Schulpraktische StudienSchulpraktische Studien

Das Fach „Soziologie“ kann bei der Begleitung sonderpädagogischer Schulpraxis keine fachdidaktischen oder fachrichtungsspezifischen Beiträge erbringen und auch keine systematischen Erkenntnisse für Methoden der Unterrichtsplanung und –Gestaltung liefern.

Die Soziologie ist aber als Fach generell dafür prädestiniert, die faktische Strukturiertheit sozialer Beziehungen und Abläufe begrifflich, inhaltlich und auf methodischer Ebene zu erschließen. Dies gilt natürlich auch für Unterrichtssituationen und –Abläufe, deren spezifische Interaktionsstrukturen und –Dynamiken, damit zusammenhängende Probleme und Ambivalenzen sowie generell Strukturprobleme pädagogischen Handelns, pädagogischer Beziehungen und Professionalisierungsprozesse.  

Voraussetzung dafür ist allerdings immer eine systematische Erhebung von empirischen Daten. Eine im Kontext der schulpraktischen Ausbildung leicht einzusetzende Form der Datenerhebung ist die Dokumentation von Unterrichtssequenzen durch Tonaufnahmen und ihre anschließende Verschriftlichung (Transkription). Weniger trivial ist die anschließende Auswertung solcher Transkripte. In der Praxis werden hier oft unreflektiert Verfahrensweisen eingesetzt, die eher vom Text und dem konkreten Fall wegführen. Sie beruhen zum Beispiel auf der Subsumtion von Textstellen unter vorher festgelegte, willkürliche Kategorienraster, Konzepte oder Hypothesen, die nicht aus dem Datenmaterial selbst entwickelt werden. Oder es werden Vorgehensweisen gewählt, die auf dem Herauspicken „interessanter“ Einzelheiten, „schöner Stellen“ beruhen. Die Gefahr besteht dann darin, diese schönen Stellen willkürlich aus dem Gesamtzusammenhang zu lösen. Das führt aber zu Beliebigkeit der Interpretation und ihrer Instrumentalisierung für eigene Vorurteile und Vor-haben. Nicht selten werden dann weitreichende, aber fallunspezifische vermeintliche Erkenntnisse der Literatur bloß illustriert oder – noch problematischer: es wird gezielt versucht, sich selbst damit die Tragfähigkeit und den Erfolg des eigenen pädagogischen Handelns und der ihm zugrunde liegenden Konzepte zu bescheinigen oder vorgefasste Urteile über vermeintliche Merkmale bzw. diagnostische Etiketten von SchülerInnen zu bestätigen. Man schottet sich dann faktisch gegen im Alltag oft unbemerkte überraschende Aspekte des individuellen Falles ab, bestätigt sein Vorwissen und übersieht dabei, dass im Unterricht sehr viel mehr passiert als das, was in Bezug zu den eigenen pädagogischen Absichten steht.  

Bei solchen Vorgehensweisen (die sich vielfach, zu Unrecht, wie ich meine, auf eine hypothesentestende Forschungslogik berufen) wird übersehen, dass Interaktionsabläufe eine ihnen immanente Fallstruktur immer schon aufweisen. Diese dokumentiert sich in der spezifischen Anschlusslogik, der Selektivität der dokumentierten kommunikativer und interaktiver Prozesse selbst. Um diese Fallstruktur zu erschließen, bedarf es nicht in erster Linie vorher festgelegter Kategoriensysteme, Hypothesen oder vermeintlich wissenschaftlicher Kriterienlisten, sondern eines rekonstruktiven Vorgehens,

Ein solches sequenzanalytisches Vorgehen wurde von der Forschungsmethode und Methodologie der sogenannten Objektiven Hermeneutik bereits in den 1970er Jahren von Ulrich Oevermann, Tilman Allert, Elisabeth Konau und Jürgen Krambeck entwickelt. Sie zählt heute zu den wichtigsten und etablierten Methoden der qualitativen Sozialforschung und kommt insbesondere auch im Bereich einer qualitativen und hermeneutischen Schul- und Unterrichtsforschung zum Einsatz (Combe/Helsper 1994; Combe/Gebhard 2012).

Es handelt sich dabei um eine soziologische Analysemethode. Sie ist also nicht per se eine Methode zur Operationalisierung oder Überprüfung pädagogischer Konzepte und Ziele, sondern versucht soziale Wirklichkeit, zum Beispiel ein konkretes Unterrichtsgeschehen, in seiner jeweiligen (Un-)Strukturierheit in den Blick zu bekommen. Gerade als solche kann sie aber wichtige Funktionen für die professionelle Selbstreflexion erbringen und auch im Rahmen einer gründlichen Supervision des Unterrichtsgeschehens Einsatz finden.

Eine wichtige Bedingung hierfür ist: genügend Zeit für eine geduldige Erschließung auch scheinbar nebensächlicher Details des Unterrichtsgeschehens zu haben. Es muss ein Analysesetting zur Verfügung stehen, in dem man nicht unter Handlungs- oder Rechtfertigungsdruck steht. Dies ist im Rahmen der üblichen Schulpraxis an der Schule mit AusbildungslehrerIn und MentorIn (die dann auch über Bestehen/Nicht-Bestehen des Praktikums entscheiden) so in der Regel nicht möglich. Hier stehen zumeist andere Fragen etwa im Zusammenhang mit Planung und Projektierung des Unterrichts im Vordergrund.  

Ich möchte daher in den nächsten Semestern versuchen als ein spezifisch soziologisches Angebot der schulpraktischen Betreuung in Form „Schulpraktischer Studien“ ein solches Setting aufzubauen und zu institutionalisieren. Es werden entweder als separate Veranstaltung, im Rahmen der regulären Schulpraxisbetreuung oder im Kontext meines Forschungskolloquiums Interpretationssitzungen an der Hochschule angeboten, in denen von mir und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eingebrachte Transkripte von Unterrichtssituationen mit der Methode der objektiven Hermeneutik gründlich und ohne Zeitdruck interpretiert werden sollen.

Dabei ist der TeilnehmerInnenkreis grundsätzlich nicht beschränkt.Bei Interesse bitte via Mail oder in der Sprechstunde anfragen!

Wegen des Forschungsbezugs ist die Methode insbesondere auch geeignet für Studierende im Professionalisierungspraktikum oder Absolventen, die mit der Abfassung von Masterarbeiten bzw. wissenschaftlichen Hausarbeiten im Bereich qualitativer Unterrichts Forschung befasst sind. Ebenso denkbar ist aber, dass sich Studierende, die gerade an anderen Praktikumsformen (ISP, Orientierungspraktikum) teilnehmen oder teilgenommen haben oder sich generell für qualitative soziologische Unterrichtsanalyse interessieren, beteiligen.

Ziel ist es im Laufe der nächsten Semester einen gegebenenfalls auch für einen weiteren Kreis von Studierenden zugänglichen Korpus von Transkripten und Analysen systematisch aufzubauen.

Literatur: Arno Combe/Werner Helsper: Was geschieht im Klassenzimmer? Perspektiven einer hermeneutischen Schul- und Unterrichtsforschung. Zur Konzeptualisierung der Pädagogik als Handlungstheorie. Weinheim (Deutscher Studien Verlag) 1994; Arno Combe/Ulrich Gebhard: Verstehen im Unterricht. Die Rolle von Phantasie und Erfahrung. Wiesbaden (Springer VS) 2012

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