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2. Verschriftlichung des Lebens
2.1 Veränderungen in Gesellschaft und ihr Folgen für das Schreiben und die Schrift
Die zeitliche Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert ist durch Veränderungen in vielen Bereichen des kulturellen und geistigen
Lebens gekennzeichnet: Ergebnisse dieser Veränderungen liegen in einem neuen, durch Renaissance und Humanismus geprägten
Weltbild, in anderen politischen und wirtschaftlichen Strukturen wie etwa den Städten, der Entstehung der Schicht der
Bürger, der Ausweitung des Handels, in neuen technischen Errungenschaften wie dem Buchdruck. Damit einher ging die Veränderung
der gesellschaftlichen Institutionen für Bildung oder Verwaltung. Wandel der sozialen Umgebung, der sozialen Bereiche bedeutet aber
Wandel des Kommunkationsrahmens.
Bereich 1: Stadt und Verwaltung: Titelbücher und Schreibbücher
Weitreichende Veränderungen in der Gesellschaft hatten ihre Ursache in der Entstehung von Städten und deren Entwicklung zu
politischen und wirtschaftlichen Zentren, was wiederum einen Ausbau der kommunalen Verwaltung nach sich zog.
Mit dem gesteigerten Bedürfnis an Verwaltung stieg auch das an Schriftlichkeit. So wie Bildung allgemein nötig wurde zum
Erhalt eines sozialen und politischen Status, so Lesen und Schreiben speziell für den beruflichen, wirtschaftlichen Erfolg.
Wichtig bei zunehmend schriftlichem Verkehr waren etwa Schreibformen wie Anreden und Briefmuster, wie sie in Formularbücher
zusammengestellt wurden. Diese bestanden aus den drei Teilen: Lehre des formalen Aufbaus und Stils von Urkunden und Briefen in
Dialogform, eine vollständige Liste aller Anreden (Titelbuch) und eine Mustersammlung von Briefen. Auf der
Folie 3 sehen Sie ein frühes Beispiel eines solchen Buches mit dem Titel "Jn disem puchlein
vint man wie man eim iczlichen schreiben sol", gedruckt in Leipzig im Jahr 1488; den Autor kennen wir nicht. Diese Schrift
enthält eine Liste der Anreden, Anfangs- und Schlußformeln für Briefe an Personen verschiedenen Standes und Geschlechtes.
Hier sehen Sie die Anreden für einen Juden, den Papst, den römishcen und türkischen Kaiser sowie eine Jungfrau.
Neben den Schreibformen wurden in Kanzleien noch Werke zu Schreibstilen wie Wortwahl und Rhetorik gebraucht sowie über Schriftarten,
d. h. Schönschreiben und Kalligraphie.
Übung 2: Nehmen Sie den Zettel von Ihrem Nebenmann und schreiben Sie den Satz möglichst schön ab. Sie dürfen
schnörkeln, unterstreichen usw., wie Sie Lust haben. Geben Sie den Zettel wieder weiter, versuchen Sie die Kriterien für
Schönheit zu nennen. Versuchen Sie nun, den ersten Buchstaben in Anlehnung an das Beispiel auf der
Folie 4 zu verzieren.
Bereich 2: Wirtschaft und Handel: Wörterbücher und Rechenbücher
Solange der Handel eher regionalen Charakter trug, bestand bei den Kaufleuten keine Notwendigkeit der Schriftkundigkeit. Die
Ausweitung des Handels, die Entstehung des Fernhandels in Europa und über Europa hinaus, der damit verbundene wirtschaftliche
Aufschwung, die Entwicklung des Münzgeldwesens und die neuen Produktionsverhältnisse ließen größere
Handelsunternehmen entstehen, die einen festen Sitz in den großen Handelsstädten hatten und von dort
aus das Geschäft in Form von Briefen und schriftlichen Handlungsanweisungen leiteten. Dadurch wurde nicht nur die schriftliche
Fixierung von Einnahmen und Ausgaben in das Handelsbuch nötig. Das Aufzeichnen von Handelsgewohntheiten oder Warenkenntnis, der
Handelswege, Maßeinheiten, Währungs- und Preislisten und natürlich die Korrespondenz mußten in schriftlichen
Dokumenten wie Inventarlisten, Itinerarien, Kontenbüchern oder Rechnungsbüchern festgehalten werden und setzten Alphabetisierung
voraus. Neben der praktischen Ausbildung gehörte also zur kaufmännischen Erziehung Lesen, Schreiben, doppelte Buchführung
und Rechnen.
Der Handel in Gebiete außerhalb des deutschen Sprachraumes ließ zudem bilinguale Sprachführer entstehen, in denen
Bezeichnungen für Waren, Handelsvorgänge, aber auch Redewendungen und typische Phrasen in zwei Volkssprachen
gegenübergestellt wurden. Auf Folie 5
sehen sie Ausschnitte aus dem "Introito e porta de quele che voleno imparare e comprender todescho o latino"
(Venedig 1477) von Adam von Rottweil. Diese Wörterbuch war an Reisende, an Kaufleute und Handwerker gerichtet und diente der
Bewältigung alltäglicher Kommunikation. Die ersten Abschnitte widmen sich religiösen Bereichen (Gott,
Heilige, Teufel), zahlreich sind Abschnitte über Handel, Handelswaren, Metalle, Münzen, aber auch
über praktische Belange wie etwa Krankheiten. Ein ausführliches Kapitel verzeichnet Ordnungszahlen und Kardinalzahlen.
Mit das Wichtigste für Kaufleute überhaupt vermittelten die Rechenbücher. Dies waren Einführungen
in die Grundrechenarten und Unmengen von Dreisatzaufgaben (5 Pfeffersäcke kosten 7 Gulden, wieviel kosten 3?)
Auf der Folie 6 sehen Sie die Vorrede zu einem der ersten gedruckten Rechenbüchern in deutscher
Sprache überhaupt, dem "Bamberger Rechenbuch 1483" von Ulrich Wagner. Wagner ($\ast$ zwischen 1430 und 1440,) führte eine
florierende Rechenschule in Nürnberg. Er starb wahrscheinlich 1490, denn ab diesem Jahr ist seine Frau als Schuleführerin
verzeichnet. Die Schule übernahm nach ihrem Tod 1513 ihr Sohn, unter dem die Schule an Bedeutung verlor.
Textrezipienten waren wahrscheinlich seine Rechenschüler. In der Vorrede finden sich jedoch die Wendung
"ein iglicher in teutschen lesen vnd in ciffren erfaren mag an alle vntter weysung von im selbs suolichs gelernen" (siehe
Folie 6). Daher lassen sich auch Kaufleute als Textrezipienten vorstellen, natürlich nur, wenn
er lesefähig ist. Ulrich Wagner, der als erster für volkssprachliche Rechenbücher im deutschen Sprachraum das neue
Medium Druck nutzte, sollte mit seinem Werk allerdings keinen breiten Erfolg haben. Sein Buch wurde
nicht nachgedruckt, die wenigen überlieferten Exemplare lassen auf eine geringe Verbreitung schließen.
Bereich 3: Handwerk und Kunst
Der Übergang zu schriftlicher Vermittlung findet sich auch bei Handwerkern. Was vorher durch mündliche Weitergabe vom Meister
zum Lehrling und praktische Erfahrungen vernmittelt worden war, wurde nun in Büchern verbreitet.
Die Baukunst bietet ein typisches Beispiel für ein Handwerksgebiet mit ehemals mündlicher Vermittlung und
Geheimhaltung von Erfahrungswissen innerhalb der Bauhütten. Ende des 15.~Jhs. erscheinen vier erste kurze Schriften in
deutscher Sprache, darunter 1486 das Fialbuch von Matthäus Roritzer (Folie 7, Fialenbücher
widmeten sich der Beschreibung von Bau und Ausstattung der Fialen und der Wimpergen). Roritzer war Handwerker und schrieb aus der
Praxis heraus. Das Wissen, das Verfasser solcher Abhandlungen vermittelten, basierte sowohl auf eigener Erfahrung wie auch der
mündlichen Tradition früherer Bauhütten. Deutlich ist die Intention, didaktische Schriften für andere Baumeister,
also Fachleute mit Bau- und Konstruktionsanweisungen zu verfassen.
Ein Spezialgebiet der Architektur, die sich wie alle Gebiete in der Frühen Neuzeit in mehrere
Spezialgebiete aufspaltete, war der Festungsbau, die mit den Fortschritten im Geschützbau und der Verlegung
von Zentren und Machtsitzen von Burgen in Städte wichtiger wurde. Eine Schrift dazu verfasste der
ehemalige Goldschmied Albrecht Dürer 1527. Zu Dürers Zeit verstand sich die Malerei in Deutschland
noch als Handwerk, das sich in "brauch" und praktischen Fertigkeiten vermitteln ließ. Dürer jedoch lernte während seiner
Aufenthalte in Italien (1494/5 und 1505--7) u.a. neue Methoden wie Perspektive kennen. Durch diese Eindrücke wurde
er angeregt, die praktischen Fähigkeiten der deutschen Maler auf sichere theoretische Grundlagen
zu stellen und dadurch zu verbessern. Sein Ziel war, die geometrischen Grundlagen der Kunst in Lehrbüchern
zusammenzufassen und für den Handwerker verständlich und damit nutzbar zu gestalten: Was er sich selbst
erarbeitet hatte, wollte er nun nicht mehr geheim halten, sondern anderen zur Verfügung stellen. 1525 erschien in Nürnberg die
"Vnderweysung der messung", die allen "kuenstbegyrigen jungen, allen maleren Goldschmiden
Bildhaweren Steynmetzen Schreyneren vnd allen den so sich des maß gebrauchen dienstlich seyn mag" (Titel).
Übung 3: Auf der Folie 8 sehen Sie die Initialen Dürer, daneben ein vollständiges
Versalienalphabet von Johann Neudörfer (1538). Zeichnen Sie Ihre eigenen Initialen nach den Vorgaben.
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2.2 Buchdruck, Lesen, Buchbesitz
Alle diese Bücher waren nur möglich durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern; und Bücher waren sehr teuer.
Anfangs unterschieden sich Buch und Handschirft wenig im Aussehen (Folie 9 Lateinische Bibel,
gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz in den Jahren 1453/55; Handschrift aus dem Jahr 1425 des Textes De rerum naturis von
Hrabanus Maurus; die Handschrift erkennt man an den Hilfslinien). Um 1480 setzte sich das Buch gegen die Handschrift durch.
Anzeichen dafür sind etwa die Bevorzugung kleiner Formate und der Niederlegung zeitgemäßer
Texte oder der Rückgang des Lohnschreibergewerbes, stattdessen der Ausbildung des Verlagswesens und
der Buchmessen sowie der Entstehung neuer handschriftlicher Textsorten wie Briefe oder biographischer
Notizen. Alle lehrenden und wissensvermittelnden Texte nutzten bald die neue Technik des Buchdrucks.
Der Anteil der Lesekundigen in der Gesamtbevölkerung wuchs allerdings nur langsam, so daß lange große Teile der
Bevölkerung noch auf mündliche Vermittlung des schriftlich Fixierten angewiesen waren. Schätzungen sehen die
Lesefähigkeit um 1500 auf 2 % der Bevölkerung, dies waren in der Regel Kleriker, Literaten oder Angehörige der
Oberschicht. Die Ausweitung auf neue Bevölkerungskreise setzt erst nach 1520 ein. Doch auch zur Zeit der Reformation 1525
schätzt man lediglich 5 % lesefähiger Einwohner.
Bücher gab es in Bibliotheken, in Klosterbibliotheken, Schul- und Universitätsbibliotheken; diese waren mit wenig Ausnahmen
auf Latein. Privater Buchbesitz läßt sich früh bei Gelehrten nachweisen, deren
Büchersammlungen in etwa denen an der Universität entsprochen haben dürften, also Latein und gelehrtes
Zeug. Die entstehenden Büchersammlungen dienten im Adel hingegen zu Repräsentationszwecken, Texte etwa zur Jagd oder
medizinischen Inhalts. Die Buchbestände bürgerlicher Kreise kennzeichnete vermehrt Fachliteratur, die
sich mit Umständen und Methoden beruflicher Tätigkeit beschäftigte. Hier überwiegen nun deutschsprachige Texte.
Erst in der 1.~Hälfte des 16.~Jhs. ist Buchbesitz in größerem Maße auch bei Handwerkern und praktisch
Tätigen dokumentiert. An der Spitze standen hierbei Bader, Ärzte oder Apotheker mit Fachliteratur
medizinischen oder botanischen Inhalts, aber etwa auch Stadtschreiber besaßen private Buchbestände.
Die Anzahl fachlicher Texte überstieg hierbei zwar die unterhaltender; den größten Teil der
Büchersammlungen machten jedoch theologische Texte, wie sie einer evangelischen Hausbibliothek angehörten, aus: Bibel,
Gesangbuch, Erbauungsliteratur.
2.3 Funktion und Gebrauch der Bücher
Auch dies ist schwierig zu eruieren, man ist größtenteils darauf angewiesen, was die Autoren in den Vorwörten ihrer
Bücher schreiben. Hier werden oft Zweck und Adressat der Werke angegeben. Zudem können Inhalt und Gestaltung Hinweise darauf
geben, ob das Werk für Lehrer oder Lernende, als Unterrichtsgrundlage oder zum Selbststudium, zur Erstunterrichtung oder Verbesserung
der Kenntnisse, für Kinder oder Erwachsene und für eine praktische oder eine theoretische Ausbildung konzipiert war.
Ein Selbststudium im Sinne einer stillen Lektüre eines Einzelnen war bei vielen Büchern tatsächlich
kaum möglich. In den meisten Vorreden volkssprachlicher Lehrtexte finden sich zwar Formulierungen
wie "on ein lerer", sie sind wohl aber mehr als rhetorisch hohle Redewendungen nicht zuletzt zu Reklame- und Verkaufszwecken zu deuten.
In den Rechenbüchern wurde auf Selbstlerner in der strukturellen oder in der sprachlichen Gestaltung keine Rücksicht genommen.
Übung 4: Versuchen Sie folgende Aufgabe aus dem Bamberger Rechenbuch (Folie 10) zu verstehen
und die Aufgaben zu lösen.
Lesebücher bedurften natürlich eines Vermittlers. Nicht unbedingt aber Lehrwerken, die weitere Themen wie Orthographie,
Interpunktion oder Stilistik zum Inhalt hatten. Diese setzen vielfach die Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben voraus und
zielten auf eine Verbesserung dieser Fähigkeiten. Dementsprechend waren sie nicht nur für Lehrende konzipiert, sondern
auch an den Lernenden selbst gerichtet, also möglicherweise auch für ein Selbststudium geeignet.
Johann Elias Meichßner bietet in seinem "Handbuechlin (Tübingen 1538) Muster und Beispiele für Briefformen denjenigen
Menschen an, die sich berufsmäßig mit Schreibstilen und -formen auseinandersetzen mußten. Er schreibt
im Titel: "allen jungen Schreibern".
An den "verstaendigen ley (der zimmlich laeßen kan)" und aus dem Buch "selbs lernen" kann, sowie an den "Leermeyster" richtete sich
das "Enchiridion" des Baseler Schulmeisters Johannes Kolross (Basel 1530). Obwohl Kolross angab, er habe sein Werk
geschrieben, weil alle, Frauen wie Handwerker, Eltern wie Kinder lesen lernen wollten, sah er den Zweck des Buches doch weniger in
einem einmaligen Durcharbeiten als in der Möglichkeit des mehrmaligen Nachschlagens oder Nachlesens.
Für effizienter hielt Peter Jordan in seiner "Leyenschul" (Folie 11, Vorrede) aber eine
Vermittlung des Stoffes durch eine andere, schon lese- und schreibkundige Person, die nicht unbedingt Lehrer an einer
schulischen Institution sein mußte, auch die Eltern oder der Mitgesell konnten diese Aufgabe übernehmen.
Er bezweifelte zudem die Möglichkeit, jemanden "in vier vnd zwentzig
stunden schreiben vnnd lesen zuo leren", mehr Zeit benötige man sicherlich für eine Unterrichtung
"vngeleriger" oder "eynfeltiger", nicht "spitzfuendiger" Menschen. An solche Schüler dachte Jordan beim Verfassen der "Leyenschuol",
"dann es wirt doch keyner von jm selbs gelert / er hab dan vorhin eyn vnderweiser vnd schulmeyster".
Wie sahen aber solche Schulen aus?
Die Bildungsinstitutionen vorher waren auf eine theoretische Ausbildung zur Erlangung einer gelehrten
Bildung ausgerichtet. Als Grundmerkmal dieser Institutionen erwies sich der Gebrauch der lateinischen
Sprache in Unterricht und Texten. Im 15. Jh. entwickelte sich jedoch auch bei einer anderen
Bevölkerungsgruppe - nämlich bei Händlern und Kaufleuten - ein Bedürfnis nach Bildung und
Unterricht, das neue Bildungsinstitutionen und neue Formen des Unterrichts entstehen ließ.
Sicherlich kamen jedoch die Impulse für eine Ausbildung eines Bildungswesen in
deutscher Sprache aus verschiedenen Richtungen: Anforderungen aus dem Kaufmanns- oder Handelsalltag oder
aber aus der städtischen Verwaltung verlangten Grundkenntnisse in Mathematik, Lesen, Schreiben und Schönschreiben.
In kleineren Gemeinden lag der Unterricht meist immer noch in den Händen eines Geistlichen, der mit dem Pfarramt
zugleich den Dienst des Dorfschulmeisters versah. Daneben begann Unterricht in deutscher Sprache auf privater Basis als
Einzelunterricht oder in Klipp-, Winkel-, Rechen- oder Schreibschulen, die je nach Umgebung mehr oder weniger geduldet oder
gefördert wurden. Über das Verhältnis dieser Schultypen untereinander herrscht noch wenig Klarheit.
Die Ausbildung wie Berufsausübung war teilweise innungsmäßig organisiert. Wer etwa Rechenmeister werden wollte,
musste bei einem ausübenden Rechenmeister eine Lehrzeit absolvieren und eine Abschlussprüfung ablegen; dann konnte er eine
Rechenschule eröffnen oder übernehmen. In diesen meist privaten, später eventuell auch von der Stadt geförderten
Schulen bot der Rechenmeister, unterstützt von einem Gehilfen oder seiner Frau für den Mädchenunterricht.
Oft versahen Schulmeister in kleinen Städten auch die Dienste von Schreibern, Notaren und Visierern oder unterrichteten
als Schreib- und Rechenmeister auch Schönschreiben, Briefstil sowie Buchhaltung.
Eine lange Schreib- und Rechenmeistertradition besaß beispielsweise die Nürnberger Familie Neudörfer.
Johann Neudörfer d. Ä. hielt eine Rechen- und Schreibschule in Nürnberg. Neben einem Schreibbüchlein
"Fundament" (Nürnberg 1519) über das Schreiben mit verschiedenen Federn und einem Buch über
Schreibstile "Eine gute Ordnung vnd kurtze Untericht" (Nürnberg 1538, Folie 12
darüber ein Eintrag aus dem Geschlechterbuch der Familie Tucher von Jost Ammann, 1589) verfaßte er auch mathematische
Werke. Sein Enkel Anton Neudörfer (\dag 1628) führten die Schreib- und Rechenmeistertradition
fort: "Künstlich und Ordentliche Anweyszung der gantzen Practic" (Nürnberg 1599) und Schönschreiben (1601).
Bildung stand somit allen offen - nach einer Zeit der Koedukation entstanden bald die
ersten Mädchenschulen -, Besucher der entsprechenden Institutionen konnten aber auch Erwachsene wie
Kaufleute, Handwerker oder Hausfrauen sein. Eine allgemeine Schulpflicht bestand jedoch nicht,
so daß der Unterrichtsbesuch in vielen Fällen eher sporadisch gewesen sein mag, abhängig nicht
zuletzt von der sozioökonomischen Stellung der Eltern, denn an den meisten Schulen - privat wie
städtisch - war Schulgeld zu zahlen. Der Prozentsatz der Bevölkerung, die diese Bildungseinrichtungen
nutzte, läßt sich nicht abschätzen.
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Inkunablen und Frühdrucke
Genaue Angaben zu Editionen oder Standorten s. Gärtner 2000.
- Bartsch, Elmar (Hrsg.):
- Mündliche Kommunkation in der Schule.
Königstein 1982 (= Sprache und Sprechen 8).
- Anonymus:
- Jn disem puchlein vint man.Leipzig: Konrad Kachelofen 1488.
- Dürer, Albrecht:
- Etliche vnderricht, zu befestigung der stett, Schloß vnd
flecken. Nürnberg 1527.
- Dürer, Albrecht:
- Vnderweysung der messung mit dem zirckel vnd richt scheyt.
Nürnberg 1525.
- Ickelsamer, Valentin:
- Die rechte weis aufs kuortzist lesen zu lernen / wie das zum ersten erfunden /
vnd aus der rede vermerckt worden ist. Erfurt: Johann Lörsfeld 1527.
- Ickelsamer, Valentin:
- Die rechte weis auffs kürtzist lesen zu lernen / wie das zum ersten
erfunden / vnnd auß der rede vermerckt worden ist.Marburg: Franz Rhode 1534.
- Ickelsamer, Valentin:
- Teutsche Grammatica. Augsburg 1534.
- Kolroß, Johannes:
- Enchiridion: das ist / Handbuechlin tütscher Orthographi / hochtütsche
sprach artlich zeschryben / vnd laesen. Basel: Thomas Wolf 1530.
- Meichßner, Johann Elias:
- Handbuechlin gruntlichs berichts Recht vnd wolschrybens der
Orthographie vnd Gramatic.Tübingen: Ulrich Mothart 1538.
- Roritzer, Matthias:
- Büchlein von der Fialen Gerechtigkeit.Regensburg 1486.
- Rottweil, Adam von:
- Introito e porta de quele che voleno imparare e comprender
todescho o latino, cioe taliono.Venedig: Adam von Rottweil 1477.
- Rülein, Ulrich:
- Ein nutzlich bergbuchleyn.Leipzig: Martin Landsberg um 1500.
- Wagner, Ulrich:
- Bamberger Rechenbuch 1483.Bamberg: Heinrich Petzensteiner 1483.
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Sekundärliteratur
- Doede, Werner:
- Schön schreiben, eine Kunst. Johann Neudörfer und die Kalligraphie des
Barock.München 1988.
- Gärtner, Barbara:
- Johannes Widmanns "Behende vnd hubsche Rechenung". Die Textsorte
Rechenbuch in der Frühen Neuzeit.Tübingen Herbst 2000 (= Reihe Germanistische Linguistik 222).
- Giesecke, Michael:
- Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die
Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien.Frankfurt a.~M. 1991.
- Gümbel, Ruth:
- Erstleseunterricht. Entwicklungen - Tendenzen - Erfahrungen.Frankfurt am
Main, 5. Auflage 1993, besonders die Seiten 184-217.
- Günther, Hartmut und Otto Ludwig (Hrsg.):
- Schrift und Schriftlichkeit. Ein
interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. 1. Halbband. Berlin, New York 1994 (= Handbücher zur
Sprach- und Kommunikationswissenschaft 10.1).
1. Allgemeine Aspekte von Schrift und Schriftlichkeit (Geschichte des Buches),
2. Materiale und formale Aspekte (Schreibmaterialien, Kalligraphie),
3.+4. Schriftgeschichte und Schriftkulturen,
5. Funktionale Aspekte der Schriftkultur (Schriftlichkeit und Erziehung),
6 Gesellschaftliche Aspekte (Orthographie),
7. Psychologische Aspekte (Lesen als Textverarbeitung),
8. Erwerb von Schriftlichkeit,
9. Sprachliche Aspekte (Schriftsysteme),
10. Sonderschriften (Piktographie).
- Knoop, Ulrich:
- Entwicklung von Literalität und Alphabetisierung in Deutschland.
In: Günther/Ludwig 1994, 859-872.
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