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Burka, Burkini und Co.

Von: Stefan Jeuk

08-11-2016

Am 08. Dezember 2016 fand mit ungefähr 50 Besuchern das fünfte Forum Migration statt. Unter dem Titel: „Burka, Burkini und Co. - die Welten des Islam und die Politisierung der Frauenfrage - transnationale und migrationspolitische Perspektiven“ referierte Frau Prof. Dr. Renate Kreile (Politikwissenschaft, PH Ludwigsburg).

Der Vortrag begann mit einem historischen Überblick über Kleiderordnungen als Symbole in der nahöstlichen Welt. Es zeigte sich, dass es ein stetiges staatlich verordnetes „Entschleiern und Verschleiern“ gab und gibt. Diese Vorgänge haben jedoch wenig mit dem Wohl der Frau selbst zu tun, vielmehr spielt die Unterdrückung von Frauenrechten hier die entscheidende Rolle.
Im zweiten Teil beleuchtete Frau Prof. Kreile die „muslimische Frau“ aus sozialwissenschaftlicher Perspektive. Das verzerrte Bild einer unterdrückten Frau, die Reduzierung der Menschen auf den Islam sowie die Stereotypisierung durch Imagination in abendländischen Kunstwerken („Was ist ein Harem?“) waren Schwerpunkte dieses Vortragsteils. Ein weiterer Aspekt betrifft die Auswirkung dieser stereotypen Vorstellungen auf die aktuelle „Burka – Debatte“, die von einer Doppelmoral geprägt ist: Wieso wird Kleidung als politisches Statement wahrgenommen? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen einer auf nationale Identitäten ausgerichteten Politik und Umbrüchen in der Gesellschaft? Frau Kreile konnte eindrücklich zeigen, dass es sich bei Rückbezügen auf nationale Symbole und damit einhergehende Stereotypisierungen in Bezug auf bestimmte Kleidungen um Refugien und Gegenmodelle zur Globalisierung handelt. Auch Argumentationsmuster wie „„Unsere Frauen sind frei“, die eine vermeintliche Überlegenheit der „westlichen“ Welt unterstellen, sollen eine nationale Gemeinschaft manifestieren. Aus diesem vermeintlichen Gemeinschaftsgefühl lässt sich die Diskriminierung einer vielfältigen muslimischen Bevölkerung ableiten. Im Hinblick auf die Frage nach der Integrationsbereitschaft einer Einwanderungsgesellschaft forderte Frau Kreile nicht nur Toleranz, sondern die Bereitschaft zur Anerkennung von Unterschieden. Gleichzeitig gilt es aus transnationaler Perspektive Machtverhältnisse und Kontexte zu verstehen, anstatt pauschalisierend und marginalisierend zu urteilen.
Aus einzelnen Fragen ergab sich an diesem Abend eine rege Diskussion zwischen den Teilnehmern und Teilnehmerinnen, einige konnten als Kopftuchträgerin aus eigener Erfahrung berichten. Auf die Frage, ob es denn Forschungen gebe, wie Eltern und Schulgemeinschaften auf „das Kopftuch“ reagieren, stellte ein Teilnehmer fest: „Die Qualität des Unterrichts leidet nicht unter dem Kopftuch“. Auf die Frage, wie man mit einer Burka tragenden Person in einer Bildungsinstitution umgehen solle, meinte Frau Kreile, dass man berücksichtigen müsse, wie unwahrscheinlich eine derartige Situation im Moment sei. Und selbst wenn es der Fall sei, gelte es, in unserer freiheitlichen Gesellschaft diese Situation zu ertragen.
In der Diskussion ist es ein wichtiger Gesichtspunkt, dass häufig eine Mehrheit über eine Minderheit diskutiert und urteilt. Dies lässt sich am Burkaverbot in Frankreich zeigen, bei dem Regeln für Frauen vorgeschrieben werden, um Frauen von Regeln zu befreien. Diese Art der Debatte würde Entfremdungsprozesse vorantreiben. Hier wird auch häufig mit zweierlei Maß gemessen, was sich in Bezug auf christliche Kopfbedeckungen und die jüdische Kippa zeigen lässt.
Die vielen Fragen und Diskussionspunkte verweisen darauf, wie viel Redebedarf es in diesem Thema gibt und dass weitere Aufklärung notwendig ist. Insgesamt war es eine gelungene Veranstaltung zu einem polarisierenden Thema mit einem qualitativ wertvollen Vortrag und einer sachlichen und gleichzeitig sehr persönlichen Diskussion, die viele neue Denkanstöße gab.

(Bericht: Shangavi Baskaran)


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