| am 26. März 2003 in München
Ein strahlender, märzhafter Frühlingstag stand im hellen Mittag, als ich, gut gekleidet, mit dem PKW über die Autobahn nach München glitt. Den Anlass meiner wiederholten Reise in die Metropole bildete ein Konzert im Rahmen einer Europatournee der französischen Pianistin Hélène Grimaud mitsamt dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter der Leitung des südkoreanischen Dirigenten Myung-Whun Chung in der Philharmonie im Gasteig. Auf dem Programm standen das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-dur op.58 von Ludwig van Beethoven (laut Madame Grimaud das philosophische unter seinen Klavierkonzerten) sowie "Le Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky. Hélène Grimaud zählt heutigentags zu den renommiertesten Pianistinnen. Von Seiten der internationalen Musikkritik widerfährt der 1969 in Aix-en-Provence geborenen, am Konservatorium in Paris ausgebildeten Künstlerin überwiegend hohe und höchste Wertschätzung. Bereits Mitte der 1980er Jahre machte die Musikerin mit extravaganten CD-Einspielungen und Auftritten bei maßgeblichen Festivals auf sich aufmerksam. Schwerpunkte ihres bisherigen Repertoires bilden Werke deutscher Klassiker und Romantiker (Beethoven, Schumann, Brahms) sowie eine Auswahl des Oeuvres Rachmaninoffs. Gelegentlich schwelgt die Naturliebhaberin in Bartók wie auch Liszt; den Mikrokosmos des französischen Impressionismus (Fauré, Debussy, Ravel, Satie) entzifferte sie indes noch nicht. Hélène Grimaud entwickelte seit ihren Anfängen einen unverkennbaren individuellen Stil. Signifikant erscheint ihr ebenso filigraner wie durchaus kraftvoller plastischer Anschlag, mittels welchem die Französin sowohl ein flammendes Klangbild als auch einen hochgradig psychologischen Zugang zur großen Klavierliteratur erschließt. Nach müheloser Fahrt stellte ich meinen Wagen in einer Gasse rund um die mir vertraute Franziskanerstraße ab. Es blieben noch mehrere Stunden bis zum Beginn der Veranstaltung, die ich dazu nutzte, entlang der Isar zu bummeln, auf der Maximilianstraße in Erstaunen setzende Preisschilder zu lesen und gut zu speisen im Café Haidhausen nahe der Rosenheimer Straße, wo die Philharmonie gelegen. Pünktlich, als sei dies eine Pflicht, begab ich mich in die Konzerthalle. Fünfzehn Minuten vor Beginn der Aufführung (20.00 Uhr) saß ich auf meinem Platz und schaute mich um, wie sich langsam der Saal mit Publikum füllte. Und tatsächlich: Erstaunlich viele - vor allem billige - Plätze blieben unbesetzt. Es ist die Krise der klassischen Musik!, schoss es mir durch den Kopf. Selbst wenn die jugendliche Hélène Grimaud musiziert, gibt es kein ausverkauftes Haus. Dies scheinbar nicht beachtend positionierte sich das Orchester auf dem Podium, und die Musiker stimmten. Sie stimmten nach einem von der Konzertmeisterin auf dem Klavier angestimmten Ton. Beherzt schritt Hélène Grimaud, wie üblich bekleidet mit wallender schwarzer Hose und bequem geschnittener schwarzer Bluse, gefolgt von Maestro Myung-Whun Chung auf den geöffneten Konzertflügel zu. Sekunden der Besinnung. In profunder Kenntnis von Beethovens musikalischem Alphabet schlug die französische Interpretin verhalten, durchsichtig, keinesfalls demütig die pianistischen Einstiegsfiguren des G-dur Konzerts an, trug selbstreflektiv die Stimmung des Werkes vor, die von zögernden Streichern, hernach durch Oboen, in einem Tutti gipfelnd beantwortet und bekräftigt wurde. Im Verlaufe dieser ersten 3 Minuten des 1. Satzes Allegro moderato, die eine Essenz bilden des gesamten Satzes, verdeutlichten Myung-Whun Chung und sein Philharmonisches Orchester das Idiom eines transparenten Klanggewebes bei Verzicht einer Akzentuierung bestimmter Perioden gegenüber anderen. Demonstrativ hervorgehobene Hinweise auf bestimmte Stellen des Stücks gab Chung nicht; er favorisierte vielmehr einen intim gehaltenen, einheitlichen musikalischen Fluss der Partitur des Wiener Klassikers. Hélène
Grimaud erzeugte dank ihrer manuellen Brillanz wie geistigen Dynamik
ein
ästhetisch verdichtetes Energiefeld aus perlenden
Klavierläufen,
entfaltete mit fulminanter Klarheit der Tongebung die Solostimme in
Beethovens
Duodrama, binnen welchem der Einzelpart und das Orchester sich in einem
ernstlichen Dialog annähern. Gewiss konnte der geneigte Enthusiast
die drängende Orchesterpräsenz dieses Werkes schon
bedrohlicher
hören (Eschenbach, Masur, Sanderling). Chung samt sein Orchestre
de
Radio France verstanden sich indes nicht als bohrende Gegner der
Solostimme
- also des bedrängten Individuums - , vielmehr als fordernde
Partner,
welche der Solistin nachdrückliche Erwiderung abnötigten.
Madame
Grimaud bildete die Gegenrede mit einem Höchstmaß an innerer
Beteiligung ab. Sie geriet bei ihrer Klangentfaltung in eine geradezu
erotische
Ekstase, hob jegliche Distanz zur musikalischen Botschaft auf, schien
die
Wellen der Klänge körperlich wahrzunehmen und verlieh sich
die
Züge eines lebenden Abbildes der verzückten hl. Theresia,
jener
von Bernini geschaffenen barocken Plastik. Spielte sie nicht, beugte
sie
sich vor und verfolgte konzentriert mitschwingend die reinen
Orchesterpassagen.
Zu der virtuosen Kadenz des 1. Satzes in außerordentlichem
Kontrast
stehend zelebrierten die Musiker das Andante als ein Requiem. Das
Orchester
intonierte unisono - gleich Mozarts Satz seines Requiems KV 626 -
"Confutatis
maledictis", das Klavier konterfeite den reuigen Menschen, allein.
Hélène
Grimaud figurierte Beethovens Mystik berückend kontemplativ mit
etlichen
Zwischentönen, feinen Klangnuancen. Die Pianistin versenkte sich
und
- punktierte den letzten Ton, den sie auf dem Flügel anschlug, wie
das Erstarren der Seele angesichts des Abgrundes. Augenblicklich hoben
die Musizierenden jene Stimmung von Auflösung der Gestalt auf und
fügten an jenes Diktum das pastorale, übermütige Rondo
vivace.
Mit einem Überschuss sowohl an Spielfreude als auch technischer
Souveränität
modellierte die französische Künstlerin auf den Tasten einen
Flug glücklicher Zuversicht, gefolgt vom trefflich disponierten
Orchester
Chungs. Nach Beendigung des Konzerts Riesenapplaus in der Philharmonie.
Madame Grimaud trippelte ein paar Mal auf das Forum und wieder
zurück,
verbeugte sich. Etwas unbeholfen kam sie mir vor, scheu, als sei ihr
das
Klatschen von Hunderten peinlich. Sie erhielt keinen
Blumenstrauß,
tauschte mit dem Leiter des Orchesters keine Sentimentalitäten
aus.
Sie lief schließlich von der Bühne, gab keine Zugabe: Mit
ihrem
Beethoven hatte sie heute abend alles gesagt. Pause.
Fort mit dem Pianoforte! In die Philharmonie wurden nunmehr auch die
Menschen
eingeführt, die im Stau stecken blieben oder die S-Bahn verpassten
und damit die beliebte Solistin. Für Igor Strawinskys "Le Sacre du
Printemps" vergrößerte Chefdirigent Myung-Whun Chung seinen
Klangkörper annähernd um das Dreifache. Wolfgang Schreiber
attestierte
in der Süddeutschen Zeitung vom 28.03.03 dem französischen
Ensemble
bei der Durchführung von Strawinskys pompösem Werk
„Farbenreichtum
und Trennschärfe, hohe Präzision. (...) Der symphonische
Jahrhundertschocker
profitierte von der Spielkultur, der Klasse des Orchesters“, welches
„mit
enormer Tiefenstaffelung im Klangspektrum, messerscharfen
Trompetensegmenten,
mit elementarer Wucht im Schlagsound“ den Münchner Konzertsaal zum
Beben brachte. Verblüffend: Bei aller Entladung der teils
infernalischen
Musik, über deren anthropologischen Sinngehalt Adorno schrieb,
strahlte
Chung ungekünstelte – östliche? - Ruhe aus. Das Publikum war
berauscht, applaudierte und erhielt als Zugabe einen Ungarischen Tanz
von
Johannes Brahms. Nachdem
die Aufführung beendet, eilte ich zum Bühneneingang/-ausgang
der Philharmonie. Der Pförtner öffnete mir, ich fragte ihn,
ob
Madame Grimaud noch im Hause sei. Ja, sie ist noch im Haus, erwiderte
er.
So wartete ich, beobachtete die französischen Orchestermusiker aus
dem Gebäude in ihre Tourneebusse springen. Endlich öffnete
sich
der Aufzug wieder, und heraus trat Hélène Grimaud umringt
von einem Pulk von Betreuern und Kollegen. Unverzagt sprach ich sie an:
„Madame Grimaud!“, und augenblicklich wandte die Künstlerin ihren
Blick auf mich. Ich wedelte, um Autogramme von ihr zu erbitten, mit den
Booklets zwei ihrer CDs, und dank meines Satzes, mit dem ich
Musikerinnenseelen
öffne und in sie hineinschaue: „Please, would you sign?“,
signierte
die Französin mit dem von mir mitgebrachtem Stift. In der Eile,
und
um nicht zu übertreiben mit vielleicht missverständlichen
öffentlichen
Lobesäußerungen, sagte ich ihr: „It was a highly spiritual
Beethoven. Wonderful.“
Daraufhin sah mich Madame Grimaud mit strahlenden Augen an. „Thank you!“ entgegnete sie, ich
sagte
meinerseits „Thank you!“ Vermutlich hätten wir, wenn nicht ihre
Managerin
an ihrer Seite gestanden hätte, noch einen Augenblick miteinander
geplaudert. Aber ich musste mich losreißen von
Hélène
Grimaud; sie lässt ihre Wölfe nicht gern lange allein... Die
nächtliche Autofahrt aus München endete an der heimischen
Wohnungstür. B.
Böttcher, April 2003
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