Vor dem Portal

 

von  B. Böttcher

 

Am Stadttor von Pfarrgarten endlich, nach langer Wanderung, angekommen,  erkundigte sich Severin, Geselle eines angesehenen Meisters, nach einem Gasthof, welcher ihm, da es schon Abend war, eine Mahlzeit und eine karge Kammer gewähren würde, denn Severin wünschte, da auf der Reise ihm Regen und Winde zusetzten, Behaglichkeit und die Unterhaltung vielleicht eines Gefährten seines Metiers. Als sei die Wanderschaft hierher, die eher einem Bann gleichkam, Severins Begehren gewesen, sie war es nicht, aber zuvorkommend und mit redlicher Wissbegier hatte der Wirt ihn aufgenommen und in der Schankstube ihm Knödel mit Kraut gegeben und Tropfen eines guten Jahrgangs. Woher er komme und warum er so zerzaust aussehe, fragte der Gastwirt, doch Severin konnte nicht reden, da er hastig vom Teller aß und volle Backen hatte. Nach Pfarrgarten kommen nicht viele aus der Ferne, versicherte der Wirt, und wenn, dann eher die Prälaten auf ihrer Route zu den Donaustädten. Er halte viel von den Kasuisten, die wollen nicht die Schenke schließen lassen, wenn mal ein Gericht verdorben sei oder der Preis für ein Stube zu hoch. Dabei lachte der Wirt und rieb kupferne Becher blitzblank.
Severin war schlank, nicht dünn, nicht zu groß, mit braunem Haar, kantiger Gesichtsform und einem Blick aus dunklen Augen, dem weder Béatrice noch andere Engelsgleiche je widerstehen mochten. Bekleidet war er mit einem braunen, pelzigen Mantel. Der Geselle schaute sich im Wirtshaus um und gewahrte geduckte Gestalten mit Mänteln und Kapuzen, die vor ihren Weinkrügen hockten und Würfel-, Karten- oder Brettspiele  durchführten, jeder mit vollem Einsatz. In einer Ecke saßen zwei Spieler sich gegenüber, gebeugt über ein mit geometrischen Darstellungen überzogenes Brett und schoben, wie allein durch Kraft von Gedanken, die kleinen Figuren über Winkel und Linien hin zu konzentrischen Kreisen, was wohl, ohne dass unser Held die Spielregeln kannte, Ziel des Spiels war. Vermöge List und Glück stellten Kartenspieler ein günstiges Blatt zusammen und begehrten Herzdame. Begleitet von ausgelassenem Gejohle knallten mehrere Spieler die Würfelbecher dermaßen hart auf die Tische, dass zuweilen ein Humpen zu Boden fiel und der Wirt eingreifen musste. Die Gruppen von Spielern setzten munter wechselnd eine Summe fest, die mit je fünf Würfeln zu würfeln sei, und wer sie zuerst erreicht oder am nächsten sich bei ihr befindet, erhält den Gewinn, den ihm sein Einsatz verspricht. Ob er nicht auch knobeln wolle, wurde Severin gefragt, doch der sagte nur, dass seine Aufbietung schon zu hoch gewesen sei.
Während der junge Mann bekümmert seinen leeren Teller von sich schob und zum Glas griff, worin der rote Wein wie Blut schimmerte, näherte sich ihm ein ebenso junger Bursche, der ihn einfach ansprach: „Sag, bist du ein Geselle, wie ich auch? Hast einen langen Weg hinter dir.“ Severin blickte hoch. „Ich bin wohl eine Geselle“, entgegnete er, „der Geselle eines guten Meisters.“ „Hat dein Meister dich vertrieben, dass du nun in Pfarrgarten in einen Kelch mit rotem Saft schaust“, versetzte der Bursche und nahm Platz an Severins Tisch. „Mein Name ist Fabian“, stellte er sich vor. „Wohl Dutzend Nächte habe ich in meiner Kammer verbracht und mich gefragt, ob ich je wieder in den stillen Garten zurückfinde, wo klare Gestalten sich an meine Arme heften und meine Schritte ohne Laut auf samtigem Grund niedergehen. Ein leises Rauschen ist immer in der Luft, es sind Worte einer Verheißung, die hier und anderswo durch das Knallen der Würfelbecher überdeckt werden. Wir rufen Zahlen und erzwingen Summen, anstatt sie schlichtweg zu erkennen.“ Severin musterte Fabian, der gerade lächelte, der ihm ähnelte, jedoch etwas größer schien und weniger kantig im Gesicht. Er verfiel darauf, ihm, da er die Begegnung mit einem Gefährten doch wünschte, alles zu sagen, was sein Inneres ihm auftrug zu sagen.
„Sieh, Fabian“, hob Severin an und fühlte, wie ein bleischwerer Leinensack seinen Rücken krümmte, „ich bin hierhin geflüchtet, so kann ich wohl sagen, weil ich meine Herzallerliebste verloren habe und mir ihr Bild entwich wie dieser Wein hier, wenn ich ihn in die Ritzen dieses Tisches fließen ließe, entweicht. Über meinen Meister kann ich mich keineswegs beklagen, seine Unterweisungen erschienen mir eindringlich und fürsorglich. Er lehrte mich, Werkstücke zu verfertigen, Gedanken auszurichten und sie zu löschen, sofern sie mir und der Welt, die wir ständig mit Hirngespinsten durchfluten, schadeten, unerquickliche Umstände, wie etwa die Prüfungen, die aus mir einen Gesellen, sodann einen Meister machen sollten, mit Mut zu überstehen.“ „Warst du ein Musterschüler, so wie du es schilderst“, warf Fabian ein. „Und jetzt sitzt du hier und errichtest wie ein Baumeister Quader von Gedanken um dich selbst, und irgendwann fragst du, ob es noch Lichtflut gebe und lachende Mädchen, die dich in die Seite zwicken.“ Severin stieß seine Arme in die Höhe und fuhr, kurz seufzend, fort: „Vom Honig auf der Klinge habe ich gekostet und mir die Zunge geritzt. Was vorher ein samtenes Lager war, verwandelte sich in einen Karren. Bevor ich endlich mit den Lektionen meines Herrn begann, suchte ich, ständig originell maskiert, jede Bühne auf, um teilzuhaben an den Festen unter der Fackel einer verheißungsvollen Ewigkeit, so kam es mir vor. Als ich einmal, müde nach einem Tanz und geleitet von dem Bedürfnis nach Einkehr, im Schatten eines Gemäuers stand, fragte ich mich, ob ich denn, sofern ich ein Kostüm abstreife, um ein anderes aufzuziehen, überhaupt über Eigenschaften und ein Wesen verfüge. Denn mit jeder Maske wechselte ich meine Eigenheiten, bis ich nicht mehr unterscheiden konnte, wann ich vorgab, bedeutend zu sein oder wann ich vermeinte, einen Einblick in meine tatsächliche Beschaffenheit zu erhalten, die so dünn ist wie ein armer Pilger ohne Brot.“ „Und dein Lehrmeister“, unterbrach Fabian, „brachte dich dazu, die Verkleidungen abzulegen, um mit größerem Eifer deine Arbeiten zu verfertigen, damit du der Welt etwas nützliches hinterlässt.“ „Lache du!“, meinte Severin. „Der Herstellung von Werkarbeiten ließ ich Sorgfalt angedeihen, aber heimlich schenkte ich meine Aufmerksamkeit Béatrice.“
„Ha, Béatrice!“ rief Fabian wieder dazwischen und klopfte mit beiden Fäusten auf den Tisch, was dem Wirt nicht entging, der ein Auge auf die beiden Jünglinge warf. „Béatrice! Ist sie die Tochter deines Meisters? Das alte Lied!“ „Du irrst, Fabian, sie ist nicht seine Tochter, vielmehr eine Waise, die von einer gutmütigen Familie in der Nachbarschaft aufgenommen wurde. Als ich sie zuerst sah in ihrer klaren Schönheit, ich fand mich mit einem Bauplan beschäftigt, den mir mein Meister zur Prüfung gab, empfand ich, wie der edle Schimmer, der von ihr, der Himmelsgleichen, ausging, meinen Kern aus der Hülse löste. Mich verfolgte der Wunsch, sie zu umschmeicheln, ihr zu folgen, wohin sie mich auch leiten würde.“ Severin senkte den Kopf und schloss seine Augen, als wolle er hinter den Lidern Béatrice entdecken, dann reckte er sich wieder hoch und rief dem Wirt zu, er möge bei ihnen, den Gesellen ohne Heimstatt, mit dem Wein nicht sparen. Da Severin so sprunghaft war, fühlte Fabian, dass eine Katastrophe geschehen sein musste und bat den Verzweifelten, mit seiner Erzählung fortzufahren. „Mir kommt es vor, als seien Jahre vergangen“, schritt Severin mit seinem Bericht voran, „dabei sind lediglich Tage verronnen seit jenem Unheil. Sieh, als mein Meister mir, ich gestehe, zu meiner Freude, beglaubigte, ich hätte nach beständigem Lernen nunmehr in meinem Fach einen höheren Grad erreicht, bestellte er mich für den Morgen auf die Lichtung hinter seinem Haus. Ich sollte Béatrice treffen, die mich zu meinem Aufstieg beglückwünschen und mir etwas, er verschwieg den Gegenstand, vorweisen wolle. Du kannst dir denken, dass niemand glücklicher war als ich.“ Fabian nickte: „Meinst du, dass dir Glück gewogen war oder sich nur Larven zeigten, von denen du keine mehr überstreifen wolltest?“ Severin fand das zu arg und bat Fabian, ihm seine Momente nicht zu verübeln.
Er schilderte weiter: „ Am Morgen, es graute, und auf dem Boden lag der Tau, traf ich ein, um Béatrice zu begegnen. Zunächst konnte ich sie nicht entdecken, bis sie als anmutige Silhouette am anderen Ende der Schneise erschien, zaghaft winkte und mir dadurch bedeutete, ich solle mich ihr nähern.“ „Es gehört sich so“, störte Fabian den Redner, „dass du als Kerl auf sie, deine Holde, zugehen musst.“ Severin war nicht angetan. „Du brauchst mich nicht belehren, es ist schlimm genug, was ihr und mir widerfahren ist“, trat er entgegen und hätte mit einer heftigen Bewegung beinahe seinen Wein verschüttet. Wieder ruhiger erläuterte er: „Wie gesagt, es dämmerte, und ich nahm den Grund unter mir als schattige Fläche wahr, worauf sich keine Gebilde abhoben. Ich lief Béatrice also entgegen und konnte ihre freundlichen Züge entdecken, ihr Lächeln, das mich anspornte. Mit einem Mal, ich war ganz verdutzt, rutschte ich auf einem glatten Stein, den ich übersehen hatte, aus und stürzte wuchtig auf ein Bett von Dornenranken. Ich war verblüfft und konnte mir nicht erklären, wie ich auf die Dornen fallen konnte, noch warum sie da verstreut lagen. Jedenfalls spürte ich beißende Schmerzen, die mir die fatalen Stacheln bereiteten, die sich in meine Hände, mit denen ich mich abgestützt hatte, bohrten, und eben schlug ich mir am Stein, auf dem ich ausglitt, das Knie auf, was übel wehtat. Derweil rief mir Béatrice zu, ich solle zu ihr kommen, was sind schon eine Handvoll Dornen. Aber in diesem Augenblick spürte ich nur die Wundschmerzen. Jammernd erhob ich mich aus dem Dornenbeet, rieb mein Knie und zupfte die Dornen aus den Handflächen. Lautstark erklärte ich Béatrice, die mich, noch fern, in nobler Haltung am Rand des Geländes erwartete, dass ich nicht mehr gut zu Fuß sei und die Dornen in den Händen brannten.“ Severin, erschöpft von seinen Redeschwüngen, machte eine Pause, die Fabian dazu nutzte anzumerken, dass missliche Situationen vorkommen und was er dem Dornengestrüpp zum Trotze unternommen hatte. Daraufhin donnerte Severin: „Ich war ein Narr, so mir mein Wehleiden wichtiger war, als sogleich von Béatrice empfangen zu werden. Während ich nur auf meine Körperqual achtete und gekrümmt stehen blieb, anstatt zu versuchen, weitere Schritte zu beginnen, beobachtete ich, wie Béatrice sich umdrehte und von dem Feld verschwand, so geschwind, als hätte sie sich aufgelöst. Ich rief ihr zu, sie möge doch auf mich warten, vergebens, ihr Verlust stärkte noch meine Qual, und ich blieb allein auf dem Boden zurück. Nachdem meine Krämpfe schließlich nachließen, floh ich, behelfsmäßig ausgestattet, nach Pfarrgarten.“
Fabian äußerte ruhig: „Du hast den albernen Dornen zu schnell nachgegeben, mein Bester, aber es ist nicht gleich, was man tut.“ Darauf Severin: „Was meinst du damit, glaubst du, ich könnte wieder zurück und Béatrice, wenn sie mich denn antreffen will, um Nachsicht bitten?“ Auf den Kneipwirt machte Severin einen kümmerlichen Eindruck, so dass er dem Jüngling, zu dessen Überraschung, die Zeche erlassen wollte. Der dankte es ihm, Fabian jedoch entschied dagegen: „Ich rate dir, Freund, deine Wirtshausschulden selbst zu entrichten!“ und setzte eine gebieterische Pose auf, die Severin dazu anhielt, seine Rechnung aus eigener Tasche zu tilgen. Endlich verließen die jungen Gefährten das Gasthaus, in dem es noch immer hoch herging. Fabian führte Severin an die Pforte einer abgelegenen, kleinen Kappelle, öffnete diese und bat seinen Vertrauten einzutreten. In dem schmalen schmucklosen Innenraum war es angenehm hell. Verzückt bemerkte Severin Béatrices Gestalt, die in einer Nische stand und eine Dornenranke in der Hand hielt, an die, Severin erkannte es sofort, ein kleines blindes Mädchen seine Augen lehnte. Sobald das Mädchen sich von den Dornen wieder fortbewegte, hatte es sein Augenlicht wieder und dankte es der Dame mit demutsvoller Geste. Severin trat Béatrice entgegen.



Abdruck in: BTZ-Almanach 2007, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg

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