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"Brecht zwischen Berlin und Buckow"

Im ›Februarblock 2007‹ sollte der Veranstaltungstyp Exkursion für das Fach Deutsch erprobt werden. Exemplarisch stand dabei Leben und Werk  Bertolt Brechts an wesentlichen Stationen seines Schaffens im Mittelpunkt.

Lyrische, dramatische und theatertheoretische Texte, Filme und Arbeitsjournale bildeten die literarisch-dokumentarische Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Autor. Der Besuch von Archiven, Museen, Gedenkstätten und Veranstaltungen ›verortete‹ und ergänzte diese Auseinandersetzung. Vorbereitend wurden Texte gelesen, Referate erarbeitet und organisatorische Aspekte delegiert.

reisejournale zwischen brecht, berlin und buckow

theater am schiffbauerdamm

machte sich montags ein kleine gruppe aus l. über s. auf, b. in b. und b. zu besuchen. seine schriften waren zuvor gelesen und besprochen worden, jede frau und jeder mann sollten ihren teil zum ganzen beitragen und so geschah es: nach angenehmer flugreise von tegel zum hotel the circus am rosenthaler platz in b-mitte, das gepäck lagern und sich sogleich in die metropole stürzen. zuvor sprach a. noch über die zwanziger jahre, als b. nach b. kam und dort der b. steppte. mit u-bahn fuhren wir [hier taucht das prosaische ›wir‹ erstmals auf, nicht zu verwechseln mit dem autor selbst – anm. des verf.] über postdöblinen a. in den neuen h-bahnhof, es wehte eine kalte, nicht zu starke brise, alle fassade blieb diesmal an ihrem zugedachten platz. graue wolken über dem regierungsviertel, die pilgergruppe suchte am b-tor nach der richtigen mauermarkierung. dann kam das fressen, dann die moral. abends führte s. in der hotellobby in b.s ›kleinbürgerhochzeit‹ ein, bevor im theater am schiffbauerdamm die inszenierung goutiert und bei ›van gogh‹s um die ecke im an- und abschluss diskutiert wurde.

brecht-experten unter sich...

r.s alte ostkontakte zahlten sich dienstags aus: im b-archiv in der chausseestrasse trafen die reisenden aus l. mit leiter w. zusammen und erfuhren von neuen funden in der schweiz. viele hundert briefe von und an b. als doppelter lottotreffer des archivars. trotz eigentlicher geschlossenheit, öffneten sich die türen in b.s wohnung und w.s umbauten im erdgeschoss nach b.s tod. auf dem dorotheenstädtischen friedhof b.s findling, den er zwar nicht, jedoch alle anderen benötigt hatten. wir trafen denjenigen, der im todesfalle auf dem hugenottenfriedhof kopf an kopf mit b. begraben werden wird. nachmittags referierte j. über kuhle wampe, abends wurden einige briefe der hauptmann an b. erstmals vor publikum verlesen. milieustudien im ›frieda kahlo‹ schlossen sich an...

ginge da ein wind...

mittwochs mit bus und bahn und auf künftig zu vermeidenden irrwegen nach b., ca. fünfzig kilometer nordöstlich von b. in der märkischen schweiz. b. und w. nutzten das anwesen am schermützelsee als sommerhaus, dort entstanden dreiundfünzig die »buckower elegien«. r.s unerschöpfliches wissen bereicherte alle auf schritt und tritt. er las den blumengarten vor dem blumengarten, zwischen tann und silberpappel, beschirmt von mauer und gesträuch [hier folgt eine auslassung, da sonst die nachbarin – ihres zeichens b.s tochter – tantiemen berappen könnte – anm. des verf.]. unsere wetter hätten, so wünschten wir, etwas besser sein dürfen. so lauschten wir mit kälter werdenden ohren t.s ausführungen und r.s ergänzungen zu den elegien und dem aufstand von dreiundfünfzig mit blick auf den see. im bootshaus überdauerten wir vor couragens marketenderwagen den nächsten schauer. wir hörten b. schreien: »unwissende!« und waren uns keiner schuld bewusst. nahe polen scheint alles verloren [der tempuswechsel ist absichtsvoll – anm. des verf.], ein verfallender geisterbahnhof in müncheberg – fünfundvierzig minuten warten auf den neuen zug. abends zurück in b. trennten sich unsere wege. die männer speisten beim inder in der oranienburger strasse, die pina colada-testserie fand ihre preisgünstige fortsetzung.

julias currywursttestessen

am donnerstagmorgen referierte h. über die letzen jahre b.s in b. die freunde der nacht [arbeitstitel der reisegruppe – anm. des verf.] lauschten gespannt – in der rose, wie die tage zuvor, r. bei espresso macchiato und begaben sich anschliessend auf eigene faust in den grossstadtdschungel. die dozenten besuchten das jüdische museum in kreuzberg und gingen schräg durch die geschichte der juden in deutschland. andere hangelten sich zwischen den wolkenbrüchen durch die läden und kneipen am prenzlauer berg, schlenderten am ku-damm durch den hohlen zahn [d.i. die gedächtniskirche] und das kadewe. abends trafen sich alle (fast) pünktlich am bahnhof friedrichstrasse zum kabarettprogramm der distel. »zwischen den polen« mit frontbericht aus dem neuen grenzgebiet zwischen niedersachsen und polen – brandenburg war zuvor an die polnischen nachbarn abgetreten worden. nach t.s nahtoderlebnis [zwischenzeitlich wieder gefundener Geldbeutel] zum absacker in die tucholskystrasse.

nächtliche milieustudien...

freitags wurden bereits wieder die zimmer geräumt, das gepäck in den keller gepackt und in der rose erörterten j. und alle anderen freunde der nacht die frage, ob b. ein feminist gewesen war. anschließend fuhren wir zur museumsinsel um im pergamonmuseum vor dem altar die ersten seiten aus der ›ästhetik des widerstands‹ von w. zu gehör zu bekommen. »rings um uns hoben sich die leiber aus dem stein, zusammengedrängt zu gruppen, ineinander verschlungen oder zu fragmenten zersprengt, mit einem torso, einem aufgestützen arm, einer geborstenen hüfte, einem verschorften brocken ihr gestalt andeutend...« [auch hier erfolgt ein kürzung. aufmerksame leser werden bemerkt haben, dass dieses zitat zwar gekennzeichnet ist, die groß- und kleinschreibung der vorlage allerdings nicht übernommen wurde. in einer wissenschaftlichen abhandlung wäre das durchaus zu kritisieren, in einem fiktionalisierten reisejournal jedoch steht die dichterische freiheit über der editorischen exaktheit – anm. des verf.]. das finale fand im ddr-museum am spreeufer statt: die geschichte vor neunundachtzig in zahllosen schubfächern, video- und audioaufnahmen mit trabi, plaste und karat-schrankwand. abends dann der rückflug von tegel nach echterdingen [im o-ton folgen die rückmeldungen der studierenden auf die exkursion] 

ga 09.03.07

Stimmen zur Exkursion

"Die Exkursion, begleitet von Herrn Gans und Herrn Jost, die uns fünf Tage nach Berlin führte, war eine spannende, interessante und lehrreiche Reise.
Die Programmpunkte waren im Vorfeld besprochen und weitestgehend festgelegt, so dass sich jeder Teilnehmer gut vorbereiten konnte und sein Referat an den entsprechenden Tagen vortrug.
Die Unterkunft in Berlin Mitte gab uns die Möglichkeit, in unserer individuellen Tagesplanung flexibel zu sein und uns gut und schnell in der Stadt zu bewegen. So, dass man sich auch mal ein Taxi genehmigen konnte.
Die Planung machte zunächst den Eindruck einen straffen Zeitplan einhalten zu müssen und überraschte daher mit genügend Zeit für freizeitliche Aktivitäten. Die Gruppe profitierte von ihrer kleinen Größe und ließ daher interessante Diskussionen und einen guten Austausch von Informationen zu. Speziell die gute Vorbereitung durch die Dozenten und ihr großes Fachwissen zu unterschiedlichsten Themen machte die Reise zu einer lehrreichen Veranstaltung, die aber stets in einem lockeren und entspannten Rahmen stattfand.
In der Gruppe herrschte eine harmonische und entkrampfte Atmosphäre und jeder konnte neben den gemeinsamen Aktivitäten noch seinen eigenen Vorlieben und Interessen nachgehen. Durch eine solche Exkursion, ergibt sich die Möglichkeit, sein bereits im Seminar oder privat angeeignetes Wissen zu vertiefen und durch die Erfahrungen vor Ort besser vorzustellen und damit auch einzuprägen."

Julia Blankenhorn

"- Trotz Sch...-Wetter immer gute Laune gehabt
- Viel nebenher gelernt (außerhalb des Programms),
  d.h. auch etwas über andere Prominente "Berliner"
  erfahren, abgesehen von Brecht
- toller Umgang innerhalb der Gruppe
- Hätte nicht gedacht, dass ich von Berlin so viel
  mitbekommen könne, jeder zweite Bahnhof und
  jeder dritte Straßenname waren mir schon vom
  Hörensagen her geläufig - toll das auch live zu sehen!
- Umfang der Referate war unterschiedlich (meins war ziemlich
  kurz, im Vergleich z.B. mit Jovana's)
- Es haben sich z.T. Grüppchen gebildet, die tendenziell
  so geblieben sind, aber das Plenum war unverändert harmonisch
- Insgesamt ne super Aktion"

Tobias Wahl

"Ja die Berlinfahrt: Es waren fünf sehr ereignisreiche, volle, schöne und einprägsame
Tage. Wir haben viel Interessantes aus dem Leben Brechts erfahren, gesehen und
gehört. Nebenbei wuselten die "Freunde der Nacht" durch den Großstadtdschungel (in
der Hoffnung, nicht die nächste U- Bahn- Station zu verpassen) und lernten das
Kulturleben von Berlin kennen. So waren wir im Berliner Ensemble in der
"Kleinbürgerhochzeit" und im Berliner Kabarett  "Die Distel", erlebten eine Lesung
von noch nicht veröffentlichten Briefen Elisabeth Hauptmanns an Brecht und sahen
Gräber von hohen Persönlichkeiten auf dem Doroteenstädtischen Friedhof. Besonders
schön fand ich den Ausflug nach Buckow in das Landhaus von Brecht- herrlich am See
gelegen."

Stefanie Mahncke

"Die Durchführung und Planung im Voraus war sehr gut organisiert. Jeder wusste, was er
zu tun hatte und so konnten keine Missverständnisse entstehen. Das von den Dozenten ausgewählte Programm war vielfältig und kein bisschen einengend. Die Beziehung zwischen Student und Dozent würde ich als sehr angenehem, sogar freundschaftlich bezeichnen.
Die Unterkunft war sehr gut gewählt. Die zentrale Lage erleichterte das abendliche
"Ausgehprogramm".
Durch zahlreiche Programmpunkte bezüglich B. Brecht konnte man sich ein sehr gutes
Bild von dessen Leben und Wirken machen, ich habe für mich selbst sehr viel gelernt
und meinen Horizont, nicht nur in Sachen Brecht, erheblich erweitert.
Die Atmosphäre unter den Studeten empfand ich als sehr angenehm, was sicherlich auch
an der kleinen, gut überschaubaren Gruppe lag.
Fazit: Deutschexkursionen, ja!!! Aber immer im Rahmen eines gezielten Themas und mit
vorbereiteten Referaten (man sollte nicht "unwissend" losfahren). Zusätzlich sollte
die Gruppe die Anzahl von 15 Teilnehmern keinesfalls überschreiten."

Alexandra Würtz



 

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