Person, das Individuum, das Subjekt im neuzeitlichen Drama eine besondere Bedeutung hat, sondern dies Drama ist ein ästhetisches Zeichensystem, das ein Weltbild signifiziert, in dem das Subjekt Sinnzentrum ist: das neuzeitliche Weltbild der Subjektivität. Dieses Drama entstand zur Zeit der Renaissance und der Aufklärung. Es entstand also in derZeit, in der sich das Weltbild der 'Subjektivität' durchsetzte, das bis zu unserem Jahrhundert herrscht und grundsätzlich erst von der Postmoderne - und u. a. dem gegenwärtigen Drama [...] - infrage gestellt wurde. [...] Dieses neuzeitliche Weltbild sei wenigstens in ganz groben Umrissen nach einigen Aspekten skizziert: In der Sprache ändert sich mit der Neuzeit ein symptomatischer Wortgebrauch. 'Subjekt': das subjectum (griech.: hypokefmenon), wörtlich 'das Zugrundeliegende' als die 'Basis' aller Wirklichkeit, ist in der Antike und im Mittelalter natürlicherweise die Welt; ihm stellt sich - etwa im Vorgang des Erkennens - der Mensch als ein 'Objekt', ein objectum: ein 'Entgegenstehendes', gegenüber. Seit der Neuzeit ist nun der Mensch das 'Subjekt', das subjectum, das allem Zugrundeliegende: ist "der Mensch als Subjekt Maß und Mitte des Seienden" (Heidegger 1977, S. 110; s. 87f., 106-111), und die Welt ist das, was ihm, seinem Erkennen und seinem Zugriff, als 'Objekt' gegenüber- oder entgegensteht. In der Philosophie ist es Descartes, der mit seiner bekannten Argumentation diese Wende dokumentiert: Um als Grundlage der Wissenschaft etwas absolut Sicheres, eine unbezweifelbare Wahrheit zu haben, geht er nicht, wie es bis dahin etwa für antikes Denken völlig selbstverständlich war, von der Welt und ihrer Existenz aus, weil sie vom Menschen ganz unterschiedlich und nie sicher erfahren werden kann. Er geht vom Menschen und der Selbstgewissheit seiner Vernunft aus: Die menschliche Vernunft ist unbezweifelbar, denn auch wenn sie sich selbst bezweifeln wollte, eta- bliert sie sich mit diesem Zweifeln als Zweifel und beweist sich damit unzweifelbar selbst ("cogito ergo sum": dubito, ergo dubitans sum). Orientierungsmitte des Erkennens und Sinnzentrum der Wirklichkeit ist das Subjekt. Ähnliches geschieht in der Malerei. Nicht die Wirklichkeit, wie sie ist, wird mehr dargestellt, sondern die 'subjektive' Weise, wie der Mensch sie jeweils von seinem bestimmten Standpunkt aus oder in seiner bestimmten 'Perspektive' sieht. Bis heute ist die Zentralperspektive, wie sie seit der Renaissance verwendet wurde, die Weise, wie - wenn schon nicht mehr die Maler, so doch - die meisten Menschen über das zentralperspektivisch zeichnende Objektiv (das besser 'Subjektiv' heißen sollte) von Fotoapparat, Film-, Fernseh-, Video-Kamera die Welt dargestellt sehen [...]. Und in der Ökonomie hat sich mit dem Bürgertum seit dem Frühkapitalismus eine Wirtschaftsform entwickelt und durchgesetzt, die auf dem freien Wettbewerb der konkurrierenden Individuen beruht, in der also, wie Kant es in seiner "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" formuliert, letztlich 'subjektive' "Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht" der einzelnen Individuen (Vierter Satz. 1968, Bd. 8, S. 21) die treibende Kraft und das Sinnprinzip des gesellschaftlichen Lebens sind. Und dieses Weltbild des Subjekts als Sinnmitte der Wirklichkeit ist es, das die neuzeitliche Literatur durch bestimmte literarische Formen darstellt, das sie mit ihren verschiedenen literarischen Zeichensystemen bedeutet. Literarische Formen sind keine neutralen zeitlosen 'Formen an sich', sondern geschichtlich bedingt und geprägt. Sie sind diejenigen Formen, in denen bestimmte geschichtliche Inhalte, Probleme, Vorgänge, Entwicklungen deshalb dargestellt worden sind, weil eben sie (und nicht beliebige andere literarische Formen) die adäquaten Mittel ihrer Darstel- lung waren: weil sie ihnen formal homolog waren. Literarische Formen bedeuten und transportieren i. a. bestimmte geschichtliche Einstellungen, Anschauungen, Weltbilder, Ideologien. So bedeuten und übermitteln etwa die Erzählformen des neuzeitlichen Romans das Weltbild der Neuzeit [...]. So bedeuten und übermitteln die Dramenformen des neuzeitlichen Dramas, wie es in England um und mit Shakespeare, wie es in Frankreich mit Corneille und Racine, wie es in Deutschland mit Lessing entstand, das neuzeitliche Weltbild von Renaissance und Aufklärung, das neuzeitliche Weltbild der Subjektivität: "der Subjektivität als solcher in ihrer ungefesselten Selbstbestimmung und Freiheit" (Hegel)." (Waldmann 2004, S. 40ff.)
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| Merkmale des neuzeitlichen Dramas | Gotthold Ephraim Lessing: Hamburgische Dramaturgie (1767-1768) [Aus dem 70. Stück:] In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere. Aber nach dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für einen unendlichen Geist [Gott]. Um endliche Geister [die Menschen] an dem Genusse desselben Anteil nehmen zu lassen, mußten diese das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu geben, die sie nicht hat; das Vermögen abzusondern, und ihre Aufmerksamkeit nach Gutdünken lenken zu können. Dieses Vermögen üben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe würde es für uns gar kein Leben geben; wir würden vor allzu verschiedenen Empfindungen nichts empfinden; wir würden ein beständiger Raub des gegenwärtigen Eindruckes sein; wir würden träumen, ohne zu wissen, was wir träumen. Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schönen [des 'Ästhetischen': der Kunstwerke] dieser Absonderung zu überheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande [...] in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu können wünschen, sondert sie wirklich ab, und gewährt uns diesen Gegenstand [...] so lauter und bündig, als es nur immer die Emp- findung, die sie erregen sollen, verstattet. [Aus dem 34. Stück:] [Das literarische Kunstwerk ist die] Welt eines Ge- nies, das - (es sei mir erlaubt, den Schöpfer ohne Namen durch sein edelstes Geschöpf zu bezeichnen!) das, sage ich, um das höchste Genie [Gott] im kleinen nachzuahmen, die Teile der gegenwärtigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehrt, um sich ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten verbindet. [Aus dem 30. Stück:] Das Genie können nur Begebenheiten beschäfti- gen, die in einander gegründet sind, nur Ketten von Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurück zu führen, jene gegen diese abzuwägen, überall das Ungefähr [den Zufall] auszuschließen, alles, was geschieht, so geschehen zu lassen, daß es nicht anders geschehen können: das, das ist seine Sache [...]. [Aus dem 31. Stück:] Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Söhne mordet; eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich vor, sie in einer Tragödie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm weiter nichts, als das bloße Faktum, und dieses ist eben so gräßlich als außerordentlich. Es gibt höchstens drei Szenen, und da es von allen näheren Umständen entblößt ist, drei unwahrscheinliche Szenen. - Was tut also der Poet? [... Er wird] vor allen Dingen bedacht sein, eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene unwahrscheinliche Verbrt1chen nicht wohl anders, als sie geschehen müssen. Unzufrieden, ihre Möglichkeit bloß auf die historische Glaubwürdigkeit zu gründen, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen; wird er suchen, die Vorfälle, welche diese Charaktere in Handlung setzen, so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen, die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird er suchen, diese Leidenschaften durch so allmähliche Stufen durchzuführen: daß wir überall nichts als den natürlichsten, ordentlichsten Verlauf wahrnehmen; daß wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun läßt, bekennen müssen, wir würden ihn in dem nämlichen Grade der Leidenschaft, bei der nämlichen Lage der Sachen, selbst getan haben. (Zusammenstellung nach Waldmann 2004, S. 49f.)
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"Überlegen Sie sich gemeinsam Antworten auf diese Fragen:
(Waldmann 2004, S. 51)
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| Merkmale des Dramas der Gegenwart | "Das Drama der Gegenwart ist ein anderes Drama als das antike Drama, als das Drama im Mittelalter und des Barock, als das der Klassik, des Realismus, des Naturalismus. Es behandelt gegenwärtige Themen, Probleme, Inhalte in den dazu geeigneten dramatischen Formen, die andere sind als die, die etwa das antike, barocke, klassische, naturalistische Drama verwendete: Literarische, etwa dramatische Formen sind keine neutralen, zeitlosen 'Formen an sich', sondern geschichtlich geprägt und bedingt. Es sind diejenigen Formen, die bestimmten geschichtlichen Anschauungen, Weltbildern, Ideologien formal homolog sind und sie deshalb adäquat darzustellen, also durch das literarische Zeichensystem, das sie bilden, zu signifizieren vermögen. Der entscheidende Vorgang der Gegenwart, gültig diagnostiziert bereits von Nietzsche, von manchen erfahren nach dem Ersten, von vielen nach dem Zweiten Weltkrieg und heute vor allem nach der Auflösung der staatssozialistischen Systeme und angesichts des ideologischen Monopols der kapitalistischen Gesellschaftsordnung besonders nachhaltig erfahrbar, ist das Fehlen überindividueller Sinngebungen und mitmenschlicher Sinnbezüge, der Zerfall der traditionellen religiösen und ethischen Wertordnungen und Normvorstellungen, die Auflösung der herkömmlichen kulturellen und philosophischen Sinnsysteme. Diese Situation der Gegenwart ist dramatisch kaum darstellbar in den Formen des konventionellen Dramas, die selbst immer auch die Anschauung, das Weltbild, die Ideologie der inzwischen problematisch gewordenen bürgerlichen Gesellschaftordnung und Kultur, in der sie entstanden sind [...] signifizieren und übermitteln und heute mehr oder weniger un- gleichzeitig sind. Dramatische Formen, die die geistige Situation und das Lebensgefühl der Gegenwart darzustellen in der Lage sind, sind deshalb vor allem diejenigen, die sich der Sinnkrise der Gegenwart stellen und sie zu gestalten suchen. Für Adorno ist diejenige heute "authentische Kunst, welche die Krise des Sinns auf sich nimmt", in ihren "Werken die Negation des Sinns als Negatives" gestaltet und so "die Krise des Sinns im Gebilde reflektiert" (1970, S. 231). Das bedeutet für das Drama vor allem, dass es eine Dekonstruktion der konventionellen Formen des Dramas vornimmt: Eine Dekonstruktion
Diese Dekonstruktionen dramatischer Formen sind nun allerdings nicht plötzlich in den letzten Jahrzehnten oder gar im letzten Jahrzehnt entstanden, sondern sie haben ihre Vorgeschichte im ganzen 20. Jahrhundert, vor allem in dessen ersten Jahrzehnten in der historischen Avantgarde (Expressionismus, Futurismus, Surrealismus, Dada usw.) und wichtige Vorformen spätestens seit dem Expressionimus. Deshalb ist es auch schwierig, das, was hier 'Drama der Gegenwart' genannt ist, epochenmäßig eindeutig zuzuordnen, etwa als das Drama der Postmoderne von dem Drama der Hochmoderne und der historischen Avantgarde abzugrenzen [...] Das gegenwärtige Drama bietet ein sehr uneinheitliches Bild. Die verwendeten Dramentypen reichen von Dramen, die die konventionellen dramatischen Formen kaum verändert weiterbenutzen, bis zu denen, die sie völlig zersetzen. [...] Das Drama der Gegenwart, wenn man es als dasjenige Drama versteht, das über die Formen des konventionellen Dramas hinausgeht, sie destruiert und mit Hilfe dieser Dekonstruktion die geistige Situation und das Lebensgefühl der Gegenwart darstellt, ist [...] nicht häufig in seinen wichtigeren Formen und Möglichkeiten dargestellt. Deshalb erscheinen im Folgenden bei den ausgewählten Texten - das Symptomatische ist mir letztlich wichtiger als das Aktuelle - gar nicht einmal vorwiegend solche des letzten Jahrzehnts, sondern mehr noch Texte, und vor allem gewissermaßen 'klassische' bzw. von 'Klassikern', voriger Jahrzehnte, mit Pirandellos Drama sogar ein Text aus den dreißiger Jahren. [...] Die Summe der Merkmale der behandelten Texte ergibt nicht 'das' Drama der Gegenwart, denn die einzelnen Merkmale sind sozusagen nicht kompatibel; sie ergänzen sich durchaus nicht und heben sich teilweise gegenseitig auf. Ihre Gemeinsamkeit liegt nicht darin, dass sie Teilmomente der Gesamtstruktur 'des' Dramas der Gegenwart (das es nicht gibt), bilden, sondern dass sie alle in verschiedener Weise und aus verschiedenen Gründen Dekonstruktionen des konventionellen Dramas darstellen." (Waldmann 2004, S. 193f.)
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Dekonstruktion der dramatischen Figur |
"Den dramatischen Helden, der aus den souveränen Kräften seiner Individualität, gar seines Charakters die dramatische Handlung hervorbringt [...], gibt es im Drama der Gegenwart nicht mehr. Was dieser Held signifizierte: die Selbstgesetzlichkeit der fraglos mit sich identischen Individualität und das Subjekt als Sinnmitte der Welt, bildet weder eine Lebenswirklichkeit in unserer Welt noch unser Lebensgefühl ab. Deshalb sind die Figuren des Dramas insbesondere seit Strindberg und entschieden die des Dramas der Gegenwart mehr oder weniger inkonsistent und destruiert, sind meist bestimmt durch Unsicherheit ihrer Identität, Verstörung ihrer Selbstwahrnehmung, Uneinheitlichkeit ihrer Handlungsantriebe, Veränderlichkeit ihres Selbst, Schwäche, Gebrochenheit und Zerstörung ihrer Persönlichkeit [...]. Das Drama der Gegenwart realisiert so, was Adorno in einem offenen Brief an Hochhuth schrieb, "daß das Drama seine eigene Voraussetzung, die Freiheit des Subjekts, überleben, daß es dessen Niedergang ebenso darstellen kann und wohl muß, wie es einmal, in Athen, den Ursprung der Individualität, die dem Mythos sich entringt, behandelte." (Adorno 1974, S. 596)" (Waldmann 2004, S. 199)
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Wolfgang Deichsel: Juhanni
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Dekonstruktion der dramatischen Handlung |
"Die dramatische Handlung als eine zusammenhängende, sich konsequent auseinander entwickelnde Geschehensabfolge, wie sie das geschlossene Drama kennzeichnet, vielleicht noch mit der Einheit von Ort und Zeit, gibt es im gegenwärtigen Drama selten. Was sie vor allem signifiziert: die Überschaubarkeit, Geordnet- und Sinnhaftigkeit einer Welt, die Notwendigkeit eines Geschehens, die Fähigkeit der Hervorbringung eines sinnvollen Geschehens durch die Kräfte des Individuums [...], bildet kaum etwas von unserer Lebenswelt oder unserem Lebensgefühl mehr ab. Deshalb ist das Drama der Gegenwart weithin bestimmt durch bloße Vorgangsreihung, durch Aufhebung von Handlungsfolgen und Durchdringung der Vorgangsebenen, durch Diskontinuität, Montiertheit, Fragmentarisierung, Aleatorik und völlige Auflösung der Handlung." (Waldmann 2004, S. 215)
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Max Frisch: Biografie als Variantenspiel "[Der angesehene Verhaltensforscher Hannes Kürmann lernt auf der Party, die er aus Anlass seiner Berufung zum Professor gibt, Antoinette kennen, sie beginnen eine Beziehung, heiraten. Nach zwei Jahren unterrichtet sie ihn über eine andere Beziehung, die sie hat, er will sich scheiden lassen und ist verzweifelt. Er will nicht anerkennen, dass die Ereignisse seines Lebens zwangsläufig so sein mussten. Er sagt, wenn er noch einmal neu anfangen könnte in seinem Leben, dann wüsste er genau, was er anders machen würde. Dazu bekommt er die Gelegenheit und darf sein Leben noch einmal neu wählen; ein "Regi- strator", der sein ganzes Leben registriert hat und registriert, hilft ihm dabei. So tritt er (1959) in die Kommunistische Partei ein, um zu verhindern, dass er Professor wird - zur Zeit des kalten Krieges ein ziemlich sicheres Mittel-, daher Antoinette nicht kennenlernen und nicht heiraten kann:]" (Waldmann 2004, S. 216)
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Dekonstruktion des dramatischen Dialogs |
Waldmann S. 232ff. | |
Dekonstruktion der dramatischen Sprache |
Waldmann S. 247ff. | |
| Das Tragische, Komische, Groteske, Paradoxe, Absurde | Waldmann | |
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"Der Ausschnitt als Ganzes" | Das geschlossene Drama strebt danach, eine geistige Totalität zu vermitteln. Um dies wirkungsvoll zu erreichen, muss es das Empirisch-Faktische in hohem Maße eindämmen. Ganzheit, Einheit, Unversetzbarkeit der Teile charakterisiert die Handlung, die einen Ausschnitt aus einem pragmatisch, zeitlich und räumlich Größeren und Komplexeren darbietet. Dieser Ausschnittcharakter wird jedoch durch mannigfache Mittel getilgt, so dass gerade Beschränkung und Absonderung ein ganzheitlich geschlossenes Gebilde entsehen lassen. [...] Daß der Ausschnitt als Ganzes, Gerundetes erscheine, dafür sorgen auch der Aufbau (mit deutlichem markiertem Anfang, Höhepunkt und Ende), die symmetrische Komposition und die ausbalancierte Zweipoligkeit von Spiel und Gegenspiel, von Protagonist und Antagonist, welch letztere in regelhaften Kampf- und Sprachduellen sich miteinander messen.« (Volker Klotz 1992, S. 216ff.)
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| "Maria Stuart" | Exemplarisch für die Form des geschlossenes Dramas ist Schillers Historiendrama "Maria Stuart", auf das im folgenden näher eingegangen werden soll. |
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Historisches |
Maria Stuart wurde am 8. Dezember 1542 auf Linlithgow Castle (Schottland) geboren. Eine Woche später starb ihr Vater, der schottische König Jakob V. im Alter von 30 Jahren. So wurde Maria bereits am 9. September 1543 in der Kapelle von Stirling Castle zur Königin von Schottland gekrönt. Die Engländer unterbrachen daraufhin ihre Kampfhandlungen gegen Schottland, weil es nicht üblich war ein Land anzugreifen, in dem eine ›Kindskönigin‹ auf dem Thron saß. Heinrich VIII., König von England, wollte Maria mit seinem Sohn Edward VI. verheiraten, aber ihre katholische Mutter bestand auf einer Heirat mit Franz II., den Dauphin aus Frankreich. Aus diesem Pakt versprach man sich die Unterstützung der Franzosen bei der Verteidigung Schottlands gegen die Engländer. Der Höhepunkt dieses Kampfes war die Schlacht von Pinkie Cleugh, in der das schottische Heer vernichtend geschlagen wurde. Im Alter von 6 Jahren brachte man Maria nach Frankreich. In dieser Zeit lebte sie nun in Luxus und lernte ihren zukünftigen Gatten kennen und lieben, den sie schließlich 1558 heiratete. Aber das Glück hielt nicht lange an und Franz II. starb ein Jahr später.
Maria Stuart kehrte 1561 nach Schottland zurück und versuchte dort vergeblich eine Rekatholisierung des Landes. Sie galt bei den englischen Katholiken als rechtmäßige Erbin des englischen Throns, auf dem Elisabeth I. saß. Mehrere Hochzeiten, Affären und Mordkomplotte von Maria Stuart führten zum Aufstand des calvinistischen Adels. Maria wurde abgesetzt und floh 1568 nach England. Hier wurde sie 18 Jahre in Haft gehalten. |
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Figurenkonstellation |
Zur Verdeutlichung der Figurenkonstellation ist hier die grafische Darstellung des (historischen) Stammbaums zu sehen. Maria Stuart und Elisabeth I. haben einen gemeinsamen Vorfahren, König Heinrich VII. von England.
Während Elisabeths Vater, Heinrich VIII. mehrmals verheiratet war und aus zweiter Ehe Elisabeth hervorging (die er selbst als ›Bastard‹ bezeichnete), ist Maria die Erstgeborene von Jakob V., König von Schottland. Sie ist beim Einsetzen des Dramas von Schiller verwitwete Königin von Frankreich und entmachtete Königin von Schottland, eine Urenkelin Heinrichs VII., die legitime Ansprüche auf den englischen Thron hat.
weitere Informationen zu Maria Stuart Inhalt des "Trauerspiels" Maria Stuart von Friedrich von Schiller Text des "Trauerspiels" Maria Stuart von Friedrich von Schiller
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Analysieren Sie Schillers "Trauerspiel" Maria Stuart hinsichtlich seiner Raum- und Zeitgestaltung, seiner Handlung und Handlungsführung und seiner Figurendarstellung. Sie könne sich dabei zunächst an folgendem Fragenkatalog (nach Waldmann 2002) orientieren: Die Raumgestaltung:
Die Zeitgestaltung:
Handlung und Handlungsführung:
Die Figurendarstellung:
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"Das Ganze in Ausschnitten" | "Vielheit, Dispersion und der Zug zur empirischen Totalität, wodurch die geistigen Zusammenhänge häufig verdeckt werden, geben dem atektonischen Drama den Charakter des Offenen, Unabgerundeten. Während das geschlossene Drama sich auf einen repräsentativen Ausschnitt beschränkt und dadurch ein in sich geschlossenes Ganzes, Gerundetes zustande kommen lässt [...] steht hier eine Vielfalt von Handlung, Raum und Zeit gegenüber. [...] Das Geschehen setzt unvermittelt ein, und es bricht unvermittelt ab. Innerhalb dieser Scheingrenzen verläuft es nicht kontinuierlich schlüssig, sondern punktuell interruptiv, nicht einer Entwicklung folgend, sondern Gleichwertiges reihend. [...] Gegenspieler des Helden ist keine Person, sondern die Welt in der Fülle ihrer Einzelentscheidungen. [...] Während im geschlossenen Drama die ungebrochene Richtungsbewegung des Zeitflusses die spezifische und einmalige Zeitqualität des szenischen Augenblicks schluckt, überdeckt hier, umgekehrt, der intensiv erlebte Augenblick die Stetigkeit, macht hier die Zeittiefe der Einzelszene den Zeitlauf des Gesamtdramas vergessen. [...]
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| Brechts Kritik am klassischen Drama | Brecht hat im 20. Jahrhundert noch einmal eine grundsätzliche Poetik des Dramas entwickelt: als Autor, Regisseur, Theaterleiter, Theoretiker konnte Brecht mit dem Berliner Ensemble seine eigenen Stücke bühnenpraktisch als ›work in progress‹ erproben. »das theatererlebnis kommt, wie schon in der Poetik des aristoteles konstatiert, vermittels eines einfühlungsaktes zustande. unter den elementen, aus denen sich das theatererlebnis, so zustande gekommen, zusammensetzt, kann sich kritizismus nicht befinden, je weniger, desto besser die einfühlung funktioniert. [...] in wirklichkeit sind spiel und fabel des aristotelischen theaters nicht dazu bestimmt, abbilder von vorgängen im leben zu geben, sondern das ganze festgelegte theatererlebnis [...] zustande zu bekommen. [...] die frage ist nun, ob es überhaupt unmöglich ist, die abbildung der wirklichen vorgänge zur aufgabe der kunst zu machen und damit die kritische haltung des zuschauers zu den wirklichen vorgängen zu einer kunstgemäßen haltung. bei dem studium dieser frage ergibt sich, dass zur herbeiführung dieser großen wendung die art des verkehrs zwischen bühne und zuschauerraum geändert werden müsste. die einfühlung verlöre ihre beherrschende stellung in der neuen kunstausübung. dagegen wird nunmehr der verfremdungseffekt (v-effekt) hervorgebracht, der ebenfalls ein kunsteffekt ist und zu einem theatererlebnis führt. er besteht darin, dass die vorgänge des wirklichen lebens auf der bühne so abgebildet werden, dass gerade ihre kausalität besonders in erscheinung tritt und den zuschauer beschäftigt.« (Bertolt Brecht im Arbeitsjournal 1940)
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| Das Epische Theater | Brecht setzt gegen die Poetik des Aristoteles sein Konzept des ›epischen‹ oder ›dialektischen‹ Theaters (seit 1927).
»Das Wort ›episches Theater‹ schien vielen als in sich widerspruchsvoll, da man nach dem Beispiel des Aristoteles die epische und die dramatische Form des Vortrags einer Fabel für grundverschieden voneinander hielt. [...] Es soll hier nicht auseinandergesetzt werden, wodurch die lange für unüberbrückbar angesehenen Gegensätze zwischen Epik und Dramatik ihre Starre verloren, es soll genügen, wenn darauf hingewiesen wird, dass schon durch technische Errungenschaften die Bühne instand gesetzt wurde, erzählende Elemente den dramatischen Darbietungen einzugliedern. Die Möglichkeit der Projektion, der größeren Verwandlungsfähigkeit der Bühne durch die Motorisierung, der Film vervollständigten die Ausrüstung der Bühne, und sie taten dies in einem Zeitpunkt, wo die wichtigsten Vorgänge unter Menschen nicht mehr so einfach dargestellt werden konnten, indem man die bewegenden Kräfte personifizierte oder die Personen unter unsichtbare metaphysische Kräfte stellte.
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| Vefremdungseffekt | »Was ist Verfremdung? Einen Vorgang oder eine Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen. [...] Verfremden heißt also historisieren, heißt Vorgänge und Personen als historisch, also als vergänglich darzustellen. [...]
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| Moderne Formen des Dramas | Das moderne Drama behandelt gegenwärtige Themen, Probleme, Inhalte in den dazu geeigneten dramatischen Formen, die andere sind als die, die etwa das antike, barocke, klassische, naturalistische Drama verwendete: es ist ein anderes Zeichensystem mit anderen Mitteln. |
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Dekonstruktion der Figur |
Sie ist bestimmt durch die Unsicherheit ihrer Identität, durch die Verstörung ihrer Selbstwahrnehmung, durch Uneinheitlichkeit ihrer Handlungsantriebe, durch Veränderlichkeit ihres Selbst, durch Schwäche, Gebrochenheit, durch Zerfall und Zerstörung ihrer Persönlichkeit. |
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Dekonstruktion der Handlung |
Die Handlung ist bestimmt durch bloße Reihung der Vorgänge, durch Aufhebung von konsekutiven Handlungsfolgen und Durchdringung der Handlungsebenen, durch generelle Diskontinuität, Disparatheit (unfertig), Fragmentarisierung, Aleatorik (Zufall, Improvisation) und völlige Auflösung. | |
Dekonstruktion der Sprache |
Die destruierten Figuren sprechen oft eine unbeholfene und mühsame Alltags- und Umgangssprache, eine banalisierte, degenerierte, entstellte, rudimentäre Sprache – Sie können Gefühle und Absichten nicht artikulieren, verstummen und werden in letzter Konsequenz sprachlos. "Mrs. Smith. Die Ratten haben Wimpern, die Wimpern haben keine Ratten. (Alle miteinander in allerhöchster Wut schreien sich gegenseitig in die Ohren. Das Licht wird ausgeschaltet. Im Dunkeln hört man in gesteigertem Rhythmus.) (Plötzlich bricht es ab. Die Bühne wird langsam wieder hell. Die Martins sitzen an der gleichen Stelle wie die Smith's zu Beginn des Stückes. Das Ganze fängt von vorne an, die gleichen Sätze werden gesprochen, während der Vorhang langsam fällt.) Vorhang"aus: Eugéne Ionesco "Die kahle Sängerin" Weitere Informationen zu Egéne Ionesco |
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"Alle Dramen, gleichgültig welchen Typs, haben eine innere Bewegung miteinander gemein, ohne die sie den Zuschauer nicht im Theater halten könnten: sie erzeugen in ihm eine gespannte Erwartung, die im Verlauf der Aufführung so gelöst wird, daß er danach eine nicht nur rationale oder moralische, sondern lustvoll-affektive Befriedigung empfindet. Für den Aufbau einer solchen Spannung gibt es verschiedene Möglichkeiten. Das Hoffen auf einen glücklichen Ausgang erzeugt ebenso gespannte Erwartung wie das Befürchten einer Katastrophe. Je nach der Art und dem Grad der Identifikation mit dem Helden ergibt sich deshalb eine begrenzte Anzahl unterschiedlicher Grundmuster. Steht im Mittelpunkt ein positiver Held, der sich gegen die Bosheit der Welt behaupten muß, so hofft der Zuschauer auf dessen Errettung. Solange die Gefahr dabei unterhalb der Schmerzgrenze echten Leidens bleibt, bewegt sich ein solcher Handlungsverlauf im Bereich der Komödie. Wird die Schmerzgrenze überschritten und der Held trotzdem gerettet, haben wir es mit einem Typus zu tun, der in der englischen Literatur meist als Melodrama, in der deutschen als Sensations- oder Rührstück bezeichnet wird. Steht im Mittelpunkt ein negativer Held, so hofft der Zuschauer auf dessen Bestrafung. Bleibt dabei seine Negativität unterhalb der moralischen Schmerz grenze, so bewegt sich die Handlung ebenfalls im Bereich der Komödie, da der Zuschauer sich dann mit dem Lächerlichmachen des B ösewichts zufrieddengeben wird. Ist der Bosewlcht aber ein echter Verbrecher, wird man sich für ihn auch eine echte Bestrafung wünschen. Beispiele sind die Tyrannendramen des Barock und die Schauerstücke des 18. Jahrhunderts, die beide, bei lockerer Verwendung des Begriffs, oft als Tragödien bezeichnet werden. Im Deutschen könnte man für diese Fonn den Begriff Trauerspiel reservieren, dann hielte man sich den der Tragödie frei für jene vierte, allgemein am höchsten geschätzte Form, bei der der Zuschauer sich positiv mit einem schuldig werdenden Helden identifiziert, für den er zuerst hofft, dann um ihn fürchtet und zuletzt mit ihm leidet, wohl wissend, daß er sein Unglück durch eigene Schuld auf sich gezogen hat. Diese moralisch ambivalente Struktur ist das Kennzeichen der echten Tragödie.
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Informationen zur Komödie (Uni Essen)
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Informaionen zur Tragödie (Uni Essen)
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Allgemeines zum produktiven Umgang mit dem Drama | Waldmann |
| Szenischer, produktiver und analytischer Umgang mit Dramentexten | Waldmann | |
| Frei produktive Erarbeitung dramatischer Formen und Strukturen | Waldmann | |
| Zwölf Ratschläge zur Interpretation (Gelfert 1992) | "Wer als Schüler ein literarisches Werk interpretieren muß, macht häufig die Erfahrung, daß sich der Gegenstand mit jedem weiteren Artikel, den man darüber liest, mehr und mehr verflüchtigt, bis man am Ende überhaupt nicht mehr weiß, worum es eigentlich geht. Die von Literaturwissenschaftlern verfaßte Sekundärliteratur pflegt ihre Gegen- stände unter dem Mikroskop zu betrachten und dabei so detailliert zu analysieren, daß der Laie nur noch ein labyrinthisches Gewirr von Bedeutungsaspekten erkennt, ohne sagen zu können, welche dieser Bedeutungen im Zentrum des Werkes steht. In manchen Parks gibt es aus Hecken gepflanzte Labyrinthe, in denen man sich auf die gleiche Weise verirren kann. Könnte man sich selber auf die Schultern steigen und über die Hecken hinwegsehen, wäre es ein leichtes, aus dem Labyrinth herauszukommen. Ganz ähnlich ergeht es einem beim Interpretieren. Das Hindernis, das uns am häufigsten den Blick für das Wesentliche versperrt, ist nicht die Komplexität des Gegenstands, sondern unsere zu geringe Distanz zu ihm, was dazu führt, daß wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. [...] |
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Man erreicht dies am leichtesten dadurch, daß man das Werk mit einem anderen vergleicht. Unterschiede springen stärker ins Auge als Ähnlichkeiten. Will man z. B. Hebbels Judith verstehen, so sollte man sie erst einmal neben Schillers Jungfrau von Orleans stellen, da in beiden Stücken eine heroische Frau als Retterin des Vaterlands auftritt und durch ihre rettende Tat selber in eine tragische Krise gerät. Erfährt man dann aus der SekundärliteratUr, daß Hebbel sein Psychodrama ganz bewußt in Konkurrenz zu Schillers »romantischer Tragödie« (so dessen eigene Bezeichnung) geschrieben hat, wird man dies als Bestätigung ansehen dürfen, daß man auf der richtigen Spur ist. [...] |
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Man sollte zwar vermeiden, sich einem Stück mit der Brille einer vorher gelesenen Interpretation zu nähern, doch empfiehlt es sich immer, Texterläuterungen, Worterklärungen und Kommentare zu schwer verständlichen Stellen zu nutzen. Zu fast allen bedeutenden Dramen der Weltliteratur gibt es solche kommentierten Ausgaben [...] |
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eit der Romantik wuchsen ganze Generationen mit der Vorstellung auf, daß Dichtung etwas NatUrwüchsiges sei, das man ebenso ehrfürchtig bestaunen müsse wie die Schöpfungen Gottes. Dichtung ist aber ein höchst artifizielles Produkt menschlicher Kunstfertigkeit. Es reicht nicht aus, sie durch bloßes Einfühlen und Sichhineinversenken verstehen zu wollen. Gewiß entspringt große Dichtung zuallererst einer genialen IntUition. Doch darauf folgt ein planvoller Schaffensprozeß, der auch dann noch genaueste Kalkulation verrät, wenn der Dichter selbst sich dessen gar nicht bewußt war. Deshalb tut man dem Dichter mehr Ehre an, wenn man ihm auf die Finger schaut, als wenn man in seinem Werk ein emotionales Bad nimmt. Auch wird man aus dem Erkennen des Plan vollen mehr geistige Befriedigung ziehen können als aus unkritischer Identifikation mit der poetischen Fiktion. [...] |
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Damit sollte man beim Titel anfangen. Ein erfolgreicher Film der jüngsten Zeit hieß Der Club der toten Dichter, auf englisch Dead Poets Society. Der englische Titel kann das bedeuten, was der deutsche sagt, er kann aber auch heißen: eine Gesellschaft, in der die Dichter tot sind. Diese Doppeldeutigkeit, die das eigentliche Thema des Films ist, ging in der deutschen Übersetzung des Titels verloren. Im Drama sind solche absichtsvoll gewählten Titel erst in diesem Jahrhundert in Mode gekommen. Die absichtsvolle Namengebung bei den dramatischen Personen ist dagegen eine uralte Tradition. Deshalb sollte man sich beim Lesen des Personenverzeichnisses jeden Namen auf eine möglicherweise intendierte Bedeutung hin ansehen. Wenn in Kleists Zerbrochnem Krug die beiden Hauptfiguren Adam und Eve heißen, wird man es nicht mehr für Zufall halten, daß der wie ein rettender Gott auftretende und seines Amtes waltende Gerichtsrat Walter heißt. Und danach wird man fortfahren, darüber nachzudenken, weshalb der Schreiber des Dorfrichters, der die entscheidenden Impulse gibt, die Licht in den zu verhandelnden "Sündenfall" bringen, ausgerechnet Licht heißt. Vor allem in Komödien enthalten die Namen oft wesentliche Aussagen über das Wertprofil des Stückes. Wenn z. B. in der bitterbösen Sittenkomödie The Country- Wife (1675) des englischen Dramatikers Wycherley ein Mann, der anderen Ehemännern Hörner aufsetzt, Horner heißt und die meisten der übrigen Figuren ebenfalls sprechende Namen haben, dann weiß man spätestens beim Namen Mrs. Alitheas, daß sie die moralische Norm repräsentiert, vorausgesetzt, man kennt die griechische Bedeutung des Namens: Wahrheit. Mit der gleichen Sorgfalt sollte man auch im weiteren Text eines Stückes alles, was nur geringste Mehrdeutigkeit zuläßt, auf jede mögliche Wortbedeutung hin untersuchen. [...] |
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Auch wenn einige bedeutende Werke der Weltliteratur bewußt als Lesedramen konzipiert wurden, ist die Mehrzahl aller Dramen für die Aufführung bestimmt. Das bedeutet, daß man, bevor man einem Sachverhalt interpretatorische Bedeutung beimißt, immer zuerst fragen sollte, welche bühnentechnische Funktion er hat. Wenn Hamlet im vierten Akt nach England geschickt wird, so hat das keine inhaltliche, sondern eine dramaturgische Funktion. Erstens wurde durch dieses Retardieren der Handlung die Spannung des Publikums auf die Katastrophe hin erhöht, und zweitens bekam der Hauptdarsteller, der drei Akte hindurch mit langen, kräfteraubenden Monologen auf der Bühne präsent war, eine Erholungspause für das tragische Finale. [...] |
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Jedes Drama funktioniert nach dem Prinzip des Aufbauens und Lösens einer Spannung. Dabei pflegt es in aller Regel um die krisenhafte Zuspitzung eines Problems zu gehen, das entweder in komischer oder tragischer Weise gelöst wird. Wie der Held oder die HeIdin sich zu dem Problem verhal- ten wird, deutet sich meist schon lange vorher an, indem er oder sie bestimmte Haltungen oder Grundüberzeugungen mit besonderem Nachdruck ausspricht. Manche solcher Aussagen wird der Leser oder Zuschauer als besonders »heiße« Stellen empfinden. In Goethes Egmont ist so eine Stelle der Satz [2. Aufzug, Egmonts Wohnung], den Egmont zu seinem Sekretär sagt: "Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam." Dieser Satz dürfte von vielen Lesern als der emphatischste des ganzen Stückes empfunden werden. Und wenn man dann erfährt, daß Goethe mit ihm in Dichtung und Wahrheit die Darstellung seiner Jugend beschließt und daß sich darin seine Vorstellung vom Dämonischen ausdrückt, die ihn sein Leben lang begleitete, so wird man als Leser die Befriedigung verspüren, den richtigen Einstieg gefunden zu haben. Die heiße Stelle kann aber auch die Reibungsfläche zwischen zwei antagonistischen Positionen sein, die durch zwei gegensätzliche Figuren oder durch eine thematische Antinomie repräsentiert wird. In T asso merkt der Leser schnell, daß die heiße Zone zwischen Tasso und Antonio liegt;.denn die Reibung zwischen diesen beiden steigert sich im Laufe des Stücks bis zum Zündpunkt. In Shaws Heiliger ]ohanna gibt es keine persönlichen Antagonismen, dafür aber den Zusam- menprali des alten, katholisch-feudalistischen Mittelalters mit der protestantisch-nationalstaatlichen Neuzeit (und das ein Jahrhundert vor Luther!). Shaw liefert diese Interpreta- tion gleich mit in einem Vorwort, das ebenso lang ist wie das Stück selbst. In Harold Pinters Stücken baut sich die Span- nung zwischen den Personen erst ganz allmählich auf, ohne daß sich gegensätzliche Positionen ausmachen lassen. Aber gerade dieser durch keinerlei Wertpositionen begründete reine Machtkampf, den Pinter in immer neuen Variationen darstellt, ist das gleichsam metaphysische Zentrum seiner Stücke. [...] |
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In literaturwissenschaftlichen Handbüchern wird man über zwanzig Untergattungen des Dramas finden, von denen die meisten aber bloße Ordnungsbegriffe sind, denen kein eigener Gattungscharakter zukommt. Begriffe wie Ideendrama, bürgerliches Trauerspiel oder Volksstück bezeichnen nur die Zugehörigkeit eines Stücks zu einer Gruppe gleichartiger Stücke. Eine eigene, gattungsspezifische Intention weisen nur die Komödie und die Tragödie auf. Deshalb ist es wichtig, von Anfang an zu erkennen, welche Intention vorliegt. Da beide Gattungen in den unterschiedlichsten Mischformen auftreten können, fällt dies oft nicht leicht. So wird z. B. der Holofernes in Hebbels schon erwähnter Judith dem modernen Leser möglicherweise wie eine Parodie auf einen tragischen Helden erscheinen. Und in der Tat wurde das Stück kurz nach seiner Wiener Premiere von Nestroy virtuos parodiert. Moderne Regisseure werden die Figur kaum ohne ironische Brechung auf die Bühne stellen, da sie als ernsthafter Charakter dem heutigen Publikum nur schwer zuzumuten ist. Dennoch muß man sie vollkommen ernst nehmen, will man das Stück im Sinne Hebbels verstehen. Im zeitgenössischen Drama begegnen wir oft einer ironischen, manchmal sogar makabren Doppelbödigkeit, die es schwer macht, die Gattungsintention zu definieren. Im Marat von Peter Weiss wird man Mühe haben, die Position des Autors auszumachen. Aber gerade das muß uns eine Warnung sein, die im Stück geäußerten Ansichten für bare Münze zu nehmen. [...] |
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Bevor man darangeht, in die Mikrostruktur eines Stückes, in seine Textur, einzudringen, sollte man erst einmal versuchen, seine Grundstruktur zu bestimmen. Dabei wird man feststellen, daß es nur eine verhältnismäßig geringe Zahl solcher Grundmuster gibt. Am häufigsten wird man die dualistische Struktur einer Opposition von Protagonisten und Antagonisten finden. Alle Dramen Schillers sind nach diesem Grundschema aufgebaut. Wenn die Gegenspieler nicht nur Gegner, sondern komplementäre Charaktere sind, könnte man von einer polaren Struktur sprechen. Polarität ist die Grundfigur des Goetheschen Denkens, die er noch um den Begriff der Steigerung erweiterte. Polare Gegensätze treiben sich selber, nach Goethes Überzeugung, zu immer weiter sich steigernden Ausformungen ihres Wesens. Da ihn die Idee von Polarität und Steigerung sein ganzes Leben hindurch begleitete und im Zentrum seiner naturwissen- schaftlichen Überlegungen stand, wundert es nicht, daß auch in seinen Dramen polare und nicht nur gegnerische Beziehungen vorherrschen. Tasso und Antonio, Faust und Mephisto, Prometheus und Epimetheus in Pandora sind nicht Gegner, sondern Gegenpole, die sich notwendig ergänzen. Neben solchen dichotomischen, sei es dualistischen, sei es polaren Strukturen finden sich aber auch triadische, bei denen neben den Extremen noch die positive Norm der goldenen Mitte vertreten ist. Bei Shakespeare ist in den Tragödien neben den tragisch schuldig werdenden Helden und den echten moralischen Schurken noch das gesunde Mittelmaß anzutreffen, das am Ende überlebt. Wenn Hamlet, der Held, und Claudius, der Verbrecher, tot am Boden liegen, übernimmt Fortinbras die Macht, ein nicht sonderlich bewundernswerter, aber auch nicht unmora!ischer, sondern nur tatkräftiger, pragmatischer und mit einem gesunden Egoismus ausgestatteter junger Mann. Da es in Shakespeares Tragödien immer wieder um den Gegensatz von Vernunft und Leidenschaft geht, an dem die tragischen Helden scheitern, ist für das immanente Normensystem der Stücke auch die Darstellung einer Position wichtig, in der der Gegensatz auf eine pragmatische Weise vermittelt wird. |
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Der Theaterbesucher wird dazu neigen, das aufgeführte Stück vor dem Hintergrund seiner eigenen Gegenwart zu betrachten, zumal Regisseure in aller Regel bemüht sind, solche Aktualisierungen schon in der Inszenierung zu verwirklichen. Für das Erleben eines Stückes mag dies hilfreich sein, für das Verstehen aber ist es eher hinderlich. Eine Interpretation muß bestrebt sein, das Stück so zu verstehen, - wie es vom Autor geschrieben wurde. Das setzt voraus, daß man den zeitlichen Kontext kennt, aus dem heraus es entstanden ist. Entscheidend ist dabei die Kenntnis des Normensystems, das dem Stück zugrunde liegt. Als Goethe und die Romantiker Shakespeares Hamlet lasen, interpretierten sie ihr eigenes intellektuelles Dilemma in ihn hinein und sahen ihn infolgedessen als einen empfindsamen Denker, der durch sein Denken ständig im Handeln blockiert wird. Dabei ist Hamlet, wie jeder unvoreingenommene Leser eigentlich sofort merken müßte, ein außerordentlich tatkräftiger Mann, der wie ein geschickter Regisseur alle Fäden in der Hand behält und erst am Schluß diese überlegene Posi- tion verliert, als er einer aufwallenden Leidenschaft nachgibt. Nicht Denken und Handeln war für die Elisabethaner der problematische Gegensatz, sondern Vernunft und Leidenschaft. Vor dem Hintergrund dieses Normensystems muß man das Stück interpretieren. [...] |
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Am Schluß einer Interpretation soll keine beckmesserische Zensur stehen, aber es sollten Argumente für eine ästhetische Wertung erwogen werden. Wenn ein Stück auf seine Weise formal vollkommen und inhaltlich bedeutend erscheint und dennoch beim Publikum nicht ankommt, muß dies nicht an dessen Borniertheit liegen. Man sollte zuerst einmal nach einem möglichen Mangel im Stück selbst suchen. Die gesamte erhaltene Literatur verdankt ihr Überleben der Tatsache, daß sie durch einen Prozeß immer neuer Wertungen hindurchgegangen ist. Erst durch das Läuterungsbad solcher Wertungen tritt die private Äußerung eines Dichters überhaupt ins Licht der Öffentlichkeit und wird Teil der Kultur. Wer sich an diesem Geburtshilfeakt beteiligt, hat aktiv teil an der Kultur. Anderenfalls bleibt man ein passiver Konsument. [...] |
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Interpretation ist ein didaktischer Prozeß der Vermittlung zwischen Werk und Leser. Wissenschaftler, die ein literarisches Werk analysieren, mögen dies mit Gewinn für die Fachkollegen in mehrbändigen Werken tun. Eine Interpretation aber verfehlt ihren Zweck, wenn sie durch zu große Länge den Leser langweilt oder wenn sie womöglich das Werk mit einem undurchdringlichen Drahtverhau von Wissenschaft umgibt, der den Leser aussperrt, statt ihm den Zugang zu öffnen. Deshalb gilt für jede Interpretation, die man nicht für sich selbst, sondern für andere anfertigt, zuallererst, daß sie so kurz wie möglich und nicht länger als nötig sein soll." (Gelfert 1992, S. 60ff.) |
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bis ca. 380 v. Chr. | Theater der griechischen Antike Aischylos (um 525 bis 456 v. Chr.):
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| Das neuzeitliche Drama und die Neuzeit | Waldmann | |
| Eine geschichtliche Abfolge dramatischer Formtypen bei Lessing, Goethe, Büchner, Brecht, Weiss | Waldmann | |
| Das Drama der Gegenwart | Waldmann | |
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Das Drama als Spielform | "Mit unserer Aufgabe zum Spiel bewegen wir uns in einem wichtigen Themenbereich. Die überragende Bedeutung des Spiels für den Menschen ist oft hervorgehoben worden; Schiller etwa sagt in den "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen": "der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (15. Brief. 1962, S. 618) Für Huizinga gilt, "daß menschliche Kultur im Spiel - als Spiel - aufkommt und sich entfaltet." (1956, S. 7) Wir können hier allerdings nicht den Gesamtbereich des komplexen Phänomens 'Spiel' behandeln, sondern blicken nur auf einige Aspekte hin, die für das Verständnis des Dramas von Belang sind. Der erste Aspekt ist der der Spielregeln: Das erste, was die Spielgruppen machen mussten, um zum Spielen zu kommen, war, ein Spiel für sich zu wählen. Das war einfach, wenn in der Gruppe ein allen bekanntes Karten- oder Würfelspiel vorgeschlagen wurde. Falls jemand ein vorgeschlagenes Spiel nicht kannte, mussten ihm kurz die Spielregeln erklärt werden. Nur wenn etwa bei den Würflern niemand ein Spiel kannte, mussten die Spielregeln, nach denen man würfeln wollte, eben selbst aufgestellt werden. In jedem Falle brauchten die Spielgruppen Spielregeln, auf die sich die Spieler meist mit dem Spiel, das sie wählten, einigten. Welche sie wählten, lag bei ihnen. Wenn die Spielregel aber einmal festgelegt ist, muss sie unbedingt eingehalten werden und darf vor allem nicht, weil es für jemanden gerade von Vorteil wäre, von ihm verändert werden. Versucht er es doch, verdirbt er das Spiel (ist ein "Spielverderber"). Das Spiel steht und fällt mit der Spielregel und ihrer Einhaltung: "Die Regeln eines Spiels sind unbedingt bindend und dulden keinen Zweifel." (Huizinga 1956, S. 18) Dabei ist die Spielregel für die Spieler ja nicht eine Einschränkung oder ein lästiger Zwang. Im Gegenteil. Oft sind Spielregeln sehr kompliziert, schwer zu merken und mühsam zu beherrschen. Doch macht das für viele gerade den Reiz eines so geregelten Spieles aus. Und nicht wenige neigen dazu, weitere Spielregeln zu erfinden und hinzuzufügen, die das Spiel noch schwieriger machen. Warum eigentlich? Was hat der davon, der in solcher Weise spielt? Wer spielt, verhält sich 'spielerisch': Er tut etwas nicht wegen eines bestimmten Nutzens oder Zwecks, nicht etwa zur Lebenserhaltung oder -sicherung, sondern unverbindlich und sozusagen nur probeweise. Er setzt seine Kräfte und Fähigkeiten um ihrer selbst willen ein, um sie zu betätigen, zu üben, mit anderen zu messen und sich in ihnen bestätigt und durch andere anerkannt zu fühlen. Dieses Spiel hat so seinen eigenen Ernst und ist nur dadurch richtiges Spiel: "nur der Ernst beim Spiel läßt das Spiel ganz Spiel sein." (Gadamer 1965, S. 97) Dieser Ernst des Spiels manifestiert sich vor allem in der Spielregel. Ein Spiel, das beliebig und willkürlich wäre, würde keine Selbstbestätigung und Anerkennung liefern: Menschliches Zusammenleben ist bestimmt durch Regeln, die dem Einzelnen, wenn er interagiert, präsent und bewusst sind und deren Befolgung er von seinen Interaktionspartnern erwartet, so wie er weiß, dass ihre Befolgung von ihm erwartet wird. Dies regelorientierte Verhalten wird als einer der wichtigsten Vorgänge der Sozialisation und der Lebensbeherrschung ein Leben lang erfahren, gelernt, geübt. Ein entscheidendes Merkmal des Spiels ist nun, dieses für die Interaktion grundlegende Moment von Regelorientierung, -beherrschung und -befolgung in einem risikolosen zweckfreien Probehandeln, eben im Freiraum des Spiels, zu praktizieren; Piaget hat es eingehend beschrieben (1973, S. 7-118). Was man davon hat, ist die Selbstbestätigung, dass man gegenüber konkreten Anforderungen einer Situation (etwa beim Kartenspiel: gegenüber den Zufällen der Kartenzuteilung) und im Wettstreit mit Anderen Regeln beherrschen, mit ihnen sowohl über die Zwänge der Situation als auch über Andere zu siegen vermag und von ihnen darin anerkannt wird. Was der Spieler von einem solchen Spiel hat, bezieht sich also ganz auf den Spieler selbst, auf die Bestätigung und Anerkennung, die er subjektiv erfährt. Das ist ganz anders, wenn ein solches Spielen gespielt, wenn es als Theaterspiel gespielt wird. Eine entscheidende Veränderung beschreibt Gadamer so: "Es ist eine totale Wendung, die dem Spiel als Spiel geschieht, wenn es Schauspiel wird. Sie bringt den Zuschauer an die Stelle des Spielers. Er ist es - und nicht der Spieler -, für den und in dem das Spiel spielt." (Gadamer 1965, S. 105) Beginnen wir zunächst bei den Erfahrungen der Spielgruppen. Was mussten sie unternehmen, um ihr 'Spiel über das Spiel' spielen zu können? Sie mussten die Geschichte wählen oder erfinden, die sie spielen wollten: die (fiktive) Handlung, als deren Teil das Karten- oder Würfelspiel stattfindet, und die (fiktiven) Figuren, die sie tragen. Das bedeutet allerdings noch keine "totale Wendung, die dem Spiel als Spiel geschieht"; es sind immer noch Elemente üblichen Spiels vorhanden, jetzt allerdings nicht des 'Regelspiels', sondern des 'Rollenspiels', wie es jedem als Indianer-, Räuber-, Soldaten-, Doktorspiel usw. bekannt ist, in dem die Spielenden in die Rollen bestimmter Figuren schlüpfen und in ihnen bestimmte, nämlich rollenspezifische Vorgänge spielen. Dies Rollenspiel führt in gewisser Weise das Regelspiel weiter: Die Regeln, die das menschliche Miteinander bestimmen, sind teilweise personal bezogen. Sie bilden dann bestimmte Ensembles personaler Verhaltensmuster, sozialer Rollen. Soziales Rollenverhalten ist nicht naturgegeben, es ist geschichtlich und gesellschaftlich geprägt und muss erlernt werden. Und eine wichtige Form, es zu erlernen, ist für das Kind, Rollenmuster und Rollenverhalten im Spiel (im Rollen- spiel) zu antizipieren, zu erkunden, zu erproben und einzuüben. Es sind also immer noch übliche Spielelemente, nämlich Elemente des Rollenspiels, mit denen die Spielgruppen gearbeitet haben. Doch werden diese Elemente, wird vor allem die Rolle in dem vorgegebenen Spielarrangement unserer Arbeitsaufgabe zu entscheidenden Elementen des Theaterspiels (der Begriff der 'Rolle' bezeichnet ja auch den früher auf eine Papierrolle geschriebenen Text des Schauspielers): Was die Spielgruppen tun mussten, um ihr 'Spiel über ein Spiel' spielen zu können, war, wie gesagt, dass sie eine fiktive Spielhandlung erfinden und fiktive Rollen erfinden und verteilen mussten. Bei dem Karten- oder Würfelspiel, das die. Gruppe dann spielte, war dies Regelspiel selbst nicht mehr so wichtig, es konnte sogar einmal fehlerhaft sein, d. h. die Spielregeln konnten verletzt werden, denn es ging nicht mehr um die Selbstbestätigung und Anerkennung des Spielenden durch dieses Spiel. Und es ging auch nicht um die Selbsterfahrung im Spiel sozialer Rollen. Worum es ging, war, bei dem Spiel die Figurenrollen, etwa die des Angebers, des Spielverderbers, des Falschspielers, gut erkennbar und die Handlung, die sie hervorbrachten, deutlich auffassbar zu machen: beispielsweise wenn ein Western-Szenario gewählt worden war, den Killer/Outlaw und sein (Falsch- )Spielen, den Fremden/Rächer und wie er ihn entlarvt, die Ranger/Cowboys und wie sie trickreich mitspielen, den Sheriff und wie er den Bösen überführt und verhaftet. Dass die Rollen gut erkennbar und die Handlung deutlich auffassbar sein sollen, meint dabei, dass sie dies für die Zuschauer sein sollen, auf die die ganze Veranstaltung eigentlich gezielt ist. Theaterspiel ist ein Spiel, das nicht um des Spielenden willen gespielt wird wie das Regel- und Rollenspiel, sondern das eine weitere Instanz als Spiel und Spieler aufweist: den Zuschauer, für den es gespielt wird. Theaterspiel ist Spiel: Schau-Spiel vor Zuschauern für Zuschauer. Das verändert das Spiel entscheidend, etwa den in ihm gesprochenen Dialog; er ist ein anderer, ob er nur zwischen Dialogpartnern oder vor Zuschauern gesprochen wird, "denn alles, was im Theaterdialog gesagt wird, zielt auf ihn und soll auf sein Bewußtsein wirken." (Mukarovsky 1967, S. 151) Sicher können die Spielenden Bestätigung und Anerkennung auch auf die Art ihres Spielens erhalten. Die Bestätigung und Anerkennung ist aber immer bezogen auf Zuschauer und wie sie das Spielen aufnehmen. Und die Spielenden können durch das Spiel ihrer Rollen etwas über die Rollen und über sich erfahren. Doch bleibt ein großer Unterschied etwa zur Selbsterfahrung im Psychodrama und zur sozialen Rollenerfahrung im pädagogischen Rollenspiel oder im Brechtschen Lehrstück, denn das Spiel einer Theaterrolle bleibt vor allem gerichtet auf ihre Darstellung für die Zuschauer. Und das ist es auch, was die Spielgruppen von ihrem Theaterspielen vor allem gehabt haben werden: in fiktiven Rollen eine fiktive Handlung für ihre Zuschauer überzeugend, interessant, vielleicht spannend dargestellt zu haben." (Waldmann 2004, S. 11ff.)
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| Das Drama als Zeichensystem der Personalität | "Der Text ist das, was man bei einer Aufführung des Stücks von Brecht zu Beginn der 21. Szene hören würde. Es ist das Wichtigste, der Haupttext der Szene, lässt aber noch manches offen und im Unklaren: Wo und wann spielt die Szene? Wer spielt hier? Was ist es, das der eine immer noch nicht hat? Was ist das "Mahnwort"? Worum geht es insgesamt? Das kann geraten, sollte aber noch nicht verraten werden. Es genügt zunächst die Einsicht, dass zum Drama offenbar noch mehr als nur das gesprochene Wort, dass zum Haupttext noch ein Nebentext gehört. [...]
Bei seiner Unterscheidung zwischen den beiden Textarten im Drama hebt Ingarden eine Besonderheit des Dramas besonders hervor: dass ein Drama seinem entscheidenden Haupttext nach aus ,,'wirklich' gesprochenen Sätzen" besteht und der Nebentext vor allem die Funktion hat, das klarzustellen und einzurichten. Die andere Funktion des Nebentextes bezeichnet Ingarden an anderer Stelle so: "In einem Schauspiel fällt der Nebentext als Text fort." (1965, S. 339) Und auf die Aufführung ist das Drama allen seinen strukturellen Merkmalen nach ja gerichtet. Sieht man das Drama so an, könnte man sich schon einmal verwundert fragen: Was ist das für ein literarisches Gebilde, das aus zwei Textarten zusammengesetzt ist, von denen die entscheidende auschließlich aus wörtlicher Rede besteht und die andere den Haupt- zweck hat, das deutlich zu machen und dabei wegzufallen?
Keine Schwierigkeiten des Verständnisses bereitet der Haupttext. Er besteht aus 'direkter Rede', aus Dialogen [...]
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| Merkmale des neuzeitlichen Dramas | zu 1) "Das Grundmerkmal der Kunst ist nach den Auszügen aus dem 70. Stück die "Absonderung". Was allgemein ein Merkmal menschlicher Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit ist, betreibt sie ausschließlich, gezielt und intensiv. Sie sondert aus der "unendlichen Mannigfaltigkeit" der Wirklichkeit so viel ab, dass ihre Gegenstände, auf die für uns jeweils wichtigsten Strukturen und Merkmale reduziert, von uns sicher und genau auffassbar und verstehbar werden. Das Kunstwerk bedeutet eine intensivere Wahrnehmung ermöglichende Reduktion von Wirklichkeit. In vergleichbarer Weise versteht Lévi-Strauss das Kunstwerk als "verkleinertes Modell" (in der Art von Modellautos, Buddelschiffen, Japanischen Gärten usw.): weil in ihnen die Wirklichkeit "quantitativ vermindert ist, erscheint sie uns qualitativ vereinfacht. Ge- nauer gesagt, diese quantitative Umsetzung steigert und vervielfältigt unsere Macht über das Abbild des Gegenstandes; durch das Abbild kann die Sache erlaßt, in der Hand gewogen, mit einem einzigen Blick festgehalten werden." (Lévi-Strauss 1968, S. 37) Wir haben im vorhergehenden Abschnitt gesehen, dass das Drama eine "frag- mentarisch erlebte" (Hamburger), eine reduzierte Wirklichkeit ist. Das hat es, das wird nun von Lessings Argumentation aus sichtbar, mit allen Kunstwerken gemeinsam. Wichtig für die Erkenntnis des Dramas im Unterschied zu anderen Kunstwerken und literarischen Gattungen ist nun, was bei ihm von der Wirklichkeit "abgesondert" ist bzw. auf welchen Teil der Wirklichkeit es reduziert ist. Das hängt u. a. mit dem Gestaltbegriff des literarischen Kunstwerks zusammen:" (Waldmann 2004, S. 51f.) zu 2) "Das literarische Kunstwerk, und damit ist bei Lessing praktisch stets das Drama gemeint, ist nach dem 34. Stück ein "eigenes Ganze" von besonderer Dignität, denn in ihm ahmt der Autor das göttliche Werk der Schöpfung nach. Damit ist (durch den verwendeten Begriff des "Genies") zunächst auf die besondere "Schöpfer"kraft des Autors hingewiesen, die sich in seinem Werk darstellt, aber auch etwas über die Art des Werkes gesagt: 'Schöpfung' bedeutet, wie vor allem Jacobis Berichte über seine Gespräche mit Lessing ausweisen [...] für den an Spinoza orientierten, entschieden pantheistisch eingestellten Lessing nicht im christlichen Sinne das unbegreifliche Werk eines jenseitigen Gottes, sondern im Sinne antiken Kosmosdenkens das sinn-, ordnungs- und regelhafte und darin g öttliche All der Welt. Für das literarische Kunstwerk meint eine solche Bestimmung als 'Schöpfung', dass es vor allem als strukturell streng gefügtes, Gebilde verstanden ist, so wie es das 30. Stück ausführt: Als Werk, das ausschließlich durch notwendig ineinander gegründete Kausalketten von "Ursachen und Wirkungen" bestimmt ist. Mit dieser kausallogischen und rationalistischen Auffassung ist Lessing ganz der Aufklärung verpflichtet. Wichtig für das Drama ist nun, wie es als solch kausallogisches Ganzes zustandekommt:" (Waldmann 2004, S. 52) zu 3) "Lessing beschreibt im 31. Stück, wie ein Drama der Art, wie er es fordert, entsteht: Das bloße Faktum einer Mordtat reicht nicht für ein Drama, sie muss in umfassendere Zusammenhänge gestellt werden. Solche wären beispielsweise Umwelt und 'Milieu' der handelnden Personen: wären die geschichtlichen Bedingungen, die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse und Zwänge, vielleicht die politischen Nöte und Bedrängungen, die ihre Sozialisation geprägt haben und ihr Leben und Handeln bestimmen. All das wird von Lessing "abgesondert": die "historische, Glaubwürdigkeit" des Verbrechens interessiert ihn nicht; das dramatische Geschehen wird um alle geschichtlichen, gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen Umstände und Bedingungen "verringert". Ausführlich "vermehrt" und ausgestaltet werden dafür die Charaktere der Personen, und allein aus ihnen entsteht die dramatische Handlung. Eben das bewirkt dann die 'Ganzheitlichkeit' dieses Dramas, den strikten Kausalnexus "von Ursachen und Wirkungen": Alles dramatische Geschehen entspringt ausschließlich und "notwendig" aus den Charakteren der Personen. Das ist die absolute Personalität des neuzeitlichen Dramas, das in Deutschland entscheidend durch Lessing geprägt wurde, so wie sie im vorhergehenden Abschnitt genauer beschrieben wurde. Es ist der exakte Ausdruck des in Deutschland maßgeblich von der bürgerlichen Aufklärung eingeführten und vertretenen Weltbildes der Subjektivität: "der Subjektivität als solcher in ihrer ungefesselten Selbstbestimmung und Freiheit" (Hegel). - Für die Rezeption leistet diese Reduktion auf die dramatischen Personen und deren 'kausallogische' Ausgestaltung Beträchtliches: Es wird ein überschaubares und gut nachvollziehbares dramatisches Geschehen entworfen, gut nachvollziehbar vor allem deshalb, weil die dramatischen Figuren optimal zur Identifikation, zum Einfühlen, Mitfühlen und Mitleiden geeignet sind." (Waldmann 2004, S. 52f.) zu 4) "Die geschichtliche und gesellschaftliche Wirklichkeit ist als solche aus diesem Drama "ausgesondert": Da die Bedeutung der Personen für das dramatische Ge- schehen so stark "vermehrt" worden ist, können geschichtliche und gesellschaftliche Wirklichkeit an und neben den Personen i. a. nur noch personal vermittelt und indirekt erscheinen. [...]" (Waldmann 2004, S. 53)
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| Dekonstruktion der dramatischen Figur | zu 1) "Der Text Deichsels handelt von einem psychisch Gestörten, der seinen (unbewussten) Trieb zu töten als innere Stimme hört. Das Phänomen, dass unser Handeln von einer 'inneren Stimme' begleitet ist, ist allerdings kein Zeichen psychischer Störung, sondern allbekannt, vor allem wenn diese Stimme von etwas abrät: Das Gewissen ist die 'Stimme' des uns ansozialisierten ethischen Verantwortungsbewusstseins und äußert sich mahnend, warnend, abratend vor und missbilligend ('Gewissensbisse') nach unserem Handeln. Es bedeutet letztlich eine Art von Ich-Spaltung, denn das Ich spaltet sich, wenn sein Gewissen 'spricht' oder 'schlägt', in einen handelnden und einen das Handeln beurteilenden Teil. Dieser innere Vorgang, dass wir uns in einen handelnden und einen das Handeln beurteilenden Teil aufspalten, kann in diesem dramatischen Modell dargestellt werden, wobei aber nicht nur ethisch hochwertige, etwa der 'Stimme' des Gewissens folgende, sondern auch seinen Anspruch bestreitende, mit ihm streitende und gegen seine 'Stimme' handelnde innere Vorgänge dargestellt werden können. Und es können 'gewissenlose', ganz einem mehr oder weniger stark wirkenden und als innere Stimme erfahrenen (unbewussten) Trieb: einem 'anderen Ich' gehorchende Handlungen gestaltet werden. In jedem Fall geht es darum, eine Figur in einer gewissen inneren Gespaltenheit darzustellen und die dramatische Wirkung dieser Darstellung zu erfahren. Dabei muss es sich nicht unbedingt um 'hochdramatische' Vorgänge handeln." (Waldmann 2004, S. 202)
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| Dekonstruktion der Handlung | zu 1) "Biografie: Ein Spiel wurde 1968 uraufgeführt. Über die dramaturgische Idee, die dem Stück zugrundeliegt, hat Frisch schon 1965 in seiner Schillerpreis-Rede (Frisch 1967, S. 90-99) ausführlich gesprochen: Nach "Andorra" (1961) hat er nichts mehr geschrieben; ihm ist "seine eigene Stückeschreiberei verleidet" (S. 95). Der Grund dafür ist, wie er später sagt: "daß ich als Stückeschreiber eine bestimmte Dramaturgie, die ich gelernt habe, nicht mehr brauchen kann." (Frisch 1969, S. 8) Er findet nämlich die konventionelle Gestalt der dramatischen Handlung, wie er sie bislang geschrieben hat, unglaubwürdig: die "Meinung, ein [dramatischer] Vorgang könne nur überzeugen, wenn er sich aus der Entwicklung als zwingend darstellt, ein Axiom der klassischen Dramaturgie" (S. 96). Er stellt dagegen: "Tatsächlich sehen wir, wo immer Leben sich abspielt, etwas viel Aufregenderes: es summiert sich aus Handlungen, die oft zufällig sind, und es hätte immer auch anders sein können, es gibt keine Handlung und keine Unterlassung, die für die Zukunft nicht Varianten zuließe." (S. 97) Deshalb fordert er, "die Dramaturgie der Fügung abzumelden, die klassi- sche, die unentwegt den Beweis erbringt, daß es so und nicht anders habe kommen müssen" (S. 97), und an ihre Stelle eine "Dramaturgie für den Zufall" (S. 99) zu setzen, ein" Varianten-Spiel" (Frisch 1969, S. 32)." (Waldmann 2004, S. 218)
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| "Maria Stuart" | Die Zeitgestaltung:
Handlung und Handlungsführung:
Die Figurendarstellung:
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| Das Epische Theater |
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