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Teil
1: Die sechziger Jahre |
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Wenn die Show beginnt, sind die erforderlichen Kulissen meist schon aufgebaut. Doch wer bestimmte in der Beat-Szene der Sechziger die Symbole, den Dekor, die Etikette? Es waren die Musiker selbst, welche die Moden prägten, der Staffage Kolorit zufügten, Schwung gaben und wieder entzogen. Zu den Bands, die äußerst plakativ den profanen Tempel des Sixties-Beat ausgestaltet hatten, gehörte Mitte bis Ende des Jahrzehnts The Creation. Während ihrer Wirkungszeit weitgehend verkannt und schallplattenmäßig mit kümmerlichen Erträgen in der englischen Heimat, erfreut sich die Mod-Band eines beständigen Nachruhms und verkauft seit den 1990ern mehr Tonträger als zur Zeit ihres erstmaligen Bestehens. The Creation waren in ihrem bunt-sinnlichen Lebenswillen exemplarisch für die Sixties-Popkultur, hatten (obwohl es nie 100% nachweisbar ist) manche Erfindung früher gemacht als Londoner Kollegen und hätten so groß wie The Who herauskommen können, denen sie, Vitalität wie musikalische Ausdrucksform betreffend, ähnelten. Pete Townshend war eher ein Bewunderer von The Creation, als es umgekehrt der Fall war! Verkürzt dargestellt verlief die Schöpfungsgeschichte ungefähr so: Die Ursprünge unserer Gruppe sind zurückzuführen auf das Jahr 1963. In der südenglischen Provinz von Middlesex gab es unter den vielen R&B-Combos nur eine, die auf Jimmy Virgo & The Blue Jacks hörte. Nach Jimmy Virgos Abgang machte es keinen Sinn mehr, bei diesem Namen zu bleiben. Obzwar zu fünft, benannte sich die Combo 1964 um in The Mark Four. Leadgitarrist Eddie Phillips (*15. August 1942), Sänger Kenny Pickett, Schlagzeuger Jack Jones, Bassist John Dalton und Rhythmusgitarrist Mick Thompson warfen vier erfolglose Singles auf den Markt (R&B-Coverfassungen) und tourten '65 sogar durch das der Beatmusik und den neuen Frisuren skeptisch gegenüberstehende Norddeutschland. Wieder daheim, trennte sich Thompson von der Gruppe, ebenso John Dalton, der 1966 vorübergehend bei den Kinks beschäftigt war; Ersatzmann für beide wurde Bassist Tony Cook, wenn auch nur für wenige Monate. Gegenwärtiges Quartett The Mark Four ließ sich nicht entmutigen, spielte munter seine Gigs und wurde Ende '65 vom Manager Tony Stratton-Smith (für The Koobas zuständig) entdeckt, der sich begeistert zeigte. Stratton-Smith schob der Band den Bassisten Bob Garner (von den Merseybeats) unter und vergab ihr den schönen neuen Namen The Creation. In den Clubs von Soho - Marquee, Flamingo, Speakeasy - stellten sich The Creation im Frühjahr 1966 dem verwöhnten Londoner Auditorium vor, im Juni einer umfassenden Radiohörerschaft mitsamt dem Pickett/Phillips-Titel "Making Time" (#49, GB) - ein beispielhaftes Signet des Freak Beat und heute ein Exponat der Galerie der Mojo Psychedelic-Klassiker. Die Briten veröffentlichten ihren riffbetonten, akkordisch-draufgängerischen Beat nunmehr bei Planet Records, dem frisch kreierten Label des Produzenten Shel Talmy, der außerdem The Kinks unter Vertrag hatte und sich - The Creation begünstigend - augenblicklich von The Who trennte. Die innovativen Zirkuskünste des Ensembles bestanden in der durch Verstärkertricks verzerrten Wiedergabe ihrer Musik, sowohl in Feedback-Experimenten mit Gitarre (Creation beanspruchten, diese Effekte 1965 bereits vor den Who - die damals noch The High Numbers hießen - verwertet zu haben) als auch darin, dass Gitarrist Eddie Phillips seinem Instrument Klänge entlockte mittels eines Geigenbogens. Dadurch wurde er nicht zum Paganini der E-Gitarre, wohl aber ist er ein angesehener Spieler seines Genre. In punkto Bühnenshow bewies der lebensfrohe Klangkörper obendrein kreatives Talent, indem Sänger Kenny Pickett mit seiner Farbsprühdose alles voll sprühte - 'action painting' war das. Folgerichtig erschufen die Engländer im Herbst 1966 als zweite Single "Painter Man", geschrieben von Pickett/Phillips - und ihr klassischer, programmatischer Song. Phillips erklärte dazu: "Our music is red - with purple flashes." In Großbritannien blieb "Painter Man" auf einem enttäuschenden #36 der Charts stecken. In der Bundesrepublik hingegen loderte das Lied unter den Top 5. Die Tonkünstler mußten nicht lange aufgefordert werden, das Land zwischen Rhein und Elbe aufzusuchen, um dort Konzerte zu geben. Phillips: "It was more fun playing gigs - it was major racket time!" Zwischenzeitlich ging das Label Planet pleite. Aufpassen jetzt: Im Juni 1967 verließ Pickett wg. div. Missverständnisse die Band; Bob Garner übernahm den Leadgesang. Als neuer Bassist stieg Kim Gardner von den Londoner Birds ein. Garner/Phillips pinselten 1967 mit Songs wie "Tom Tom", "If I Stay Too Long", "Nightmares", "Life Is Just Beginning", "Through My Eyes" sowie "How Does It Feel To Feel" farbige Beiträge zur Rockhistorie - Sparte Beat & Psychedelic - , die von Polydor auf Singles herausgegeben wurden, gute Chartpositionen jedoch nie gesehen hatten. Sie sind auch angeordnet auf der einzigen, "We Are Paintermen" betitelten Original-Langspielplatte von '67. Die stellt keinen konzipierten Zyklus dar, sondern eine ziemlich willkürliche Abfolge ansonsten älteren, wenngleich erstklassigen Materials. Phillips indessen fühlte seine Energie verschwendet und stieg Ende des Jahres aus. Ein gewisser 'Digger' spielte Gitarre bei einer Tournee, bis für die letzten sechs/sieben Monate des Bestehens von Creation Ex-Birds-Gitarrist Ron Wood einsprang. Pickett kehrte kurzentschlossen zur Band zurück, die im Mai 1968 ihre letzte Singleeinspielung vornahm: "Midway Down"/"The Girls Are Naked". Im Juni, nach einem Auftritt in der Oxford Street, London, zersprang Die Schöpfung. Innerhalb der darauffolgenden Jahrzehnte fügte sich die Rockgruppe auf Grund zunehmender Beliebtheit stets wieder zusammen (wobei gelegentlich zwei Ex-Kinks - John Dalton, Mick Avory - dabeiwaren). K. Pickett schrieb ab '68 mehrere Songs, betätigte sich in der Road Crew von Led Zeppelin und nahm mit Phillips Hilfe Mitte der 1980er Jahre ein Album auf, das bis heute unveröffentlicht blieb. 55jährig erlag der Sänger am 10. Januar 1997 einer Herzattacke. E. Phillips war 1968/69 einer der prominenten Begleiter von P. P. Arnold, ging nach 1970 bei London Transport geregeltem Erwerb nach und schrieb weiterhin Songs. Jack Jones kam beim Kabarett unter. Kim Gardner formierte Ende '68 mit Tony Ashton wie Roy Dyke das Trio Ashton, Gardner & Dyke. Ronnie Wood kehrte zunächst zu Jeff Beck zurück, bevor er schließlich mit Kumpel Rod Stewart ab 1969 in der Junggesellengruppe The Faces Lärm und Karriere machte. Seit 1975 dient er den Rolling Stones. Kurz vor Picketts Tod spielten The Creation nochmals ein Album ein und verwöhnten ihre Fans mit Live-Musik. Für Gegenwart und Zukunft bildet die Londoner Gruppe eine Legende. B.Böttcher, 05/01
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