Über
die Alpina-Rechenmaschine
Martin
Reese

Dieser kleine Bericht
über die beliebte, aber wenig verbreitete Alpina-Rechenmaschine kommt
aufgrund einer Anregung von Herrn Anthes zustande. Als er vor einigen
Jahren (Leertaste Heft 5/88) über die Kuhrt-Rechenmaschine u.a. schrieb,
daß nur bei diesem Fabrikat Schwenksprossenräder im Einstellwerk verwendet
wurden, erinnerte ich mich an die kleine Alpina (Seriennummer 005 063,
Baujahr ca. 1965), die ich im vorigen Jahr durch Herrn Obergfells Hinweis
in London aufgespürt hatte und bald darauf aus lauter Neugier ein wenig
zerlegt hatte. Dabei stellte ich entgegen meiner Vermutung fest, daß die
mit den Einstellringen verbundenen Sprossenräder völlig unüblich ihre
9 Sprossen nicht nach außen, sondern zur Seite verschieben.
Konstruktionsvorteil:
Der Umfang der Sprossenräder bleibt klein - und darauf ist diese Miniatur-Rechenmaschine
ja in allem angelegt: Sie ist nur 3 cm dick, 17 cm lang und 7,5 cm hoch.
Ihr Gewicht beträgt 550 Gramm. Wer will, kann sie gut in einer Manteltasche
unterbringen.
Ich mag und kann auch
gar nicht den gesamten Mechanismus der Alpina beschreiben, sondern beschränke
mich auf einige Besonderheiten.
Im Umdrehungszählwerk fällt sofort auf, daß dort nach antiquierter Art
die Ziffernanzeige für Produkte oder Quotienten in weiß bzw. rot erfolgt.
Wir kennen dies von sehr alten Handkurbelmaschinen, bei denen die Ziffernräder
des Umdrehungswerks 18 sehr kleine Ziffern aufnehmen mußten. Hatte die
Maschine keine Zehnerübertragung, wurden sämtliche Ziffern hintereinander
angeordnet.
Die Brunsvigamaschinen der 30er Jahre erhielten dann zwar eine Zehnerübertragung
im Umdrehungswerk, die weißen und roten Ziffern aber behielt man bei.
Sie lagen allerdings jetzt nebeneinander, waren entsprechend größer und
besser abzulesen und wurden durch eine verschiebbare Blende optisch voneinander
getrennt.
Genau diesen Lösungsweg wählten auch die Alpina-Konstrukteure, wobei sie
jedoch eine noch raffiniertere Blende ersannen, die - je nach Drehrichtung
der Handkurbel - aus der Versenkung herausschnellt oder wieder in derselben
verschwindet. Eine Zehnerübertragung in den beiden unteren Rechenwerken
ist selbstverständlich.

Abb.2: Drehblende
des Umdrehungszählwerks, rätselhafte Komplentärzahlen
im Hauptzählwerk, Getriebe, Klappkurbel
Eine andere Besonderheit
der Alpina sehe ich darin, daß hier die dekadische Verschiebung nicht
mit einem untenliegenden Schlitten ausgeführt wird, sondern durch eine
rastende Verschiebung des oberen Einstellwerkes mitsamt der Klappkurbel.
In Verbindung mit dem 1,6 kg schweren Klemmsockel verwandelt sich die
Alpina von einer Hand- in eine Tischrechenmaschine, die man nach einiger
Übung sogar einhändig bedienen kann.
So löscht man beispielsweise die unteren Werke, indem man einfach die
rechte Daumeninnenseite entlang der großen Löschrändelräder nach oben
zieht. Eine Vierteldrehung reicht der Löschachse schon.

Abb. 3: Einstellwerk
mit drei verschwenkten Sprossen, Einrastvorrichtung, Zählfinger
auf der Steckachse (r.)
Ebenfalls den Brunsviga-Konstrukteuren
abgeschaut sind die kleinen Schaufenster, die anzeigen, ob die Löschung
vollständig durchgeführt oder die Kapazität der Maschine überzogen wurde
(eine Glocke gibt es also nicht).
Was die Alpina-Rechenmaschine
noch heute so interessant macht, ist zunächst die absolute Miniaturisierung
des Rechenmaschinenbaus. Diese Bewunderung muß sie allerdings mit der
weit mehr verbreiteten CURTA teilen. Warum die Alpina im Laufe von 10
Jahren (1962-72) über einige Tausend (ca. 8 000 ?) ausgelieferte Exemplare
nicht hinauskam, kann ich z.Zt. nur so erklären:
1. Das Konkurrenzproduk "Curta 1" war schon mehr als 10 Jahre früher sehr
erfolgreich auf dem Weltmarkt eingeführt worden (bis 1962 wurden rund
40 000 Exemplare vom Typ I verkauft);
2. Die Werbung für die Alpina muß einmalig schlecht gewesen sein, ebenso
das Vertriebssystem;
3. Die Vorteile des Tischbetriebes und des linearen Ablesens der Zahlen
waren nicht überzeugend genug, um in den Curta-Kundenstamm eindringen
zu können, zumal die Preise beider Produkte über Jahre hinweg einheitlich
bei 425,- DM lagen.

Abb. 4: Zehnerschaltwelle:
Schiebersteuerung für den Sperrmechanismus des Einstellwerks
Aber was damals schlecht
für die Firma war, ist heute eher zum Freuen: Alpina-Maschinen werden
selten bleiben, selbst aus Ersatzteilen nachgefertigte Exemplare sollen
in Kaufbeuren nicht mehr zu haben sein.
Ein letzter Blick auf die Rechenmaschinen-Landschaft der 60er Jahre legt
die Vermutung nahe, daß die "Alpina-Universalrechenmaschine" die letzte
wirkliche Neukonstruktion auf dem Gebiet der mechanischen Handrechenmaschinen
war.
Andere
Konstruktionen aus dem letzten Jahrzehnt des mechanischen Rechenmaschinenbaus
wie die "Schubert E" oder "Olympia RT 4" muß man meines Erachtens eher
als Facit-Nachbauten einstufen.

Abb. 5: Achse des Einstellwerks mit Zählfinger,
Sprossenrad und Einstellring
1= Steckachse mit Zählfinger für das Umdrehungswerk, 2=linke
Begrenzungsscheibe, 3= Sprossenrad mit 9 Schwenksprossen, 4= Sperrmechanismus,
5= Einstellring mit Rasten-Innen-Verzahnung (a) und Schwenksprossensteuerung
(b), 6= rechte Begrenzungsscheibe mit Führung für (7), 7=
Schieber, welcher den Sperrmechnaismus (4) betätigt, sobald die
Handkurbel gedreht wird
Anmerkungen, Hinweise,
Fragen
Herstellerfirma: Alpina
Werke, Kaufbeuren - gegründet 1950/51 von Dr. 0. R. Bovensiepen, der 1961
die Schreibmaschinenfertigung an die Standard Elektrik Lorenz (Fernschreiber
u.a.) und 1964 die gesamten Alpina-Werke an die Vorwerk-Gruppe verkaufte.
Ende der 60er
Jahre wechselte der Inhaber erneut: Bis 1972 gehörten sie Oskar Mildner.
1962 wurde die Alpina-Rechenmaschine auf der Sonderschau der Hannover-Messe
"Die gute Industrie-Form" gezeigt.
Ich hätte diesen kleinen Artikel gern zu einem Vergleich mit der Curta-Rechenmaschine
genutzt, mußte aber darauf weitgehend verzichten, weil ich keine Curta
besitze - leider. Wer weiß Genaues über die Kaufbeurer Fabrik, die Produktionszeit
und die tatsächliche Anzahl der verkauften Maschinen ? Wer erklärt mir,
weshalb das Ergebniswerk Ziffernrollen besitzt, auf denen auch Komplementärzahlen
stehen? Ohne Schiebeblende ist das doch ohne Sinn - oder ?
Um Ergänzungen und Kritik wird gebeten.
Quellenmaterial
Diverse Bände der Nachschlagewerke
- Büromaschinenlexikon;- Büromaschinenkompaß; - Burghagens Zeitschrift
für Bürobedarf 1961-68. Abbildungen: Alpina-Werke (Abb.5); Fotos vom Verfasser.

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