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Bobbie
Gentry
Hinter dem Namen Bobbie
Gentry verbirgt
sich eine amerikanische Sängerin und Autorin von Rang, die
durchaus
ein paar Wörtchen und Takte mehr hätte mitreden können,
hätte sie ihre aktive Zeit verlängert,
um
nicht nur ihre Beliebtheit in der Öffentlichkeit, sondern ebenso
mit
Hilfe gehobener Musik betont ihre Erfindungsgabe als unabhängige
Künstlerin
zu besiegeln. Gentrys Einfluss auf die Entwicklung weiblicher
Rockmusik
nach 1970 war eher gering, und sie unterließ es, Impulse auf eine
Strömung zu streuen, die sie selbst im Jahre 1967 mit ihrer
Erfolgssingle
"Mississippi Delta"/"Ode To Billie Joe" so vehement antrieb. In der
Musik
von Bobbie Gentry waren von Anfang an schon immer Komponenten
von
kantigem, damals nicht gerade frauenkonformem Rock enthalten. Die
Sängerin
vermied dank ausgeprägter Individualität ihrer Frühzeit
eine verzärtelte Ausdrucksweise, ging vielmehr, wenn es darum
ging,
Erinnerungen und Betrachtungen aus ihrer Kindheit und Jugend am
Mississippi
in eine gesangliche Form zu pressen, kratzig und stachelig zur Sache,
erzählte
freimütig in autobiographischen Songs mit Humor und Wortwitz und
stets
verändertem Tonfall Kuriosa aus dem Süden der Staaten. Die
elementare Wucht von "Mississippi Delta"
mag auch heute kaum jemanden unbeeindruckt lassen. Der Nervenkitzel
ihres
mehrfach preisgekrönten, dreimillionenmal verkauften Evergreens
"Ode
To Billie Joe" - eines verkappten Blues mit kommentierendem
Streicherarrangement
- bleibt über Jahrzehnte ungebrochen. Dennoch zählt die
Amerikanerin,
die keinerlei Abstand zu den von ihr interpretierten, persönlich
gefärbten
Liedern vortäuscht, nicht zu der Handvoll Sängerinnen, die
Synonymcharakter
für sich beanspruchen. Obgleich sie bei ihren Coverversionen (von
Beatles-Songs) ein erstaunliches Gespür für den Grundrhythmus
wie auch die Variabilität eines Musikstücks beweist. Bei
Verzicht riskanter Intervallschritte
besitzt Gentrys Vokalmusik
ein ausgeglichenes Fließen, ist von augenfälliger
Gefühlstiefe
erfüllt und umfaßt ausgewählte Stücke, die sie
mittels
ihres beweglichen, meist in allen Registern sicheren Timbres zu einem
Bekenntnis
verdichtet. Mit ihrer Janusköpfigkeit freilich brachte sich die
Sängerin
selbst in Misskredit: Wo sie sich auf der einen Seite wunderbar uneben
geben konnte, war sie auf der anderen Seite zu gefällig, trug
zuviel
Schminke auf und neigte zu einem kommerziell dienlichen
Süßstoff,
welcher mit dem rustikalen Gewebe aus der Mississippi-Ära nichts
mehr
gemein hatte. Bei der Bevölkerung entstand zudem auf Grund einer
einseitig
gesteuerten Werbung für ihre Schallplatten das tendenziöse
Bild
eines Country-Girlies. Nichts ist unzutreffender. Bobbie Gentry bemächtigte
sich mühelos der Sparten Folk, Blues, Soul, R&B, Balladen, Pop
wie auch Country und läßt sich stilistisch nicht einengen.
Bedauerlicherweise
fehlt bis zum heutigen Tag eine systematisch
angelegte
Anthologie ihrer besten Lieder; glücklicherweise ist
es mittlerweile möglich, infolge von überfälligen
Wiederveröffentlichungen all ihrer Original-Alben auf CD der
Amerikanerin im ursprünglichen Kontext zu
begegnen.
Als später Spross
portugiesischer Seefahrer
wurde Bobbie Gentry am 27. Juli 1944 mit Mädchennamen
Roberta
Lee Streeter in Chicasaw County, Mississippi, USA geboren. Robertas
Kindheit
auf der Farm ihrer Großeltern in Greenwood, Mississippi
ließe
sich brillant zur Legende formen, da das Leben auf dieser Hofstatt
kümmerlich
war und die Familie nah an der Armutsgrenze lebte. Ungeachtet dessen
erfüllte
ein musikalischer Geist das Gut, und Roberta lernte als Mädchen
Gitarre,
Banjo, Piano zu spielen und fand die Nähe zur Gospelmusik ihrer
Heimatregion.
Als sie 13 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter nach Palm Springs,
Kalifornien.
Am Konservatorium von Los Angeles studierte sie Musik, an der UCLA
Philosophie,
simultan formierte sie ihre Tanztruppe The Follies Bergere, die
sie einige Zeit leitete und die für Aufführungen in Las Vegas
gebucht wurde. Das Bühnenlicht von Vegas nutzend, stellte sie
bereits
unter dem Pseudonym Bobbie Gentry verschiedene ihrer selbst
verfassten
Songs vor, die auf den Capitol-Produzenten/A&R-Mann Kelly
Gordon Eindruck
machten. Gordon verpflichtete Gentry für sein
Label,
und im Juli 1967 erschien der Entertainerin Einstands-Single
"Mississippi
Delta"/"Ode To Billie Joe". Ungewöhnlicherweise wurde entgegen
ersten
Absichten von Capitol die Ode flugs zur A-Seite bestimmt, das Delta
verschwand
auf die B-Seite. Jener durch Radio-DJs vollzogene Seitentausch
verursachte
für vier Wochen #1 in den USA, #13 in Großbritannien,
weltweit
ca. 3 Millionen verkaufte Kopien sowie drei Grammy Awards für die
schmucke Nachwuchssängerin. 1976 wurde ein Film gemacht über
die ominösen Geschehnisse auf der Tallahatchee Bridge und warum
Billie
Joe seinem Leben ein Ende setzte [Dt. Titel: "Die Verführung"].
Kein
Wunder, dass sie strahlende Erscheinung aus dem Süden (die
äußerlich Priscilla Presley wie auch Barbara
Streisand ähnelt)
über Nacht zum Star wurde und in allen TV-Shows des Landes
angehimmelt
werden konnte.
Bei Capitol Records bespielte
die Sängerin
1967/68 eine Reihe von mehr oder weniger erfolgreichen Alben - "Ode To
Billie Joe" (#1 im
September '67), "The Delta Sweete", "Local Gentry" - , auf denen sie
amüsante
autobiographische Erzählstoffe ihrer Kindheit ausbreitete, die
musikalisch-lyrisch
zum Aussagefähigsten gehören, was die Gentry geschaffen
hat: "Chicasaw County Child", "Louisiana Man", "Okolona River Bottom
Band",
"I Saw An Angel Die", "Courtyard", "Sittin' Pretty" sind da vermengt
mit
diversen Coverversionen. Gentrys pointierte
Ausdrucksart wie die im Detail liebevollen Arrangements ihrer Lieder
erreichten indes bloß ein abschmelzendes
Publikum, verhalfen der
Künstlerin jedoch zu dem Status eines archetypischen
weiblichen Abbilds des US-amerikanischen Südens. Das oft
bemühte
Klischee einer reinen Country-Sängerin verdankte sie der
Zusammenarbeit
mit dem Sänger Glen Campbell. 1968 besangen Gentry/Campbell
im
Duett eine gut verkäufliche Langspielplatte. Es handelt sich um
wenig
anstrengende U-Musik, die durch eine persönliche Note beider
Plattenstars
vor völligem Kitsch gerettet wird; im Jahr darauf feierte
das
Duo mit dem Schmachtfetzen "All I Have To Do Is Dream" Platz 3 im UK
(Top
30 in den USA). Eine charakteristische Affinität zu Las Vegas
führte Bobbie
Gentry wiederholt in die Stadt in der Wüste, wo sie mit
regelmäßigen
Auftritten Glanzlichter ihrer Karriere setzte und mit dem Hotelmanager
William Harrah eine nur kurz währende Ehe führte. Das passte
so gut zu ihr: Von der Armut des Farmlebens hinein in die Glitzerwelt
der
Spielkasinos und Varietés!
Musikalisch waren die Jahre
1969/70 außerordentlich
ergiebig. Sie folgte dem Trend zu Las Vegas-kompatiblem Pop,
profilierte
sich als Soul-Sängerin mit Seele und Biss, schrieb Folksongs und
packte
ihre Memoiren aus der Zeit im Delta in vorzügliche
Eigenkompositionen
geschmückt mit fantastievollen Arrangements ("Fancy", "Girl From
Cincinatti"). Publikumsresonanz empfing sie kraft
schmissiger
Titel wie "Touch 'em With Love", Brenda Holloways "You've Made
Me
So Very Happy", "Where's The Playground Johnny", "Son Of A Preacher
Man"
(Interpretationsvergleiche mit Aretha Franklin sowie Dusty
Springfield sind
erwünscht). Als Folge ihrer durch die "Bobbie Gentry Show" (BBC)
einsetzenden
Popularität in England erreichte Gentry mit der Bacharach/David-Komposition
"I'll Never Fall In Love Again" im Oktober 1969 ihre letzte Nummer 1 im
Vereinigten Königreich und in Australien. Frühjahr '70 folgte
als finale passable Chartnotierung "Raindrops Keep Fallin' On My Head",
ebenso von Bacharach/David. Nicht zu vergessen ihre LPs
(Capitol
Rec.): "Touch 'em With Love" (1969), "Fancy" (1970), "Patchwork"
(1971).
"Patchwork", von Bobbie Gentry komponiert und produziert,
zeigt
sie - bei Abschluss ihrer Karriere - auf der Höhe ihrer Kunst.
Spätestens
seit 1976 macht die Amerikanerin keine Schallplattenaufnahmen mehr und
verzichtet seitdem weitgehend auf öffentliche Auftritte.
B. Böttcher, 08/01
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