Sachliche Diagnostik ermöglicht bessere Förderung des Schülers
Von der Klassenarbeit zum objektivierten Schulleistungstest
Von Fritz Nestle
In der industriellen Produktion gibt es Werkstücke, bei deren Herstellung
verschiedene aufwendige Arbeitsgänge aufeinanderfolgen. Nach jedem
Bearbeitungsschritt wird sorgfältig geprüft, ob die verlangten
Eigenschaften und Maße erreicht worden sind. Gibt eine solche Zwischenkontrolle
Anlaß zur Beanstandung, so wird das betroffene Werkstück sofort
aus dem normalen Produktionsgang ausgeschieden. Zusätzliche Arbeitsgänge
sorgen dafür, daß es wieder in den normalen Produktionsablauf
eingegliedert werden kann. - Auf diese Weise wird verhindert, daß
ein bereits untaugliches Werkstück weitere Kosten verursacht und den
Produktionsgang belastet.
Die Kontrolle der einzelnen Produktionsschritte und der Fortgang der
Produktion werden in der Industrie gleichrangig behandelt. Auf die Rationalisierung
der Prüfverfahren und auf deren Wirksamkeit wird ebensoviel Sorgfalt
verwendet wie auf die eigentlichen Produktionsschritte.
Neben vielen Unterschieden gibt es einige bemerkenswerte Parallelen
zwischen einem Produktionsprozeß und den Aufgaben, welche die Schule
im Auftrag der Gesellschaft bei den Heranwachsenden wahrzunehmen versucht.
Von einem jungen Menschen wird heute am Ende der Schulzeit eine Vielzahl
von Kenntnissen und Fertigkeiten verlangt. Die Vermittlung dieser Kenntnisse
und Fertigkeiten ist, wie am Kultusetat abgelesen werden kann, eine recht
aufwendige Angelegenheit. Dieser Aufwand wird in den nächsten Jahren
sogar noch zunehmen müssen, weil der Anteil der Schüler an der
Gesamtbevölkerung steigt.
Wie steht es nun beim Lernprozeß mit den laufenden ,,Fertigungskontrollen"?
Wird in der Schule dafür gesorgt, daß ein Schüler erst
dann einer neuen Lernforderung konfrontiert wird, wenn er die notwendigen
Voraussetzungen mitbringt? Ist es schließlich in diesem Bereich überhaupt
möglich, mit der gleichen Sicherheit wie bei einem Maschinenteil die
Einzelschritte auf dem Weg zum gewünschten Ergebnis festzulegen und
das Ergebnis selbst zu fixieren?
Um gleich bei der letzten Frage zu beginnen: Wir Lehrer meinen nicht,
daß man das Ziel der Erziehungs- und Bildungsarbeit der Schule mit
einigen Zahlen bestimmen und zulässige Toleranzen angeben kann. Trotzdem
müssen wir zugeben, daß die derzeit üblichen Methoden,
den Lernfortschritt der Schüler zu verfolgen, noch höchst unzulänglich
sind. Die diagnostische Trennschärfe der herkömmlichen Klassenarbeiten
ist, besonders im Vergleich mit dem damit verbundenen Aufwand an Zeit,
gering. In die Aufgabenstellung gehen oftmals persönliche Eigenschaften
des Lehrers stärker ein als die Anforderungen des Lehrplans (der seinerseits
in vielen Fächern von den Ergebnissen der Curriculumforschung, vor
allem der ausländischen, noch fast unberührt ist). Eine besondere
Schwäche der Klassenarbeiten liegt zudem darin, daß die Intervalle
zwischen zwei aufeinanderfolgenden Arbeiten viel zu groß sind.
Nun höre ich schon die Abwehr: ,,Wir ersticken schon jetzt in
Korrekturen; wir können nicht noch mehr Arbeiten schreiben lassen!"
Das erste mag durchaus zutreffen. Trotzdem kann eine Vermehrung der Zahl
der schriftlichen Arbeiten sogar mit einer Entlastung des Lehrers Hand
in Hand gehen. Wir müssen nur die schriftlichen Arbeiten in Richtung
auf den objektivierten Test hin entwickeln.
Der Zeitaufwand bei der Korrektur läßt sich aufgliedern
in Such-, Entscheidungs- und Bewertungszeiten.
Suchzeiten : Wenn Klassenarbeiten in Hefte geschrieben werden, muß
die Arbeit zunächst im Heft gesucht werden. Dann beginnt sie bei einem
Schüler links oben, bei einem anderen rechts in der Mitte. Bei jedem
neuen Heft muß sich also der Korrigierende auf ein völlig neues
äußeres Bild der Arbeit einstellen. Die Suchzeiten verringern
sich erheblich, wenn für jede Antwort der Platz genau vorgeschrieben
ist. Dies ist nur bei Testbogen möglich.
Entscheidungszeiten: Die Entscheidungszeiten hängen ganz wesentlich
davon ab, welche Aufgabe gestellt wird. Wenn der zu prüfende Stoff
so in Fragen aufgegliedert ist wie bei den Schritten eines Lernprogramms,
so ist die Entscheidung auf eine Ja-nein-Entscheidung reduziert; sie nimmt
dann nur wenige Sekunden in Anspruch. Die Entscheidungszeit wächst
um Größenordnungen, wenn schon die Einzelentscheidung quantitativ
ist, wenn also ein Richtigkeitsgrad bestimmt werden muß. Man kann
zwar nicht jede Prüfung auf Ja-nein-Entscheidungen zurückführen,
aber doch einen ganz beträchtlichen Teil. Die Auswahlantwort (multiple
choice) kann zu einer Zwischenform zwischen Ja-nein-Entscheidung und quantitativer
Entscheidung ausgebaut werden.
Bewertungszeiten: Die Korrektur schließt ab mit der Bewertung.
Am einfachsten ist es, über ein Punktsystem die Bewertung einer Arbeit
rechnerisch aus der Summe der Einzelentscheidungen abzuleiten (z. B. 1
2 Punkte: sehr gut, 11 Punkte: gut bis sehr gut . . .). Das geht ganz rasch,
wenn bereits im voraus für jede Einzelentscheidung eine Punktzahl
festgelegt wurde. Die Willkür der Punktzuweisung ist bei erprobten
Tests geringer. Solche
nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erprobten Tests werden zum
Beispiel vom Verlag Juhus Beltz, 6940 Weinheim, Postfach 167, angeboten
(Kostenlose Druckschrift ,,Deutsche Schultests".) Auch das MaxPlanck-lnstitut
für Bildungsforschung arbeitet an diesem Problem.
Solange das Testangebot noch so grobmaschig ist wie jetzt, muß
man sich mit ,,handgestrickten" Tests behelfen. Zu den technischen Voraussetzungen
gehört dann ein guter Spiritumdrucker. Viel Zeit kann gespart werden,
wenn man auch noch über einen Thermokopierer verfügt.
Wenn man über genügend Tests verfügt, bei denen die
Einzelentscheidungen auf Ja-nein-Entscheidungen reduziert sind, kann man
weitere Korrekturzeit sparen, indem man bei einem Teil der Tests die Korrektur
den Schülern selbst überläßt. Ein Schreibprojektor
kann dazu den Lösungsbogen an die Wand projizieren. Auch zur elektronischen
Auswertung der Prüfung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Nehmen wir jetzt einmal an, wir hätten ein so dichtes Netz von
Testbogen, daß wöchentlich einmal der Lernfortschritt der Schüler
festgestellt werden könnte. Was geschieht mit Schülern, deren
Lernfortschritt in einem Gebiet nicht ausreicht? An dieser Frage entzündet
sich der Eifer der Bildungspolitiker aller Schattierungen, noch ehe das
Instrument zur Messung des Lernfortschritts in ausreichendem Maß
zur Verfügung steht: Gesamtschule mit Leistungsdifferenzierung fordern
die einen, Auflösung der Jahrgangsklasse die anderen, während
die Konservativeren befürchten, daß vorschnell ein immerhin
funktionierendes Schulsystem zugunsten unsicherer Experimente aufgegeben
wird.
Unabhängig davon, welches Schulsystem sich in der Zukunft behaupten
wird, verbessert die Einführung des Tests die diagnostischen Möglichkeiten
des Lehrers und kann auf diese Weise dazu verhelfen, daß der einzelne
Schüler besser im Maß seiner Fähigkeiten gefördert
werden kann.