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Ein theater- und kunstpädagogisches Forschungsprojekt zur Persönlichkeitsbildung von Hauptschülern

Dr. Gabriele Czerny
Prof. Dr. Bernd Reinhoffer (PH Weingarten)
Prof. Hubert Sowa

Darstellung des Vorhabens 

Seit dem Sommersemester 2003 wird an der PH Ludwigsburg und der PH Weingarten ein kooperatives und interdisziplinäre Forschungsprojekt vorbereitet, das im Wintersemester 2003/04 und im Sommersemester 2004 durchgeführt werden soll. In dem Projekt geht es darum, kunst- und theaterpädagogische Arbeitsweisen für die Persönlichkeitsbildung von Hauptschülern zu nutzen und den Verlauf und die Effekte der Bildungsprozesse zu beschreiben und evaluieren. Dabei werden methodisch technische Bildmedien (Photographie/Video) eingesetzt, um die Selbst- und Körperwahrnehmung sowie das Selbstbewusstsein der Jugendlichen zu unterstützen und zu fördern.
Unser Anliegen mit diesem Forschungsprojekt ist es, einen Beitrag zur Förderung und damit verbundenen Evaluation von ästhetischen Ausdrucksformen zu leisten, insbesondere aber auch Brücken zur lebensweltlichen Integration herzustellen.
Alle drei AntragstellerInnen verfügen über eine langjährige Unterrichtserfahrung mit Gymnasiasten, Realschülern, Berufsschülern, Grund- und Hauptschülern, insbesondere auch mit Hauptschulabgängern und gehörten zum Beraterkreis der Bildungsplankommissionen und Prüfungsordnungskommissionen für Realschulen sowie Grund- und Hauptschulen. Der neue Bildungsplan erfordert entsprechende Handreichungen, um die gewünschten Bildungsstandards umsetzten zu können. Hierzu soll dieses Projekt einen wesentlichen Beitrag leisten.

Ziele

Grundanliegen ist die Formulierung von Teilaspekten eines theater- und kunstpädagogischen Bildungsprofils für die ästhetische Bildung der Gesamtpersönlichkeit von HauptschülerInnen im Sinne einer Stärkung des positiven Selbstkonzepts.
Die angestrebte ästhetische Kompetenz soll einen Beitrag zur Bildung der Gesamtpersönlichkeit sein, der den HauptschülerInnen den Übergang in die Berufs- und Arbeitswelt erleichtert und zur engagierten und reflektierten Teilhabe an der Lebenswelt befähigt. Darüber hinhaus soll auch gezeigt werden, dass der Einsatz von theater-kunstpädagogoischen Verfahren die Verstehenskompetenz der SchülerInnen hinsichtlich des Verstehens von Texten und Bildern fördert, da sie in besonderer Weise dazu beitragen, Texte und Bilder als etwas für sie Bedeutungsvolles wahrzunehmen. Die ästhetische Rezeption unterstützt die Tatsache, dass im Umgang mit Texten und Bildern sinnbildende und sinnstiftende Erkenntnisse möglich sind, die auch zur Teilhabe an kultureller Praxis befähigen.
In diesem Zusammenhang steht die Entwicklung eines polyästhetischen und medial unterstützten Lernmodells als Beitrag für den Aufbau einer umfassenden ästhetischen Grundkompetenz mit den anteilig vertretenen heterogenen Aspekten:

Wir wollen anhand von Unterrichtsversuchen mit Hauptschülergruppen untersuchen, welche nachweisbaren Wirkungen die ästhetische Arbeit mit spezifischen theater- und kunstpädagogischen Methoden auf Verhalten und Persönlichkeitsbildung von Hauptschülern in ihrer Schulzeit erzeugen kann. Die angestrebte Kompetenz – im weiten Sinne genommen: eine ästhetische Kompetenz - soll einen Beitrag zur Bildung der Gesamtpersönlichkeit sein, der den HauptschülerInnen den Übergang in die Berufs- und Arbeitswelt erleichtert und zur engagierten und reflektierten Teilhabe an der Lebenswelt befähigt.
Zu diesem Zweck soll einerseits ein fachübergreifendes Unterrichtsmodell unter Einbeziehung der Fächer Deutsch, Theaterpädagogik und Kunstpädagogik entwickelt werden, das zeigt, wie das Persönlichkeitsprofil von HauptschülerInnen mit Hilfe theater- und kunstpädagogischer Verfahren unterstützt und gefördert wird und andererseits ein empirisches Methodeninstrumentarium, mit dessen Hilfe sich die Effektivität der angewandten Verfahren beschreiben und überprüfen lässt.

Forschungsinteresse

Wir gehen von der Hypothese aus, dass sich mit den entwickelten und den zu entwickelnden Unterrichtseinheiten eine Entwicklung und Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit (insbesondere Selbst- und Fremdwahrnehmung), der Einfühlung in und des Umgangs mit Emotionen sowie der Ausdrucksfähigkeit (Sprache, Körpersprache, Mimik, Gestik) erreichen lassen. Unser Interesse ist darauf fokussiert, ob und wie sich Lernfortschritte in diese Richtung erreichen, beobachten, beschreiben und bewerten lassen.

Die Entwicklung dieser Methoden wird im laufenden Studienbetrieb erfolgen. Dabei werden auch gleichzeitig Studierende des Faches Deutsch/Spiel und Theater und des Faches Kunst gleichermaßen ausgebildet, um als kompetente MitarbeiterInnen in diesem Projekt mitwirken zu können. Es wird damit ein Angebot an die Studierenden gemacht, ihre im Studium erworbenen theater- und kunstpädagogischen Fähigkeiten sofort in der Praxis der Hauptschule anwenden und überprüfen zu können. Im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit bzw. Diplomarbeit können sie ihre in diesem Forschungsprojekt gewonnenen Erfahrungen dokumentieren und auszuwerten.

Damit verbunden ist auch unser Anliegen, den Studierenden ein wissenschaftlich begründetes Angebot zu machen, sich bereits mit den ab 2004 in Kraft tretenden neuen Bildungsplänen nicht nur auseinander zu setzen, sondern sie auch praktisch zu erproben. Ziel der neuen Bildungspläne der Hauptschule ist es in themen- und handlungsorientierten Projekten die ganzheitliche Bildung der SchülerInnen zu fördern. Einher damit geht ein LehrerInnenprofil das sich durch eine positive, wertebewusste Haltung, kreative Fähigkeiten sowie Sachkompetenz und die Bereitschaft zur Teamarbeit auszeichnet.

Von dieser Grundhaltung ist unser Forschungsprojekt geprägt, sowohl auf der Seite der mitwirkenden WissenschaftlerInnen (Czerny, Reinhoffer und Sowa) als auch in Zusammenarbeit mit den LehrerInnen der beteiligten Schulen, den Studierenden und den SchülerInnen.

Es ist uns durchaus um die Schwierigkeit dieses Anliegens bewusst. Das Problem der empirischen Nachweisbarkeit wird in Fachkreisen, wie im Jahr 2001 auf einer Expertentagung zur Ästhetischen Bildung an der UdK Berlin sehr kontrovers diskutiert.

Forschungsmethoden

Auswirkungen der spezifischen theater- bzw. kunstpädagogischen Methoden lassen sich – so wird hier behauptet – zum einen am beobachtbaren Lehrer-Schüler-Verhalten und an Aussagen zum Klassenklima ablesen. Zum anderen können einzelne Persönlichkeitsfaktoren und ihre Entwicklung erhoben werden. In beiden Fällen sind unserer Meinung nach quantitative mit qualitativen Untersuchungsmethoden zu verschränken. Lehrer-Schüler-Verhalten und Klassenklima lassen sich einmal zu mehreren Zeitpunkten z.B. mit den Landauer Skalen zum Sozialklima (v. Saldern 1987) erfassen.
Auswertungen erfolgen in diesem Bereich mittels SPSS und LISREL-Analysen. Daneben sollen die beteiligten Schülerinnen und Schüler halbstrukturierte Lerntagebücher führen, die wie zu mehreren Zeitpunkten zu führende halbstrukturierte Interviews mittels qualitativer Inhaltsanalyse (s. Mayring 2000; Reinhoffer im Druck)) ausgewertet werden. Geplant sind auch Unterrichtsbeobachtungen (Video/ Foto), die ergänzt werden können durch nachträgliches Lautes Denken bzw. Strukturlegetechniken. Die differenzierte Anwendung wird im Team besprochen.

Die Verfahren der halbstrukturierten Lerntagebücher und Interviews eignen sich u. E. auch für die Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen. Daneben sollen hier Persönlichkeitsfragebögen wie der PFK 9-14 von Seitz und Rausche zum Einsatz kommen, die mit SPSS ausgewertet werden. Wie im Bereich des Lehrer-Schüler-Verhaltens und Klassenklimas sollen auch hier einzelne Elemente der Konzeption und später das Konzept als Ganzes getestet und evaluiert werden (Vorher-Nachher-Kontrollgruppen-Design). Hierbei sollen mehrere Qualifikationsarbeiten erstellt werden.

Theoretischer Hintergrund

Im Rahmen der gegenwärtigen Diskussion um ein Konzept der ästhetischen Bildung, das sich in angemessener Weise auf die Anforderungen der gegenwärtigen Lebenswelt der Schüler und auf die kulturelle Handlungskompetenz bezieht, hat sich der Schwerpunkt der kunst- und theaterdidaktischen didaktischen Orientierung in den letzten Jahren verschoben: weg von „Kunst“ und hin zur „Lebenskultur“. Im Lichte eines derart erweiterten und transformierten Konzeptes von „ästhetischer Bildung“ scheint es u.a. wichtig, die traditionell in den ästhetischen Schulfächern vermittelten Kompetenzen von „Wahrnehmen“, „Verstehen“, „Darstellen“ und „Gestalten“ auch auf das ästhetische Selbst(darstellungs)konzept zu beziehen, wie es sich etwa im Entwurf von Lebensräumen und Atmosphären zeigt, aber auch im Aussehen und Verhalten von Personen.
All dies sind Aspekte eines „ästhetischen Daseins“ (Lingner/Maset/Sowa. vgl. Literaturliste), das im Sinne von „Identität“ gestaltet und verantwortet sein will – zum Zweck der gelingenden persönlichen und sozialen Lebensführung. So betrachtet sind Identitätskonstruktionen auch – und nicht zuletzt - performative ästhetische Selbstinszenierungen, die der Reflexion und Verantwortung zugänglich gemacht werden können und sollten.
Die Möglichkeit der fachübergreifenden Projektarbeit in der Abschlussphase der Hauptschule sollte unserer Überzeugung nach dazu genutzt werden, die ästhetische Handlungskompetenz der HauptschülerInnen in diese Richtung fortzuentwickeln, d.h. in Richtung auf Lebenspraxis bzw. eine ästhetisch strukturierte „Lebenskunst“ (Wilhelm Schmid): Pädagogisch zu fördern wäre eine ästhetisch strukturierte und verantwortete Handlungs- und Lebenskultur, die sich im Auftreten, Dastehen, Aussehen, Handeln manifestiert.
In diesem Zusammenhang gibt es bislang außer den geläufigen Konzepten bildnerischer Selbstbefragung und Selbstdarstellung (Selbstporträt) wenig Vorarbeiten.
Die gezielte Befragung von aktuellen künstlerischen Konzepten aus den Bereichen Theater, Performance, Videokunst und Photographie mit der Perspektive auf eine didaktische Umsetzung scheint uns hier Erfolg versprechend zu sein.
In der Folge wären diese Konzepte didaktisch zu strukturieren und praktisch zu erproben. Nach der Auswertung der Ergebnisse wäre eine Publikation zu erarbeiten, die zugleich als Handreichung für entsprechende Projektarbeiten im Rahmen des neuen ästhetischen Fächerverbundes an der Hauptschule dient.
Wichtige Anknüpfungen ergeben sich zur neueren philosophischen Literatur über „Lebenskunst“ und „Pragmatismus“, zur Forschung sozialpsychologischen und kulturpädagogischen Forschung über „Identitätsarbeit“ und zur kunst- und theaterpädagogischen Diskussion über „ästhetische Bildung“ bzw. „ästhetische Inszenierung“ (siehe Literaturliste).

Einbindung ins Bildungskonzept der baden-württembergischen Hauptschulen

Im Schuljahr 2004 treten die neuen Bildungspläne an Grund- und Hauptschulen in Kraft. Wichtigste Neuerung ist hierbei die Konzeption von Fächerverbünden, wie z.B. „Musik – Sport- Gestalten“ in der Hauptschule oder „ästhetischer Fächerverbund“ in der Realschule.
Ziel dieses Fächerverbundes ist es in besonderer Weise die SchülerInnen in ihrer Persönlichkeit zu unterstützen und fördern. Grundgedanke dieses Fächerverbundes ist es weiter, dass alles Handeln auf vielfältigem Wahrnehmen, eigenem Ausdruck und der Reflexion über diese Prozesse beruht.
Zentral in diesem Fächerverbund ist auch die Einbeziehung und Berücksichtigung des „Darstellendes Spiels“, was bisher in Baden-Württemberg nur im Ergänzungsbereich Berücksichtigung fand. So heißt es in den Leitgedanken zu diesem Fächerverbund:
„Der Kompetenzbereich Künste ermöglicht das Kennenlernen ästhetischer Ausdrucksformen der Kultur durch Wahrnehmung, Reflexion, eigenes Gestalten und Darstellen.

Spielen können ist eine Voraussetzung für den Lernerfolg. Im Spiel erobern sich die Kinder ihre Welt. Die jungen Menschen entwickeln im freien Spiel Fantasie und Vorstellungsvermögen und lernen im gebundenen Spiel mit Regeln umzugehen. Sie können sich im Darstellenden Spiel körperlich, sprachlich und emotional wahrnehmen und ausdrücken.

Literatur 

Bearbeitung: ga
letzte Aktualisierung: 05.07.04 

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