Unter günstigen Voraussetzungen wird die
Lerngeschichte eines Menschen von 2 Hauptparametern dominiert:
- Vom Anteil des Informationsstroms, der im Gehirn
verarbeitet und für längere Zeit gespeichert wird.
- Von der Vergessensquote.
In erster Näherung kann für den gespeicherten
Anteil des Informationsstroms ein konstanter Mittelwert angenommen werden.
Die Vergessensquote ist zum gespeicherten Informationsvoulmen proportional.
Die Proportionalitätskonstante ist in begrenztem Maß durch Bildungsmaßnahmen
beeinflußbar (Siehe Exponentialgesetz des Vergessens).
Akzeptiert man diese Annahmen, so kann man Lernzuwachs und maximales
Lernvolumen mit einer einfachen Differenzengleichung für verschiedene
Parameterwerte simulieren. Nachstehend finden Sie einige Ausschnitte aus
einer derartigen Simulation.
Reihe 1: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote normal
Reihe 2: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote klein
Reihe 3: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote groß
Reihe 4: Lernzuwachs groß,
Vergessensquote groß
In den ersten zwei Lebensjahren spielen Lernzuwachs und Vergessensquote noch keine überragende Rolle. Kleinere Entwicklungsunterschiede sind aus der Praxis bekannt. Zum Beispiel schwanken der Beginn des Laufenlernens und der Beginn des Sprechens um mehrere Monate.
Ein Unterschied zwischen diesen beiden Lernaufgaben des Kindes ist bedeutsam:
Beim Laufenlernen spielen Umgebungseinflüsse (Milieu) eine wesentlich
geringere Rolle als beim Sprechenlernen. Ohne Sprachanregung lernt das
Kind keine der üblichen Verständigungssprachen.
Reihe 1: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote normal
Reihe 2: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote klein
Reihe 3: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote groß
Reihe 4: Lernzuwachs groß,
Vergessensquote groß
Über eine Zeit von 48 Monaten oder 4 Jahren werden die Unterschiede
schon deutlicher. Das Kind mit der hohen Informationsaufnahme und mit der
hohen Vergessensquote wird bereits von anderen Kindern überholt.
Reihe 1: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote normal
Reihe 2: Lernzuwachs
normal, Vergessensquote
klein
Reihe 3: Lernzuwachs
normal, Vergessensquote
groß
Reihe 4: Lernzuwachs
groß, Vergessensquote
groß
Vergrößert man den Betrachtungszeitraum auf 240 Monate oder
20 Jahre, dann zeigt sich etwas Neues: Kinder mit einer großen Vergessensquote
erreichen bald ihre maximale kognitive Perfektion. Für alles Neue,
was sie noch aufnehmen, wird Altes vergessen. Das Lernen in Geographie
mag dies erläutern: Das Kind kann den aktuellen Stoff für die
"Klassenarbeit" so lernen, daß ihm für sein momentanes Lernergebnis
ausreichende Anstrengung bescheinigt werden kann. Freilich wird dafür
bekanntermaßen inkaufgenommen, daß frühere Kenntnisse
nicht mehr verfügbar sind. Erlasse mancher
Kultusministerien erzwingen die Duldung dieses bildungspolitisch höchst
fragwürdigen Zustands, indem sie in Nebenfächern eine Überprüfung
der Kenntnisse auf extrem kurz zurückliegende Zeiträume - oft
nur eine Lernwoche oder sogar nur eine Unterrichtsstunde - beschränken.
Die Kurven zu den Reihen 3 und 4 zeigen, daß weitere Bildungsveranstaltungen
nur noch zu einem Austausch von Information, dagegen nicht mehr zu einer
Horizonterweiterung führen. Die Öffentlichkeit hat
hocheffektive Verdrängungsmechanismen zu diesem Phänomen entwickelt.
In jüngster Zeit beginnt mit TIMSS und den daran anschließenden
Aktivitäten eine Besinnung darüber.
Reihe 1: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote normal
Reihe 2: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote klein
Reihe 3: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote groß
Reihe 4: Lernzuwachs groß,
Vergessensquote groß
Reihe 5: Lernzuwachs groß,
Vergessensquote klein
"Überflieger"
In diesem Schaubild ist die Entwicklung eines oft als Überflieger bezeichneten Kindes mit aufgenommen. Es wird deutlich, daß hier die Lerngrenze in einem sehr viel späteren Alter erreicht wird. Bildungsbemühungen um solche Kinder außerordentliche Ergebnisse erreichen.
Betrachten wir Bildung als Investition in die Zukunft der Gesellschaft: Investitionen in die Bildung solcher Kinder können sich für die Gesellschaft auszahlen. Bei Kindern, deren Lernmaximum schon im mittleren Schulalter erreicht ist, bringen die nachfolgenden Lerninvestitionen nur insofern etwas, als unter günstigen Umständen nutzlose Lerninhalte durch solche mit Nutzen für die Gesellschaft ausgetauscht werden. Die folgende Graphik zeigt dies nochmals deutlich.
Reihe 1: Lernzuwachs groß,
Vergessensquote klein
"Überflieger"
Reihe 2: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote normal
Reihe 3: Lernzuwachs normal,
Vergessensquote groß
Ich, der Autor dieser Webseiten, habe das unverdiente Glück, mich nach sorgfältiger Selbstanalyse im kognitiven Bereich in die Darstellung der Reihe 1 des vorstehenden Bildes einordnen zu dürfen. Ich habe das Maximum meines Lernvolumens erst zwischen dem vierzigsten und sechzigsten Lebensjahr erreicht. Zwar lerne ich heute, in meinem neunundsechzigsten Lebensjahr immer noch Neues (vor allem im Computerbereich), aber ich kann beobachten, wie in jüngster Zeit der Zugang zu früher zuverlässig verfügbaren Gedächtnisinhalten verschüttet wird. (Ergänzung 14.5.02: Heute, im dreiundsiebzigsten Lebensjahr, gilt diese Aussage in verstärktem Maß. Nach subjektiver Beobachtung nehmen logische Ableitungen oder sogar einfaches Lesen heute mehr Zeit in Anspruch als früher.) Zum Beispiel kann ich nicht mehr alle Strophen mancher Gesangbuchlieder auswendig, die ich früher im Religionsunterricht gelernt habe. Ebenso ist die Erinnerung an manche Jugenderlebnisse oder etwa umfangreichere mathematische Beweise aus der Zeit meines Studiums nicht mehr exakt und rasch abrufbar. Dageben würde mich immer noch jede Prüfung in unregelmäßigen altgriechischen Verben an der Spitze der meisten Klassen einsortieren (Derzeit ist mir diese Fähigkeit nicht von Nutzen!). Während der Schulzeit habe ich weitaus weniger Zeit in diese Lernbereiche investiert als alle meine Klassenkameraden.
Unsere Tennisasse des letzten Jahrzehnts haben uns vor Augen geführt, daß sie im Alter von 30 Jahren nicht einmal mehr ihren Spielstand halten können.
Eine rationale Beschäftigung mit dem Schulwesen müßte
vorrangig Untersuchungsinstrumente entwickeln, mit denen die Annäherung
an das individuelle maximale Lernvolumen erkannt werden könnte, und
die Konsequenzen für die Dauer der schulischen Ausbildung und deren
Inhalte ziehen!
Exponentialgesetz des Vergessens
Dieses experimentell überprüfte Gesetz sagt aus, daß für einen konkreten Inhalt die Vergessensquote abnimmt, wenn er vollständig nachgelernt wird, ehe die Hälfte dieses Inhalts vergessen ist.
Wenn also genügend Zeit zum Nachlernen zur Verfügung steht, können Inhalte langfristig gesichert werden.
In der Schule wird das systematische Sichern von Inhalten zwar vielfach
gefordert, aber höchst selten in methodisches Vorgehen umgesetzt.