Die Ankunft

von B. Böttcher

Prächtig erhob sich die türmende Stadt. Ich fand mich kalkweiß, bleich vor Besorgnis angesichts bevorstehender Erfordernisse, als ich, Gepäck in Händen, im Gang des Zuges stand, der sich nach Stunden der Fahrt behäbig dem Bahnhof von R* näherte, um dort einzufahren und anzuhalten. Ich stieg aus dem Wagon, den Blick gesenkt, dass ich den Boden finde, kam rasch zum Vorplatz des Bahnhofs und ließ mich per Taxi in ein Hotel bringen, in dem ich eilends ein Zimmer gebucht hatte. An der Rezeption begrüßte man mich und wünschte mir einen angenehmen Aufenthalt. Mir wurde eine Kammer zur Straßenseite zugewiesen, die mit den nötigsten Einrichtungsgegenständen nebst Unterhaltungselektronik wie auch einem Bad ausgestattet war – gut geeignet, um die Abende einigermaßen zu überstehen.

Nachdem ich allen Reiserequisiten, die ich mit mir schleppte, im Zimmer einen Platz zugewiesen hatte, folgte ich dem Bedürfnis, meinen ermatteten Leib mit Kaffee voll zu schütten. Nicht fern des Hotels fand ich ein Café, dessen Angebot an Konditoreierzeugnissen reichhaltig genug erschien, eine gute Wahl zu treffen. Freundlich servierte die Bedienung, dunkel behagte der Kaffee, die Torte aromatisch. Beliebige Unterhaltungsmusik plätscherte aus verdeckten Lautsprechern. Die Gäste hörten nicht hin. Sie vergnügten sich bei Gesprächen, die sie durch den Verzehr von Speisen und Getränken zu verlängern suchten. Lächelnd mutmaßte ich, dass die Lebenszeit, auf diese Art und Weise ausgefüllt, behaglich sein könnte, hätte nicht von neuem bohrende Unschlüssigkeit mein Gebilde aus verschämten Gedanken zu Boden gezerrt.

Beschwingt durch Kaffee, welcher mich beinahe in die trügerisch verführerische Stimmung eines Bonvivants versetzte, promenierte ich auf dem ausgestreckten Boulevard von R*. Mit Blicken, denen keine Nebensächlichkeit entging, stolzierte ich inmitten der von Bäumen gesäumten anerkannten Prachtstraße, die mit Läden überfüllt, deren helle Schaufenster die Wünsche der Menschen spiegelten. Die Staatsoper steht eingeengt zwischen Gebäuden, die Wichtigkeit vortäuschen. Wegen seiner unscheinbaren Architektur hebt sich der Musentempel nicht augenfällig ab, jedoch zeugen die farbigen Programmtafeln an seiner Fassade von kultureller Bewandtnis. Wenn jetzt die Hauptdarstellerin des Stücks, ohne Kostüm und Schminke, das Opernhaus verlassen und zum Taxi eilen würde, niemand würde sie, die Sängerin, erkennen. Die Seele sieht man nicht, dachte ich.

Der Stadtpark im Zentrum von R* bot zu nachmittäglicher Stunde ein Refugium für mich Wandernden. Alle Geschäftigkeit der Straßen hinter mich lassend nahm ich Platz auf einer Bank. Getreu dem Abbild eines beflissenen Sonnentrunkenen hob ich mein Angesicht gegen die Sonne, schloss ich die Augen, verschränkte die Arme und empfand die milden Strahlen des Himmelskörpers als letzte Vergünstigung, die mir vor dem anstehenden Stelldichein zugesprochen wurde. Hinter der Pose der Gelassenheit nagte Verzagtheit, die mit jedem an mein Vorhaben gerichteten Gedanken anschwoll.

In der Stille des Parks vergegenwärtigte ich mir das voraussichtliche Ausmaß meines Abkommens, zu dessen Verhinderung ich nichts beizutragen wusste. Überraschend erreichte mich per Post die Aufforderung, unverzüglich nach R* zu reisen. Dieser Ruf riss mich aus meinem gewöhnlichen Lebenswandel, der, bar aller Leidenschaft für schwärmerische Expertisen, nicht unredlich zu nennen, wenngleich etwas routiniert. Der genaue Absender des Briefes blieb mir verschlossen. Offenkundig war, dass der Urheber, welcher mich in die Stadt befohlen, sich bewandert ausgab in meinen Lebensumständen. Unter dem Vorwand, er sei in seinem Gebiete unabkömmlich, nötigte mich der Verfasser zur Reise, denn er wolle mir etwas zeigen in der Art eines Experiments, wozu meine Anwesenheit und völlige Unterstützung notwendig seien. Was mich letztlich bewog, die Strapazen der Tour und die Einhaltung der Frist wahrzunehmen, lag darin begründet, dass der Unbekannte eine vollständige Auflistung meiner bewältigten Handlungsweisen beilegte sowie ein Verzeichnis aller Punkte, die ich unzureichend oder in keiner Weise bezwang. Vermöge welcher Fundgrube er dies mit der Genauigkeit eines römischen Schreibers zu beurkunden vermochte, konnte ich bestenfalls ahnen. Kurz – nichts schien dringlicher, als die apokryphe Registratur eines ungebetenen Teilhabers auf Glaubwürdigkeit und Folgerungen abzuklopfen. Und es galt – nach Möglichkeit –, Schlimmeres zu verhindern.

Zunächst setzte ich den Ablauf dahingehend fort, der grollenden Esslust zuliebe ein Restaurant aufzusuchen; eine Eingebung, die mich davon abhielt, vorzeitig mein Hotelzimmer aufzusuchen, in welchem mich schroffe Wände erdrücken würden. Den nur aufgeschobenen Rückweg dorthin, es war bereits dunkel und abgekühlt, legte ich mit der Nachgiebigkeit eines Unterlegenen zurück, dem glückliches Gelingen abhold. Einfältig gehegte Hoffnungen, ich würde in der Unterkunft zum Buch greifen und lesen, enttarnten sich als Phantasiegebilde. Ich fand lediglich die Kraft, bewegte Bilder aus dem Fernsehapparat aufzunehmen, mich einer sanktionierten Zerstreuung zu widmen. Dann Schlaf, das Gewecktwerden mittels eines hässlich tönenden Chronometers, dem ich zur Morgenstunde die Macht zugestand, meine Erholung zu verkürzen.

Fein ausgestellt und abwechslungsreich entgalt das Frühstücksbüffet den selbstherrlichen Wecker. Ich hingegen, fahl, wie zur Prüfung vorgemerkt, die ich nimmer bestehen würde, begnügte mich mit wenigen Bissen. Mein namenloser Briefautor hatte mich für den Vormittag auf das so genannte Schwarze Feld bestellt, ein weitläufiges, landwirtschaftlich genutztes Areal außerhalb der Stadt. Die Wirtin des Hauses war so freundlich, mir eine Verbindung des Nahverkehrs zum Schwarzen Feld zu nennen. Sie betonte, mehr als eine halbe Stunde würde ich dorthin nicht benötigen. Womit sie Recht hatte. Nach gut 30 Minuten musste ich an der Endhaltestelle aussteigen, dann noch dem Knick nach links folgen, und schon breitete sich vor mir eine gewöhnlich zu nennende Gemarkung aus, welche keine pastorale Idylle bildete, dafür ging der Herbst schon zu weit ins Land. Es war ein zerfurchter kahler Acker, auf dem kreischend schwarze Vögel stelzten.

Die Sonne blieb hinter Wolken verborgen. Zogen Wolken fort, blies ein bitterkalter Wind weitere her. Saatkrähen übersäten das Pflugland, als seien sie Inspizienten, die unablässig über dessen Güte disputierten. Stieg eine Krähe hoch, folgten ihr die Gefährten, flatterten nur wenig weiter, um sich auf einer anderen Stelle des Bodens niederzulassen. Auf der dem Feld entgegen gesetzten Seite erstreckte sich ein Waldstück. Von Herbststürmen gepeinigt, und fast ohne Laub an den Ästen stemmten sich die hölzernen Standbilder in ihr Leben. Ich stand auf befestigtem Weg, schaute auf meine Uhr. An mir sollte es nicht liegen, ein wichtiges Treffen zu versäumen. Es kreuzten zwei Passanten den Weg. Locker überspielte ich meine Bangigkeit, mimte den gemächlichen Spaziergänger, die Hände in den Jackentaschen, und verwehrte nicht den Gruß. Als die beiden vorüber, gab ich mich erneut der Betrachtung des Feldes hin, auf dem die Krähen beratschlagten.

„Ist es nicht ein herrliches Panorama?“, vernahm ich aus heiterem Himmel hinter mir die freundliche Stimme eines Mannes. Durch die Worte aufgescheucht drehte ich mich um und blickte dem Herrn, der, ohne dass ich es bemerkt hatte, jäh hinter mir stand, schnurstracks in die Augen. In ein durchdringendes Augenpaar, das buchstäblich im Missverhältnis stand zur Gutmütigkeit seines Timbres. Der Mann schien auch sonst aufgeräumt, trug das schwarze Haar locker herabfallend und richtete sich mich keinesfalls überragend auf. Bekleidet war er mit einem wohlfeilen dunkelblauen Anzug samt altmodischen Schößen. Überdies setzte er ein Lächeln auf, das als ein milder Tau sein Gesicht verfeinerte. Ein Gesicht scheinbar ohne Alter, und doch hatten sich die Zeitalter eingegraben. Völlig vereinnahmt vom Blick des Mannes, der mich wie ein Sog von Erinnerungen bannte, hörte ich wie hinter gläsernen Wänden ihn sprechen: „Sie haben meinen Brief erhalten?“ Mein Briefschreiber!, schoss es mir durch den Kopf. Er also ist jener Verborgene, dem ich die Einladung zur hiesigen Liegenschaft zu verdanken habe. „Ja!“, erwiderte ich und zog das Dokument aus der Innentasche. „Und wie Sie sehen, habe ich Ihre Aufforderung für bare Münze genommen." Nicht ohne Stichelei gestand ich ihm offen zu, mich in Unruhe versetzt zu haben, denn einen greifbaren Anlass ausfindig zu machen, der ein Treffen zwischen uns beiden, die wir nie miteinander in Berührung kamen, unabweislich mache, sei ich außerstande. Jemandem einen Brief schreiben, sagte ich ihm mit einem Hauch von Dünkel, worin sehr persönliches mitgeteilt in Form eines Kassenbuchs, sei leicht insofern, als der Schreiber sich Aufschlüsse einhole aus dem Kreis der dem Adressaten Nahestehenden. Während ich redete, merkte ich bei jeder gestoßenen Silbe, dass ich eitler Selbsttäuschung erlag. Wäre mir dies nicht vorher schon bewusst gewesen, hätte ich mir die Umstände des Abstechers nach R* ersparen können.

Mit der Attitüde des Überlegenen fixierte der dunkelblaue Mann mich und wischte die Luftblase von mir, dass ich wieder ruhiger atmete. „Sie sind in der Welt einmal drin“, sprach er, „und Sie können mir nicht weismachen, dass es Ihre Genugtuung ist, abends im Lehnstuhl zu sitzen, komfortabel einem flüchtigen Genuss sich hinzugeben und Gedanken daran zu verschwenden, warum Sie unfähig sind, schlichte, einem humanen Ritus verwandte Anwartschaften zu erfüllen. Ich kenne Ihre Ausreden, mit denen Sie sich seit Jahren aus der Verantwortung stehlen, bis Sie zuletzt Ihren greisen Kopf im Spiegel frisieren und Sie sich stumm an die Wand genagelt haben.“ Es war kühl, als der Dunkelblaue dies vorbrachte, der Wind pfiff mir durchs Haar, und ich fühlte seine Worte wie Einstiche in der Haut. „Wollen Sie in der Schankstube wohl Platz nehmen, sich bedienen lassen, oder greifen Sie lieber zu Schuhwerk und Mantel, um sich einen bessren Ort zu suchen, von dem Sie wissen, dass kein Ofen ihn wärmt, daselbst kein Laut als das ferne Krakeelen Ihres gefiederten Begleiters Ihr Gehör gewinnt. Sehen Sie dies nicht als etwas Endgültiges.“ Mitsamt den letzten Worten berührte der Mann mich am Oberarm und zog sein seltsames Lächeln zurück.

Er lenkte mich auf den Acker, das Schwarze Feld. „Manches Mal sollte es Ihnen gelegen sein, sich an Absprachen zu halten“, begann er wiederum. „Glauben Sie wirklich, dass die Fehlgriffe, die Sie sich leisten, und seien sie noch so knapp, irgendetwas mit dem Gleichmaß zu tun haben, welches Sie und ich und die anderen vor Zeiten, als Sie noch nicht auf Ihren Beinen stehen konnten, als angemessen festlegten?“ Ich versicherte ihm, dass ich über keine Erinnerungen verfüge, die mich an solcherlei Vereinbarungen gemahnen, worauf der Dunkelblaue mich mit einem Ausdruck des Mitgefühls betrachtete. „Wie ich sehe, ist Ihre Unwissenheit nicht gespielt“, sprach er, „und es hätte mich gewundert, verhielte es sich anders. Ich will Ihnen etwas zeigen!“ Mit einer raschen Bewegung griff der Dunkelblaue in die Tasche seiner Livree. Sodann streckte er mir seinen rechten Arm entgegen und öffnete feierlich die Hand, in der zwei funkelnde ovale Gegenstände ruhten, so wie Perlen in einer Muschel. „Sie erlauben, mein Freund, dass ich die Güter an mich nehme und für Sie aufbewahre. Ihr freier Wille ist für mich nicht antastbar, und wenn Sie meinen, Sie müssten sich der Willkür Ihrer Anwandlungen aussetzen, so ist das Ihre Sache. Der Weg – Ihr Weg – entsteht beim Schreiten dieses Weges.“

Fast war ich geneigt, mich für soviel Großmut von Seiten des Unbekannten zu bedanken, senkte dann aber doch den Blick auf den modrigen Grund. „Sie brauchen sich nicht zu bedanken“, drang wieder der Dunkelblaue in mein Ohr. „Das ist doch selbstverständlich. So schauen Sie nur, die Krähen!, wie sie in die Luft flattern und die Wolken vertreiben.“ Belustigt wie ein Bub wies der Grandseigneur auf den Schwarm. Ich blickte hoch und vernahm das Schlagen der Schwingen. Als ich mich von neuem an meinen Dunkelblauen wenden wollte, war er fort.

Annähernd 20 Minuten musste ich auf die Straßenbahn warten. Die Rückfahrt vom Schwarzen Feld in mein Quartier verbrachte ich in einem Zustand der Verwirrung und Verdrießlichkeit. Es war bereits Mittag, als ich den Schlüssel im Schloss meiner Zimmertür umdrehte, eintrat und ein frisch gemachtes Bett vorfand, in welches ich mich wühlte. Immerzu waren mir Antlitz wie Stimme des Dunkelblauen gegenwärtig, und erst jetzt fiel mir ein, dass er es versäumte mir zu offenbaren, aus welcher Quelle er Einblicke betreffs meines Lebensverlaufs bezog und zu welchem Zweck er mich eigentlich auf das Feld zitierte. Ich fand, er machte es sich sehr einfach, verschleierte Sentenzen zu stoßen und mich dann ohne Empfehlung auf dem Erdboden stehen zu lassen. Meine vormalige Befangenheit schien mir obendrein unbegründet.

Sofern der Dunkelblaue angenommen haben sollte, ich hätte meine angeordnete Ankunft in R* nur ihm zuliebe vollzogen und nicht mit dem Besuch einer Aufführung in der hiesigen Staatsoper gekoppelt, hatte er sich geirrt. Ich betrachtete es als Fügung, dass der Termin meiner Aussprache dem Datum einer Vorstellung von G. F. Händels Opera seria „Alcina“ entsprach, der zweiten Vorführung nach der Premiere in der Oper zu R*, von der die Presse berichtete. Hinsichtlich dieses Schnittpunktes ließ ich es mir nicht nehmen, des Bühnendebüts außerhalb Welschlands einer von mir vor Jahresfrist entdeckten Sängerin teilhaftig zu werden, welche die Partie der Alcina übernommen und deren Kunstfertigkeit auf der Opernbühne zu verfolgen ich die Absicht hatte. Dass es sich außerdem um meinen ersten Besuch einer Oper handelte, würde ich, wenn man mein Alter berücksichtigt, verschweigen, sollte ich im Foyer auf das Ereignis angesprochen werden. Am frühen Abend versorgte ich mich, um meine Aufnahmefähigkeit zu erhalten, mit einer Mahlzeit. Anschließend verkleidete ich mich als situierter Weltmensch, dem es gar nichts ausmachte, seine freien Stunden in feinem Tuch und im Welttheater des Barock zu verbringen.

Im prächtigen Saal der Staatsoper nahm ich den von mir gebuchten Platz in der dritten Reihe ein. Eine halbe Stunde vor Aufführungsbeginn platzierten sich die Musiker des verkleinerten Staatsorchesters im Orchestergraben und stimmten: Die 1. und 2. Violinen, die Violen und Celli, Flöten und Oboen, ein Kontrabass nebst Theorbe und Clavecin. Der Dirigent kam hinzu und verbeugte sich vor dem Publikum. Die Ouvertüre hob an, der Bühnenvorhang öffnete sich und gab den Blick frei auf Alcinas Zauberreich, auf ihr Paradiesgärtlein, in welchem sie gebietet und der Lust huldigt. Während der gesamten Vorstellung hatte ich nur Sinn für meine Sängerin. Mit Bewunderung verfolgte ich ihre Verkörperung der Zauberin Alcina, die kraft des Verhängnisses und des Hintertreibens der Widersacher von ihrer Insel der Freuden vertrieben und des Lebens beraubt wird. Meine Sängerin bildete Alcina nicht bloß ab – sie war Alcina. Ich befand mich im Taumel, war betört von der vortrefflichen Durchführung der Arien, Duette, Ensembles und Balletteinlagen in Händels Stück. Freundlicher Applaus und ein letzter Vorhang beschlossen die Aufführung, und das Publikum fand die Gelegenheit günstig, sich außerhalb der Oper zu verstreuen und den Weg heim anzutreten. Ich blieb und begab mich zum Bühneneingang, um die Sängerin zu treffen. Als sie die Treppe von den Garderoben hinunterschritt, verwandelte sich der kärgliche Vorraum in eine Kathedrale. Die Künstlerin, welche gerade eben eine ebenso sinnenfrohe wie leidvolle Alcina sang und spielte, trat mir nunmehr als liebenswürdige junge Frau entgegen, mit zusammengeflochtenen Haaren, eingekleidet in mattem Anorak und mit Umhängetasche, als sei sie im Begriff, eine für sie alltägliche Sphäre zu verlassen, um eine weitere, für sie unverfängliche Domäne zu betreten. Unverzagt sprach ich die Sängerin an und versuchte ihr, da ich ihrer Muttersprache nicht mächtig, mittels schlichter englischer Syntax verständlich zu machen, wie stark ihre Darstellung auf mich einwirke. Sie schaute mich mit leuchtenden Augen an und war über meine Reden vielleicht etwas erstaunt; sie fragte mich, ob mir die Musik gefalle, und als ich sie bat, in das von mir mitgebrachte Programmheft ihren Namen zu schreiben, tat sie es äußerst heiter. Wir traten ins Freie, ein Taxi wartete schon auf sie. Ich öffnete ihr die Taxitür, sie stieg ein, und wir verabschiedeten uns. Ich wusste nicht, warum sie mich aus dem Fenster des Taxis so traurig ansah.

Gemäß den Vorschriften des Hotels musste ich am späten Vormittag meine Sachen gepackt und das Zimmer geräumt haben. Ein Blick in den Spiegel überzeugte mich davon, dass die anfängliche Blässe einer konventionellen Gesichtsfarbe gewichen war. Anscheinend bekam mir das Klima in R* gut. Am Empfang nahm man mein Geld für die Logis an und wünschte mir eine gute Reise. Noch blieb mir eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Ich deckte mich mit zwei, drei Presseerzeugnissen ein und erwarb, um den Glanz meines Teints zu bewahren, an einem kleinen Stand im Hauptbahnhof frisches Obst. Dabei übertrieb es der Verkäufer mit seiner Höflichkeit insofern, als er ständig mit dem Kopf wackelnd mir Dankbarkeit bezeugte. Ich wollte nur Obst kaufen, mehr nicht. Ich klammerte mich an meinen Koffer, als der ICE im Gleis einfuhr. „Hereinspaziert, Reisende!“ drückte die Mimik des Zugführers aus, der es jeden Tag mit anderen Gesichtern zu tun hat. Das Abteil teilte ich mit Reisenden unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft. Um Gesprächen und den Ausrufen „Sie haben aber eine gute Gesichtsfarbe bekommen! Waren Sie in R*?“ zu entgehen, vertiefte ich mich abwechselnd in die Zeitschriften und in Gedanken an die Geschehnisse inwendig der Metropole. Mein Entschluss, vorsichtshalber entgegen niemandem über meine Erlebnisse Auskunft zu geben, entstand in jenen Momenten.

Mehr als eine Woche verging, ehe mir, zurück in meiner vertrauten Umgebung, Auswirkungen der Gegenüberstellungen in R* auffielen, die es mir erlaubten, sie durchaus auf das Zusammentreffen mit dem Dunkelblauen und der Sängerin meines Herzens zurückzuführen. Ungeachtet einer gesünderen Körperumhüllung fiel insbesondere die ungewohnte Leichtigkeit des Umgangs mit meinem Spiegelbild ins Gewicht. Dies äußerte sich darin, der Person, der ich nicht zu entrinnen vermochte und die mich ohne Unterlass aus den Augenwinkeln beobachtete, zu allen Tageszeiten einen kecken Gruß zuzuwerfen, der, anfangs zu meiner Verwunderung, nicht unerwidert blieb. Späterhin gestaltete sich das regelmäßige Grüßen zu einem heiteren Spiel, einer amüsanten Gewohnheit, die gleichsam die Helligkeit um uns vermehrte.

Zudem stellte sich heraus, dass ich die Lektüre meiner favorisierten Schriftsteller unverkrampfter und weniger doktrinär verrichtete als noch vor meinem Urlaub. Meine engsten Begleiter reichten mir am Abend die Hand, nahmen mit herzlichem Dank Platz in meinem Zimmer und plauderten, vielleicht bei einem guten Tropfen, über ihre Erklärungsversuche, ihre Glaubenssätze und Herzensergießungen. Ich vermeinte, dass der Grad an Gewissheit und Irrtum sich stets die Waage hielt, dass zufolge eines verständig vorgebrachten Grundsatzes, sei dieser noch so evident, leicht ein dazu im Gegensatz aufgestelltes Dogma zu erfinden sei und zog, entlastet eigentlich, daraus den Schluss, dass die Verträglichkeit der Widersprüche, die Verknüpfung der Polarität ein Wunschbild sei, zu dem der Schlüssel, übliche kulturelle und analytische Gradmesser berücksichtigend, schließlich fehle. Denn, und das bereitete mir wirklich Kopfschmerzen, wie konnte es sein, dass die Inszenierung der „Alcina“ in R* beides hervorrief, Zustimmung und Ablehnung in jeweils deutlicher Form.

Allenfalls ich die nötige Ruhe und Zeit hatte, holte ich die Schreiben meines Dunkelblauen hervor und versuchte angesichts meiner Berührung mit ihm die Aufzeichnungen aufs neue zu entschlüsseln. Die vorliegende, meinen Lebensbereich fixierende Textur setzte ich in einen Pfeil als graphisches Äquivalent um. Der Pfeil nahm seinen Ausgangspunkt und entwickelte über eine gewisse Strecke eine Dynamik, die nicht gleichbleibend, vielmehr Verzögerungen und Beschleunigungen unterworfen war. Mir fiel ferner auf, dass der Pfeil keine Linie verfolgte, sondern, wie es Pfeile für gewöhnlich nicht unternehmen, seinen Verlauf auf regelwidrige Weise krümmte, Umwege vornahm und auf Abkürzungen abzielte. Bei jeder Station, die der Pfeil mittels Krümmung markierte, wurden vom Dunkelblauen – ich musste allemal annehmen, dass sie von ihm herrührten – Kommentare eingefügt. Mit schlüssigen Formulierungen sollte mir klargemacht werden, dass diese und jene Begegnung, auf die ich – mein Pfeil – hinsteuerte, einträglich oder im besten Sinne, was ausdrücklich als wünschenswert bewertet wurde, sinnlich war, diese und jene Episode, der ich mich entzog, ein Versäumnis darstellte oder es eben Klugheit war, sie nicht zu vertiefen. An einigen Stellen lobte mich mein Unbekannter: „Gut gemacht!“; an anderen Stellen setzte er ein: „Warum auf diese Weise? Wäre es nicht besser gewesen ...“. Allein, in ihrer Gesamtheit betrachtet erschienen die Abschnitte entlang der Pfeilrichtung und deren Resultate einleuchtend.

Nach und nach verfiel ich der Eigentümlichkeit, das Leben erhöht, wie auf einem Podium wahrzunehmen und nach Merkmalen zu gestalten, die von meinem Freundeskreis als ungeeignet angesehen wurden, meine Lebensabsichten durchschimmern zu lassen. Die lauteste Empörung rief nach meiner Einschätzung die angestiegene Interesselosigkeit gegenüber einer Kurzweil hervor, in deren Mittelpunkt das Standbild eines immerzu bestätigten, zertifizierten Daseinsmodells hochragte, welches Abweichungen keineswegs zuließ. Wurde ich durch Begegnungen im täglichen Verlauf aufgefordert, mein sittliches Verhalten aufzuweichen, um dem Kitzel den Vorzug zu geben gegenüber einer gewissen Besinnung auf die eigene begrenzte Kraft, ließ ich die Verleitung mehr und mehr vorüberziehen wie einen Schauer, der sowieso bald abzieht.

Im Anschluss an meinen Kurzurlaub stand ich selbstredend in der Pflicht, meiner beruflichen Tätigkeit in der Staatlichen Münzprägeanstalt nachzugehen. Die Betätigung in diesem ökonomisch wichtigen Gebiet verschaffte mir bislang die notwendige Sicherung, außerhalb des Betriebs die freie Zeit angenehm zu formen, meine Bestände an Büchern und Tonträgern zu erweitern sowie Ausfahrten wie zum Beispiel nach R* anzutreten. Kolleginnen und Kollegen stach meine abermalige Anwesenheit in der Anstalt ins Auge, und vor allem wurde ich auf meine schimmernde Gesichtshaut angesprochen, die infolgedessen nicht nur mit einer exaltierten Seelenlage kurz nach den Begebenheiten in R* zu begründen war.

Meine vornehmlichen Aufgaben in der Staatlichen Münzprägeanstalt bestanden darin, den mengenmäßigen adäquaten Ausstoß an geprägten Münzen zu beaufsichtigen und deren Prägequalität einer gewissenhaften Prüfung zu unterziehen, um nur einwandfrei geprägte Münzen an die zuständigen Kreditinstitute weiterzuleiten. Ein befreundeter Kollege von mir arbeitete in der benachbarten staatlichen Druckerei für entsprechende Geldscheine, die mir indessen weniger poetisch daherkamen. Zuweilen trafen wir uns in den Pausen und redeten über die Nützlichkeit unseres Beginnens. Wir mussten fast annehmen, dass mit jedem Ausstoß an Zahlungsmitteln eine zusätzliche Bank, gewissermaßen als Verteilungsstätte, gegründet werden müsse, um die Bevölkerung ausreichend zu versorgen. „Was ist mit jenen“, warf ich ein, „die sich Geld nicht leisten können?“ Darauf mein Freund schlagfertig: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Wir lachten beide, als auf einmal der Augsburger im Pausenraum stand.

Dazu muss man wissen, dass auf den Münzen, bevor sie die Haushalte bereichern, stets die richtige Zahl geprägt sein muss, wiewohl das Bildmotiv auf der anderen Seite, sei es noch so aussagefähig, bei der Herstellung und Sichtung zu vernachlässigen ist. Fehlprägungen, das zählte zu meinem umfassenden Aufgabengebiet, wurden von mir, so ich sie feststellte, dem Kontingent entzogen und sogleich dem Leitungsteam der Prägeanstalt zugeführt, welches wiederum die fehlerhaft gearteten Geldstücke an den Vorstand der Anstalt weitergibt. Soviel ich weiß, veranlasst der Vorstand, alle Münzen mit Mängeln einzuschmelzen, um aus der Masse erneut Münzen zu modellieren, freilich mit der Auflage an die Beschäftigten, bei der erneuten Prägung möglichst fehlerfrei zu verfahren. Falschmünzer, wie mein Freund zu sagen pflegte, sollten keine Chance haben.

An einem wolkenlosen Tag zu Beginn des Frühlings erhielt ich, gebeugt über jüngst geprägte Münzen, von dem Leitungsteam meiner Abteilung die Direktive, mich umgehend bei demselben zu melden, es liege eine Anschuldigung vor. In Ermangelung einer Vermutung, was ich mir zu Schulden habe kommen lassen, trat ich den Weg durch die weiten Gänge unserer Einrichtung an, die, das entsprach einer Anordnung des Vorstandes, nur schwach beleuchtet waren. Da ich durch die unerwartete Anweisung etwas beklommen war und mir gerade vorstellte, ich könne meine Rosenwangigkeit verlieren, stieß ich im Gang mit einem Kollegen zusammen, der die ihm obliegenden Münzen, die er in einem Behälter aufbewahrte, aus den Armen verlor. Er rief mir hinterher, ich solle doch besser aufpassen!

Ohne Anwandlung von Schuldbewusstsein stellte ich mich vor das aufgereihte Führungsteam. Der Sprecher überreichte mir einen weißen Umschlag. Auf einem Ohr fast taub hörte ich mit dem zweiten, dass meine Entlassung aus der Prägeanstalt beschlossen sei, da ich, was ich nicht nachvollziehen konnte, bei der Prüfung der ausgehenden Münzen schon seit längerem nachlässig verfahre und meine Achtlosigkeit für die Anstalt nicht mehr hinzunehmen sei. Entgegen den Bestimmungen habe ich mehrere fehlgeprägte Münzen aus dem Haus geben lassen, die indes wieder den Weg in die Stätte fanden, um in die große Schmelzmasse einzugehen. Das sei, röhrte der Sprecher mich an, Verschwendung und nicht im Sinne einer effizienten Auftragserfüllung. Ich könne meine Unterlagen bei der Personalverwaltung abholen. Was ich tat.

Binnen keiner Dämmerstunde zuvor verspürte ich den Wunsch, in meiner Wohnstube einen Kamin zu entfachen, welcher Behaglichkeit ausströmen und mir ein wenig Wärme spenden würde so sehr als an jenem Abend, nachdem ich vom Dienst in der staatlichen Anstalt suspendiert wurde. Die Gründe, die zu meiner Entlassung führten, leuchteten mir ein, wiewohl ich mir nur geringe Chancen einräumte, meine Arbeitskraft in der benachbarten Druckerei, in der mein Freund ein gutes Wort für mich einlegen wollte, einsetzen zu können. Wie sich die neu entstandenen Belange in einer Fortschreibung des Briefes meines Dunkelblauen niederschlagen würden, konnte ich mir denken: Anstelle einer linearen Flugrichtung des Pfeils sicher wieder ein Winkel. Oder auch nicht. Arrangiert wie ein Stilleben nach Beendigung eines Fests, bei dem nur ein einzelner Gast zugegen, standen die leere Flasche Burgunder, meine letzte, sowie ein Glas mit einem allerletzten Tröpfchen auf dem Tisch, und als ich, einem Impuls folgend, meinen Kopf in den Spiegel hielt, erschrak ich ein wenig über den derweil etwas müde erscheinenden Menschen, der mir in den verflossenen Monaten erstaunlich viel von sich preisgab.

Es klingelte, ich trottete zur Wohnungstür und öffnete. Vor mir stand – mein Dunkelblauer, dessen Livree neuerdings mit goldenen Punkten, oder waren es Sterne?, bedeckt war. Er strahlte in wohlgemuter Stimmung, sein dunkles Haar fiel auf eine weiße Krause. „Willst du mich nicht reinlassen?“ rüttelte mich der Mann aus der Verblüffung. Wir sind also schon beim Du, dachte ich und sagte: „Natürlich, komm doch rein. Möchtest du mir nicht endlich deinen Namen nennen?“ Beiläufig machte ich die typische Körperwendung, mit der man vertraute Gesichter auf die andere Seite der Tür bittet. „Wieso klingelst du bei mir, ich meine, warum stehst du nicht plötzlich im Raum und sagst ‚Hallo!’“, spottete ich und bekam vom Dunkelblauen einen strengen Blick zugeworfen. „Schade“, meinte er, „dass du nichts mehr von dem Wein hast. Aber es geht auch so. Pass auf, ich möchte dich zu einem kleinen Spiel einladen, dich zu einem Wagnis verleiten, dass man schon seinerzeit in Port-Royal einzugehen schätzte.“ „Deine Art von Spielchen sind mir noch infolge unseres Treffens in R* in Erinnerung. Und du wähnst, dass ich mich ein zweites Mal dazu hinreißen lasse?“

„Darum geht es, mein Freund“, versetzte der Dunkelblaue. Mitsamt einer Geste, die mir unter allen Umständen bedeutsam vorkommen musste, nahm der Mann aus seiner Rocktasche – eine Münze. „Erkennst du sie?“, zog er mit dem Schalk im Nacken über mich her. „Die verließ wohl mit deiner Genehmigung die Münzprägeanstalt. Jedenfalls ist die richtige Zahl aufgedruckt. Sei es drum, Münze ist Münze. Ich stelle dich nun vor die Wahl. Diese Münze hier werde ich werfen. Du musst dich für eine Seite der Münze entscheiden, für Zahl oder Kopf, oder anders ausgedrückt, entweder Zahl oder Motiv.“ „Mit welcher Berechtigung nötigst du mich zu einer Entscheidung“, empörte ich mich ihm gegenüber. „Du stellst mich vor eine Wahl, die ich unter keinen Umständen treffen will.“ Mein Dunkelblauer bemerkte: „Darin befindest du dich im Irrtum. Du bist im Leben nun einmal drin. Das Einzige, was von dir gefordert wird, ist, dich zu entscheiden, eine Wahl zu treffen, dich deiner Freiheit zwecks Wählbarkeit der Lebenslagen zu bedienen. Freiheitsliebe, die über alles geschätzte Eigenständigkeit ist ein Grundgedanke, welcher euch Angehörigen des Chorus decimus so eindrucksvoll dünkt. Und damit habt ihr grundsätzlich Recht. Das Problem besteht darin, dass euch die Ausübung freien Handelns zu falschen Schritten verleitet, euch die Richtlinien und die Wahrhaftigkeit oftmals entgleiten. Dann ruft ihr nach Hilfestellungen, so wie du unlängst nach mir gerufen hast. Den Brief habe ich auf dein Begehr hin geschrieben. Für gewöhnlich verrichte ich eine Arbeit dieser Art erst, wenn mein Schützling mich darum bittet. Also, los denn, Kopf oder Zahl?“ „Was redest du von Freiheit“, polterte ich beherzt, „von Freiheit und eigener Entscheidung, wenn ich meine Position in der Prägeanstalt verliere, wenn mir die Lebensgrundlage entzogen wird. Habe ich das etwa gewollt, traf ich Vorkehrungen, die zu diesem Schritt führten?“ „Du bist mir eine Idee zu spitzfindig“, rauschte die Stimme des Dunkelblauen durch mein kleines Zimmer. „Was meinst du, wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?“ Ich blamierte mich, indem ich kleinlaut entgegnete: „Ich nehme an, ziemlich viele.“

Mein Wächter beschwichtigte mich, indem er versicherte, dass, gleich für welche Seite der Münze ich mich entscheide, der Einsatz gering sei, der Erlös indessen, der zu vermutende Gewinn unermessliche Auswirkungen auf mich haben werde. Ich erlaubte mir einzuwenden, dass mir doch nur die Sicherheit dieses Lebens bliebe, worauf mein Dunkelblauer dagegenhielt, dass man einen bruchstückhaften, unbeständigen Lebensverlauf und den Verlust der Hülle, der eintreten wird, wohl nicht als Gewissheit einschätzen könne. Unerwartet ungeduldig verlangte er von mir eine Antwort auf die Fragestellung, ob ich die Zauberinsel der Alcina betreten wolle oder ob immerdar der Grund eines Ackers für mein Wohl angebracht sei. „Aber Alcina“, beteuerte ich, „ist doch eigentlich ein Biest.“ „Ursprünglich nicht. Ursprünglich war auch sie im Lichte, bevor Schatten ihre Glückseligkeit verdunkelten.“

Im schwachen Kunstlicht meiner Wohnstube glitzerte die Münze in der Hand meines Dunkelblauen. „Ich bitte dich, dich zu entscheiden, eine Wahl zu treffen, damit dir der Blick in den Spiegel, wie du ihn vor meinem Eintreffen vorgenommen hast, alsbald erspart bleibt. Ich ersuche dich eindringlich, dich bei deiner Entscheidungsfindung zu beobachten. Entschließt du dich aus eigenen Stücken, aus eigenem Antrieb, oder vermeinst du, ich würde dich überreden, auf unerquickliche Weise beeinflussen. Befürchtest du, etwas zu verlieren? Da kann ich dich beruhigen.“ In Anbetracht meiner Erfahrungen in der Prägeanstalt gab ich nichts auf die Zahl, auch wenn sie richtig gestanzt sein sollte. „Gib dir einen Ruck!“ soufflierte der Blaue, und in diesem Augenblick entschied ich mich pfeilschnell für das Motiv und rief ihm das zu. Mein Exot warf also die Münze hoch. Der Taler wirbelte beim Aufschwung, erreichte einen Neigepunkt und fiel hinab auf die Handfläche des Blauen. Zuoberst befand sich – die Motivseite der Münze!

Nahe dem moosigen Gestade stand ich am Steg und erwartete die Einfahrt des beflaggten Lustschiffes, welches mich nach Kythera übersetzen würde. Auf Gepäck hatte ich gänzlich verzichtet, ich trug gewöhnliche Bekleidung am Leib, nichts sonst. Die Gondel näherte sich beschaulich an. Guten Mutes ging ich dem Gefährt entgegen. Alcina im roten Umhang winkte mir und wies mir einen Platz zu an ihrer Seite für die Überfahrt auf ihre Insel.



Abdruck in BTZ-Almanach 2006, PH Ludwigsburg





zurück zur Homepage