Studium Generale/ILL-Veranstaltung: Das Schreiben und die Schrift. SS 2000; 2. Sitzung am 11. Mai 2000 (Kurzfassung)

Leeßkonst, Rechenbüchlin und Leyenschuol

500 Jahre deutschsprachiger Anfangsunterricht



1. Was verstehe ich heute als Linguistin unter Schreiben und Schrift?

Schreiben ist ein Prozess,eine Handlung, mittels der eine Person einer anderen etwas mithilfe der Sprache mitteilen möchte (Folie 1); schreiben ist Teil der Kommunikation unter Menschen. Die schreibende Person ist der Produzent, der Kommunikationspartner ist der Rezipient, sie liest die Mitteilung. Schreiben und Lesen sind schriftliche, literale Kommunikationsformen; die mündlichen, oralen Kommunikationsformen sind sprechen und hören. Hören und sprechen sind in der Regel bei Schulanfängern bis zu einem gewissen Grad ausgebildet, müssen aber - etwa in Bezug auf die Aussprache, die Grammatik, Erweiterung des Wortschatz oder sprachliches Verhalten in verschiedenen Situationen - weiterentwickelt werden. In der Schule erlernen die Kinder die Kulturtechniken schreiben und lesen. Letzten Donnerstag schon stellte Herr Müller fest, dass Schreiben (und Lesen) keine anthropologischen Grundkonstanten sind. Sie sind für das menschliche soziale Leben nicht zwingend nötig und es gibt tatsächlich Kulturen ohne Schriftlichkeit. Die Notwendigkeit, Bedingung und Funktion von Schreiben und Lesen hängt von Kultur ab und damit von kulturellen oder gesellschaftlichen Änderungen.
Ist Schreiben der Prozess, so ist Schrift generell das Produkt dieses Prozesses. Das Wort `Schrift' hat im Deutschen jedoch mehrere Bedeutungen, drei möchte ich nennen:
1.) Schrift im Sinne von Schriftart, Schrifttyp. Sie sehen auf der Folie 2 links verschiedene Alphabete. Rechts Schriftzeichen für die deutsche Sprache, in verschiedenen Ausführungen: Gedruckt und handschriftlich, verbunden und unverbunden.
2.) Das Schriftstück, also ein Text.
3.) Ein ganz bestimmtes Schriftstück der abendländischen Literatur, nämlich die Bibel.
Übung 1: Schreiben Sie bitte auf eines der leeren Bätter Papier folgenden Satz: "Warum sitze ich bei diesem schönen Wetter in einer Vorlesung und nicht im Schlossgarten oder in einem Biergarten?". Geben Sie das Blatt Ihrem rechten Nebenmann oder -frau. Wählen Sie von der Folie eine Schriftart aus und schreiben denselben Satz noch einmal darunter.
Ich will im Vortrag etwas über den Anfangsunterricht, genauer über seine Anfänge in Deutschland vor 500 Jahren erzählen, nämlich warum man überhaupt gerade zu diesem Zeitpunkt damit anfing, auf Deutsch zu unterrichten; wen man unterrichtete; was gemacht wurde (Themen), wie der Unterricht durchgeführt wurde (Methode) und über der institutionelle Rahmen.

2. Verschriftlichung des Lebens

2.1 Veränderungen in Gesellschaft und ihr Folgen für das Schreiben und die Schrift
Die zeitliche Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert ist durch Veränderungen in vielen Bereichen des kulturellen und geistigen Lebens gekennzeichnet: Ergebnisse dieser Veränderungen liegen in einem neuen, durch Renaissance und Humanismus geprägten Weltbild, in anderen politischen und wirtschaftlichen Strukturen wie etwa den Städten, der Entstehung der Schicht der Bürger, der Ausweitung des Handels, in neuen technischen Errungenschaften wie dem Buchdruck. Damit einher ging die Veränderung der gesellschaftlichen Institutionen für Bildung oder Verwaltung. Wandel der sozialen Umgebung, der sozialen Bereiche bedeutet aber Wandel des Kommunkationsrahmens.

Bereich 1: Stadt und Verwaltung: Titelbücher und Schreibbücher
Weitreichende Veränderungen in der Gesellschaft hatten ihre Ursache in der Entstehung von Städten und deren Entwicklung zu politischen und wirtschaftlichen Zentren, was wiederum einen Ausbau der kommunalen Verwaltung nach sich zog. Mit dem gesteigerten Bedürfnis an Verwaltung stieg auch das an Schriftlichkeit. So wie Bildung allgemein nötig wurde zum Erhalt eines sozialen und politischen Status, so Lesen und Schreiben speziell für den beruflichen, wirtschaftlichen Erfolg.
Wichtig bei zunehmend schriftlichem Verkehr waren etwa Schreibformen wie Anreden und Briefmuster, wie sie in Formularbücher zusammengestellt wurden. Diese bestanden aus den drei Teilen: Lehre des formalen Aufbaus und Stils von Urkunden und Briefen in Dialogform, eine vollständige Liste aller Anreden (Titelbuch) und eine Mustersammlung von Briefen. Auf der Folie 3 sehen Sie ein frühes Beispiel eines solchen Buches mit dem Titel "Jn disem puchlein vint man wie man eim iczlichen schreiben sol", gedruckt in Leipzig im Jahr 1488; den Autor kennen wir nicht. Diese Schrift enthält eine Liste der Anreden, Anfangs- und Schlußformeln für Briefe an Personen verschiedenen Standes und Geschlechtes. Hier sehen Sie die Anreden für einen Juden, den Papst, den römishcen und türkischen Kaiser sowie eine Jungfrau.
Neben den Schreibformen wurden in Kanzleien noch Werke zu Schreibstilen wie Wortwahl und Rhetorik gebraucht sowie über Schriftarten, d. h. Schönschreiben und Kalligraphie. Übung 2: Nehmen Sie den Zettel von Ihrem Nebenmann und schreiben Sie den Satz möglichst schön ab. Sie dürfen schnörkeln, unterstreichen usw., wie Sie Lust haben. Geben Sie den Zettel wieder weiter, versuchen Sie die Kriterien für Schönheit zu nennen. Versuchen Sie nun, den ersten Buchstaben in Anlehnung an das Beispiel auf der Folie 4 zu verzieren.

Bereich 2: Wirtschaft und Handel: Wörterbücher und Rechenbücher
Solange der Handel eher regionalen Charakter trug, bestand bei den Kaufleuten keine Notwendigkeit der Schriftkundigkeit. Die Ausweitung des Handels, die Entstehung des Fernhandels in Europa und über Europa hinaus, der damit verbundene wirtschaftliche Aufschwung, die Entwicklung des Münzgeldwesens und die neuen Produktionsverhältnisse ließen größere Handelsunternehmen entstehen, die einen festen Sitz in den großen Handelsstädten hatten und von dort aus das Geschäft in Form von Briefen und schriftlichen Handlungsanweisungen leiteten. Dadurch wurde nicht nur die schriftliche Fixierung von Einnahmen und Ausgaben in das Handelsbuch nötig. Das Aufzeichnen von Handelsgewohntheiten oder Warenkenntnis, der Handelswege, Maßeinheiten, Währungs- und Preislisten und natürlich die Korrespondenz mußten in schriftlichen Dokumenten wie Inventarlisten, Itinerarien, Kontenbüchern oder Rechnungsbüchern festgehalten werden und setzten Alphabetisierung voraus. Neben der praktischen Ausbildung gehörte also zur kaufmännischen Erziehung Lesen, Schreiben, doppelte Buchführung und Rechnen.
Der Handel in Gebiete außerhalb des deutschen Sprachraumes ließ zudem bilinguale Sprachführer entstehen, in denen Bezeichnungen für Waren, Handelsvorgänge, aber auch Redewendungen und typische Phrasen in zwei Volkssprachen gegenübergestellt wurden. Auf Folie 5 sehen sie Ausschnitte aus dem "Introito e porta de quele che voleno imparare e comprender todescho o latino" (Venedig 1477) von Adam von Rottweil. Diese Wörterbuch war an Reisende, an Kaufleute und Handwerker gerichtet und diente der Bewältigung alltäglicher Kommunikation. Die ersten Abschnitte widmen sich religiösen Bereichen (Gott, Heilige, Teufel), zahlreich sind Abschnitte über Handel, Handelswaren, Metalle, Münzen, aber auch über praktische Belange wie etwa Krankheiten. Ein ausführliches Kapitel verzeichnet Ordnungszahlen und Kardinalzahlen.
Mit das Wichtigste für Kaufleute überhaupt vermittelten die Rechenbücher. Dies waren Einführungen in die Grundrechenarten und Unmengen von Dreisatzaufgaben (5 Pfeffersäcke kosten 7 Gulden, wieviel kosten 3?) Auf der Folie 6 sehen Sie die Vorrede zu einem der ersten gedruckten Rechenbüchern in deutscher Sprache überhaupt, dem "Bamberger Rechenbuch 1483" von Ulrich Wagner. Wagner ($\ast$ zwischen 1430 und 1440,) führte eine florierende Rechenschule in Nürnberg. Er starb wahrscheinlich 1490, denn ab diesem Jahr ist seine Frau als Schuleführerin verzeichnet. Die Schule übernahm nach ihrem Tod 1513 ihr Sohn, unter dem die Schule an Bedeutung verlor. Textrezipienten waren wahrscheinlich seine Rechenschüler. In der Vorrede finden sich jedoch die Wendung "ein iglicher in teutschen lesen vnd in ciffren erfaren mag an alle vntter weysung von im selbs suolichs gelernen" (siehe Folie 6). Daher lassen sich auch Kaufleute als Textrezipienten vorstellen, natürlich nur, wenn er lesefähig ist. Ulrich Wagner, der als erster für volkssprachliche Rechenbücher im deutschen Sprachraum das neue Medium Druck nutzte, sollte mit seinem Werk allerdings keinen breiten Erfolg haben. Sein Buch wurde nicht nachgedruckt, die wenigen überlieferten Exemplare lassen auf eine geringe Verbreitung schließen.

Bereich 3: Handwerk und Kunst
Der Übergang zu schriftlicher Vermittlung findet sich auch bei Handwerkern. Was vorher durch mündliche Weitergabe vom Meister zum Lehrling und praktische Erfahrungen vernmittelt worden war, wurde nun in Büchern verbreitet. Die Baukunst bietet ein typisches Beispiel für ein Handwerksgebiet mit ehemals mündlicher Vermittlung und Geheimhaltung von Erfahrungswissen innerhalb der Bauhütten. Ende des 15.~Jhs. erscheinen vier erste kurze Schriften in deutscher Sprache, darunter 1486 das Fialbuch von Matthäus Roritzer (Folie 7, Fialenbücher widmeten sich der Beschreibung von Bau und Ausstattung der Fialen und der Wimpergen). Roritzer war Handwerker und schrieb aus der Praxis heraus. Das Wissen, das Verfasser solcher Abhandlungen vermittelten, basierte sowohl auf eigener Erfahrung wie auch der mündlichen Tradition früherer Bauhütten. Deutlich ist die Intention, didaktische Schriften für andere Baumeister, also Fachleute mit Bau- und Konstruktionsanweisungen zu verfassen.
Ein Spezialgebiet der Architektur, die sich wie alle Gebiete in der Frühen Neuzeit in mehrere Spezialgebiete aufspaltete, war der Festungsbau, die mit den Fortschritten im Geschützbau und der Verlegung von Zentren und Machtsitzen von Burgen in Städte wichtiger wurde. Eine Schrift dazu verfasste der ehemalige Goldschmied Albrecht Dürer 1527. Zu Dürers Zeit verstand sich die Malerei in Deutschland noch als Handwerk, das sich in "brauch" und praktischen Fertigkeiten vermitteln ließ. Dürer jedoch lernte während seiner Aufenthalte in Italien (1494/5 und 1505--7) u.a. neue Methoden wie Perspektive kennen. Durch diese Eindrücke wurde er angeregt, die praktischen Fähigkeiten der deutschen Maler auf sichere theoretische Grundlagen zu stellen und dadurch zu verbessern. Sein Ziel war, die geometrischen Grundlagen der Kunst in Lehrbüchern zusammenzufassen und für den Handwerker verständlich und damit nutzbar zu gestalten: Was er sich selbst erarbeitet hatte, wollte er nun nicht mehr geheim halten, sondern anderen zur Verfügung stellen. 1525 erschien in Nürnberg die "Vnderweysung der messung", die allen "kuenstbegyrigen jungen, allen maleren Goldschmiden Bildhaweren Steynmetzen Schreyneren vnd allen den so sich des maß gebrauchen dienstlich seyn mag" (Titel).
Übung 3: Auf der Folie 8 sehen Sie die Initialen Dürer, daneben ein vollständiges Versalienalphabet von Johann Neudörfer (1538). Zeichnen Sie Ihre eigenen Initialen nach den Vorgaben.

2.2 Buchdruck, Lesen, Buchbesitz
Alle diese Bücher waren nur möglich durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern; und Bücher waren sehr teuer. Anfangs unterschieden sich Buch und Handschirft wenig im Aussehen (Folie 9 Lateinische Bibel, gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz in den Jahren 1453/55; Handschrift aus dem Jahr 1425 des Textes De rerum naturis von Hrabanus Maurus; die Handschrift erkennt man an den Hilfslinien). Um 1480 setzte sich das Buch gegen die Handschrift durch. Anzeichen dafür sind etwa die Bevorzugung kleiner Formate und der Niederlegung zeitgemäßer Texte oder der Rückgang des Lohnschreibergewerbes, stattdessen der Ausbildung des Verlagswesens und der Buchmessen sowie der Entstehung neuer handschriftlicher Textsorten wie Briefe oder biographischer Notizen. Alle lehrenden und wissensvermittelnden Texte nutzten bald die neue Technik des Buchdrucks.
Der Anteil der Lesekundigen in der Gesamtbevölkerung wuchs allerdings nur langsam, so daß lange große Teile der Bevölkerung noch auf mündliche Vermittlung des schriftlich Fixierten angewiesen waren. Schätzungen sehen die Lesefähigkeit um 1500 auf 2 % der Bevölkerung, dies waren in der Regel Kleriker, Literaten oder Angehörige der Oberschicht. Die Ausweitung auf neue Bevölkerungskreise setzt erst nach 1520 ein. Doch auch zur Zeit der Reformation 1525 schätzt man lediglich 5 % lesefähiger Einwohner.
Bücher gab es in Bibliotheken, in Klosterbibliotheken, Schul- und Universitätsbibliotheken; diese waren mit wenig Ausnahmen auf Latein. Privater Buchbesitz läßt sich früh bei Gelehrten nachweisen, deren Büchersammlungen in etwa denen an der Universität entsprochen haben dürften, also Latein und gelehrtes Zeug. Die entstehenden Büchersammlungen dienten im Adel hingegen zu Repräsentationszwecken, Texte etwa zur Jagd oder medizinischen Inhalts. Die Buchbestände bürgerlicher Kreise kennzeichnete vermehrt Fachliteratur, die sich mit Umständen und Methoden beruflicher Tätigkeit beschäftigte. Hier überwiegen nun deutschsprachige Texte. Erst in der 1.~Hälfte des 16.~Jhs. ist Buchbesitz in größerem Maße auch bei Handwerkern und praktisch Tätigen dokumentiert. An der Spitze standen hierbei Bader, Ärzte oder Apotheker mit Fachliteratur medizinischen oder botanischen Inhalts, aber etwa auch Stadtschreiber besaßen private Buchbestände. Die Anzahl fachlicher Texte überstieg hierbei zwar die unterhaltender; den größten Teil der Büchersammlungen machten jedoch theologische Texte, wie sie einer evangelischen Hausbibliothek angehörten, aus: Bibel, Gesangbuch, Erbauungsliteratur.

2.3 Funktion und Gebrauch der Bücher
Auch dies ist schwierig zu eruieren, man ist größtenteils darauf angewiesen, was die Autoren in den Vorwörten ihrer Bücher schreiben. Hier werden oft Zweck und Adressat der Werke angegeben. Zudem können Inhalt und Gestaltung Hinweise darauf geben, ob das Werk für Lehrer oder Lernende, als Unterrichtsgrundlage oder zum Selbststudium, zur Erstunterrichtung oder Verbesserung der Kenntnisse, für Kinder oder Erwachsene und für eine praktische oder eine theoretische Ausbildung konzipiert war.
Ein Selbststudium im Sinne einer stillen Lektüre eines Einzelnen war bei vielen Büchern tatsächlich kaum möglich. In den meisten Vorreden volkssprachlicher Lehrtexte finden sich zwar Formulierungen wie "on ein lerer", sie sind wohl aber mehr als rhetorisch hohle Redewendungen nicht zuletzt zu Reklame- und Verkaufszwecken zu deuten. In den Rechenbüchern wurde auf Selbstlerner in der strukturellen oder in der sprachlichen Gestaltung keine Rücksicht genommen.
Übung 4: Versuchen Sie folgende Aufgabe aus dem Bamberger Rechenbuch (Folie 10) zu verstehen und die Aufgaben zu lösen.
Lesebücher bedurften natürlich eines Vermittlers. Nicht unbedingt aber Lehrwerken, die weitere Themen wie Orthographie, Interpunktion oder Stilistik zum Inhalt hatten. Diese setzen vielfach die Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben voraus und zielten auf eine Verbesserung dieser Fähigkeiten. Dementsprechend waren sie nicht nur für Lehrende konzipiert, sondern auch an den Lernenden selbst gerichtet, also möglicherweise auch für ein Selbststudium geeignet.
Johann Elias Meichßner bietet in seinem "Handbuechlin (Tübingen 1538) Muster und Beispiele für Briefformen denjenigen Menschen an, die sich berufsmäßig mit Schreibstilen und -formen auseinandersetzen mußten. Er schreibt im Titel: "allen jungen Schreibern".
An den "verstaendigen ley (der zimmlich laeßen kan)" und aus dem Buch "selbs lernen" kann, sowie an den "Leermeyster" richtete sich das "Enchiridion" des Baseler Schulmeisters Johannes Kolross (Basel 1530). Obwohl Kolross angab, er habe sein Werk geschrieben, weil alle, Frauen wie Handwerker, Eltern wie Kinder lesen lernen wollten, sah er den Zweck des Buches doch weniger in einem einmaligen Durcharbeiten als in der Möglichkeit des mehrmaligen Nachschlagens oder Nachlesens.
Für effizienter hielt Peter Jordan in seiner "Leyenschul" (Folie 11, Vorrede) aber eine Vermittlung des Stoffes durch eine andere, schon lese- und schreibkundige Person, die nicht unbedingt Lehrer an einer schulischen Institution sein mußte, auch die Eltern oder der Mitgesell konnten diese Aufgabe übernehmen. Er bezweifelte zudem die Möglichkeit, jemanden "in vier vnd zwentzig stunden schreiben vnnd lesen zuo leren", mehr Zeit benötige man sicherlich für eine Unterrichtung "vngeleriger" oder "eynfeltiger", nicht "spitzfuendiger" Menschen. An solche Schüler dachte Jordan beim Verfassen der "Leyenschuol", "dann es wirt doch keyner von jm selbs gelert / er hab dan vorhin eyn vnderweiser vnd schulmeyster".
Wie sahen aber solche Schulen aus?
Die Bildungsinstitutionen vorher waren auf eine theoretische Ausbildung zur Erlangung einer gelehrten Bildung ausgerichtet. Als Grundmerkmal dieser Institutionen erwies sich der Gebrauch der lateinischen Sprache in Unterricht und Texten. Im 15. Jh. entwickelte sich jedoch auch bei einer anderen Bevölkerungsgruppe - nämlich bei Händlern und Kaufleuten - ein Bedürfnis nach Bildung und Unterricht, das neue Bildungsinstitutionen und neue Formen des Unterrichts entstehen ließ. Sicherlich kamen jedoch die Impulse für eine Ausbildung eines Bildungswesen in deutscher Sprache aus verschiedenen Richtungen: Anforderungen aus dem Kaufmanns- oder Handelsalltag oder aber aus der städtischen Verwaltung verlangten Grundkenntnisse in Mathematik, Lesen, Schreiben und Schönschreiben. In kleineren Gemeinden lag der Unterricht meist immer noch in den Händen eines Geistlichen, der mit dem Pfarramt zugleich den Dienst des Dorfschulmeisters versah. Daneben begann Unterricht in deutscher Sprache auf privater Basis als Einzelunterricht oder in Klipp-, Winkel-, Rechen- oder Schreibschulen, die je nach Umgebung mehr oder weniger geduldet oder gefördert wurden. Über das Verhältnis dieser Schultypen untereinander herrscht noch wenig Klarheit.
Die Ausbildung wie Berufsausübung war teilweise innungsmäßig organisiert. Wer etwa Rechenmeister werden wollte, musste bei einem ausübenden Rechenmeister eine Lehrzeit absolvieren und eine Abschlussprüfung ablegen; dann konnte er eine Rechenschule eröffnen oder übernehmen. In diesen meist privaten, später eventuell auch von der Stadt geförderten Schulen bot der Rechenmeister, unterstützt von einem Gehilfen oder seiner Frau für den Mädchenunterricht. Oft versahen Schulmeister in kleinen Städten auch die Dienste von Schreibern, Notaren und Visierern oder unterrichteten als Schreib- und Rechenmeister auch Schönschreiben, Briefstil sowie Buchhaltung.
Eine lange Schreib- und Rechenmeistertradition besaß beispielsweise die Nürnberger Familie Neudörfer. Johann Neudörfer d. Ä. hielt eine Rechen- und Schreibschule in Nürnberg. Neben einem Schreibbüchlein "Fundament" (Nürnberg 1519) über das Schreiben mit verschiedenen Federn und einem Buch über Schreibstile "Eine gute Ordnung vnd kurtze Untericht" (Nürnberg 1538, Folie 12 darüber ein Eintrag aus dem Geschlechterbuch der Familie Tucher von Jost Ammann, 1589) verfaßte er auch mathematische Werke. Sein Enkel Anton Neudörfer (\dag 1628) führten die Schreib- und Rechenmeistertradition fort: "Künstlich und Ordentliche Anweyszung der gantzen Practic" (Nürnberg 1599) und Schönschreiben (1601).
Bildung stand somit allen offen - nach einer Zeit der Koedukation entstanden bald die ersten Mädchenschulen -, Besucher der entsprechenden Institutionen konnten aber auch Erwachsene wie Kaufleute, Handwerker oder Hausfrauen sein. Eine allgemeine Schulpflicht bestand jedoch nicht, so daß der Unterrichtsbesuch in vielen Fällen eher sporadisch gewesen sein mag, abhängig nicht zuletzt von der sozioökonomischen Stellung der Eltern, denn an den meisten Schulen - privat wie städtisch - war Schulgeld zu zahlen. Der Prozentsatz der Bevölkerung, die diese Bildungseinrichtungen nutzte, läßt sich nicht abschätzen.


3. Schulbücher

Der Vermittlung der Lesefähigkeit diente die "Leeßkonst" (1542) Ortolph Fuchsbergers. Der studierte und praktizierende Jurist entwarf in diesem Werk eine Richtschnur, nach der "leermaister" einen Erstunterricht in Lesen für Kinder gestalten konnten. Fuchsberger lehrte Lesen und Schreiben nach der Buchstabiermethode, zum Überblick über die Buchstaben dienten Tafeln und zum Einüben religiöse Texte. Auf Folie 14 können Sie Teile der Buchstabiermethode nachvollziehen. Zuerst lernten die Kinder die Namen der Buchstaben "a, be, ce", danach ihre Form, also die Graphe (Folie links oben) und zum Schluss deren Kraft oder Lautwert (Folie links). Die Tafeln bieten alle Buchstaben noch einmal in alphabetischer Reihenfolge (Folie mitte) und im Silbenkurs werden die Buchstaben kombiniert, bis man das silbenweise Lesen an religiösen Texten einübt (Folie rechts).
Eine Einführung in die Lesekunst ist auch "Die rechte weis aufs kuortzist lesen zu lernen" (1527) von Valentin Ickelsamer (1500-1540; Vorrede Folie 15). Ickelsamer, Baccalaureus der Universität Erfurt, unterrichtete selbst an Schulen, war aber aufgrund aktiver Beteiligung an politischen Ereignissen gezwungen, mehrmals seinen Aufenthaltsort zu wechseln. Seine kritische Grundhaltung findet ihren Niederschlag in der Begründung des Verfassens des Lehrwerks: Nicht nur die Bibel selbst lesen zu können ist der Nutzen der Lesefähigkeit, sondern "Gottes wort vnd etlicher Gotgelerten menner außlegung / darueber selbs lesen / vnd desto bas darynn vrteilen". Lesen dient also der Wissenserweiterung und Ausbildung eines mündigen, unabhängigen Menschen. Nach Ickelsamer sollten daher alle Menschen lesen lernen. Er will seine Anleitung zum Lesenlehren mittels des Drucks möglichst vielen Menschen unabhängig von einer Schule oder einer anderen Institution zugänglich machen und die Kenntnisse nicht geheim halten wie die, "die sind so gerne allein gelert" und ihr Wissen "yn yhren Schulen vnd koepffen" behalten.

Weiterhin benützt er eine neue Methode, der Lautiermethode, die er ausführlich vorstellt (Folie 16). Icklesamer legt Wert auf die Trennung von Name "Be / ce / de / eff" der Buchstaben und phonetischer Realisierung derselben, "yr krafft vnd art". Der Textrezipient soll bei Aussprache der Graphe prüfen soll, "mit welchem organo oder geruest sie ym mund gemacht" werden. "Das g wie die gänse pfeiffen / wen sie einen an lauffen zu beisen. Das h wie man mit einem starcken odder scharpffen odem in die hende haucht. Das l wie der ochs lüllet. Das m wie die kwe brummet. Das n wens maul vor dem m wider auff gethan durch die nasen brumet". Bei der tabellarischen Übersicht ordnet V. Ickelsamer die Buchstaben ansatzweise nach dem Artikulationsort "W B P D T C K Q". Kurz geht Ickelsamer auf die Schreibweise der Zahlen ein, die auch für ihn wie für andere Schreibmeister auch zur Grundausbildung gehören. Er unterscheidet hier wieder den Namen "Eins zwey drey" von den zwei Weisen der graphischen Darstellung mit römischen und indisch-arabischen Ziffern, welche er untereinander bis zur Zahl 100 aufschreibt.
Zur Übung des Gelernten bietet Ickelsamer neben Wort- oder Namenlisten und Beispielsätzen mit paradigmatischer Variation Lesetexte religiösen Inhalts. Ziel jeglicher Erziehung ist für ihn "zucht vnd Gottes forcht"; diese von den Eltern allzu oft vernachlässigte Aufgabe versucht er durch Leseübung an religiösen Gebrauchstexten zu erfüllen. Übung 5: Vollziehen Sie die Silbentrennung der 10 Gebote auf Folie 17 nach. Vergleichen Sie diese mit der Trennung der Wörter nach orthographischen oder morpholgischen Gesichtspunkten.

4. Kuriositäten aus der Geschichte des Rechenbuchs

Lassen Sie mich schliessen mit einem vertikalen, diachrone Schnellgang durch die Geschichte des Rechenbuches.
Gemäß der Erkenntis, dass die Veränderung von Textsorten auch von der Veränderung soziokultureller Umstände abhängt, kann man in der Geschichte der Textsorte Schulbuch Parallelen zur Veränderungen in der Schullandschaft erkennen, zu der Stellung des Faches Mathematik in den Schulen und der Funktion, die dem Mathematikunterricht an diesen Institutionen zugeschrieben wurde.
Besonders unter reformatorischem Einfluss versuchte man etwa, an allgemeinbildenden Schulen auch die Mathematik in den Dienst der religiösen Erziehung des jungen Menschen zu stellen. Deshalb sucht Siegmund Suevus in seiner "Arithmetica Historica. Die Löbliche Rechenkunst" (Breslau 1593) Themen für seine Aufgaben aus der Bibel (Folie 18 links). Seine religionsdidaktische Intention zeigt sich auch im Titelzusatz "Auch denen die nicht rechnen können / [] lieblich zu lesen".
1625 erschien das dreiteilige Werk "Arithmetica practica" (Rothenburg 1625) des Schuldieners Georg Meichsner. Teil 1 umfasste eine allgemeine Einführung ins Rechnen, Teil 3 eine biblische und weltgeschichtliche Aufgabensammlung. Der zweite Teil, die "Arithmetica poetica", war ganz in Verse gefasst (Bsp. Addition auf Folie 18 mitte).

Ein herausragender Vertreter der arithmetischen Poesie war Johann Hemeling (1625-n. 1688), "Käyserlich Gekrönter Poet und Schreib- und Rechnemeister" aus Hannover. Unter dem Motto "Rechnen kann in vielen Sachen | klug geschickt und witzig machen"} verfaßte er mehrere Rechenbücher, z.B. die "Arithmetisch-Poetisch-und Historisch-Erquickstund" (Hannover 1660, Textbeispiel auf Folie 18 rechts).
Veränderungen im Textsortenspektrum, nach Brief Telephon, nun der Computer: e-mail und Flüchtigkeit. Zukunft veränderungen sicher durch Computer ins Klassenzimmer, aussterben des gedruckten Lehrwerks? Eine Aufgabe, der sich Pädagogen mehr zu stellen haben, von Politikern propagiert, Computer angeschafft, wie aber sinnvoll eingesetzt, noch sehr unklar. Nicht nur als Schreibmedium, oder zum Übern: verlagerung des Unterrichts, Dezentralisierung, Desozialisierung.
Nehmen Sie den Zettel mit, vviele Schriften haben sich darauf im Laufe des Vortrags angesammelt. Einen Computer würde ich jetzt vom Server aus einfach herunterfahren und alles wäre weg. Beides Vor- und Nachteile. Unsere Aufgabe als Pädagogen, damit auseinanderzusetzen.



Inkunablen und Frühdrucke
Genaue Angaben zu Editionen oder Standorten s. Gärtner 2000.
Bartsch, Elmar (Hrsg.):
Mündliche Kommunkation in der Schule. Königstein 1982 (= Sprache und Sprechen 8).
Anonymus:
Jn disem puchlein vint man.Leipzig: Konrad Kachelofen 1488.
Dürer, Albrecht:
Etliche vnderricht, zu befestigung der stett, Schloß vnd flecken. Nürnberg 1527.
Dürer, Albrecht:
Vnderweysung der messung mit dem zirckel vnd richt scheyt. Nürnberg 1525.
Ickelsamer, Valentin:
Die rechte weis aufs kuortzist lesen zu lernen / wie das zum ersten erfunden / vnd aus der rede vermerckt worden ist. Erfurt: Johann Lörsfeld 1527.
Ickelsamer, Valentin:
Die rechte weis auffs kürtzist lesen zu lernen / wie das zum ersten erfunden / vnnd auß der rede vermerckt worden ist.Marburg: Franz Rhode 1534.
Ickelsamer, Valentin:
Teutsche Grammatica. Augsburg 1534.
Kolroß, Johannes:
Enchiridion: das ist / Handbuechlin tütscher Orthographi / hochtütsche sprach artlich zeschryben / vnd laesen. Basel: Thomas Wolf 1530.
Meichßner, Johann Elias:
Handbuechlin gruntlichs berichts Recht vnd wolschrybens der Orthographie vnd Gramatic.Tübingen: Ulrich Mothart 1538.
Roritzer, Matthias:
Büchlein von der Fialen Gerechtigkeit.Regensburg 1486.
Rottweil, Adam von:
Introito e porta de quele che voleno imparare e comprender todescho o latino, cioe taliono.Venedig: Adam von Rottweil 1477.
Rülein, Ulrich:
Ein nutzlich bergbuchleyn.Leipzig: Martin Landsberg um 1500.
Wagner, Ulrich:
Bamberger Rechenbuch 1483.Bamberg: Heinrich Petzensteiner 1483.


Sekundärliteratur

Doede, Werner:
Schön schreiben, eine Kunst. Johann Neudörfer und die Kalligraphie des Barock.München 1988.
Gärtner, Barbara:
Johannes Widmanns "Behende vnd hubsche Rechenung". Die Textsorte Rechenbuch in der Frühen Neuzeit.Tübingen Herbst 2000 (= Reihe Germanistische Linguistik 222).
Giesecke, Michael:
Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien.Frankfurt a.~M. 1991.
Gümbel, Ruth:
Erstleseunterricht. Entwicklungen - Tendenzen - Erfahrungen.Frankfurt am Main, 5. Auflage 1993, besonders die Seiten 184-217.
Günther, Hartmut und Otto Ludwig (Hrsg.):
Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. 1. Halbband. Berlin, New York 1994 (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 10.1).
1. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit (Geschichte des Buches), 2. Materiale und formale Aspekte (Schreibmaterialien, Kalligraphie), 3.+4. Schriftgeschichte und Schriftkulturen, 5. Funktionale Aspekte der Schriftkultur (Schriftlichkeit und Erziehung), 6 Gesellschaftliche Aspekte (Orthographie), 7. Psychologische Aspekte (Lesen als Textverarbeitung), 8. Erwerb von Schriftlichkeit, 9. Sprachliche Aspekte (Schriftsysteme), 10. Sonderschriften (Piktographie).
Knoop, Ulrich:
Entwicklung von Literalität und Alphabetisierung in Deutschland. In: Günther/Ludwig 1994, 859-872.

Barbara Gärtner
Last modified: Fri May 26 16:26:23 MEST 2000