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Im Sommersemester 2019 biete ich die folgenden Veranstaltungen an:

1. Lachen über Behinderte und Benachteiligte - zwischen Ausgrenzung und Einbeziehung

Donnerstag, 14.15 - 15.45 Uhr (ab 11.04.2019) Raum 8A/003

Kann, darf, soll man über benachteiligte oder behinderte Menschen lachen? Es ist eine Tatsache, dass in verschiedensten historischen Epochen und kulturellen Kontexten schon immer über Minderheiten gelacht wurde. Zumeist war dieses Lachen das grausame „Lachen einer Gruppe“ (Henri Bergson), das Menschen ausgrenzt. Das ist auch der Grund, warum - zumal in der Pädagogik - die Verbindung von Behinderung/Benachteiligung, Komik und Lachen für uns heute mit großen Ambivalenzen, ja sozialen Tabus belegt ist. Aber auch die Tabuisierung von Lachen kann eine Art von subtiler Ausgrenzung darstellen. Gibt es nicht auch so etwas wie eine Einbeziehung (Inklusion) in ein „erlösendes Lachen“ (Peter L. Berger)?

Das Seminar wird solchen Fragen von vorne herein in der intensiven Analyse von "komischem Material" - Karikaturen, Texte, Filmsequenzen - nachgehen; begleitend dazu sollen Auszüge aus klassischen sozialphilosophischen und soziologischen Texten zur Struktur des Lachens und der Komik (Bergson: Das Lachen; Plessner: Lachen und Weinen) sowie zu den Themen Stigmatisierung und Ausgrenzung (Goffman) zusammen gelesen und interpretiert werden.

Erwartet wird von den TeilnehmerInnen Recherchen nach "komischem Material" und die Bereitschaft zur intensiven Analyse mit den (im Seminar ebenfalls zu vermittelnden) Standardmethoden der Sequenzanalyse (objektive Hermeneutik) und kategorisierender Methoden (Grounded Theory, Inhaltsanalysen). Über diese Analysen können dann auch Hausarbeiten zum Erwerb qualifizierter Leistungsnachweise geschrieben werden.

 

2. Körper, Sprache, soziale Struktur

Donnerstag, 16.15 -17.45 (ab 11.04.2019) Raum 8A/002

Im Mittelpunkt des Seminars steht der Zusammenhang von menschlichem Körper und sozialer Ordnung (Struktur), sowie die wichtige Rolle der Sprachlichkeit als „Knotenpunkt“ sensorischer, motorischer, mentaler und sozialer Strukturen.

Mit Körper(lichkeit) ist nach heutigem Verständnis (z.B. der ICF) nicht nur der Körper als Inbegriff der äußerlich sichtbaren Gestalt, seines Aussehens und seiner Bewegungsmöglichkeiten gemeint. Vielmehr gehören natürlich auch alle von außen nicht sichtbaren Strukturen und Organe und deren Leistungen zum Körper, einschließlich des Gehirns und des zentralen Nervensystems. Der „Körper“ ist Ort und Träger aller physiologischen, sensorischen, motorischen und mentalen Funktionen und Strukturen, die in das Verhalten von Menschen eingehen, insbesondere des Gedächtnisses. Menschliches Verhalten schlechthin ist somit nach heutigem Verständnis nachweisbar körpergebunden. Das reicht von Alltagsfertigkeiten, beinhaltet sportliche oder künstlerische Fertigkeiten, die Fähigkeit über sich, Andere und die Dinge nachzudenken und ihnen gegenüber auf bestimmte Weise Gefühle zu hegen, Wissen und Erinnerungen.

Sonder- und InklusionspädagogInnen haben es nun immer mit „abweichendem“ Verhalten ihrer Klientel zu tun, das als Indiz für „Förderbedarf“, „Heterogenität“/“Diversität“, „Entwicklungsstörungen“, „Behinderung“, „Benachteiligung“, „Traumatisierung“, „Schädigung“ aufgefasst wird. Abweichung wird Ausgangspunkt und Legitimation eines als spezifisch verstandenen pädagogischen Handelns. Das ist – obwohl von manchen das Gegenteil beteuert wird – ein konstitutiver und unverzichtbarer Bestandteil sonder- und inklusionspädagogischer Handlungslogik. Mit ihr steht und fällt die Legitimation dieses Faches als solchem. "Able-ismus" ist in diesem Rahmen zunächst unvermeidlich. Denn Maßstäbe über „Normalität“ und „Abweichung“ von Verhalten(sdispositionen) lassen sich letztlich nur sozialen Strukturen (Ordnungen) entnehmen. Sie setzen die Kenntnis durchschnittlich erwartbarer Verhaltensanforderungen im Kontext sozialer Strukturen (im Rahmen persönlicher Beziehungen, in Berufs- und Haushaltsarbeit, in der Öffentlichkeit, Schule, Freizeit usw.) voraus. „Abweichendes“ Verhalten ist gleichbedeutend mit der Wahrnehmung einer relativen Nicht-Passung (bestimmter) sozialer Strukturen und (bestimmten) Verhaltensdispositionen.

Grundsätzlich gibt es nun zwei Möglichkeiten solchen Passungsdiskrepanzen pädagogisch zu begegnen. Man kann versuchen auf die Verhaltensdispositionen einzuwirken oder aber – wie im Inklusionsdiskurs betont – bestimmte Aspekte sozialer Strukturen systematisch zu verändern. In aller Regel verbinden Sonder- und InklusionspädagogInnen beide Handlungslogiken in unterschiedlicher Akzentuierung. So oder so: das zentrale professionelle Bezugsproblem der Sonder- und Inklusionspädagogik ist das Verhältnis von individuellem Körper (als Inbegriff der Verhaltensdispositionen von Menschen) und sozialer Struktur. Deshalb wird es im Seminar um einige grundlegende Aspekte dieses komplexen Zusammenhangs gehen, in den natürlich immer auch Fragen der Wahrnehmung und der sozialen Zuschreibung von Abweichung=Nicht-Passung eingehen.

 Im Zentrum des Seminars steht der Sachverhalt als solcher, dass soziale Strukturen sich nicht bloß irgendwie auf körperliche Dispositionen „auswirken“, sondern in gewisser Hinsicht gleichbedeutend mit ihnen sind. Soziale Strukturen sind nicht nur, aber wesentlich auch „im Körper“, sie sind gleichbedeutend mit „strukturierten“ Körperbewegungen und deren Wahrnehmung. Hierzu werden wir einerseits ausgewählte Texte z.B. von Maurice Merleau-Ponty und Pierre Bourdieu lesen. Paradigmatisch für solche Zusammenhänge ist – durch die neuere (sozio-)linguistische Forschung auch empirisch vergleichsweise gut erschlossen – das Thema Sprache. Deswegen werden neuere Forschungen zu den Themen Sprache, Spracherwerb, Gedächtnisbildung einen weiteren wichtigen Themenschwerpunkt im Seminar einnehmen. Im Blick bleiben wird dabei durchgehend die Leitfrage: Welche Konsequenzen hat ein solches Strukturkonzept für das Selbstverständnis sonder- und inklusionspädagogischer Arbeit?

 Die Teilnahme am Seminar setzt Interesse an komplexen theoretischen Grundlagenproblemen, an interdisziplinären Verknüpfungen (Soziologie, Philosophie, Linguistik, kognitive Neurowissenschaften, (Sonder-)Pädagogik) und die Bereitschaft sich eigenständig in neuere empirische Studien einzuarbeiten, voraus.


3. Organisation und Profession

Freitag 10:15 - 11:45, Beginn: 12.04.2019, Raum 8A.002

In dem Seminar geht es um das Spannungsverhältnis zwischen der Professionalisierungs- und der Organisationsbedürftigkeit pädagogischer und sozialer Arbeit im Kontext der Sonderpädagogik. HIerbei kann es sich um Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie oder Schule handeln. Professionelles Handeln setzt relative Autonomie, Vertrauensschutz, Offenheit der vom Professionellen und seinem Klienten zu bestimmenden Zielsetzungen voraus. Professionelles Handeln ist - wegen seiner Komplexität, konstitutiven Geprägtheit durch Ambivalenzen und Paradoxien und seiner Verpflichtung auf individuelle und kontextualisierte Problemlösungen - letztlich nur begrenzt standardisierbar. Das steht in einem Spannungsverhältnis zur Organisationsbedürftigkeit professionellen Handelns. Diese ergibt sich allein schon aus dem Problem der Allokation wirtschaftlicher Ressourcen aus öffentlichen Mitteln. Damit sind notwendigerweise eine Fülle rechtlicher, finanzieller und struktureller Vorgaben verbunden. Es ergeben sich Zwänge und Rahmenbedingungen für die organisatorischen Strukturen relevanten institutionellen Akteure, wie zum Beispiel die für das deutsche Sozialsystem typische korporatistische Aufgabenteilung und Kooperation öffentlicher und freier (gemeinnütziger und gewerblicher) Träger sozialer Leistungen und Dienstleistungen, aber auch eine besonders im Bereich der Behindertenhilfe kaum mehr durchschaubare Komplexität von Zuständigkeiten und verschiedenen Leistungslogiken. Man spricht in diesem Zusammenhang vom gegliederten System sozialer Sicherung. Dessen Probleme wirken zum Teil auch in die Institution „Schule” hinein. Dort stellen sich allerdings noch eine Reihe anderer Probleme, die z.B. mit der staatlichen Aufsicht über das Schulwesen, der eigenständigen gegliederten Struktur des Schulwesens selbst sowie mit der internen hierarchischen Ausrichtung und der Modernisierung der bürokratisierten Kontrolle zu tun haben.

 Im ersten Schritt wird es – entlang der soziologischen Professionstheorie und dem Organisations- und Managementmodell von Henry Mintzberg – um ein tragfähiges Modell professionalisierten Handelns gehen und um die Frage, welche professionellen und fachlichen Anforderungen sich daraus für soziale und pädagogische Organisationen ableiten lassen. Daran anknüpfend werden wir aktuelle Diskussionen und Problemlagen sozialer Arbeit in Behindertenhilfe, Sozialpsychiatrie und Schule im Spannungsfeld von Ökonomisierung, bürokratischer Kontrolle (Qualitätsmanagement u.ä.) und professionellem Handeln aufgreifen.

4. Forschungskolloquium

Fr.

12:15 bis 15:00

Uhr (ab

12.04.2019) 

8a - 8A.003

Das Forschungskolloquium ist für Studierende  gedacht, die im Rahmen ihres Studiums empirisch forschen wollen oder dies bereits tun. Dabei spielt es keine Rolle, in welchem Stadium der Planung des Vorhabens Sie sind, ob es um das Ausformulieren erster Ideen für ein Vorhaben geht oder ob Sie bereits Daten erhoben haben und mit anderen Studierenden und dem Dozenten über deren Auswertung bzw. Interpretation diskutieren wollen. Das Forschungskolloquium soll in allen diesen Phasen ein Forum sein, in dem Austausch, Diskussion, Beratung von/über Forschungsprobleme(n) möglich sein soll.

Dabei werden auch gemeinsam Erhebungs- und Auswertungsmethoden der empirischen Sozialforschung angeeignet und ausprobiert, einschließlich der dabei eingesetzten Software (SPSS, PSPP, Maxqda, Open Code) - nie aber “nach Kochbuch”, sondern immer im engen Konnex zu konkreten Forschungsproblemen und den jeweiligen inhaltlichen Fragestellungen. Es spielt dabei keine Rolle, ob es um den Einsatz statistischer, quantifizierender Methoden geht oder um qualitative, interpretierende, fallrekonstruktive oder biographische Methoden. Im Zentrum steht immer die gemeinsame Arbeit an Daten, egal, ob es sich dabei um statistische Auswertungen, qualitative Interviews, Interaktionsbeobachtungen oder Videoaufzeichnungen handelt.

Einzige Teilnahmebedingung ist, dass man/frau an die Planung eines eigenen (kleineren oder größeren) Vorhabens denkt oder bereits mitten drin steckt, dies bereit ist zur Diskussion zu stellen bzw. offen ist für das Peer-und-Prof-Consulting, das das Forschungskolloquium ermöglicht. Besonders angesprochen sind damit:

* Studierende des außerschulischen Masters Sonderpädagogik, die ihr Masterprojekt planen bzw. durchführen;

* Studierende des außerschulischen Masters Sonderpädagogik, die eine Masterarbeit mit empirischen Anteilen planen bzw. durchführen;

* Studierende des Lehramts (Staatsexamen oder Master), die im Rahmen des Professionalisierungspraktikums Aufzeichnungen über Unterricht auswerten und nun wissen möchten, mit welchen Methoden dieses Material erschließbar ist;

* Lehramtsstudierende (Staatsexamen oder Master), die empirische Anteile in ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit diskutieren möchten;

* Doktoranden, die für ihre empirische Analysen ein Diskussionsforum benötigen;

* alle, die im Zusammenhang mit ihrem Studium, Seminararbeiten empirische Daten methodisch kontrolliert auswerten möchten.

 

 

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