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25-05-2012
Konzeption und Theorie
Entwicklungsgeschichte des Projektes
Die internationale Entwicklungsgeschichte dieser Lernmethoden beginnt Mitte der 1990er-Jahre an der Universität von Newcastle in Großbritannien. Der Geographiedidaktiker David Leat hat damals gemeinsam mit Adam Nichols und einem Team von Geographielehrern unter dem Projekttitel „Thinking Through Geography“ (TTG) eine große Anzahl sozial-konstruktivistisch geprägter Lernmethoden entworfen, erprobt und evaluiert (Leat 1998, Nichols u. a. 2001).
Inzwischen wurden die TTG-Lernmethoden auch in den Niederlanden in zwei erfolgreichen Bänden publiziert, in Lehrerfortbildungen vermittelt und vielfach in der Unterrichtspraxis erprobt (Vankan & van der Schee 2004, van der Schee & Vankan 2006). In Großbritannien und in den Niederlanden wurden auf dieser Basis auch Lernmethodenbücher für andere Schulfächer wie Geschichte, Religion, Sprachen, Naturwissenschaften etc. aufgelegt, die nach denselben Prinzipien arbeiten.
Im Rahmen des Projektes „Denken lernen mit Geographie“ wurde dieser Ansatz von unserer Projektgruppe für den deutschsprachigen Geographieunterricht mit eigenen Aufgabenbeispielen und einem auf aktuellen Lerntheorien basierenden Theorierahmen umgesetzt und veröffentlicht (Vankan, Rohwer, Schuler 2007).
Leitlinien der Aufgabengestaltung
Die theoretischen Grundlagen des Ansatzes "Denken lernen mit Geographie" liegen in der Denkpsychologie (Funke 2006) und der moderat-konstruktivistischen Lerntheorie (Reinmann & Mandl 2006) und werden im Vankan/Rohwer/Schuler (2007) ausführlich erläutert. Vor diesem Hintergrund lassen sich didaktische Leitlinien für die Lernmethoden ableiten, die als charakteristische Merkmale diesen Ansatz prägen:
- Vorstrukturierte Offenheit und Scaffolding: Die Lernmethoden sind offen hinsichtlich der Lösungswege und meist auch hinsichtlich der möglichen Ergebnisse. Sie sind jedoch geschlossen hinsichtlich der methodischen Durchführung und der Materialien. In den Materialien sind wesentliche Inhaltsaspekte bereits vorstrukturiert enthalten.
- Herausfordernde Problemstellungen: Im Sinne des problemorientierten Unterrichts stellen die Aufgaben eine Herausforderung dar, die nur durch eine gewisse kognitive Anstrengung gut zu meistern ist. Zugleich entsteht dabei ein Spannungsbogen, der zu einer erhöhten Arbeitsmotivation und mehr Spaß am Geographieunterricht führt.
- Fachbezug zu geographischen Inhalten: Die Lernmethoden sind stets an geographische Fachinhalte gebunden. Sie unterscheiden sich damit deutlich von reinen Lern- oder Denkübungen, die als Methodentrainings mit beliebigen Inhalten konzipiert sind. Die Aufgaben enthalten immer einen geographisch relevanten, möglichst authentischen Kontext. Geographische und übergeordnete Denkstrategien werden durch ihre Anwendung in geographischen Problemstellungen gefördert.
- Aktivierung und Integration des Alltagswissens der Schüler: Bei den Lernmethoden greifen Schüler explizit auch auf ihr Alltagswissen zurück und verknüpfen dies mit fachlichem, im Unterricht gelerntem Wissen. Auch umgekehrt wird durch die Anwendung des zuvor gelernten Fachwissens in alltagsnahen Kontexten nachhaltiger gelernt und die Entstehung von trägem Wissen vermieden.
- Orientierung an Schlüsselkonzepten des Denkens: Mit der Förderung geographischer Denkstrategien ist auch die Förderung der übergeordneten Schlüsselkonzepte des Denkens verbunden, an denen sich alle Lernmethoden orientieren.
- Flexible Einsetzbarkeit durch inhaltliche und methodische Anpassungsmöglichkeiten: Die Lernmethoden und Aufgabenbeispiele sind so konstruiert und formuliert, dass sie sehr flexibel einsetzbar sind – sowohl in Bezug auf das Lernniveau (Alter, Vorwissen etc.) als auch hinsichtlich des didaktischen Ortes im Unterricht (z.B. Einstiegs-, Übungs- oder Transferphase). Zudem können sie leicht an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden – inhaltlich wie methodisch.
Leitlinien der Unterrichtsdurchführung
- Kooperatives Lernen: Die meisten Lernmethoden sind für die Arbeit in Kleingruppen entworfen und fordern von den Schülern die Erarbeitung einer gemeinsamen Lösung. Da es meist unterschiedliche Lösungswege und Lösungsstrategien gibt, regen sich die Schüler so gegenseitig zum Denken an. In der Auseinandersetzung mit anderen lernen sie, ihre eigenen Ideen gut zu begründen sowie fremde Perspektiven zu verstehen. Zudem ist das kooperative Lernen ein Grundpfeiler der Binnendifferenzierung.
- Selbstgesteuertes, schülerzentriertes Lernen: Die Schüler arbeiten aktiv und selbstständig an den einzelnen Denkaufgaben. Die Rolle des Lehrers beschränkt sich weitgehend auf eine beratende Rolle und auf die Moderation der Nachbesprechung.
- Binnendifferenzierung über individuelle Bearbeitungsniveaus: Da es in der Regel keine feststehenden und eindeutig vorgezeichneten Lösungen gibt, lassen sich die einzelnen Denkaufgaben auf sehr unterschiedlichen Niveaustufen bearbeiten. Auch schwächere oder jüngere Schüler können zu einer Lösung kommen.
- Metakognitives Lernen: Die Reflexion des eigenen Denkens und der eigenen Vorgehensweise in der Nachbesprechung gehört zu den besonders wichtigen Elementen bei diesen Lernmethoden. Da die Kleingruppen meist sehr unterschiedlich vorgegangen sind, kann aus dem Vergleich der Denk- und Lösungsstrategien viel gelernt werden. Dies erfordert aber eine geschickte Moderation des Lehrers. Dabei kommt es darauf an, dass sich die Schüler ihr eigenes Denken, Handeln und Argumentieren bewusst machen. Mit etwas Übung können die Schüler dann bereits während des Arbeitens auf die metakognitive Ebene umschalten, indem sie ihr Vorgehen selbstkritisch überprüfen, überdenken und ggf. eine alternative Lösungsstrategie verfolgen. Das Ziel ist es, Problemlösungen weniger impulsiv anzugehen und bewusst eine geeignete Strategie zu entwickeln.
Geographische Denkstrategien
Der Geographieunterricht an der Schule basiert auf einigen Schlüsselkonzepten, die in den geographischen Fachinhalten angelegt sind und auf die geographisches Denken ausgerichtet ist. Beispiele für solche Schlüsselkonzepte des Denkens sind Klassifikation, Ursache und Wirkung bzw. Grund und Folge, System, Räumlichkeit, Planung, Entscheidung und Bewertung.
Wenn wir uns mit geographischen Themen und Problemstellungen – und damit auch mit diesen Schlüsselkonzepten – beschäftigen, folgt unser Denken verschiedenen Grundmustern, die sich durch eine charakteristische Fragehaltung beschreiben lassen. Solche kognitiven Grundmuster des Denkens bezeichnen wir als geographische Denkstrategien. Die nachfolgenden sechs Denkstrategien spielen bei der Arbeit mit den Lernmethoden dieses Buches eine zentrale Rolle.
- Vergleichen: Ähnlichkeiten und Unterschiede suchen
- Verknüpfen: interne und externe Verbindungen suchen
- Verorten: Phänomene geographisch einordnen und zuordnen
- Maßstabswechsel: Phänomene auf verschiedenen Maßstabsebenen betrachten
- Perspektivenwechsel: Phänomene multiperspektivisch analysieren
- Deduzieren und induzieren: das Allgemeine und das Spezifische verbinden
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