Sturz und Unstern

 

von  B. Böttcher 

 

Bei Anbeginn eines feierlich schönen Morgens, dem die hellen Klänge der Orgeln, welche in der Halle aufgereiht, munter auf die Sprünge halfen, begannen auch wieder Sennael und Grimael und all die anderen, vertrauten Wächter des Glanzes mit ihrem Tagewerk. „In jeder guten Sinfonie“, soviel wusste Grimael, „steckt ein ganzes Te Deum.“ Mit schläfrigem Blick bestätigte Sennael diese Ansicht und riss endlich am ehernen Hebel, um die hohe Anzahl von Kreisen in der Halle sichtbar zu machen sowie die weiten Flächen, die, zu dieser wie zu jeder anderen Zeit, ohne Makel schienen. Sennael galt als Kenner, wenn es darum ging, besagten Hebel zu jenem festgelegten Winkelgrad zu neigen, was jedoch – und dafür war vorsichtshalber gesorgt, sollte er einmal, was verhindert werden möge, ausfallen oder ihm unwohl sein – ebenso andere aus seiner Mitte bewerkstelligen würden, doch daran dachte er nicht.
Nachdem der Griff also seine Neigung eingenommen hatte, erstreckten sich über Sennaels Kopfe geschmeidige Formen in peniblem Gleichmaß, die den ohnehin steigenden Glanz vermehrten. Sennael rückte den Schemel an den Tisch, hockte sich dahin und streckte seine Arme auf das Tischdeckchen, auf die er dann sein Haupt bettete. Keinesfalls hatte er Kenntnis davon, wie oft schon er den Hebel verschob, um den gewünschten Effekt hervorzurufen. „Sag’ einmal“, wandte sich Sennael an seinen Gefährten Grimael, der sich, weil er warten musste, eben neben ihn gesetzt hatte, „hast du eine Vorstellung davon, wie lange wir hier, unsere Schar, diese Spiele schon betreiben und unsere Anstrengungen aufbringen, diese Pracht, welche die Halle durchzieht, zu erzeugen?“ Der so angesprochene Grimael entgegnete, etwas überrascht: „Ich weiß es wohl nicht. Erwartest du, dass ich dir den Tag nenne. Den Tag des Anfangs habe ich nicht im Gedächtnis. Dagegen vollziehe ich meine Aufgaben, wie es von mir verlangt wird. Mit einem Mal, als würden wir aus steter Ruhe erwachen, standen wir hier an unseren Geräten und hantieren, was das Zeug hält oder führen unsere Kunststücke auf zur Freude, die überall herrscht.“ „Gewiss, die Freude an der Hoheit ist unsere höchste Aufgabe“, erwiderte Sennael. „Allein, ich finde keine Andenken an die Entstehung unserer Mitwirkung, und ich verliere wieder jede Lust, mich an den Aufruf von einst erinnern zu wollen. Gleichwohl, im gegebenen Moment vermeide ich nicht das Nachsinnen, und sollte mir dabei der Kopf zerspringen.“
Doch Grimael hörte ihm schon nicht mehr zu, da er, aufgerufen von seinem Aufseher, zu dem Forum eilte, auf dem alles hergerichtet war, um das Bühnenwerk ins Szene zu setzen. Der Aufseher klatschte in die Hände und rief lautstark, ohne seine Freundlichkeit zu verlieren, seine Leute herbei: „Los, los! Wir wollen wieder singen: ‚Tibi Cherubim et Seraphim incessabili voce proclamant’, und dafür brauche ich die ganze Truppe! Mit aller Eignung, die uns in der Halle eigen, wollen wir nicht nachlassen mit unserer Begeisterung, und ihr müsst einsehen, dass die Stücke ausdrücklich für eure Stimmen geschaffen wurden.“ Wenngleich Grimael und Sennael, sogar Farrael, in letzter Zeit behaupteten, ihre Stimmen seien, bei strenger Betrachtung, für die Preisung nicht mehr geeignet, was beim Aufseher auf völliges Unverständnis stieß, da sie, und das wüssten sie, zu perpetuieren hätten und er den Einwand nicht gelten lasse. Die zu Gesang und Tanz auserkorene Gruppe platzierte sich also auf der erhöhten Plattform, um, unter der umsichtigen Leitung des Pedells, im Gemeinschaftsgesang einen Jubel in Tönen auszustreuen, der aus dem Saal, in dem weiterhin begleitend die Orgeln erschallten, regelrecht ein Auditorium machte, und das von alters her. Nach Vollzug eines bestimmten Taktes lösten sich aus dem Verbund einige der Singenden heraus und gruppierten sich gemäß einer allewege beibehaltenen Schrittfolge um eine, wie Grimael zu sagen beliebte, eigenwillige geometrische Figur, welche die Mitte des Podiums abbildete. Indem die Abordnung das Gebilde berührte, fiel ein Niederschlag herab, der sich gewissermaßen zu einem Umschlag verdichtete, der alle auf dem Podium Anwesenden umhüllte und wieder, damit die Last des Stoffes nicht zu stark sei, von ihnen wich. Grimael trat aus der Gruppe hervor und teilte mit seinem kräftigen Organ mit: „Es ist doch wunderbar und stets gelingend, wenn wir überschüttet werden von der Wucht des Niederschlags, der uns beschichtet.“
Den geübten Ohren der in der Halle Versammelten – auch die entfernt Stehenden bekamen alles mit –, und es waren schließlich ohne Ausnahme geschulte Ohren am Platz, entging in Grimaels Deklamation keineswegs ein etwas spöttischer Tonfall, der Befremden hervorrief oder Belustigung. Danach verfügte sich Grimael zurück in die große Gruppe, während er so manchem Blick seines Aufsehers widerstehen musste. Farrael, der etwas abseits stand, missbilligte nichts. Allerdings wunderte er sich auch nicht, als es, wie gewohnt, Abend wurde, ein Abend jedoch, der bleich stand und nicht annähernd dunkel, aber in Farrael, als er sah, wie Sennael samt dem Apparat nunmehr schwerfällig Bewegungen vollführte, eine seltsame Stimmung erzeugte.
Abermals zog der Morgen mit Orgelgeheul in die Halle ein. Viele Helfer verteilten sich auf etliche Wirkungsbereiche und setzten ihrem Fleiß kein Hindernis. Wiederum war es Sennael, der den Griff betätigte und dabei unvermutet in Zweifel verfiel, ob solcherlei Zeitvertreib auf Dauer zu verkraften sei, sich indessen mit der nötigen Bändigung seines Verlangens davon abhalten konnte, den Hebel vorschnell loszulassen. Sennael gewahrte Grimael, der wie ein wehender Schatten am Tischchen Platz genommen hatte, an welchem sonst er selbst ruhte, um die runden Gefüge zu beobachten.
„Kannst du dir vorstellen, Kumpan hier am Tisch“, hob Grimael an und zupfte Sennael am Ärmel, „dass eine eigensinnige Änderung der Melodie, wie ich sie kurz vorher vorgenommen habe, etwas Schönes sei, etwas Wertvolles? Mich jedenfalls befiel kein Unbehagen“, schloss er. Sein Gefährte verschränkte die Arme vor der Brust, wippte mit dem Fuß auf dem Hallenboden, überlegte, indem er seine Augen etwas weitete, was Grimael erheiterte, und sagte: „Ob es wertvoll sei, wer kann das von uns sagen. Aber wenn ich mich hier umschaue“ – er wedelte mit beiden Armen, um die Größe der Anlage zu veranschaulichen – „kann ich mir vorstellen, andere Räderwerke zu bedienen als dieses, bei aller Neigung.“ „Sofern du die Regung verspürst, dein dir bekanntes Instrumentarium zu verlassen“, erwiderte Grimael, und jetzt leuchteten seine Augen, „kann dir geholfen werden. Binnen meiner Streifzüge in unseren Gegenden, die ich vornehme, ehe mir die Zeit zu lang wird, entdeckte ich verschiedene Türen, recht niedrig gelegen. Jedes Mal, wenn mir die Einlässe regelrecht ins Auge springen, reizt es mich, einen jener zu öffnen.“ Sennael mochte ihm nicht beipflichten: „Türen kenne ich nicht. Vielleicht hast du, weil dich die Bauart unseres Gebäudes beeindruckt, auf den Einfassungen kunstvolle Umrisse wahrgenommen oder Zierleisten, wie sie von einigen von uns da und dort angebracht werden.“
Wie beide so am Tischchen saßen und die Luft an sich vorüber ziehen ließen, trat, ziemlich lautlos, Farrael an sie heran und sprach ganz offen: „Müsst ihr wieder eure Köpfe zusammenstecken und euch beschweren. Sind neuerdings die Wege nicht mehr frei, ist das Wasser nicht mehr genießbar, aber die Luft ist euch gut genug, und Licht habt ihr ebenso.“ „Daran liegt es nicht“, widersprach Grimael, und Sennael nickte dazu. „Ich meine, wir machen unsere Sache ordentlich, aber, frage ich, und deswegen juckt mir mein Haar, warum wächst in unserem Garten nur helles Kraut?“ Sennael musterte Grimael erstaunt, von Kräutern war zwischen beiden nie die Rede. Nachdem diese Aussage fiel, wies Farrael mit seinem schlanken Arm auf die am nächsten gelegene Innenwand der Halle und bezeugte: „Vorausgesetzt, ihr durchdenkt eure Absicht, eure Vorhaben zu erweitern und kommt zu einem Schluss, käme doch in Betracht, einfach um der Gewohnheit zu entgehen, durch die Einlässe zu schleichen – und schon seid ihr neuen Verlockungen ausgesetzt, die ihr mit mir teilen könnt. Lasst die anderen ihre Angelegenheiten verrichten, es wird schon einen Nutzen haben. Aber wir, so verspüre ich, haben den Lebensmut, unsere Bestimmung zu vervollständigen, und ich halte dafür, dass Ausstiege aufzustoßen leichter erscheint, als wir es uns bis vor kurzem vorgestellt haben – nehmt es als Herausforderung.“
Sennael schaute Farrael ins Gesicht und erkannte ihn nicht mehr. Grimael hüpfte vor Freude auf und ab und jubilierte vernehmlich, dass die ungezählten Gefährten rechts und links es bemerkten: „Schleunigst zu einer Türe! Warum vergeuden wir noch Tatkraft innerhalb eines Areals, wo alles seinen vorgegebenen Gang geht?“ „Haben wir“, warf Sennael ein, „einen Entschluss gefasst?“ Grimael und Farrael im Chor: „In diesem Moment!“ Daraufhin eilten die Drei mit einer Schnelligkeit, die ihnen niemand zugetraut hätte, zu einem nahen Durchlass in der Innenseite der Halle, stießen diesen – der ihnen tatsächlich erstaunlich nachgiebig erschien – rasch auf und fanden sich auf der unbekannten Seite wieder. So der Einlass schon mal offen war, kamen mehrere, die vorher gleichgültig trotteten, hinterher gerannt und gesellten sich zu unseren Freunden. Farrael nahm es wahr: „Wir sind nun mehr, als wir vor einem Wimpernschlag waren, und frei waren wir immer.“
Mit langsameren Bewegungen als sonst, da sie sich in ihrer neuen Umgebung unsicher fühlten, setzten die Angehörigen der Gruppe einen Fuß vor den anderen. „Farrael“, flüsterte Sennael, „wie sollen wir uns hier zurechtfinden?“ „Mir jedenfalls fällt auf“, fiel Grimael ein, „dass von dem Orgelschall nichts mehr zu hören ist.“ Und der Platz, auf dem sie zuletzt stehen blieben und sich umsahen, war, im Vergleich zum gewohnten Umfeld, ein zunächst kleiner Fleck, der, je länger sie warteten, im Umfang, wenngleich zögernd, sich vergrößerter. Immerhin konnten sich die Ausgestoßenen in der Oberfläche, worauf sie wurzelten, spiegeln und dadurch ihr Haar in Ordnung bringen. „Bei der Gelegenheit“, äußerte Sennael, und alle hörten ihm zu, „können wir unsere Bekleidung ausbessern. Wie sehen wir bloß aus!“ Das stimmte, die Tracht der Ausgestoßenen war sichtbar verfilzt. Nachdem die Gruppe, die an Ausmaß zunahm, ihr Äußeres auffrischte, fühlten die Mitglieder die Notwendigkeit, sich mittels kleiner Bauten vor der Fremdheit der Gegend zu schützen. Farrael forderte seine Mitstreiter auf, jeder möge sich ein Inklusorium einrichten, indes das Fenster nicht vergessen, damit man sich wenigstens zuwinken könne. Sennael dachte über die Verhältnisse nach und sprach durch seine Luke zu Grimael: „Was für komische Begriffe Farrael doch benutzt. Sag’ einmal, hast du eine Vorstellung davon, wie lange wir uns hier schon aufhalten?“ Grimael entgegnete, fast bestürzt: „Ich weiß es nicht. Erwartest du von mir, dass ich dir den Tag nenne und den Anfang?“



Abdruck in BTZ-Almanach 2008

 

 

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