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Interaktionsformen im herkömmlichen Mathematikunterricht

Aus der Genderperspektive wird der im Mathematikunterricht der Sekundarstufe gängige Frontalunterricht mit der Methode des fragend-entwickelnden Unterrichtsgesprächs kritisiert.
Vorliegende Studien belegen Unterschiede in den Interaktionsformen und Erwartungen bezüglich des Mathematikunterrichts zwischen Jungen und Mädchen.

Studien:

Ansätze zur Veränderung der Unterrichtsformen

Ein Modell weiblicher Wissensaneignung "Women's ways of knowing", in den USA entwickelt (Belenky et al. 1991; Rossi Becker 1995) ist von Gabriele Kaiser (1999) als Theorie mathematischer Denkprozesse unter einer Geschlechterperspektive für die deutsche Diskussion aufgegriffen worden.
Als wesentliches Element im Prozess der Wissensaneignung unter einer Geschlechterperspektive wird neben dem Einbezug einer intuitiv-subjektiven Ebene die Integration von getrenntem und verbundenem Denken gefordert. Darunter verstehen die Autorinnen des Ansatzes, dass in der Mathematik neben der Orientierung an der Axiomatik und am Algorithmus sowie am Prinzip der Deduktion und dem Anspruch der Objektivität, die Orientierung am Kontext, am Erfahrungsbezug, die Hypothesengenerierung und die Relativität des Wissens in den Vordergrund gerückt werden sollten (Kaiser 1999).
Deshalb wird von einer konstruktivistischen lernpsychologischen Perspektive aus gefordert, dass problem- und subjektorientierte, offenere und kooperativere Unterrichtsformen im Mathematikunterricht unter einer Genderperspektive favorisiert werden sollten (Jungwirth & Stadler 2000; Niederdrenk-Felgner 1998).

Konkrete Vorschläge für veränderte Unterrichtsformen

Modifizierte Erarbeitung
Am Angang steht ein problemorientierter Zugang, der eine Sache in seiner ganzen Komplexität zeigt (Niederdrenk-Felgner 1998). Die Entwicklung der Lösung kann mit einer Stillarbeit beginnen, bei der Lösungsvorschläge schriftlich fixiert werden. Nachdenken und Gründlichkeit sowie eigenständiges Arbeiten soll so ermöglicht werden (Jungwirth 1995). Neben reflektierend-sprachlichen Unterrichtsformen müssen zudem in stärkerem Maße praktisch-experimentierende Methoden treten.

Gruppenarbeit
 Bei dieser Form vertiefter Auseinandersetzung mit einem Problem können sich gleichgeschlechtliche Gruppen zusammenfinden, um Lösungsideen zu generieren. Soziale Kompetenzen von Mädchen würden anerkannt, die von Jungen gefördert und gestärkt (Effe-Stumpf 1995; Jahnke-Klein 1995).

Freiarbeit
Hier kann Individualisierung des Lernens durch innere Differenzierung praktiziert werden (Jungwirth & Stadler 2000).

Veränderter Umgang mit Sprache
Ergebnisse von Erarbeitungsphasen sollten stärker schriftlich oder mündlich alltagssprachlich kommuniziert werden, um Verständnisprobleme im Mathematikunterricht zu überwinden (Niederdrenk-Felgner 2000).

Zeitweise Aufhebung der Koedukation
Um Leistungsdefiziten von Mädchen vorzubeugen wird ein zeitweise getrennter Unterricht im Fach Mathematik vorgeschlagen (Nyssen et al. 1996). Bevor jedoch übereilt die Errungenschaften der Koedukation über Bord geworfen werden (Rost & Pruisken 2000), muss geprüft werden, unter welchen Bedingungen mono- bzw. koedukativer Mathematikunterricht wirksam sein kann (Faulstich-Wieland 1999).

Bei den bisher erarbeiteten Vorschlägen zur Verbesserung der Unterrichtsformen unter einer Geschlechterperspektive fehlt noch eine systematische Analyse und der empirische Nachweis der Wirksamkeit (Niederdrenk-Felgner 2001).

Literatur

Stichwort Interaktionsformen:
Jungwirth, H. (1990). Mädchen und Buben im Mathematikunterricht. Eine Studie über geschlechtsspezifische Modifikationen der Interaktionsstrukturen. Wien: Österreichisches Bundesministerium für Unterricht, Kultus und Sport (BMUK).
Jungwirth, H. (1992). Computer und Geschlecht - eine mikroethnographische Analyse von Denk- und Handlungsgewohnheiten bei der Nutzung des Computers im Unterricht. In Österreichisches Bundesministerium für Unterricht, Kultus und Sport (BMUK) (Hrsg.), Mädchen, Buben und Computer (S. 15-114). Reihe Frauenforschung, Band 2. Wien: BMUK.
Jahnke-Klein, S. (2001). Mädchen, Jungen, Unterrichtskultur: Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung zum Erleben von Mathematikunterricht. Beiträge zum Mathematikunterricht. Hildesheim: Franzbecker (im Druck).

Stichwort Unterrichtsformen:
Belenky, M.F., Clinchy, B.M., Goldberger, N.R. & Tarule, J.M. (1986). Women's ways of knowing: the development of self, voice and mind. New York: Basic Books.
Rossi Becker, J. (1995). Women's ways of knowing in mathematics. In P. Rogers & G. Kaiser (Eds.), Equity in mathematics education. Influences of feminism and culture. London: Falmer Press.
Kaiser, G. (1999). Women's ways of knowing. Ein anderer Ansatz zur Geschlechterdiskussion in der Mathematik. In D. Janshen (Hrsg.), Frauen über Wissenschaften. Die widerspenstigen Erbinnen der Männeruniversität (S. 45-60). Weinheim: Juventa.
Jungwirth, H. & Stadler, H. (2000). Der Geschlechteraspekt in TIMSS - Ergebnisse, Erklärungsversuche, Konsequenzen. Plus Lucis, Heft 2, 15-20.
Niederdrenk-Felgner, C. (1998). Entdeckendes Lernen und Problemlösen im Mathematikunterricht. Mädchen und Computer. Modelle für eine mädchengerechtere Unterrichtsgestaltung. Tübingen: Deutsches Institut für Fernstudien der Universität Tübingen.
Stichwort Vorschläge Unterrichtsformen:
Niederdrenk-Felgner, C. (1998). Entdeckendes Lernen und Problemlösen im Mathematikunterricht. Mädchen und Computer. Modelle für eine mädchengerechtere Unterrichtsgestaltung. Tübingen: Deutsches Institut für Fernstudien der Universität Tübingen.
Jungwirth, H. (1995). Verlangsamung als Ziel. Mathematik lehren, 71, 59-61.
Effe-Stumpf, G. (1995). Mädchen und Jungen im Mathematikunterricht. Mathematik lehren, 71, 4-7.
Jahnke-Klein, S. (1995). Jungen und Mathematikunterricht. Mathematik lehren, 71, 62-64.
Jungwirth, H. & Stadler, H. (2000). Der Geschlechteraspekt in TIMSS - Ergebnisse, Erklärungsversuche, Konsequenzen. Plus Lucis, Heft 2, 15-20.
Niederdrenk-Felgner, C. (2000). Themenheft "Mathematik und Sprache". Mathematik lehren, Heft 99.
Nyssen, E., Ueter, P. & Strunz, E. (1996). Monoedukation und Koedukation im Mathematikunterricht des neunten und zehnten Schuljahrs. In E. Nyssen (Hrsg.), Mädchenförderung in der Schule. Ergebnisse und Erfahrungen aus einem Modellversuch (S. 93-99). Weinheim: Juventa.
Rost, D. H. & Pruisken, C. (2000). Vereint schwach? Getrennt stark? Mädchen und Koedukation. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 14, 177-193.
Faulstich-Wieland, H. (1999). Koedukation heute - Bilanz und Chance. In M. Horstkemper & M. Kraul (Hrsg.), Koedukation. Erbe und Chancen (S. 125-135). Weinheim: Deutscher Studienverlag.
Niederdrenk-Felgner, C. (2001). Die Geschlechterdebatte in der Mathematikdidaktik. In E. Nyssen (Hrsg.), Geschlechterforschung in der Fachdidaktik. Weinheim: Beltz (in Vorbereitung).

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