|
Carol
Deene
Rein äußerlich
gesehen verfügte Carol
Deene über sämtliche Attribute, die aus ihr eine der
führenden
Popsängerinnen des Vereinigten Königreiches hätten
machen
können: Sie sah blendend aus, strahlte eine seltene
Natürlichkeit
aus, unverfälschten Charme, desgleichen eine mädchenhafte
Unbedarftheit,
die sie in beispiellosen Einklang brachte mit kultivierter
Gesangskunst.
Überraschend klare Diktion, Echtheit - nicht Geziere - ihrer durch
Humor aufgelockerten Interpretationen, müheloser Umgang mit der
musikalischen
Vorlage dank technisch vorzüglicher Stimmführung lassen Carol
Deene auch nach mehr als 40 Jahren als Ausnahmeerscheinung gelten
binnen
der Ära des Prä-Beat, und bevor die emanzipierten
Liedermacherinnen
kamen ... Obschon ihre Plattenfirma Fehler machte, und obwohl sie
über
keinen Hofkomponisten verfügte (wie Petula Clark z.B.),
handelt
es sich bei den Liedern der Deene um feminine Popmusik, die
stärker
als die Produkte artverwandter Konkurrenz (hier umfassend die Jahre
1961-1965)
auf Rhythm&Blues-Mustern beruhte sowie von ostinaten
Rock'n'Roll-Basslinien
unterlegt wurde. Dank eines enormen Beliebtheitsgrades zeigte Carol-Darling
ihren Liebreiz in Fernsehshows der BBC und moderierte in Radio
Luxemburg
eine eigene Sendung. Der ganz große Erfolg blieb jedoch aus, und Carol
Deene sprengte niemals die langjährige Vorherrschaft des
britischen
weiblichen Dreigespanns Clark/Springfield/Shaw. Ein
schrecklicher
Autounfall 1966, den die Engländerin nur knapp überlebte,
stoppte
ihre Karriere, an die sie daraufhin nur in Abständen
anknüpfen
konnte.
Geboren wurde sie als Carole
Carver am 3. August
1944 in Doncaster, Yorkshire. Vater Carver übte sich als
Freizeitsänger,
und Mutter Carver hatte nichts dagegen, ihrer Tochter in ganz jungen
Jahren
Gesangstunden geben zu lassen. Die Lehrerin empfahl dem Mädchen,
ihre
Stimme für Klassik schulen zu lassen, Carole aber wollte Pop
singen.
(Apropos Klassik: Als Despina in Mozarts "Così fan tutte"
können
wir uns Carol Deene sehr gut vorstellen.) Deswegen schrieb
Jung-Carole
Agenturen in London an und gewann so die Förderung des
Gesanglehrer
Freddie Winrose, der auch ihr Manager wurde. 1961 gab sie ihr
Fernsehdebüt
in einer Musikshow der BBC. Dabei hinterließ sie einen
hervorragenden
Eindruck bei der Londoner HMV E.M.I., die der zierlichen Erscheinung
aus
Yorkshire das amerikanische Lied "Sad Movies (Make Me Cry)" - Autor: John
D. Loudermilk - zum Singen anbot inklusive eines kompletten
Schallplattenkontrakts
mit dem Industriegiganten, darin eingeschlossen die Fernsehsendung
"Show
Train". Ein Blitzstart binnen einer oder zwei Wochen nur! Zwecks
Veröffentlichung
von "Sad Movies" im September 1961 erhielt sie den Künstlernamen Carol
Deene. Ihre erste 45er rann immerhin auf Rang 44 der britischen
Charts,
das entsprach 40.000 verkauften Kopien. (Zum Vergleich: Das Original,
gesungen
von Sue Thompson, erklomm in den USA #5.) Im Januar '62
ließ
His Master's Voice "Norman" folgen (wiederholt ein Cover des Loudermilk/Thompson-Originals).
"Norman" wurde im UK bis auf #20 gekauft, was eine beträchtliche
Steigerung
gegenüber dem Erstling bedeutete. Bedauerlicherweise fiel die
dritte
Single "Johnny Get Angry" vom Sommer wieder ab - nur #32 mit ca. 25.000
verkauften Exemplaren. Carol Deenes Fassung von "Some People" (Les
Van Dyke der Autor) - Titelsong des gleichnamigen Films - wurde
wieder
günstiger vom Publikum angenommen: #19 der Charts mit 50.000
Kopien.
Herbst '62 bescherte der Sängerin durch "James (Hold The Ladder
Steady)"
(die EMI lieh sich diesen Titel nochmals bei Loudermilk/Sue
Thompson aus)
sowohl eine Verdoppelung der Verkäufe, unentwegte Präsenz im
Fernsehen der Inselnation, das Format "Carol Deene Presents" in Radio
Luxemburg
als auch Stories in Popmagazinen. Die bisher genannten vier Hit-Titel
(sehr
schön auch die B-Seiten) haben einiges gemeinsam, was den Reiz der
musikalischen Miniaturen von Carol Deene ausmacht: Sie spielt
die
Naive, verfährt spielerisch mit Worten und Noten, macht aus jedem
Lied ein komödiantisches Kabinettstückchen, und das ihren
Gesang
keineswegs erdrückende Harry Robinson-Orchestra
kommentiert
mit geistreichen Arrangements.
Der British Beat Boom kam im
Frühjahr 1963, Deenes Single
"Let Me Do It My Way" als ihre bis dato schwächste aus den Abbey
Road-Studios.
Den Sommer des Jahres nahm sie "I Want To Stay Here" von Goffin/King
auf,
sie spielte in TV-Filmen mit, tourte endlich live durchs
Königreich
und mußte ein bisschen traurig sein über sinkende
Verkaufszahlen
ihrer akustischen Artikel. Während des darauffolgenden Jahrgangs
verbesserte
sich die Situation nicht im Geringsten, obwohl ihr Team keine bessere
Wahl
hätte treffen können als mit der Bacharach/David-Komposition
"Who's Been Sleeping In My Bed?". Stimmlich voll auf der Höhe
intoniert
die Deene springlebendig von c bis h - aus ihrer Kehle geriet
dies
Lied zu einem verkannten Klassiker! Infolge anhaltenden Misserfolgs mit
zwei weiteren Platten löste sich die Frau aus Yorkshire von
Entdecker
Winrose und schloß sich 1965 dem Management von Noel Gay an,
der sie auf EMI's Sublabel Columbia verfrachtete. Gleich im Oktober '65
präsentierte sich unsere Sängerin mittels "He Just Don't
Know"
so gut wie nie. Reiferer Gesang und flottere Rhythmik des Weiteren auf
"Dancing In Your Eyes", ständiges Abspielen der Songs im Rundfunk,
vermehrte Liveauftritte (die sie allerdings nicht so sehr
schätzte),
ebenso der Plan zu einem Album ließen auf einen Neubeginn ihrer
Laufbahn
hoffen.
Doch alles kam anders: Im
Januar 1966 verunglückte Carol
Deene mit ihrem Sportwagen so schwer, dass sie gezwungen
war,
fast das ganze Jahr zu pausieren. Bei dem Unfall wurde (neben anderen
Blessuren)
ihr Kiefer zerschmettert. Ungeachtet kenntnisreicher Chirurgie, sah sie
nach einigen Operationen angeblich nicht mehr so schön aus. Ihr
wurden
Termine entzogen, und sie erlebte Demütigungen. Zu Anfang von 1967
nahm sie in der Abbey Road das tief traurige, für sie
gänzlich
untypische "Love Not Have I" auf, in der Folge eine Handvoll seitdem
verschwundener
Singles. Dann Heirat, Familie, ein weiterer Autounfall im Jahre 1975
(!);
Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre einige wenige Musikstücke auf
eigenem Label. Großbritannien und all die Produzenten wie Manager
wussten zu Deenes großer Zeit wohl nicht, über
welch
ein grandioses Talent sie da verfügten. Die Künstlerin
hätte
damals aufmerksamer betreut werden müssen, und es gehört zu
den
Obliegenheiten der späteren Generationen, Carol Deene einen
vorderen Platz in der Musikgeschichte einzuräumen.
B. Böttcher,
05/01
zurück zur
Homepage
|