Forschungsprojekt:
Konstituierende Leiblichkeit als didaktisches Prinzip
– eine kulturvergleichende
Studie
(Stichwort: Leiblichkeit und Schule)
Fachgebiet und Arbeitsrichtung:
Erziehungswissenschaft, Unterrichtsforschung, Kunstdidaktik
Voraussichtliche Dauer des gesamten
Vorhabens: 2005-2009
Projektbeschreibung
Das Forschungsprojekt `Konstituierende Leiblichkeit
als didaktisches Prinzip´ geht von der These aus, dass
die erlebte Körperlichkeit, mit WALDENFELS u.a. `Leiblichkeit´,
konstitutiv ist für das Selbst- und Weltverständnis
und darum einen primären Lernweg darstellt (Stichwort:
Konstituierende Leiblichkeit, im Folgenden KL). Vor allem
in der gängigen Unterrichtspraxis wird der kindliche
und auch der jugendliche Körper noch weitgehend auf seine
natürlichen Aspekte reduziert. Seine konstiuierende Dimension
kann dort unseres Erachtens aber eingeholt werden, indem die
Leiblichkeit durch eine am performativen Spielbegriff orientierte
Inszenierung zum zentralen Lern- und Unterrichtsprinzip gemacht
wird.
Empirisch sollen Aspekte der KL in Abhängigkeit
von Alter und Geschlecht rekonstruiert werden. Ausgehend von
den Forschungsergebnissen wird ein didaktisches Prinzip entwickelt,
das zu einem Unterrichtsmodell mit praktischen Beispielen
und zu Lehrmaterialien verdichtet und evaluativ ausgewertet
werden soll.
Die konstituierenden Aspekte der Leiblichkeit
sind der Hauptgegenstand leibphänomenologischer Theoriebildung
in dem Verständnis von HUSSERL, MERLEAU-PONTY und WALDENFELS
u.a. Daher eignet sich die Leibphänomenologie sowohl
inhaltlich zur näheren Bestimmung des Begriffs als auch
mit Bezug auf WALDENFELS methodisch zur Erschließung
alters-, geschlechts- und kulturabhängiger Einzelaspekte
der KL. Mit ALTHANS et al. (2001) kann man das über den
Körper vermittelte praktische Wissen auf Formen habituellen
und performativen Lernens zurückführen. „Habitūs“
der Schüler(innen) können unter Hinzuziehung der
„dokumentarischen Methode“ von BOHNSACK (2003)
ermittelt werden.
Das Forschungssetting sieht vor, dass in
der 1.Projektphase (01/06-06/06) sog. `Öhrchen-Plastiken´
den Schüler(inne)n eine temporäre Abkehr bzw. Einklammerung
von Zielen und Regeln des Schulalltags ermöglichen. Diesen
Freiraum können sie nutzen, um das zu artikulieren, was
im Rahmen des in der Schule als opportun geltenden Aufmerksamkeitsgeschehens
nicht vorgesehen ist. Gemeint sind Tagträume, gewisse
Gefühlsäußerungen und Gedanken etc. Die subjektiven
Interessen der Schüler(innen) im Sinne situationsspezifischer
persönlicher Bedürfnisse, Vorstellungen und Phantasien
zum Unterricht wirken im Schulunterricht in vielerlei Hinsicht
handlungsleitend (vgl. MEYER 1987). Durch die Datenerhebung
mittels `Öhrchen-Installation´ werden sie der empirischen
Forschung zugänglich. Die impliziten Orientierungsmaßstäbe
der Schüler(innen), sog. „Habitūs“ (BOURDIEU
1987), lassen sich mit ZINNECKERS (2000) Paradigma einer „peer
sozialisation“ in Verbindung bringen, von der er annimmt,
dass sie das schulische Geschehen als dessen „Hinterbühne“,
ein Pendant zu dem von Philip JACKSON (1968) geprägten
Begriff des „hidden curriculum“ eines Lehrers/einer
Lehrerin, entscheidend mitbestimmt. Um der Tatsache gerecht
zu werden, dass die beforschten Kinder ihre subjektiven und
objektiven Interessen in meinem Forschungssetting per `Öhrchen-Installation´
verbal zum Ausdruck bringen, spreche ich von `Subtexten des
Schulunterrichts´. Weiterhin bietet die `Öhrchen-Installation´
den Schüler(inne)n die Möglichkeit einer Verfremdung
und Verdichtung konventioneller Bedeutungen sowie deren Ergänzung
um eigene Assoziationen. Ansonsten Auffälliges kann in
den Hintergrund treten, Unscheinbares wichtig werden. Ähnliche
Prozesse finden sich auch in originär künstlerischen
Verfahren. Was dort bewusst geschieht, wird hier von den Kindern
unwillkürlich vollzogen. Durch die `Öhrchen-Installation´
werden also Prozesse initiiert, die in gewisser Weise selbst
bereits `Kunstcharakter´ haben.
Zugleich sind die per `Öhrchen-Installation´
erhobenen Kinderäußerungen Formen „lauten
Denkens“ und als solches in der Regel unterbestimmt
(vgl. ERICSSON & SIMON 1998). Über eine künstlerische
Stellungnahme, die eine Kinderäußerung auslegt,
und zu der die Kinder wiederum Stellung nehmen, kann das Verständnis
des vom Kind Ausgesagten vertieft werden. Diese These bildet
die Grundlage für die Adaptation der im Rahmen der philosophischen
Phänomenologie von WALDENFELS (1998) angestellten methodologischen
Überlegungen an die sozialwissenschaftliche empirische
Forschung resp. der „dokumentarischen Methode“
in ihrer Erweiterung durch SABISCH 2007. Die Adaptation versteht
sich als ein Beitrag zum Ansatz „Künstlerischer
Forschung“.
In der in dieser Weise methodisch gestützten
2.Projektphase (10/06-3/07) werden die kindlichen
Artikulationen durch Künstler(innen) in neue Bild-, Klang-,
Symbol- oder wie auch immer medial geartete Resonanzkörper
transformiert. Die Künstler(innen) wurden nach den Kriterien
ausgewählt, dass sie körperbezogen sowie kontextbezogen
arbeiten und dass sie sich bereit erklärten, die für
ihre Profession unübliche Aufgabe einer Auftragsarbeit
im Rahmen eines Forschungsprojekts zu übernehmen. Ihre
Professionalität weisen sie alle durch einen Abschluss
an einer Kunsthochschule sowie durch nationale und internationale
Ausstellungstätigkeiten nach. Vier Künstler(innen)
befassen sich jeweils mit den per `Öhrchen-Installation´
eruierten Mitteilungen einer Schulklasse. Mindestens eine
Künstlerin bzw. ein Künstler kommt jeweils aus der
Stadt, in der die Schule liegt. Das erhobene Datenmaterial
soll eine wissenschaftliche Herausarbeitung von grundlegenden
Aspekten der KL ermöglichen.
Auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse
wird ein allgemeindidaktisches Modell, das Performative Spiel,
weiterentwickelt. Dieses dient in der 3.Projektphase (3/07-7/07)
als Grundlage für die Thematisierung der auf bestimmte
Kinderäußerungen entstandenen Künstlerarbeiten
im Kunstunterricht jeweils der Klassen, aus denen diese Bekundungen
stammen. Die Kunstwerke sollen die Kinder so zu Stellungnahmen
zu den künstlerischen Interpretationen ihrer Äußerungen
mit den Mitteln der Kunst anregen. Der Unterricht wird gefilmt
und soll unter federführender Mitwirkung von Frau Prof.
Renate Söllner (Arbeitsschwerpunkte: Evaluation, Qualitätssicherung
und Qualitätsmanagement in Erziehungswissenschaft und
Psychologie/Freie Universität Berlin) auf die Realisierung
seiner Intentionen hin evaluiert werden.
Forschungsstand (10/2008)
Die Datenerhebungen im Rahmen der 1.Projektphase
wurden im Juli 2005 an der „Gerby-Skola“ in Vaasa/Finnland
und im Februar 2006 an der Robert-Koch-Realschule in Stuttgart
ertragreich durchgeführt. Siehe auch: http://www.ph-ludwigsburg.de/html/1b-ewxx-s-01/home_kraus/audiofiles.htm
[Zugriffsdatum: 24.10.2008]. Im Mai 2006 wurden die Daten
an der 20.Grundschule „Todov Minkov“ in Sofia/Bulgarien
erhoben. Im Anschluss daran erstellten internationale, renommierte
Künstler(innen) auf der Grundlage einzelner in die „Öhrchen-Plastiken“
eingesprochener Kinderäußerungen körperbezogene
Arbeiten. Diese wurden in der 2.Projektphase (im Februar 2006
an der Gerby-Skola in Vaasa und im Juni/Juli 2007 an der Robert-Koch-Realschule
in Stuttgart) im Rahmen eines die Fächer Deutsch, Kunst
und Ethik übergreifenden Unterrichts nach den didaktischen
Maßgaben des Unterrichtsprinzips „Performatives
Spiel“ mit dem Ziel vorgeführt, die Schüler(innen)
zu eigenen bildhaften Arbeiten anzuregen, in denen sie ihrerseits
zu den künstlerischen Interpretationen von bestimmten
körperbezogenen Äußerungen Stellung nehmen.
Der gehaltene Unterricht wurde filmisch aufgezeichnet. Der
Projektverlauf bzw. die dabei entstehenden Dokumente wurden
unter verschiedenen Fragestellungen beforscht.
Die Installation „Sensible Schwelle“
ist seit Mai 2007, durch das Quartiersmanagement Neukölln
finanziert, im Schuleingangsbereich der Rütli-Schule
fest installiert (siehe bspw. http://www.ruetli-oberschule.de/projekte/sensibleschwelle/index.php
[Zugriffsdatum: 24.10.2008]). Unter der Leitung von Frau Bauch
kommt die „Sensible Schwelle“ seither als fächerübergreifendes
Unterrichtsmittel zum Einsatz. Von verschiedenen Lehrer(inne)n
der Schule wurden bis Oktober 2008 insgesamt elf Unterrichtsprojekte
in den Fächern Bildende Kunst, Deutsch, Naturwissenschaftliches
Arbeiten und Deutsch-als-Zweitsprache durchgeführt, bei
denen von den Schüler(inne)n unter Anleitung auditive
Lernsettings erstellt wurden. Diese bestehen in von im Unterricht
erarbeiteten und dann von den Schüler(inne)n gesammelten
Soundfiles, die sie in die Klanginstallation einspeisen. Der
Einsatz der Klanginstallation als fächerübergreifendes
Unterrichtsmittel wird derzeit unter Beteiligung von Frau
Prof. Anna-Lena Østern (Drama, Avdeling for laererutdanning
Universität Trondheim/Norwegen) unter folgenden Aspekten
summativ evaluiert:
-
Das Unterrichtsmittel „Sensible Schwelle“
ermöglicht es, Unterrichtsthemen mit den lebensweltlichen
Erfahrungen der Schüler(innen) zu verknüpfen.
-
Lerninhalte werden handlungsorientiert und projektartig
angegangen und von den Hauptschüler(inne)n weitgehend
selbstständig erarbeitet.
-
Die „konstituierende Leiblichkeit“ steht
im Mittelpunkt der Sacherschließung.
-
Bei der fachlichen und überfachlichen Kompetenzentwicklung
erfolgt die Performanzregulation weitgehend durch das
Unterrichtsmittel.
-
Lernergebnisse kleinerer Lerngruppen werden für
diese selbst und für die Schulöffentlichkeit
transparent gemacht, ohne dass dabei individuelle Leistungsprofile
zu stark an den Tag und an die (Schul-) Öffentlichkeit
treten. Im Vordergrund steht vielmehr die Leistung einer
Schülergruppe.
Festgestellt wurde, dass die Inhalte des
DAZ-Unterrichts durch die „Sensible Schwelle“
besonders gut zur Darstellung gebracht können und diese
somit für das Erlernen der deutschen Sprache genutzt
werden kann. Im Juli 2007 wurde die Klanginstallation an die
Grundschule Pattonville transferiert und dort mit den Ergebnissen
eines von (insgesamt 24) Studierenden der Pädagogischen
Hochschule Ludwigsburg durchgeführten fächer- und
schulstufenübergreifenden Unterrichtsprojekts (im Rahmen
der Atelierarbeit an dieser Schule) mit verschiedenen Themen
„bespielt“. Die „Sensible Schwelle“
wurde auf dem Innovationsforum 2007 in Heidelberg, organisiert
durch das Projektteam Innovationsförderung der Innovationsagentur
für Informationstechnologie und Medien des Landes Baden–Württemberg
mbH, als Geschäftsidee vorgestellt (siehe: http://www.heidelberger-innovationsforum.de/fileadmin/_heidelberger/downloads/Praesentationen_Nov07/29_Kraus.pdf
[Zugriffsdatum:24.10.2008]). Ferner erreichte das Projekt
„Sensible Schwelle“ unter meiner Leitung im April
2008 beim Wettbewerb „Kinder zum Olymp“ der Kulturstiftung
der Länder die Endrunde (siehe: http://www.wettbewerb-kulturstiftung.de/show_project_short.aspx?ID=2935
[Zugriffsdatum: 24.10.2008]).
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