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Befunde der Selbstkonzeptforschung

Selbstvertrauen
Mädchen weisen in allen Schulfächern mit zunehmender Klassenstufe Einbrüche im Selbstvertrauen auf (Horstkemper 1987). In mathematisch-naturwissenschatlichen Fächern zeigt sich die Diskrepanz zu den Jungen jedoch besonders deutlich. Ergebnisse verschiedener Studien weisen nach, dass Mädchen trotz guter Leistungen im Fach Mathematik kein angemessenes Selbstvertrauen entwickeln (Brehmer et al. 1989; Kaiser-Meßmer 1993).
Befunde zur Kausalattribution bezüglich der Schulleistung belegen, dass Mädchen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern ihre Leistungen anderen Ursachen zuschreiben als Jungen. Mädchen führen Erfolg eher auf Glück und Misserfolg eher auf mangelnde Begabung zurück (Whitley, McHugh & Frieze 1986).
Eine neuere amerikanische Studie (Boaler 1998) konnte allerdings kein derartiges Attributionsmuster bei Mädchen mehr finden. Schülerinnen dieser Untersuchung führten ihre Schwierigkeiten mit dem Fach Mathematik auf den Zeitdruck und dem engen am Lehrbuch orientierten Vorgehen an ihrer Schule zurück.

Spontanes Selbstkonzept
Untersuchungen von Bettina Hannover (1992) zur Interessenentwicklung in der Pubertät zeigen, dass Mädchen in koedukativ unterrichteten Klassen während der Pubertät vor allem das spontane Selbstkonzept der eigenen Geschlechtszugehörigkeit aktivieren, während bei Mädchen in monoedukativ unterrichteten Klassen das spontane Selbstkonzept des Erwachsenseins im Vordergrund steht. Die Aktualisierung des Selbstkonzepts der eigenen Geschlechtszugehörigkeit führt bei den koedukativ unterrichteten Mädchen in männlich dominierten Fächern in einen Konflikt, weil die feminine Geschlechtsrollenorientierung im Widerspruch zu den als männlich geltenden aber gesellschaftlich anerkannten Inhalten der Mathematik steht. Ein möglicher Ausweg aus diesem Konflikt kann zeitweise monoedukativer Unterricht während der Pubertät sein.

Geschlechtsrollenorientierung - Bild von Mathematik

Das Fach Mathematik wird in unserer Gesellschaft als männliche Domäne stereotypisiert. Damit steht Erfolg in diesem Fach im Widerspruch zur weiblichen Geschlechtsrolle.
Untersuchungen zur Geschlechtsrollenorientierung belegen, dass Frauen mit einem androgynen oder maskulin ausgerichteten Geschlechtsrollenselbstkonzept sich eher für einen naturwissenschaftlich-technischen Beruf entscheiden (Edwards & Spence 1987).
Ein etwas anders geartetes Bild zeigt das Ergebnis der TIMSS-Begleituntersuchung in der Schweiz (Keller 1998).
Die Unterschiede im Selbstvertrauen, die die Leistungsunterschiede bei TIMSS zwischen Jungen und Mädchen vollständig erklären konnten, waren vor allem durch die Stereotypisierung der Mathematik als männliche Domäne von Seiten der Schülerinnen und Schüler bedingt. Die Geschlechtsrollenidentität der Jugendlichen selbst war dabei kein wesentlicher Einflussfaktor.
Mädchen, die Mathematik weniger der männlichen Lebenswelt zuordneten und Jungen, die Mathematik mehr der männlichen Lebenswelt zuordneten, zeigten die jeweils besseren Leistungen im Fach Mathematik.
Auf das Selbstvertrauen der Mädchen im Fach Mathematik wirkte sich zusätzlich negativ aus, dass auch die Lehrpersonen in starkem Maße Mathematik als männliche Domäne stereotypisierten.
Entscheidender Ansatzpunkt für eine Stärkung des Selbstbewußtseins der Mädchen im Mathematikunterricht ist nach Keller (1998) die Veränderung des Bildes von Mathematik.

Wirkung von Vorbildern und Erwartungen

Wirkung von Vorbildern
In der Mathematik ist ein eklatanter Mangel an weiblichen Vorbildern zu verzeichnen. Allerdings gibt das weibliche Geschlecht der Unterstützungsperson allein nicht den Ausschlag. Mädchen brauchen positive emotionale Erlebnisse in naturwissenschaftlich-technischen Handlungsfeldern (Hannover 1992), aktive Unterstützung und das Gefühl, dass die Beschäftigung mit Mathematik nicht unweiblich ist. Oft orientieren sich Mädchen mit geschlechtsuntypischer Fächerwahl am Vater als Rollenmodell (Menacher 1994).
   

Wirkung von Erwartungen
Die ältere Rollenmodellhypothese ging davon aus, dass Mädchen niedrigere Leistungserwartungen über das Vorbild des geschlechtspezifischen Elternverhaltens entwickeln. Die Erwartungshypothese, der heute der Vorzug gegeben wird, besagt, dass Eltern unterschiedliche Erwartungen hinsichtlich der Fähigkeiten ihrer Töchter und Söhne zeigen (Beermann, Heller & Menacher 1994). Ganz allgemein messen sie der mathematischen Befähigung der Söhne eine größere Bedeutung bei. Die Übermittlung positiver elterlicher Leistungserwartungen ist somit ein wichtiger Einflussfaktor.
Ähnliche Ergebnisse liegen für den Einfluss der Erwartungen von Lehrpersonen auf das Selbstvertrauen der Mädchen im Fach Mathematik vor (Keller 1998; Tiedemann 1995).

Emotionale Bezüge und Nützlichkeit

Eine gute affektive Beziehung zum Bereich Naturwissenschaft und Technik und die Antizipation einer beruflichen Karriere in diesem Sektor sind weitere Faktoren, die die Einstellung zum Fach Mathematik positiv beeinflussen.Jungen, die häufig schon in ihrer Freizeit mehr Erfahrungen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich sammeln als Mädchen, halten Mathematik auch hinsichtlich einer späteren Berufswahl für nützlicher (Menacher 1994).Bei Mädchen stehen in der Phase der Berufsfindung häufig Nützlichkeitserwägungen bezüglich einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Vordergrund.

 

Literatur

Stichwort Selbstvertrauen:
Horstkemper, M. (1987). Schule, Geschlecht und Selbstvertrauen. Eine Längsschnittstudie über Mädchensozialisation in der Schule. Weinheim: Juventa.
Brehmer, I., Küllchen, H. & Sommer, L. (1989). Mädchen, Macht (und) Mathe. Geschlechtsspezifische Leistungskurswahl in der reformierten Oberstufe. Dokumente und Berichte 10. Düsseldorf: Parlamentarische Staatssekretärin für die Gleichstellung von Mann und Frau.
Kaiser-Meßmer, G. (1993). Results of an empirical study into gender differences in attitudes towards mathematics. Educational Studies in Mathematics, 2, 56-66.
Whitley, J., McHugh, M. & Frieze, I. (1986). Assessing the theoretical models for sex differences in causal attributions of success and failure. In J. Hyde & M. Linn (Eds.), The psychology of gender: advances through meta-analysis. Baltimore, MD: John Hopkins University Press.
Boaler, J. (1998). Nineties girls challenge eighties stereotypes: updating gender perspectives. In C. Keitel (Hrsg.), Social justice and mathematics education (S. 278-292). Berlin: IOWME und FU Berlin.

Stichwort Selbstkonzept:
Hannover, B. (1992). Spontanes Selbstkonzept und Pubertät. Zur Interessenentwicklung von Mädchen in koedukativen und geschlechtshomogenen Schulklassen. Bildung und Erziehung, 45, 31-46.

Stichwort Geschlechtsrollenorientierung:
Edwards, V. & Spence, J. (1987). Gender related traits, stereotypes, and schemata. Journal of Personality and Social Psychology, 53, 146-154.
Keller, C. (1998). Geschlechterdifferenzen in der Mathematik: Prüfung von Erklärungsansätzen. Eine mehrebenenanalytische Untersuchung im Rahmen der ‚Third International Mathematics and Science Study'. Zürich: Zentralstelle der Studentenschaft.

Stichwort Wirkung Vorbilder:
Hannover, B. (1992). Mädchen in geschlechtsuntypischen Berufen. Eine quasiexperimentelle Studie zur Förderung des Interesses Jugendlicher an Naturwissenschaft und Technik. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 23, 36-45.
Menacher, P. (1994). Erklärungsansätze für geschlechtsspezifische Interessen- und Leistungsunterschiede in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. Zentralblatt für die Didaktik der Mathematik, 26, 1-11.

Stichwort Wirkung Erwartungen:
Beerman, L., Heller, K. A. & Menacher, P. (1992). Mathe: nichts für Mädchen? Begabung und Geschlecht am Beispiel von Mathematik, Naturwissenschaft und Technik. Bern: Huber.
Keller, C. (1998). Geschlechterdifferenzen in der Mathematik: Prüfung von Erklärungsansätzen. Eine mehrebenenanalytische Untersuchung im Rahmen der ‚Third International Mathematics and Science Study'. Zürich: Zentralstelle der Studentenschaft.
Tiedemann, J. (1995). Geschlechtstypische Erwartungen von Lehrkräften im Mathematikunterricht der Grundschule. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 9, 153-161.

Stichwort Emotionale Bezüge:
Menacher, P. (1994). Erklärungsansätze für geschlechtsspezifische Interessen- und Leistungsunterschiede in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. Zentralblatt für die Didaktik der Mathematik, 26, 1-11.

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