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Im Wintersemester 2019/2020 biete ich die folgenden Veranstaltungen an:

 

1. Interaktionsdynamik und Interaktionsstrukturen im Unterricht - Sequenzanalysen mit der Objektiven Hermeneutik 
Zeit: Do 14.15 – 15.45 Uhr, Raum 8A/003

In dem Seminar geht es um die methodengeleitete Analyse von Unterrichtssequenzen, insbesondere unter Rückgriff auf Interpretationsverfahren der sogenannten "Objektiven Hermeneutik", eine Standardmethode qualitativer Sozialforschung, aber auch anderer - etwa kategorien- und typenbildender -  Vorgehensweisen. Jede(r), der/die am Seminar teilnimmt, muss unabhängig von der Frage der Prüfungsleistungen ein Transkript einer Unterrichtssequenz einbringen. Dazu sollte möglichst im Vorlauf des Seminars oder aber in den ersten Wochen des laufenden Semesters eine Unterrichtsstunde oder ein Teil einer Unterrichtsstunde aufgezeichnet werden und (teil)verschriftlicht werden. Es genügt dabei eine Audioaufnahme. Wer die Stunde gehalten hat, ist dabei unerheblich (man selbst, KommilitonIn, beliebige LehrerIn), ebenso unerheblich ist dabei Schulform oder Schulfach. Diese von den TeilnehmerInnen erstellten Transkripte dienen dann im weiteren Verlauf des Seminars als Grundlage von ausführlichen und detaillierten Analysen von Unterrichtsverläufen.

Im ersten Teil des Seminars werden Konzepte zur Handlungs-, Kommunikations- und Interaktionslogik des sozialen Systems "Unterricht" sowie zu deren methodischer und methodologischer Erschließung behandelt. Das Seminar eignet sich für Studierende aller Fachrichtungen der Sonderpädagogik, aber auch aller anderen Lehrämter, insbesondere auch im Zusammenhang der Vorbereitung/Durchführung/Auswertung von empirischen Studien im Zusammenhang mit dem Professionalisierungspraktikum oder der Abschluss-Masterarbeit.
 
In dieser Veranstaltung sind interessierte Studierende aller Lehramtsstudiengänge willkommen! Das Seminar eignet sich auch im Zusammenhang der Vorbereitung / Durchführung / Auswertung von empirischen  Studien im Zusammenhang mit dem Professionalisierungspraktikum oder der Abschluss-Masterarbeit.

In dieser Veranstaltung sind interessierte Studierende aller Lehramtsstudiengänge willkommen! Das Seminar eignet sich auch im Zusammenhang der Vorbereitung / Durchführung / Auswertung von empirischen  Studien im Zusammenhang mit dem Professionalisierungspraktikum oder der Abschluss-Masterarbeit.

 

2. Inklusion - zwischen pädagogischer Ideologie, Identitätspolitik und soziologischer Strukturkategorie

Zeit: Do 16.15 – 17.45 Uhr, Raum 8A-002

 „Inklusion” ist im anglosächsischen Raum und in romanischen Sprachen zunächst ein normales Wort ohne jeden fachlichen Bezug. Es bedeutet „Einbeziehung” oder auch „Einschluss” – so, wie man auch im Deutschen schon immer sagen konnte: „inklusive der Getränke” = „einschließlich der Getränke”.

Dass man heute den Ausdruck „inklusive Getränke” auch als „Getränke für alle”, „Getränke, die niemanden ausschließen” verstehen kann, verdankt sich dem gesellschaftlichen Erfolg eines ursprünglich (sonder-)pädagogischen bildungspolitischen Programms einer "Schule für alle". Aus diesem Programm ist zunehmend ein umfassendes Deutungsmuster mit einem auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausgeweiteten Geltungsanspruch geworden - man könnte auch von einem normativen „Dispositiv”, einer „Ideologie” mit stark utopischen Zügen sprechen. Es fasst „Inklusion” als ein umfassendes Programm der „Teilhabe” aller Menschen an allen gesellschaftlichen Prozessen auf und verbindet das mit einer Reihe weiterer Schlüsselkonzepte, wie etwa dem einer abstrakten (Anerkennung von) „Vielfalt”, „Heterogenität”, „Diversität” sowie einem menschenrechtlichen Diskurs.

Als wissenschaftliche Kategorie zur Deskription und Analyse von realen gesellschaftlichen Sachverhalten (also nicht als pädagogisches oder politisches Programm) wurde „Inklusion” ausschließlich in der Soziologie verwendet. Inklusion meint hier die im Prozess der Herausbildung moderner differenzierter Gesellschaften und der für sie typischen Institutionensysteme stattfindenden faktischen Prozesse der Einbeziehung von immer mehr Teilen und Gruppen der Bevölkerung in eben diese gesellschaftlichen Teilsysteme und Institutionen (Politik, Bildung, Wirtschaft, Familie/Privatleben, Kultur, Sport u.a.). Dabei geht es nicht um umfassende „Teilhabe” oder Teilhabeansprüche, sondern eher um elementare Zugangsrechte bzw. um jeweils bestimmte und zu bestimmende Mindeststandards der Teilhabe (z.B. Wahlrecht als Teilhabe an politischer Macht). Von Anfang stand aber auch in der soziologischen Diskussion (Marshall, Parsons, Luhmann) der Zusammenhang von gesellschaftlicher Differenzierung, Bürger- und Menschenrechte und Inklusion im Zentrum der Analyse.

Wir werden uns in dem Seminar mit dem Verhältnis dieser unterschiedlichen Verwendungsweisen und Funktionen des Inklusionsbegriffs befassen. Den Ausgangspunkt bildet dabei der soziologische Inklusionsbegriff, weil mit seiner Hilfe analysiert werden kann, wo das normative Inklusionsdispositiv von einem ursprünglich rein bildungspolitischen Programm in eine Ideologie übergeht, d.h. in ein normatives Konstrukt mit umfassendem gesellschaftspolitischem Anspruch, das aber zugleich ein grundsätzlich unrealistisches Bild der modernen Gesellschaft und ihrer strukturellen Möglichkeiten zeichnet. Wir werden dazu auch empirisches Material untersuchen und auch Fragestellungen diskutieren wie etwa: Wer sind die Trägergruppen dieses Inklusions-Heterogenitäts-Dispositivs? In welchem Verhältnis stehen sie zur „Identitätspolitik” der in diesen Diskurs ebenfalls (direkt? indirekt?) involvierten „Betroffenen”-Gruppen? Welche unterschiedlichen inhaltlichen Differenzierungen und Akzentuierungen des Dispositivs lassen sich erkennen? In welcher Beziehung stehen dieses Dispositiv zu den Dispositiven der "neuen Rechten"? Lassen diese sich als (Gegen-)Reaktion gegen den Inklusions-Heterogenitäts-Diskurs oder/und selbst als eine Art "Identitätspolitik" interpretieren?

Literatur:Jörg Michael Kastl: Inklusion, Integration und Teilhabe. Kap. 8 aus ders.: Einführung in die Soziologie der Behinderung. Wiesbaden (Springer VS) 2017; Jörg Michael Kastl: Inklusion. In:  H.W. Otto; H. Thiersch; R. Treptow; H. Ziegler (Hrsg.) Handbuch Soziale Arbeit.  München (Reinhardt) 2018: 665-678; Johannes Richardt (Hrsg.): Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik. Frankfurt a.M. (novo) 2018; Lea Susemichel, Jens Kastner (Hrsg.): Identitätspolitiken. Münster (Unrast) 2018; Bundeszentrale für politische Bildung / Beilage zur Wochenzeitschrift "Das Parlament" (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte: Identitätspolitik. 69. Jahrgang, 9–11/2019, 25. Februar 2019; Internetressource unter:  https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/286514/identitaetspolitik (als PDF gratis!)

3. Benachteiligung, Behinderung, Krankheit als soziobiographischer Prozess 

Zeit: Fr 10.15-11.45 Uhr, Raum 8A-003

Das Wort Biographie (aus griechisch bios = Leben und graphein = ritzen, malen, schreiben) bedeutet eigentlich das ge- oder beschriebene Leben. In der Soziologie wird, der Logik dieser Etymologie folgend, unter Biographie der (sozial) gedeutete individuelle Lebensverlauf verstanden, sozusagen der Reim, den sich Menschen, in Kommunikation miteinander stehend und in der scheinbar einsamen Selbstreflexion, auf ihr eigenes Leben (oder Teile daraus) oder den Lebensverlauf anderer machen. In Inhalt und Stil solcher Rekonstruktions- und Verstehensprozesse gehen ganz verschiedene Dimensionen und Aspekte ein:

 In dem Seminar sollen exemplarisch – an theoretischen Texten, an biographischen Studien, aber auch an konkretem biographischem Material (Interviewtranskripte) – solche Aspekte und Zusammenhänge erschlossen werden sowie ausgewählte Methoden biographischer Datenerhebung, Beschreibung und Analyse behandelt und ausprobiert werden. Im Fokus des Seminars stehen dabei durchgehend biographische Erfahrungen von Behinderung bzw. chronischer psychischer Erkrankung und anderen Formen der sozialen Benachteiligung. Behinderung und Benachteiligung sollen dabei selbst als soziobiographische Prozesse, als Ereignisstrukturen mit einer bestimmten lebensgeschichtlichen Dynamik und Verlaufsgestalt und damit korrespondierenden semantischen Strukturen verstanden werden.

4. Forschungskolloquium

Zeit: Fr 12.15-14.30 Uhr           

Das Forschungskolloquium ist für Studierende  gedacht, die im Rahmen ihres Studiums empirisch forschen wollen oder dies bereits tun. Dabei spielt es keine Rolle, in welchem Stadium der Planung des Vorhabens Sie sind, ob es um das Ausformulieren erster Ideen für ein Vorhaben geht oder ob Sie bereits Daten erhoben haben und mit anderen Studierenden und dem Dozenten über deren Auswertung bzw. Interpretation diskutieren wollen. Das Forschungskolloquium soll in allen diesen Phasen ein Forum sein, in dem Austausch, Diskussion, Beratung von/über Forschungsprobleme(n) möglich sein soll.

Dabei werden auch gemeinsam Erhebungs- und Auswertungsmethoden der empirischen Sozialforschung angeeignet und ausprobiert, einschließlich der dabei eingesetzten Software (SPSS, PSPP, Maxqda, Open Code) - nie aber “nach Kochbuch”, sondern immer im engen Konnex zu konkreten Forschungsproblemen und den jeweiligen inhaltlichen Fragestellungen. Es spielt dabei keine Rolle, ob es um den Einsatz statistischer, quantifizierender Methoden geht oder um qualitative, interpretierende, fallrekonstruktive oder biographische Methoden. Im Zentrum steht immer die gemeinsame Arbeit an Daten, egal, ob es sich dabei um statistische Auswertungen, qualitative Interviews, Interaktionsbeobachtungen oder Videoaufzeichnungen handelt.

Einzige Teilnahmebedingung ist, dass man/frau an die Planung eines eigenen (kleineren oder größeren) Vorhabens denkt oder bereits mitten drin steckt, dies bereit ist zur Diskussion zu stellen bzw. offen ist für das Peer-und-Prof-Consulting, das das Forschungskolloquium ermöglicht. Es geht dabei wohlgemerkt um Projekte, die (zumindest Elemente) sozialwissenschaftliche(r) Forschung enthalten, reine sogenannte "Praxisprojekte" bleiben in dieser Veranstaltung ausgeklammert.

Besonders angesprochen sind damit:

Dieses Seminar kann in den Lehramtsstudiengängen nicht für Soziologie angerechnet werden - es ist gedacht für Leute, die z.B. im Kontext der Erstellung ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit Unterstützung in forschungsmethodischer Hinsicht benötigen.

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