Spinoza und Bayle: Trennung von Kirche und Staat und Apologie des tugendhaften Atheisten - eine ethische Kontroverse
Jud' und Christ und Muselmann und Parsi, alles ist Ihm eins. (Lessing, Nathan der Weise, 1069 ff.)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Einordnung der
ethischen
Debatte
3. Der Aberglaube als politische
Kategorie und instrumentum regnum im Politisch-theologischen
Traktat
4. Die Kirche verliert ihr Apriori
als moralische Instanz und staatenbildendes Prinzip
5. Spinozas kritisch-historische
Bibelexegese und der Verlust des Anspruches der Kirche auf den Besitz
der
Wahrheit
6. Der Wunderglaube als
Usurpationsmechanismus
der Kirche in Bayles Pensées diverses sur la comète
7. Sittliche Integrität im
Vernunftstaat versus Scheinheiligkeit und Korruption in der
christlichen
Gesellschaft
8. Bayles atheistische Vernunft-
und Gesinnungsethik versus Tugendhaftigkeit aus Furcht
9. Spinozas Werterelativismus als
Modus des Bewußtseins
10. Sozialkontrakt und
Rechtsprinzipien
einer atheistischen Gesellschaft
1. Einleitung
Wenn wir unter Rekurs auf Spinoza und Bayle die Möglichkeit der
Tugendhaftigkeit eines Atheisten erörtern und begründen
wollen,
so müssen wir nachweisen, daß Tugendhaftigkeit, im 17.
Jahrhundert
definiert innerhalb des christlichen Moralkodexes, auch unabhängig
von den christlichen präskriptiven Verhaltensregeln konzipiert
werden
kann, ohne daß Sittenverfall und staatliche Korruption eine
notwendige Folge wären. Können wir darüber hinaus
nachweisen,
daß die sogenannte christliche Tugendhaftigkeit sich häufig
als Scheinheiligkeit erweist und tugendhaftes Verhalten gar nicht
impliziert,
so ist die Prämisse für die Behauptung, daß
christliches
Verhalten Tugendhaftigkeit und eine nicht-christliche, d.h.
atheistische
Lebensweise Untugendhaftigkeit erzeuge und damit ein zu tadelndes
gesellschaftgefährdendes
Übel sei, nicht mehr gegeben. Wir wollen also nachweisen,
daß
die christliche Moral das Übel nicht ausschließt und die
atheistische
Moral das Übel nicht impliziert. - In diesem Zusammenhang wollen
wir
Bayles Rezeption Spinozas als Apostel der Toleranz unter Betrachtung
des
Theologisch-politischen Traktats (1) und dessen Verarbeitung in den
Pensées
diverses sur la comète sowie dem Dictionnaire historique et
critique
(2) heranziehen.
2. Historische Einordnung der ethischen Debatte
Entgegen der in der Literatur weit verbreiteten Annahme, daß
das
französische 17. Jahrhundert le Siècle des Saints sei, in
dem
die katholische Orthodoxie in Kooperation mit dem absolutistischen
Staate
als monolitisches Gebäude unangefochten herrschte, behaupten wir,
daß es eine Kontinuität zwischen dem autonomen Denken der
Renaissance
und der Aufklärung gibt, die über den französischen
Libertinismus
des 16. und insbesondere 17. Jahrhunderts garantiert wird. So wie es
nach
Ernst Bloch eine Aristotelische Linke gegeben hat, gab es auch in
Frankreich
im 17. Jahrhundert eine Oppositionsbewegung, die wir als atheistisch,
skeptizistisch,
epikureistisch, libertinistisch, positivistisch, antimetaphysisch und
mechanizistisch
beschreiben wollen und die in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der
Kirche nach Werten suchte, die sich vor dem Richterstuhl der Vernunft
ausweisen
konnten.
Wenn die ethische Reflexion im alten Griechenland durch die Frage der
Sohpisten aufgewurfen wurde, wie die Sitten (ethos) in der polis zu
rechtfertigen
seien, nämlich ob sie von Natur aus oder von den Göttern
gegeben
oder von Menschen eingesetzt worden seien, stellen auch Spinoza und
Bayle
die ethische Frage wieder im religiösen Zusammenhange und
reflektieren
die Möglichkeiten einer autonomen Ethik, die nicht als ancilla
theologicae
ein Schattendasein fristete.
Die Sophisten gingen in ihren ethischen Reflexionen davon aus,
daß
das Recht und die Gesetze der Moral nicht von den Göttern
stammten,
sondern die Resultate von Übereinkünften zwischen Menschen
seien.
Die Begriffe gut und böse hielten sie im Gegensatz zur
Platonischen
Schule für relativ. Wer das Gute kenne, so hatte schon Sokrates
argumentiert,
tue es auch, und die im Orakel von Delphi geforderte innere
Selbsterkenntnis
(Erkenne dich selbst) ist die einzige Quelle wirklichen Wissens. Das
Wissen
wiederum ist die Quelle für die wahre Tugend; Wissen (Theorie) und
Tun (Praxis) sind bei Platon noch eine untrennbare Einheit.
Erst Aristoteles führte die Ethik als Teilgebiet der
Philosophie
ein. Sie hat als theoretische Disziplin die Praxis zum Objekt. Es geht
nicht mehr um der Theorie willen um die Frage, was Tugend sei, sondern
um ein tugendhaftes Leben des Menschen als zoon politikon in der polis.
Dabei sieht Aristoteles in der Eudämonie das höchste Gut.
Der Beziehungspunkt der ethischen Reflexion ist zu Beginn der Neuzeit
nicht mehr Gott oder die Götter, d.h. etwas Jenseitiges -bei
den Christen Offenbarung und Glauben -, sondern die Menschen. Die
christliche
Ethik fordert vom Menschen keine eigene, auf Wissen und Erkenntnis
gegründete
ethische Reflexion und Entscheidung, sondern nur gläubigen
Gehorsam
und bedingungslose Unterwerfung. Zum andern ist christliche Ethik
theoretisch
unfähig, ihre ethischen Grundsätze und Forderungen aus sich
selbst
und allein mit theoretischen Mitteln zu begründen. Das
Verhältnis
von Mensch und Gesellschaft wird nicht selbständig thematisiert,
da
nur das Wechselverhältnis zwischen Gott und Mensch besteht. Es ist
darum nicht zufällig, daß mittelalterliche Theologen die
Ethik
nicht als selbständigen Teil der Theologie entwickelt haben. Ihre
Ethik ist eingebaut in die Dogmatik. Philosphiosche Ethik, die auf das
Wechselverhältnis zwischen Mensch und Gesellschaft bezogen wird,
setzt
im Kampf gegen die Theologisierung der Ethik wieder im Zeitalter der
Renaissance
und des Humanismus ein mit dem Ziel der Wiedergewinnung der geistigen
und
moralischen Selbständigkeit und Freiheit der menschlichen
Persönlichkeit
und der Ablehnung der Unterwerfung der menschlichen Person unter den
theologischen
Totalitätsanspruch. Die Loslösung der Ethik aus den Fesseln
der
Theologie finden wir bei Morus und Campanella, bei Bruno, Montaigne und
Charron, die sich gegen die Heuchelei der religiösen Moral wenden.
Auch Spinoza versucht der Ethik eine streng rationale
Begründung
zu geben, die das Handeln des Menschen ausschießlich aus den
Gesetzen
seiner Natur erklärt, und der Traktatus ist ein Auftakt zur
Religionskritik
der Aufklärung, da das Grunddogma der Theologie, daß der
Mensch
nur durch Gottesgehorsam zur Seligkeit gelangen könnte,
relativiert
wird.
Da sich herausstellte, daß sich die Menschen in ihrer
moralischen Praxis ganz anders verhielten, als es die
wohlbegründeten
als allgemein gültig postulierten Prinzipien und Normen der
Theologen
forderten, mußten die normativ geltenden Werte in einen neuen
Begründungszusammenhang
gestellt werden, der von einem ethischen Skeptizismus gefordert wurde.
Die sittliche Gesinnung sollte in einen direkten Bezug zum
praktisch-sittlichen
Verhalten gestellt werden.
3. Der Aberglaube als politische Kategorie und instrumentum regnum im Politisch-theologischen Traktat
Der Theologisch-politische Traktat hat Bayle in umfas-sender Art und
Weise sowohl methodisch als auch thematisch inspiriert und ihn bei der
Formulierung seiner eigenen Gedanken maßgebend beeinflußt.
Schon ein flüchtiger Blick auf das Inhaltsverzeichnis oder die
Vorrede
des Tractatus attestiert konturenhaft die paradigmatische
Konkordanz
wichtiger Theoreme beider Den-ker: Die Trennung zwischen Religion
(Domäne
des Gehorsams gegenüber Gott) und Philosophie (vorurteilsfreie
Suche
nach der Wahrheit nach den Prinzipien der Vernunft) sowie zwischen
Religion
und Staat; die Forderung nach Glaubens- und Meinungsfreiheit -
Toleranz;
die Entwicklung einer kri-tisch-historischen Methode der Bibelexegese.
Wenn wir für unser Handeln die vernunftmäßige
Einsicht eines autonomen Willens als Bedingung von Moralität
postulieren, müssen wir uns fragen, ob eine normative christliche
Ethik, die ihren Begründungszusammenhang aus einer transzendenten
Instanz bezieht, deren Wirkungsweisen und Forderungen dem einzelnen
Menschen
nicht einsichtig sind und verborgen bleiben (sollen!), überhaupt
Moralität
in Freiheit impliziert. Der handelnde Mensch soll die Prinzipien, d.h.
den inneren Akt, der seinen Wollungen und Absichten vorausgeht, gar
nicht
verstehen, damit er unreflektiert und mechanisch diejenigen Forderungen
ausführt, die Kirche und Staat willkürlich an ihn
herantragen.
Dabei wird die Furcht als handlungssteuerndes Prinzip und Motor der
Absichten
und Zwecke politisch eingesetzt, um das Volk zu manipulieren.
Die Menschen, so erklärt Spinoza zu Beginn der Vorrede,
die zwischen Furcht und Hoffnung schwanken, sind dazu geneigt, jeden
Aberglauben
anzunehmen, der ihnen einen Ausgang aus ihrem Dilemma zu zeigen
scheint,
und so flehen sie, besonders in gefährlichen und ausweglosen
Situationen,
die Hilfe der Götter an. Die Vernunft, die zu ihren eitelen Zielen
keinen sicheren Weg zeigen kann, nennen sie blind und die mensch-liche
Weisheit eitel; dagegen halten sie die Ausgeburten ihrer Phantasie,
Träume
und kindischen Unsinn für die Ant-wort Gottes (...) Die Ursache,
die
den Aberglauben hervor-bringt, erhält und nährt, ist also die
Furcht.(3) Und Ursache dieser Furcht, so möchte man mit Epikur
hinzufügen,
ist die Unwissenheit (4) und natürliche Faulheit, die, so
argumen-tiert
auch Bayle, den Menschen an alles mögliche glauben lassen und dem
Vorurteil und dem Aberglauben zur Herrschaft verhelfen, wenn sie nur
Seelenruhe
versprechen und persönliches Gllück begründen. Haben
sich
das Vorurteil und der Aberglaube erst einmal etabliert, so können
sie nicht mehr abgelegt werden, ohne daß man Gefahr liefe, als
Häretiker
verschrien zu werden (5). Wenn die Menschen, so wiederum Spinoza, alle
ihre Angelegenheiten nach bestimmtem Plan zu führen imstande
wären
oder wenn das Glück sich ihnen jederzeit günstig erwiese, so
stünden sie nicht im Banne eines Aberglaubens. Weil sie aber oft
in
solche Verlegenheiten geraten, daß sie sich gar keinen Rat
wissen,
und weil sie meistens bei ihrem maßlosen Streben nach ungewissen
Glücksgütern kläglich zwischen Furcht und Hoffnung
schwanken,
ist ihr Sinn in der Regel sehr dazu geneigt, alles Beliebige zu
glauben.
Denn sobald er einmal in Zweifel gefangen ist, genügt ein leichter
Anstoß, ihn dahin oder dorthin zu treiben, und das um so
leichter,
wenn er zwischen Furcht und Hoffnung schwankt, während er sonst
nur
allzu zuversichtlich, prahlerisch und aufgeblasen ist.(6)
Wenn der Mensch den Mut aufbringen würde, so können
wir mit Spinoza und Bayle schlußfolgern, sich seines Ver-standes
ohne Leitung eines anderen zu bedienen, so ver-möchte er es, seine
selbstverschuldete Unmündigkeit abzule-gen und den Plan für
seine
eigenen Angelegenheiten ohne die Vormundschaft der Religion oder der
Herrschenden
zu entwer-fen. Sapere aude! Doch solange der Mensch sich aus Faulheit
und
Feigheit nicht zu mündigem Handeln zu ent-schließen vermag,
bleibt er ein Spielball der ihn beherr-schenden Mächte: Kirche und
Staat.
Der Aberglaube wird zur politischen Kategorie, denn der Staat
bedient sich, verborgen unter dem schönen Namen Religion (specioso
religionis nomine) (7), der zu seiner Erhaltung vorteilhaften
Ausle-gung
derselben und regiert das Volk durch Täuschung und Vorurteile.
Aber
mag es auch das letzte Geheimnis einer monarchischen Regierung bleiben
und völlig in ihrem Inter-esse liegen, die Menschen in der
Täuschung
zu erhalten, und, die Furcht, durch die sie im Zaum gehalten werden
sol-len,
unter dem schönen Namen Religion zu verbergen, damit sie für
ihre Knechtschaft kämpfen, als sei es für ihr Heil, und damit
sie es nicht für eine Schande, sondern für die höchste
Ehre
halten, für den Ruhm eines Menschen Blut und Leben hinzugeben, so
kann doch in einem freien Staatswesen nichts Unglücklicheres
ersonnen
oder versucht werden als dieses; denn es widerstreitet der allgemeinen
Freiheit ganz und gar, das freie Urteil eines jeden durch Vorurteile
ein-zunehmen
oder irgendwie zu beschränken. (8) Die Religion wird als
Instrument
in den Händen der Herrschenden demas-kiert, und es wird
aufgezeigt,
daß das monarchische Inter-esse den Fanatismus des Volkes und
sein
theologisches Abbild, den religiösen Finalismus organisiert: und
das
heißt, nach Spinoza, daß die Legitimationsgrundlage in
ver-dorbener
Imagination und sicherlich in der "superstitio", im Aberglauben
besteht.(9)
Ebenso wie Spinoza entlarvt auch Bayle den politischen Mißbrauch
der Religion in der Geschichte zwecks partikulä-rer
Interessenvertretung
der Inhaber der Staats- und Reli-gionsgewalt. Die
Staatsoberhäupter,
so Bayle, waren immer sehr darum bemüht, die Furcht der Menschen
vor
den Göttern zu unterhalten, da sie ihre operationalisierbare
Bedeutung
als staatsförderliche Kontrollinstanz erkannt hatten. Aus diesen
Gründen
schlossen sie sich auch mit der Priester-schaft zusammen, denn diese
vermochte
immer wieder im Interesse beider das Volk durch Artefakte zum Gehorsam
zu bewegen, und sie konnte im Namen der Götter sogar den Kriegsmut
und die Kriegsbereitschaft des gemeinen Mannes fördern (10).
4. Die Kirche verliert ihr
Apriori
als moralische Instanz und staatenbildendes
Prinzip
Während die Rechtfertigungsgrundlage der Gesellschaft und
des Menschen im Mittelalter theologisch-metaphysisch ausgerichtet war,
forderte die Philosophie seit der Renais-sance immer mehr ihre
Unabhängigkeit
von der Theologie und die autonome Selbstbestimmung des Menschen durch
die Ver-nunft. Dadurch geriet die Philosophie aber in einen
unmit-telbaren
Konflikt mit der Kirche, die sich, gestützt auf die Bibel als das
geoffenbarte, unverfälschte Wort Gottes, als alleinige Besitzerin
der Wahrheit verstand und daher auch in weltlichen Angelegenheiten als
oberste sinngebende Instanz auftrat.
Dieser Autoritätsmißbrauch, der auf dem
Verhältnis
Furcht-Aberglaube (metus-superstitio) basierte, sollte liquidiert
werden.
Spinoza, dessen dezidierte Absicht es war, den verlogenen,
eigennützigen
monarchischen Absolutis-mus zu bekämpfen und für eine freie
Republik
zu streiten, will unter Beweis stellen, daß die allgemeine
Freiheit
der Bürger die Sicherheit des Staates nicht gefährdet. Im
Gegensatz
zu Voltaire argumentiert er, daß weder die Reli-gion noch
irgendwelche
staatlich inszenierten Phantasmago-rien oder Vorurteile zur Erhaltung
des
Staates und der sozialen Ordnung notwendig seien.(11) Damit statuierte
Spi-noza unmißverständlich die Trennung zwischen Religion
und
Moral. Die kirchliche Moral konnte nicht mehr uneinge-schränkt als
konstitutives staatenbildendes Element betrachtet werden - eine
dezidiert
emanzipatorische These.
Die bestehende Herrschaftsform wird ihres traditionel-len
Machtapparatus'
beraubt, und an Stelle dessen soll ein Staat etabliert werden, der sich
allein den Gesetzen der Vernunft und ihrer praktischen sozialen
Anwendung
zu ver-antworten hat. Toleranz und individuelle Urteils- und
Mei-nungsfreiheit,
d.h. Loslösung von Dogmen und geschichtlich tradierten
Vorurteilen,
bilden einige der Maximen des geforderten Staates. Dabei vertrat
Spinoza
die Interessen der niederländischen republikanischen Partei unter
Führung von Johann de Witt, die die Unterordnung der Kirche unter
den Staat forderte. Spinozas Reflexion war aber noch radi-kaler, denn
er
versucht aufzuzeigen, daß diese Freiheit nicht nur ohne Schaden
für
die Frömmigkeit und den Frieden im Staate zugestanden werden kann,
sondern daß sie nur zugleich mit dem Frieden im Staate und mit
der
Frömmigkeit selbst aufgehoben werden kann.(12) Wir entdecken eine
völ-lige Umkehrung der Werte: Nicht die Freiheit, sondern der
Verlust
derselben geht mit dem Niedergang des Staates, mit Unruhe und Heuchelei
einher. Wenn die Religion nämlich die äußere Herrschaft
über den Menschen und die Gesellschaft beansprucht, entfremdet sie
sich von ihrem eigentlichen Auftrag, der darin besteht, die Gesinnung
und
das Herz, die Demut und die Frömmigkeit des Menschen zu
läutern.
Will sie hingegen die Meinungen durch präskriptive und
vorgefaßte
Gesetze beherrschen, so stiftet sie unter Mißachtung der
menschlichen
Freiheit Unruhe, Unduldsamkeit und Streit. Will sie den Staat
majorisieren,
so wird sie überheblich, hochmütig und gewalttätig. Aus
diesen Gründen darf der Auf-gabenbereich der Religion weder die
Philosophie
und freie Wissenschaft noch die Politik des Staates in ihrer freien
Ausübung
beeinträchtigen. Das gemeinsame Interesse gilt also der
respektiven
Anerkennung der natürlichen Unabhän-gigkeit beider (13). Da
die
Religion aber durch ihren Anspruch, göttliche Erkenntnis zu sein,
die Kräfte der Ver-nunft unterjocht und die natürlichen
Grundlagen
des Staates bestreitet, war es, so Spinoza, in erster Linie nötig,
die hauptsächlichen Vorurteile über das Recht der
höchsten
Gewalten, das viele mit schamlosester Willkür zum
größten
Teil an sich reißen wollen, indem sie unter dem Deckmantel der
Religion
den noch in heidnischem Aberglauben befangenen Sinn der Menge jenen
Gewalten
abspenstig zu machen suchen, damit alles wiederum der Knechtschaft
verfalle
(14), zu denunzieren. Spinoza demaskiert und diskreditiert auf diese
Art
und Weise die feudalistische Usurpation der kirchlichen Dogmen und
antizipiert
den apokalyptischen Zorn der Mate-rialisten des 18. Jahrhunderts gegen
die Demagogie der Kirche.
5. Spinozas kritisch-historische Bibelexegese und der Verlust des Anspruches der Kirche auf den Besitz der Wahrheit
Am Ende des 17. Jahrhunderts akzentuiert sich in immer
deutlicher
hervortretenden Konturen die Trennung von geof-fenbarter Religion und
positiver
Wissenschaft. Die durch Spinoza inaugurierte Methode der kritischen
Bibelexegese,
die nach der Bedeutung, Geltung und Glaubwürdigkeit der Heiligen
Schrift
fragt, verstärkt noch diese Tendenz, indem sie sie rational
fundiert
und historisch expliziert. Spi-noza hat erkannt, daß der
Totalitätsanspruch
der Religion auf den alleinigen Besitz der Wahrheit nicht haltbar ist.
Da die Richtigkeit des Glaubens jeweils aus der Geschichte bewiesen
wird,
sind alle Religionen in ihrer Begründung gleich. So spricht Nathan
der Weise zu Saladin: Denn grün-den alle sich nicht auf
Geschichte?/
Geschrieben oder über-liefert! - Und/ Geschichte muß doch
wohl
allein auf Treu/ und Glauben angenommen werden? - nicht? - / Nun,
wessen
Treu und Glauben zieht man denn/ Am wenigsten in Zweifel? Doch der
Seinen?/
(...) Wie kann ich meinem Vater weniger/ Als du dem deinen glauben? (V.
1975 ff.) Aus Pietät hält man die Religion des Vaters
für
die wahre. Doch die histo-rische Begründung der positiven
Religionen
durch Pietät kann nicht aufrecht erhalten werden, da sie einer
kriti-schen
Untersuchung nicht standhält.
Die Bibel ist ein Geschichtswerk, und dieses bedeutet, daß
sie nicht der einzig authentische Kommentar der Welt ist. Sie ist ein
Buch
unter Büchern zur Erziehung des Men-schengeschlechts, und ihr
pädagogischer
Auftrag kann daher nur aus der Eigentümlichkeit ihres Zeitalters
heraus
beur-teilt und verstanden werden (15).
Ohne sich irgendeiner kirchlichen Autorität unterzu-ordnen,
examiniert Spinoza die Entstehung der Glaubensfun-damente, d.h. der
biblischen
Urkunden. Dabei erklärt er, daß die Methode der
Schrifterklärung
sich in nichts von der Methode der Naturerklärung in der
Hauptsache
unterscheidet, sondern völlig mit ihr übereinstimmt. Denn
ebenso,
wie die Methode der Naturerklärung in der Hauptsache darin
besteht,
eine Naturgeschichte zusammenzustellen, aus der man dann als aus
sicheren
Daten die Definitionen der Naturdinge ableitet, ebenso ist es zur
Schrifterklärung
nötig, eine getreue Geschichte der Schrift auszuarbeiten, und
daraus
als aus den sicheren Daten und Prinzipien den Sinn der Ver-fasser der
Schrift
in richtiger Folgerung abzuleiten.(16) Durch diese
Historizitätserklärung
der Bibel wird ihr buch-stäblicher Sinn als Wort Gottes
erschüttert,
und die Reli-gion verliert durch den Verlust ihres
Absolutheitsanspru-ches
ihre majorisierende Kraft über die Vernunft, die ihrerseits sogar
als göttlich betrachtet werdenkann, da sie uns von Gott zur
Erkenntnis
der Dinge gegeben wurde (17). Die Prophetie oder Offenbarung lehrt uns
nichts, was wir nicht auch durch das natürliche Licht unseres
Erkennt-nisvermögens
erfassen könnten. Da die Religion aber kein rationales
Erkenntnissystem
darstellt, wie die Philosophie, und auch keine Aussagen über die
tatsächliche
Natur der Dinge treffen kann, und sich darauf beschränkt, eine
ethi-sche
Sittenlehre zur Erziehung des Menschen zu sein, wird sie nicht nur
ihres
Herrschaftsanspruches enthoben, sondern die Unrechtmäßigkeit
der Kirchengewalt wird geradezu be-wiesen.
Durch die Proklamation dieser Ansichten trat Spinoza in
äußersten
Gegensatz zu den bestehenden Verhältnissen, und der ausgemachte
Atheist
wurde auch noch als Staatsfeind bekämpft, wobei zu jener Zeit der
Atheismus die Staats-feindlichkeit geradezu implizierte.
6. Der Wunderglaube als Usurpationsmechanismus der Kirche in Bayles Pensées diverses sur la comète
Die Bekämpfung einer allein auf Autorität und
Tradi-tion
gegründeten Normhierarchie, die Ausarbeitung einer
kritisch-historischen
Methode im Umgang mit Meinungen und Texten sowie die Deklaration der
Trennung
zwischen Kirche und Moral und die daraus resultierende Hypothese
über
die Möglichkeit der Gründung eines auf natürlicher
Gesetzgebung
basierenden Vernunftstaates, prävalieren auch in der Bayleschen
Philosophie,
die in Verbindung mit der Proklama-tion der Toleranzidee als
intermediäres
Agens zum 18. Jahr-hundert fungiert.
Das erste Buch, das die Zelebrität Bayles begründete,
wurde 1680 anläßlich des Auftauchens eines Kometen
verfaßt:
Les Pensées diverses sur la comète. In diesem Buch
verwarf
Bayle nicht nur die Meinung der Kirche, daß Gott die Kome-ten
geschaffen
habe, um die Heiden durch dieses Wunder vom Atheismus abzuwenden (18),
indem er die Kometen in rigoro-ser Argumentationsführung als
weltimmanente
Naturphänomene interpretierte, sondern er ging dazu über,
unter
dem Primat der Beobachtung, der Erfahrung und der Vernunft eine
metho-dische
Kritik an den traditionellen Glaubensdogmen sowie den tradierten
Anschauungen
der Geschichtsschreibung zu üben, um den Wunderglauben und die
Vorurteile
zu bekämpfen. Bayle wies nach, daß der Glaube an die Kometen
auf keiner rational-physikalischen Überlegung basierte, sondern
viel-mehr
das Resultat einer Überlieferung war, die sich auf die
Autorität
von Dichtern, Historikern und Philosophen berief, ohne ihre Aussagen
überprüft
zu haben. Dabei diagnosti-zierte er scharf, daß jedes der
physikalischen
oder morali-schen Erfahrung zuwiderlaufende Dogma nicht nur falsch,
sondern
gesellschaftsschädigend sei.
Eines der Hauptphilosopheme dieses Werkes bildete, wie bei
Spinoza,
die Trennung zwischen Religion und Moral. Da die Religion, deren Quelle
die Offenbarung ist, und deren Gegenstand Gott, die Unsterblichkeit der
Seele und die Dog-men sind, sich prinzipiell der
Erkenntnismöglichkeit
durch das lumen naturale entzieht, tritt sie in einen intransi-genten
Widerspruch
zur Philosophie und Wissenschaft, die nur rein logische und
kausalanalytische
Urteilskriterien zur Erudierung ihres Problemfeldes zuläßt.
Bayle fordert daher eine strikte Trennung zwischen dem Aufgabenbereich
der Religion und dem der Philosophie. Dabei schließt er sich
einerseits
der Auffassung Bacons an, der es für unmög-lich erklärt
hatte, die Religion durch die Vernunft erken-nen zu können, und
der
ihr deshalb nur im Bereich der Offenbarung Geltung zusprach, anderseits
derjenigen Gassen-dis, der alles Übernatürliche - so auch die
Erkenntnis Got-tes und des Wesens der Seele durch die rationale Methode
Descartes'- aus der Philosophie verbannte (19).
7. Sittliche Integrität im Vernunftstaat versus Scheinheiligkeit und Korruption in der christlichen Gesellschaft
Das unmittelbarste Präzedens war allerdings
Spinoza,
dessen Schriften Bayle gerade studiert hatte. Im 15. Kapi-tel des
Tractatus
hatte Spinoza dargelegt, daß weder die Theologie der Vernunft
noch
die Vernunft der Theologie dienstbar sein darf, sondern das jede ihr
eigenes
Reich der Wahrheit und der Weisheit, die Theologie aber das Reich der
Frömmigkeit
und des Gehorsams verantworten müsse (20). Da es im Wesen des
Mysteriums
begründet liegt, den Horizont unserer Vernunft zu
überschreiten,
muß man da keine Über-einstimmungen suchen, wo keine zu
finden
sind.
War der Mensch jedoch ohne den als Handlungsanwei-sungsgrund
fungierenden präskriptiven Regelkodex der Kirche überhaupt in
der Lage, sittliche Integrität zu wahren sowie ein moralisches
Bewußtsein
und Verhalten auszuprägen? Die Kirche verneinte diese Frage
kategorisch
und setzte die Los-lösung der Ethik vom christlichen Glauben an
die
Offenba-rung schlechthin mit dem Aufkommen von Dekadenz und Kor-ruption
gleich. Demzufolge mußte jeder Atheist ein Apoka-lyptischer
Reiter
des Teufels sein, unfähig Gutes zu tun, sittlich zu handeln und in
einer Gesellschaft in Eintracht und Frieden zu leben. Sollte die Kirche
mit ihrer Behaup-tung im Recht sein, so müßte die
tägliche
Beobachtung den Beweis für das sittlich integere Verhalten der
Gläubigen
liefern und gleichzeitig die unmoralischen Frivolitäten der
indevoten
Partei nachweisen. Das Übel ist nur, so schreibt Bayle, daß
dieses nicht mit der Erfahrung übereinstimmt (21), denn diese
legt,
wenn auch nicht das gerade Gegen-teil, so dennoch eine erstaunliche
Diskrepanz
zwischen den Prinzipien und den Handlungsweisen der sich Christen
nen-nenden
Menschen offen. So mancher dieser getauften Gottes-söhne
ähnelt
in seinem Verhalten denjenigen, die sie selber für verachtenswert
halten, wohingegen jene, wären sie Kirchgänger geworden,
durchaus
für einen passablen Christen hätten gehalten werden
können.
Das Vorurteil gegen die Moral der Atheisten basiert auf einer falschen
Annahme der Kirche über die Handlungsmo-tivation der Menschen, und
Bayle denunziert die Argumenta-tionsführung der Träger der
kirchlichen
Autorität bewußt mit den klischeehaften Worten des
Vorurteiles:
Wenn er [der Gläubige] überzeugt ist, daß es eine
Vorsehung
gibt - die die Welt regiert, und der nichts entgehen kann, die
dieje-nigen,
die die Tugend lieben, mit einem unendlichen Glück belohnt, die
diejenigen,
die sich dem Laster hingeben, mit ewiger Strafe ahndet -, wird er nicht
verfehlen, sich zur Tugend zu bekennen und das Laster zu meiden, auf
die
kör-perliche Lust zu verzichten, da er genau weiß, daß
darauf Schmerzen folgen, die niemals aufhören werden, für nur
einige Augenblicke des Vergnügens; wohingegen der Verzicht auf
diese
Vergnügungen von kurzer Dauer ewige Glückselig-keit nach sich
zieht. Aber wenn er nicht beachtet, daß es eine Vorsehung gibt,
so
wird er diese Lustbegierde als höchstes Ziel all seiner Handlungen
ansehen: Er wird sich über das, was die anderen Tugend und
Ehrenhaftigkeit
nen-nen, lustig machen (...); er wird bei geringstem Anlaß falsch
Aussagen machen (...); es gibt kein Verbrechen, das man nicht von ihm
erwarten
könnte. Er ist ein unendlich gefährlicheres Monster als diese
wilden Tiere, diese Löwen und diese rasenden Stiere, von denen
Herkules
die Griechen befreite. Ein anderer, der von Seiten der Menschen nichts
zu fürchten hätte, könnte wenigstens durch die Furcht
vor
den Göttern gezügelt werden. Hierdurch hat man zu allen
Zeiten
die Leidenschaften der Menschen in Zaum gehal-ten.(22)
Im folgenden widerlegt Bayle diese Argumentations-folge, indem
er, sich auf die Erfahrung berufend, nach-weist, daß nicht
allgemeine
Ideen von gut und böse, sondern die Leidenschaften und
natürlichen
Neigungen unseres Her-zens die Handlungsweisen der Menschen bestimmen
(23).
Der Mensch ist zwar ein vernunftbegabtes Wesen, aber in der Praxis
weicht
er meistens von seinen Prinzipien ab und läßt sich von den
Affekten
leiten. Während der Glaube ihm also als allgemeine Maxime
vorschreibt,
nichts zu tun, was Gott und dem Kanon der Schrift zuwider laufen
könnte,
zeigt die alltägliche Erfahrung unterdessen das Gegenteil: die
Lasterhaftigkeit
und Korruption der christlichen Gesell-schaft (24). Unter besonderem
Verweis
auf das Buch des Jesuitenpaters P. Rapin La foi des derniers
siècles,
beschreibt Bayle in langen Passagen die Sittenlosigleit seiner Zeit,
die
sich unter dem religiösen Gewand der Devotion verbirgt. Die
Erfahrung
widerlegt also die Überle-gung, die man anstellt, um zu beweisen,
daß das Wissen um einen Gott die lasterhaften Neigungen der
Menschen
verei-telt (25) Und da es also durch die Erfahrung als erwiesen gelten
darf, daß die Reli-gion als handlungssteuerndes Prinzip des
Menschen
nicht notwendigerweise zur rechten Lebensführung beiträgt,
kann
sie nicht als gesellschaftkonstitutiv anerkannt werden (26).
Daß der Atheismus andererseits nicht notwendigerweise zur
Korruption der Sitten führt (27), wird, so Bayle, nicht zuletzt
durch
die tugendhafte Lebensführung namhafter Männer bewiesen, die
er sich nicht scheut aufzuführen: Diagoras (28), Epikur, Vanini
u.a.(29)
Vanini wurde 1619 in Toulouse wegen seines öffentli-chen
Bekenntnisses zum Atheismus auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Doch
seine
Lebensweise, so Bayle, war vorbild-haft und seine Sittlichkeit von
reinster
Art; und Epikur, der die Vorsehung und die Unsterblichkeit der Seele
leug-nete,
war geradezu der tugendhafte Atheist par excellence (30). Die
Deklassifizierung
der epikureischen Ethik als Träger des Lasters und der Wollust
wird
somit auch von Bayle eindeutig als geschichtlicher
Diffamierungsprozeß
denunziert.
8. Bayles atheistische Vernunft- und Gesinnungsethik versus Tugendhaftigkeit aus Furcht
Der Beziehungspunkt des ethischen Ideals liegt für das
Christentum
nicht in seinem gesellschaftlichen Gegenüber, sondern in einem
transzendenten
Gott, und die Kirche ver-langt durch ihre festgelegte Normhierarchie
der
Werte von ihren Anhängern keine eigene moralische
Entscheidungskraft,
sondern nur gläubigen Gehorsam und andächtig-blinde
Unter-worfenheit
unter die Glaubensdogmen der heiligen Schrift, die das Gute und
Böse
für den Menschen festlegen und dadurch dessen eigenes
Urteilsvermögen
entmündigen. Welchen ethischen Wert kann die Unterlassung des
Bösen
aber haben, wenn es wider die Gesinnung nur aus Furcht vor Strafe
sus-pendiert
wird? Und welcher Beweggrund könnte hingegen den Epikureer und
Ungläubigen,
denen keine Strafe durch das ewige Gesetz droht, dazu veranlassen, das
Gute zu tun und das Böse zu meiden? Die Vernunft, so Bayle, hat
den
alten Weisen eingegeben, daß das Gute des Guten wegen getan
wer-den
müsse und daß die Tugend in sich selbst ihre eigene
Belohnung
findet, und daß es nur einem bösen Menschen
anheimstände,
das Böse aus Furcht vor Strafe zu unterlas-sen.(31) Muß ein
tugendhafter Atheist durch seine selbst-lose Handlungsweise
schließlich
nicht höher geschätzt wer-den als ein Christ, der nur die
Maske
des Guten trägt? Denn der Wille/ und nicht die Gabe macht den
Geber,
so heißt es in Lessings Nathan der Weise (V. 539 f.). Das Gute
hängt
demnach ausschließlich von der Gesinnung des Handelnden ab, und
es
darf nicht unter der Starrheit eines äußerlichen Kultes zum
bloßen Schein pervertieren. Die Erfahrung zeigt uns, daß es
nicht erstaunlicher ist, wenn sich ein Atheist tugendhaft verhält,
als wenn ein Christ Verbrechen begeht. Für einen einzigen
Christen,
der lieber Gott als den Menschen gehört, gibt es tausend, die
lieber
den Menschen als Gott gehorchen (32).
Welche Prinzipien regieren aber, so müssen wir uns
schließlich
fragen, nach Meinung Bayles und Spinozas eine atheistische Gesellschaft
oder eine Gesellschaft, in der Meinungs- und Religionsfreiheit
herrschen?
- Eine natürli-che Moral, die praktische Vernunft des lumen
naturale
und eine strenge bürgerliche Gesetzgebung.
Die Religion hat sich nicht als konstitutives morali-sches und
staatenbildendes Prinzip ausweisen können, da der Mensch durch
seine
Eigenliebe und die Leidenschaften domi-niert wird. Der Gläubige
handelt
in derselben Weise wie der Ungläubige aufrichtig oder
unaufrichtig,
ehrenhaft oder unehrenhaft, und er unterliegt in derselben Weise der
Kor-ruption
und dem Verbrechen. Wir kennen zwar die Gebote Gottes, aber wir handeln
ihnen entgegen, und wir müssen also erklären, warum es
sinnvoll
ist, so zu handeln, wie es geboten ist, damit die Pflicht durch
Einsicht
auch tatsächich die innere Motivation des Wollens bestimmt und die
Handlung nicht aussetzen läßt. Für Bayle ist das Licht
der Vernunft oder die reine Vernunfteinsicht als Handlungsmotivation
die
essentielle Voraussetzung für jede moralische Handlung. Da die
transzendente
Macht ihre Gebote nicht expliziert und einsichtig macht,
beein-flußt
sie nicht den Handlungsmechanismus des Menschen, und sie verliert darum
ihre gesellschaftliche Funktion.
Im Gegensatz dazu affirmiert Bayle aber, daß es eine absolute
moralische Instanz, eine Art inneren Sinn gebe, der den Menschen die
Prinzipien
einer natürlichen Moral, d.h. ein apriorisches
Urteilsvermögen
über Gut und Böse vermittelt. Auch ohne die Kenntnis Gottes,
so Bayle, ist die Idee des Guten und Schlechten dem Herzen des Menschen
auf natürliche Weise eingegeben, und dieses Vorstellung kann nicht
abhanden kommen, ohne daß man gleichzeitig die Vernunft leugnete.
In den Continuation des pensées diverses vertritt Bayle diese
These
des moralischen Apriori mit noch größerer Eloquenz und
Rigorosität
als in den Pensées di-verses von 1683. Er gesteht ein, daß
er den Atheisten im Jahre 1683 das Bewußtsein des tugendhaften
und
sittlichen Guten noch abgesprochen hätte, wohingegen er dieser
Äuße-rung
jetzt nicht mehr zustimme. Es scheint mir offensicht-lich, so
formuliert
Bayle, daß die Atheisten zwischen dem angenehmen Guten, dem
nützlichen
Guten und dem tugendhaft-sittlichen Guten unterscheiden können und
daß sie in der Natur selbst und nicht in den Meinungen der
Menschen
das Prinzip dieser drei Arten des Guten finden können.(33)
Das angenehme Gute besteht nach Bayle in dem natürlichen
Streben nach Freude, Lust oder Vergnügen und in der Vermeidung von
Schmerz; das nützliche Gute fördert die Gesundheit, die
körperliche
und geistige Stärkung sowie die physische Integrität.
Die
dritte Bestimmung des Guten besteht in der tugendhaften Naturanlage
einer
sittlichen Integrität, die durch die reine Vernunft eine
natürliche
oder innere Redlichkeit, hrlichkeit, Rechtschaffenheit,
Anständigkeit
oder Aufrichtigkeit als angeborene handlungsgenerierende Eigenschaften
verbürgt. Wir verwirklichen unseren Willen, insofern er mit der
Vernunft
übereinstimmt d.h. das Sittengesetz in der Vernunft begündet
liegt. Der Atheist bedarf als Handlungsmotiv nicht der divinen
Gratifikation,
und seine Taten sind um so löblicher, als daß sie aus der
Naturanlage
eines guten Willens hervorgehen, dessen Belohnung in der inneren
Zufriedenheit
der handelnden Person selbst gefunden wird.
Die reine Gesinnung des guten Willens ist, so Bayle, nicht immer
gegeben
bzw. wird häufig von den Leidenschaften und Affekten
überwältigt.
In diesem Falle muß das nützliche Gute unter dem Aspekt der
Utilität für sich selbst und die anderen herangezogen werden.
Der Mensch besitzt ohne den Rekurs auf die Religion ein durch die
Vernunft
begründetet Urteilsvermögen über das nützliche
Gute,
das ihn lehrt, was er begehren kann und was er meiden soll, das ihn
lehrt,
daß die Selbsterhaltung, d.h. die physische Integri-tät, das
oberste Lebensgesetz ist, und das ihn zu einer natürlichen
Gesetzgebung
befähigt, die sich durch nichts von den ewigen Gesetzen Gottes
unterscheidet.
Das nützliche Gute dient nicht nur der Selbsterhaltung, sondern
ist
auch staatenbegründend, indem die Utilität als
Gesamtkalkül
der Folgen und Konsequenzen einer Handlung als Finalursache der
Wollungen
bestimmt wird. Bayles deontologische Gesinnungsethik des "moral sense"
wird teilaspektisch also von einer teleologischen Ethik
überlagert.
9. Spinozas Werterelativismus als Modus des Bewußtseins
Im Gegensatz zu der dreigliedrigen Bayleschen Konzep-tion des
Guten konvergiert das Gute bei Spinoza im Nutzen, und es hat keinen
objektiven
Wertcharakter a priori. Was nun das Gute und Schlechte anlangt, so
schreibt
Spinoza, bezeichnen auch diese Namen nichts Positives in den Din-gen,
sobald
diese an sich selbst betrachtet werden, und sind nichts als
Daseinsformen
des Denkens, oder Begriffe, die wir dadurch bilden, daß wir die
Dinge
miteinander ver-gleichen. Denn ein und dasselbe Ding kann zu derselben
Zeit gut und schlecht und auch gleichgültig (indifferent) sein.
Z.B.
die Musik ist für den Schwermütigen "gut", für den
Trauernden
"schlecht", für den Tauben weder gut noch schlecht.(34)
Nach der Auffassung Spinozas inhärieren die Begriffe gut
und schlecht nicht den seienden Dingen als solchen, sondern sie
bezeichnen
als Modi des Bewußtseins Wertur-teile, die sich an
anthropomorphen
Musterbildern orientie-ren und daher keinen Objektivitätsanspruch
erheben können. Spinoza versteht unter gut dasjenige, von dem wir
sicher wissen, daß es uns nützlich ist. Unter schlecht (oder
bös) dagegen dasjenige, das uns hindert, irgendeines Guten
teil-haft
zu werden. (35)
Im Naturzustand urteilt jeder nach seinem Sinne dar-über,
was gut oder was schlecht sei, und jeder wird versu-chen, das eine zu
erhalten
und das andere zu vernichten; und da nicht alle Menschen von Natur aus
nach den Regeln und Gesetzen der Vernunft handeln, sondern durch
Begierde
und Macht bestimmt werden (36), muß der Naturzustand
not-wendigerweise
zu einer Interessenkollision führen. Im Naturzustand werden sowohl
die vernünftigen als auch die triebhaften Handlungen wertfrei
betrachtet,
da jedes Indi-viduum naturgemäß dazu bestimmt ist, auf eine
gewisse Weise zu existieren und zu wirken. (37)
Die Menschen sowie die von ihnen inszenierte Gesell-schaft
involvieren
jedoch das Prinzip ihrer eigenen Erhal-tung. Dieser Gedanke tritt
besonders
deutlich im Theolo-gisch-politischen Traktat zutage (38), aber er gilt
eben-falls für die Etablierung der atheistischen Gesellschaft bei
Bayle (39). Das Leben in der Gemeinschaft verlangt von uns, daß
jeder
lernt, seine eigenen Interessen in Funktion der Interessen der anderen
zu beschränken, und diese rezi-proke Interessenbeschränkung
ist
die condition sine qua non eine menschliche Gesellschaft nicht bestehen
kann. Wenn jeder ein Recht auf alles hätte, hätte keiner das
Recht auf etwas, und der Mensch würde in Unruhe und ständiger
Furcht leben. Daß es aber, so Spinoza, für die Menschen viel
nütz-licher ist, nach den Gesetzen und bestimmten Vorschriften
unserer
Vernunft zu leben, die, wie gesagt, nur den wahren Nutzen der Menschen
zum Ziele haben, kann niemand bezwei-feln. Zudem gibt es keinen
Menschen,
der nicht soweit wie möglich sicher und ohne Furcht zu leben
wünschte.
(...) so wird man klar einsehen, daß die Menschen, um sicher und
gut zu leben, sich notwendig vereinigen mußten, wodurch sie
bewirkten,
daß sie das Recht, das von Natur jeder zu allem hatte, nun
gemeinsam
besitzen und daß es nicht mehr von dem Vermögen und der
Begierde
des einzelnen, sondern von der Macht und dem Willen der Gesamtheit
bestimmt
wird.(40) Auf diese Weise also kann sich ohne irgendwelchen Widerspruch
gegen das natürliche Recht eine Gesellschaft bilden, und jeder
Vertrag
kann immer mit vollkommener Treue gehalten werden; es braucht eben nur
jeder die ganze Macht, die er besitzt, auf die Gesellschaft zu
übertragen,
die damit das höchste Recht der Natur auf alles hat, d.h. die
allein
die höchste Regierungsgewalt innehat und der jeder aus freiem
Willen
oder aus Furcht vor der härtesten Bestrafung gehor-chen
muß.(41)
10. Sozialkontrakt und Rechtsprinzipien einer atheistischen Gesellschaft
Im Unterschied zu Hobbes, der für eine absolute
Monar-chie
mit uneingeschränkten Rechten gegenüber den Untertanen
plädierte,
vertritt Spinoza die Auffassung, daß die Men-schen im
Sozialkontrakt
nur auf ihre willkürliche Freiheit verzichten müssen, nicht
aber
auf ihre geistige Freiheit, ihre Gewissens- und Meinungsfreiheit. Der
obersten
Staats-gewalt stehe nicht das Recht zu, sich in die rein privaten
Angelegenheiten
der Individuen einzumischen, d.h. auch nicht in Wissenschaft und
Religion.
Der Gesellschaftsvertrag entspricht dabei der natürli-chen
Vernunft der Menschen, die, die Furcht und den Schmerz meidend und das
Glück suchend, erkennen, daß sie nur durch den
Abschluß
dieses Vertrages, der dasselbe Recht für alle garantiert, in
Frieden
und Harmonie leben können.
Die Strenge der bürgerlichen Gesetze gewährleistet
darüber hinaus eine größere private Sicherheit. Und
wenn
die Kirche auch das Gegenteil behauptet, so wird ihre Aus-sage durch
die
Erfahrung widerlegt. Denn, so fragt Bayle, woher kommt es, daß
die
Angst vor den Menschen handlungsre-levanter auf diese einwirkt als die
Angst vor Gott? Dieses rührt daher, daß diese Angst ihren
Gegenstand
nur aus der Ferne und mit den Augen des Glaubens betrachtet, wohingegen
jene sich auf eine sichtbare, sichere und naheliegende Strafe bezieht.
Wir müssen in bar bezahlen, wenn wir in die Hände des
Gesetzes
des Menschen fallen.(42)
Sowohl Bayle als auch Spinoza gehen in ihrem politi-schen Denken
von der Überzeugung aus, daß nur einige, irrende Menschen
durch
Sanktionsandrohungen zum Gesetzesge-horsam verpflichtet werden
müssen,
während andere ihn aus reinen Vernunftgründen gewähren.
Lebten nun die Menschen nach Anleitung der Vernunft, so würde ein
jeder dieses sein Recht behaupten ohne den geringsten Schaden eines
anderen.
Weil sie jedoch den Affekten unterworfen sind, welche das menschliche
Vermögen
oder die Tugend weit übersteigen, so werden sie oft nach
verschiedenen
Richtungen hingezogen und sind einander entgegengesetzt, während
sie
doch wechselsei-tiger Hilfe bedürfen.(43)
Bayle konstatiert inhaltlich dasselbe, wenn er argu-mentiert,
daß die Menschen keiner zwangsrechtlichen Ordnung bedürften,
wenn sie allein nach den Prinzipien der Religion oder der praktischen
Vernunft
(beide konvergieren in der Ethik) zu leben vermöchten (44). Doch
die
meisten Menschen werden durch Affekte beherrscht, die nur dadurch
gehemmt
werden können, daß man ihnen stärkere entgegenstellt
und
daß jedermann aus Furcht vor eigenem größeren Schaden
davon absteht, einem anderen Schaden zuzufügen. (45) Bayle
hält
die Affekte sogar für so stark, daß er sie in wesentlichem
Maße
als handlungsbestimmend für den Menschen erklärt, der mehr
Liebe
für die Freude als Haß für den Schmerz ent-wickelt, und
es macht den Menschen nichts aus, so Bayle, in Kummer und Schmerz zu
verfallen,
wenn der Weg nur durch die Freude und das Vergnügen führt
(46).
Der Vernunftoptimismus scheint bei Spinoza noch stär-ker
ausgeprägt zu sein als bei Bayle, denn während jener (vor
allem
in seiner ursprünglichen Staatsphilosophie vor der Rezeption
Hobbes
im liberalen Kreis um De Witt) immer wieder die Rede auf die
Möglichkeit
der Etablierung eines reinen Vernunftstaates hinleitet (homo homini
deus)
(47), in dem die Menschen ohne äußeren Zwang aus reiner
Einsicht
in die Rechtsprinzipien des Sozialkontrakts frei zusammen leben,
prävaliert
bei Bayle der staatliche Angstmechanis-mus. Die Kirche hingegen hat bei
beiden Denkern ihren Machtanspruch in weltlichen Dingen verspielt - und
wenn sie nicht schadet, so ist sie doch nur wenig hilfreich.
ANMERKUNGEN
1 Zu den verschiedenen Ausgaben des Tractatus und den mit seiner
Veröffentlichung
verbundenen Problemen vgl. die Einleitung von Günter Gawlick zu
der
zweibändigen latei-nisch-deutschen Ausgabe der Werke Spinozas,
Darmstadt
1979.
2 Die erste Ausgabe der Pensées diverses sur la comète
erschien am 1. März 1682 in Köln, die zweite im September
1683
in Rotterdam, das Dictionnaire historique et critique in der
ersten
Ausgabe 1697, in der zweiten 1702.
3 Spinoza, Tractatus theologico-politicus, S. 7.
Rationem (quia ad vana, quae cupiunt, certam viam ostendere nequit)
caecam appellare humanamque sapientiam vanam; et contra imaginationis
deliria,
somnia et pueriles ineptias divina respons credere... Causa itaque, a
qua
superstitio oritur, conservatur et fovetur, metus est.
4 Die Kosmogonie Epikurs hatte unter anderem die Aufgabe, durch das
Wissen über die Natur und die Erkenntnis ihrer immanenten Gesetze
ihren mysteriö-sen Schleier zu zerschlagen, um die Menschen von
der
sie tyrannisierenden Furcht vor dem Unbekannten zu befreien.
5 Bayle, Pensées diverses, § VII und § XLII.
6 Spinoza, Tractatus, S. 5.
Si homines res omnes suas certo consilio regere possent, vel si fortuna
ipsis prospera semper foret, nulla supersti-tione tenerentur. Sed
quoniam
eo saepe angustiarum redigun-tur, ut consilium nullum adferre queant et
plerumque ob incerta fortunae bona, quae sine modo cupiunt, inter spem
metumque misere fluctuant, ideo animum ut plurimum ad quid-vis
credendum
pronissimum habent; qui dum in dubio facili momento huc atque illuc
pellitur,
et multo facilius, dum spe et metu agitatus haeret, praefidens alias,
jactabundus
ac tumidus.
7 Spinoza, Tractatus, S. 11.
(specioso religionis nomine)
8 A.a.O., S. 11.
Verum enimvero si regiminis monarchici summum sit arcanum ejusque
omnino
intersit, homines deceptos habere et metum, quo retineri debent,
specioso
religionis nomine adumbrare, ut pro servitio tanquam pro salute
pugnent,
et ne turpe sed maximum decus esse putent, in unius hominis jactationem
sanguinem animamque impendere, nihil contra in libera repu-blica
excogitari
nec infoelicius tentari potest; quando-quidem communi libertati omnino
repugnat, liberum uniuscuiusque judicium praejudiciis occupare vel
aliquo
modo coërcere.
9 Antonio Negri, Die wilde Anomalie. Baruch Spinozas Entwurf einer
freien Gesellschaft, Übers. aus dem Ital. von W. Raith, Berlin
1982,
S. 140.
10 Bayle, Pensées diverses, § CVIII ff.
11 Gegen Bayle, der dieselbe Auffassung wie Spinoza vertrat, schreibt
Voltaire in dem Artikel Athéisme seines Dictionnaire
Philosophique:
Par tous pays la populace a besoin du plus grand frein, et si Bayle
avait
eu seulement cinq à six cents paysans à gouverner, il
n'aurait
pas manqué de leur annoncer un Dieu rémunérateur
et
vengeur.
12 Spinoza, Tractatus, S. 11.
(...) hanc libertatem non tantum salva pietate et reipubli-cae pace
concedi, sed insuper eandem non nisi cum ipsa pace reipublicae ac
pietate
tolli posse.
13 Vgl. dazu K. Fischer, Spinozas Leben, Werke und Lehre, 6. Aufl.,
Heidelberg 1946, Der theologisch-politi-sche Traktat. Das Recht der
Denkfreiheit,
S. 316 ff.
14 Spinoza, Tractatus, S. 11.
(...) ad quod apprime necesse fuit, praecipua circa religionem
praejudicia,
hoc est, antiquae servitutis, vestigia indicare, tum etiam praejudicia
circa summarum potestatum jus, quod multi procacissima quadam licentia
magna ex parte arripere et specie religionis multitudinis animum,
Gentilium
superstitioni adhuc obnoxium, ab iisdem avertere student, quo omnia
iterum
in servitium ruant.
15 Diese Erkenntnis beeinflußte in besonderem Maße die
Geschichtsphilosophie Herders und Lessings. Vgl. Herder, Auch eine
Philosophie
der Geschichte zur Bildung der Menschheit sowie seine Ideen zur
Philosophie
der Geschichte der Menschheit und Lessings Erziehung des
Menschenge-schlechts.
16 Spinoza, Tractatus, Von der Auslegung der Schrift (De
interpretatione
Scripturae), Kap. 7, S. 231 f.
(...) dico methodum interpretandi Scripturam haud differre a methodo
interpretandi naturam, sed cum ea prorsus conve-nire. Nam sicuti
methodus
interpretandi naturam in hoc potissimum consistit, in concinnanda
scilicet
historia naturae, ex qua, utpote ex certis datis, rerum naturalium
definitiones
concludimus: sic etiam ad Scripturam interpre-tandam necesse est ejus
sinceram
historiam adornare, et ex ea tanquam ex certis datis et principiis
mentem
authorum Scripturae legitimis consequentiis concludere.
17 A.a.O., Kap. 1, Von der Prophetie (De prohetia), S. 33.
18 Bayle, Pensées diverses, § CII.
19 Vgl. dazu E.B. Sugg, Pierre Bayle. Ein Kritiker der Philosophie
seiner Zeit, Leipzig 1930, Kap. I. Der Skepti-zismus Bayles und seine
Lehre
von der zweifachen Wahrheit, S. 4 ff.
20 Spinoza, Tractatus, Kap. 15, S. 455.
(...) quod nec theologia rationi nec ratio theologiae ancillari
teneatur,
sed unaquaeque suum regnum obtineat. Nempe, uti diximus, ratio regnum
veritatis
et sapientiae, theologia autem pietatis et obedientiae.
21 Bayle, Pensées diverses, § CXXXIV.
(Mais le mal est, que cela ne se trouve pas conforme à
l'experience.)
22 A.a.O., § CXXXIII.
S'il est donc convaincu qu'il y a une Providence qui gouverne le
monde,
à qui rien ne peut échaper, qui récom-pense d'un
bonheur
infini ceux qui aiment la vertu, qui punit d'un châtiment
éternel
ceux qui s'adonnent au vice; il ne manquera point de se porter à
la vertu, & de fuir le vice, & de renoncer aux voluptez
corporelles,
qu'il sait fort bien qui attirent des douleurs qui ne finiront jamais,
pour quelques momens de plaisir qui les accompagnent, au lieu que la
privation
de ces plaisirs passagers est suivie d'une éternelle
félicité.
Mais s'il ignore qu'il y ait une Providence, il regardera ses
désirs
comme sa derniere fin, & comme la regle de toutes ses actions: il
se
moquera de ce que les autres apellent vertu &
honnêteté,
& il ne suivra que les mouvemens de sa convoitise: il se
défera,
s'il peut, de tous ceux qui lui déplairont: il fera de faux
sermens
pour la moindre chose; & s'il se trouve dans un poste qui le mette
au dessus des loix humaines, aussi bien qu'il s'est déja mis au
dessus des remords de la conscience, il n'y a point de crime qu'on ne
doive
attendre de lui. C'est un monstre infiniment plus dangereux que ces
bêtes
féroces, ces lions & ces taureaux enragez dont Hercule
délivra
la Grece. Un autre qui n'auroit rien à craindre de la part des
hommes,
pourroit être du moins retenu par la crainte de ses Dieux. C'est
par là qu'on a tenu de tout tems en bride les passions de
l'homme.
23 A.a.O., § CXXXV.
24 Vgl. dazu den von Bayle angeführten Ausspruch Medeas: Je vois
et j'approuve le bien, mais je fais le mal. (§ CXXXV)
25 A.a.O., § CXXXIV.
Que l'experience combat le raisonnement que l'on fait, pour prouver
que la connoissance d'un Dieu corrige les inclina-tions vicieuses de
l'homme.
26 A.a.O., § CXXII.
27 A.a.O., § CXXXIII.
L'Athéisme ne conduit pas nésessairement à la
corruption des moeurs.
28 Diagoras von Melos war ein bekannter griechischer Dichter, der in
der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Christus lebte. Er vertrat
die
Lehren Demokrits und mußte wegen seiner Angriffe auf die Religion
aus Athen fliehen.
29 Pensées diverses, § CLXXIC. Vgl. auch CXLIV.
Exemples qui montrent, que les Athées ne se sont pas distinguez
par l'impureté des moeurs.
30 Über Epikur vgl. weiterhin § CLXXV.
31 Pensées diverses, § CLXXVIII.
La raison a dicté aux anciens Sages, qu'il faloit faire le bien
pour l'amour du bien même, et que la vertu se devoit tenir
à
elle-même lieu de récompense, et qu'il n'appartenoit
qu'à
un méchant homme, de s'abstenir du mal par la crainte du
châtiment.
32 A.a.O., § CLXXIV und § CXXXVIII.
33 Bayle, Continuation des pensées diverses, § CXLIII und
§ CLIII.
(...) il faut avouer que les lis du bien & du mal sond encore plus
profondement imprimées dans lle coeur, on ne peut les
détruire
sans renonce à toute raison (...)
Il me paroît évident que des Athées peuvent
distinguer
entre le bien agréable, le bien utile, et le bien honnête,
et trouver dans la nature même et non pas dans les opinions de
l'homme
le fondement de ces trois especes de bien.
34 Ethik, IV, Vorwort.
Bonum, et malum quod attinet, nihil etiam positivum in rebus, in se
scilicet consideratis, indicant, nec aliud sunt, praeter cogitandi
modos,
seu notiones, quas formamus ex eo, quòd res ad invicem
comparamus.
Nam una, eademque res potest eodem tempore bona, et mala, et etiam
indiffe-rens
esse. Ex. gr. Musica bona est Melancholico, mala lugenti; surdo autem
neque
bona, neque mala.
Auch Vollkommenheit und Unvollkommenheit sind als Modi des
Bewußtseins
nur Relationsbegriffe, die sich auf rein menschliche Musterbilder
beziehen.
35 Ebd., Begriffsbestimmungen 1. und 2.
I. Per bonum id intelligam, quod certò scimus nobis esse utile.
II. Per malum autem id, quod certò scimus impedire,
quomi-nùs
boni alicujus simus compotes.
36 Theologisch-politischer Traktat, S. 469.
37 A.a.O., S. 467.
38 Vgl. bes. das 16. Kap. des Theologisch-politischen Traktats:
Über
die Grundlagen des Staates, über das natür-liche und das
bürgerliche
Recht des einzelnen und über das Recht der höchsten Gewalten.
39 Vgl. dazu J. Delvolve, Religion, critique et philo-sophie positive
chez Pierre Bayle, 2. Aufl., New York 1971, S. 158.
40 Spinoza, Tractatus, S. 471 f.
Verum enimvero, quanto sit hominibus utilius secundum leges et certa
nostrae rationis dectamina vivere, quae, uti dixi-mus, non nisi verum
hominum
utile intendunt, nemo potest dubitare. Praeterea nullus est, qui non
cupiat
secure extra metum, quoad fieri potest, vivere (...) si etiam
considere-mus
homines absque mutuo auxilio miserrime et absque ratio-nis cultu
necessario
vivere, ut in cap. V. ostendimus, clarissime videbimus homines ad
secure
et optime vivendum necessarti in unum conspirare debuisse ac proinde
effe-cisse,
ut jus, quod unusquisque ex natura ad omnia habebat, collective
gaberent,
neque amplius ex vi et appetitu uniuscujusque, sed ex omnium simul
potentia
et volutate determinaretur.
41 A.a.O., S. 477.
Hac itaque ratione sine ulla naturalis juris repugnantia societas
formari
potest pactumque omne summa cum fide semper servari; si nimirum
unusquisque
omnem, quam habet, potentiam in societatem transferat, quae adeo summum
natu-rae jus in omnia, hoc est, summum imperium sola retinebit, cui
unusquisque
vel ex libero animo vel metu summi supplicii parere tenebitur.
42 Bayle, Continuation des pensées diverses, § CXXXCIII.
D'ou vient donc que la crainte des hommes est plus active sur eux que
celle de Dieu? C'est que celle-ci ne considère son objet qu'en
éloignement
et avec les yeux de la foi, et que l'autre se raporte à un mal
visible,
certain et prochain. Il faut païer comptant lors que l'on tombe
entre
les mains de la justice des hommes.
43 Ethik, IV, 37, Erl. 2.
Quod si homines ex ductu rationis viverent, potiretur unus-quisque
(per Coroll.1.Prop.35 hujus) hoc suo jure absque ullo alterius damno.
Sed
quia affectibus sunt obnoxii, (per Coroll.Prop.4. hujus) qui potentiam,
seu virtutem humanam longè superant, (per Prop.6. hujus)
ideò
saepe diversi trahuntur, (per Prop.33. hujus) atque sibi invicem sunt
contrarii,
(per Prop.34. hujus) mutuo dum auxilio indigent.
44 Bayle, Pensées diverses, § CLXI. - In vielen Kapi-teln
veranschaulicht Bayle, daß ein Atheist auf natürliche Weise
dasselbe ethische Ideal wie ein Christ ausbilden kann und daß das
weltliche Gesetz mindestens ebensogut über die Handlungen der
Menschen
wachen kann wie das transzendente. Es ist ein Vorurteil zu glauben,
daß
die Religion der Grund für die Keuschheit der Frauen sei (§
CLXII
ff.) oder für Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit (§
CLXXII)
der Menschen. Daß die atheistische Moral jedoch mit der
christlichen
übereinstimmen kann, wird in folgenden Kapitel bewiesen: §
CLXI
ff.; § CLXXII ff.; § CLXXVIII ff. und Continuation des
pensées
diverses, § CXLIII ff.
45 Ethik, IV, 37, Erl. 2.
Nempe quòd nullus affectus cërceri potest, nisi affectu
fortiore, et contrario affectui coërcendo, et quòd
ununsquisque
ab inferendo damno abstinet timore majoris damni.
46 Bayle, Pensées diverses, § CLXVII.
47 Ethik, IV, 35, Folgesatz.
At homo ex legibus suae naturae absolutè agit, quando ex ductu
rationis vivit, et eatenus tantùm com naturâ alterius
hominis
necessariò semper convenit.