Allgemeiner Schulanzeiger 3, 1968 (S. 35, 38)

Sachliche Diagnostik ermöglicht bessere Förderung des Schülers

Von der Klassenarbeit zum objektivierten Schulleistungstest
Von Fritz Nestle

In der industriellen Produktion gibt es Werkstücke, bei deren Herstellung verschiedene aufwendige Arbeitsgänge aufeinanderfolgen. Nach jedem Bearbeitungsschritt wird sorgfältig geprüft, ob die verlangten Eigenschaften und Maße erreicht worden sind. Gibt eine solche Zwischenkontrolle Anlaß zur Beanstandung, so wird das betroffene Werkstück sofort aus dem normalen Produktionsgang ausgeschieden. Zusätzliche Arbeitsgänge sorgen dafür, daß es wieder in den normalen Produktionsablauf eingegliedert werden kann. - Auf diese Weise wird verhindert, daß ein bereits untaugliches Werkstück weitere Kosten verursacht und den Produktionsgang belastet.
Die Kontrolle der einzelnen Produktionsschritte und der Fortgang der Produktion werden in der Industrie gleichrangig behandelt. Auf die Rationalisierung der Prüfverfahren und auf deren Wirksamkeit wird ebensoviel Sorgfalt verwendet wie auf die eigentlichen Produktionsschritte.
Neben vielen Unterschieden gibt es einige bemerkenswerte Parallelen zwischen einem Produktionsprozeß und den Aufgaben, welche die Schule im Auftrag der Gesellschaft bei den Heranwachsenden wahrzunehmen versucht.
Von einem jungen Menschen wird heute am Ende der Schulzeit eine Vielzahl von Kenntnissen und Fertigkeiten verlangt. Die Vermittlung dieser Kenntnisse und Fertigkeiten ist, wie am Kultusetat abgelesen werden kann, eine recht aufwendige Angelegenheit. Dieser Aufwand wird in den nächsten Jahren sogar noch zunehmen müssen, weil der Anteil der Schüler an der Gesamtbevölkerung steigt.
Wie steht es nun beim Lernprozeß mit den laufenden ,,Fertigungskontrollen"? Wird in der Schule dafür gesorgt, daß ein Schüler erst dann einer neuen Lernforderung konfrontiert wird, wenn er die notwendigen Voraussetzungen mitbringt? Ist es schließlich in diesem Bereich überhaupt möglich, mit der gleichen Sicherheit wie bei einem Maschinenteil die Einzelschritte auf dem Weg zum gewünschten Ergebnis festzulegen und das Ergebnis selbst zu fixieren?
Um gleich bei der letzten Frage zu beginnen: Wir Lehrer meinen nicht, daß man das Ziel der Erziehungs- und Bildungsarbeit der Schule mit einigen Zahlen bestimmen und zulässige Toleranzen angeben kann. Trotzdem müssen wir zugeben, daß die derzeit üblichen Methoden, den Lernfortschritt der Schüler zu verfolgen, noch höchst unzulänglich sind. Die diagnostische Trennschärfe der herkömmlichen Klassenarbeiten ist, besonders im Vergleich mit dem damit verbundenen Aufwand an Zeit, gering. In die Aufgabenstellung gehen oftmals persönliche Eigenschaften des Lehrers stärker ein als die Anforderungen des Lehrplans (der seinerseits in vielen Fächern von den Ergebnissen der Curriculumforschung, vor allem der ausländischen, noch fast unberührt ist). Eine besondere Schwäche der Klassenarbeiten liegt zudem darin, daß die Intervalle zwischen zwei aufeinanderfolgenden Arbeiten viel zu groß sind.
Nun höre ich schon die Abwehr: ,,Wir ersticken schon jetzt in Korrekturen; wir können nicht noch mehr Arbeiten schreiben lassen!" Das erste mag durchaus zutreffen. Trotzdem kann eine Vermehrung der Zahl der schriftlichen Arbeiten sogar mit einer Entlastung des Lehrers Hand in Hand gehen. Wir müssen nur die schriftlichen Arbeiten in Richtung auf den objektivierten Test hin entwickeln.
Der Zeitaufwand bei der Korrektur läßt sich aufgliedern in Such-, Entscheidungs- und Bewertungszeiten.
Suchzeiten : Wenn Klassenarbeiten in Hefte geschrieben werden, muß die Arbeit zunächst im Heft gesucht werden. Dann beginnt sie bei einem Schüler links oben, bei einem anderen rechts in der Mitte. Bei jedem neuen Heft muß sich also der Korrigierende auf ein völlig neues äußeres Bild der Arbeit einstellen. Die Suchzeiten verringern sich erheblich, wenn für jede Antwort der Platz genau vorgeschrieben ist. Dies ist nur bei Testbogen möglich.
Entscheidungszeiten: Die Entscheidungszeiten hängen ganz wesentlich davon ab, welche Aufgabe gestellt wird. Wenn der zu prüfende Stoff so in Fragen aufgegliedert ist wie bei den Schritten eines Lernprogramms, so ist die Entscheidung auf eine Ja-nein-Entscheidung reduziert; sie nimmt dann nur wenige Sekunden in Anspruch. Die Entscheidungszeit wächst um Größenordnungen, wenn schon die Einzelentscheidung quantitativ ist, wenn also ein Richtigkeitsgrad bestimmt werden muß. Man kann zwar nicht jede Prüfung auf Ja-nein-Entscheidungen zurückführen, aber doch einen ganz beträchtlichen Teil. Die Auswahlantwort (multiple choice) kann zu einer Zwischenform zwischen Ja-nein-Entscheidung und quantitativer Entscheidung ausgebaut werden.
Bewertungszeiten: Die Korrektur schließt ab mit der Bewertung. Am einfachsten ist es, über ein Punktsystem die Bewertung einer Arbeit rechnerisch aus der Summe der Einzelentscheidungen abzuleiten (z. B. 1 2 Punkte: sehr gut, 11 Punkte: gut bis sehr gut . . .). Das geht ganz rasch, wenn bereits im voraus für jede Einzelentscheidung eine Punktzahl festgelegt wurde. Die Willkür der Punktzuweisung ist bei erprobten Tests geringer. Solche
nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erprobten Tests werden zum Beispiel vom Verlag Juhus Beltz, 6940 Weinheim, Postfach 167, angeboten (Kostenlose Druckschrift ,,Deutsche Schultests".) Auch das MaxPlanck-lnstitut für Bildungsforschung arbeitet an diesem Problem.
Solange das Testangebot noch so grobmaschig ist wie jetzt, muß man sich mit ,,handgestrickten" Tests behelfen. Zu den technischen Voraussetzungen gehört dann ein guter Spiritumdrucker. Viel Zeit kann gespart werden, wenn man auch noch über einen Thermokopierer verfügt.
Wenn man über genügend Tests verfügt, bei denen die Einzelentscheidungen auf Ja-nein-Entscheidungen reduziert sind, kann man weitere Korrekturzeit sparen, indem man bei einem Teil der Tests die Korrektur den Schülern selbst überläßt. Ein Schreibprojektor kann dazu den Lösungsbogen an die Wand projizieren. Auch zur elektronischen Auswertung der Prüfung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Nehmen wir jetzt einmal an, wir hätten ein so dichtes Netz von Testbogen, daß wöchentlich einmal der Lernfortschritt der Schüler festgestellt werden könnte. Was geschieht mit Schülern, deren Lernfortschritt in einem Gebiet nicht ausreicht? An dieser Frage entzündet sich der Eifer der Bildungspolitiker aller Schattierungen, noch ehe das Instrument zur Messung des Lernfortschritts in ausreichendem Maß zur Verfügung steht: Gesamtschule mit Leistungsdifferenzierung fordern die einen, Auflösung der Jahrgangsklasse die anderen, während die Konservativeren befürchten, daß vorschnell ein immerhin funktionierendes Schulsystem zugunsten unsicherer Experimente aufgegeben wird.
Unabhängig davon, welches Schulsystem sich in der Zukunft behaupten wird, verbessert die Einführung des Tests die diagnostischen Möglichkeiten des Lehrers und kann auf diese Weise dazu verhelfen, daß der einzelne Schüler besser im Maß seiner Fähigkeiten gefördert werden kann.