Enzyklopädie der Rockmusik

Teil 1: Die sechziger Jahre
Rhythm&Blues - Beat - Soul - Folk - Psychedelic - Progressive


 
Les Fleur de Lys

Les Fleur de Lys leitet sich orthographisch leicht verändert ab von Fleur de lis, dem königlichen Lilienbanner der Bourbonen, welches jahrhundertelang über den Schlachtfeldern Europas flatterte. Gemach, Les Fleur de Lys sont fleur du bon. Ein bunter Blütenstrauß, duftend und unverwelkt. Zusammengebunden erstmals 1964 im südenglischen Southampton aus Frank Smith (g, voc), Gary Churchill (b), Alex Chamberlain (key), Keith Guster (dr). Da in Southampton schwerlich ein Blumentopf zu gewinnen war, mussten Les Fleur de Lys nach London hin, wo sie 1965 bei Immediate Records unter der Aufsicht von Jimmy Page die Low Budget-Single "Moondreams" (Buddy Holly)/"Wait For Me" anfertigten. Bereits zum Jahreswechsel 1965/66 veränderte die Beatband ihr Aussehen, indem für Churchill und Chamberlain (!) Bassist/Sänger Gordon Haskell, Gitarrist Phil Sawyer und wenig später Organist Pete Sears einstiegen. Wiederum war es Jimmy Page, der der Gruppe beistand, den Pete Townshend-Titel "Circles" aufzunehmen sowie die dazugehörige B-Seite "So Come On". Immediate warb im März '66 für ein rundum kreiselndes, unpoliertes "Circles" mit dem Versprechen eines "instant smash for your party", der seine Wirkung als Radiofutter jedoch verfehlte. Andererseits gelang es dem Line-up, sich als beliebte Liveband in London manifest zu machen. Im Sommer verschwand Sawyer (um im darauffolgenden Jahr einige Wochen bei der Spencer Davis Group mitzuwirbeln), Smith gehörte auch nicht mehr dazu; den Job, beide zu ersetzen, erfüllte Gitarrist/Sänger Chris Andrews (nicht identisch mit dem gleichnamigen Schlagersänger und Autor aus Romford/Essex). Im Herbst '66 gerieten Les Fleur de Lys professioneller infolge des Zugangs des hoch begabten, bis heute unterschätzten und seit Dekaden aus der Erinnerung geflossenen Gitarristen/Sängers/Autors Bryn Haworth. Haworth hatte bis Mitte jenes Jahrzehnts schon überraschend viele musikalische Aufgaben zu erfüllen gehabt (zum Tanz in Clubs aufzuspielen), ehe er bedingt durch die hohe Meinung, die Andrews und der Fairies-Keyboarder Mick Weaver über ihn pflegten, sich der Unerlässlichkeit, die Fleurs auf einen höheren Level zu führen, nicht entziehen wollte. Nichtsdestotrotz war die mit ihm bei Polydor aufgenommene Single "Mud In Your Eye"/"I've Been Trying" eine kommerzielle Nullnummer, aber die flexible Gitarrengruppe ließ ihren hübschen Lärm weiterhin in Londoner Clubs erschallen. Anfang 1967 entfernte sich Pete Sears in Richtung Sam Gopal Dream (um Jahre später bei Jefferson Starship zu landen), und die unübersichtliche Fleur-Historie nahm eine neue Wendung.

Mit gutem Nutzen entwickelte sich die von Seiten der Plattenfirma ausgegebene Idee, dass sich diese Talentschmiede, die mit Sears, Haskell, Haworth, auch Guster überdurchschnittliche Instrumentalisten heranbildete, als ein Begleitensemble für Polydor-Künstler zu verdingen habe. Die Engländer waren im Studio, um die Musik für Isaac Hayes, David Porter oder den Jazzer Barney Kessel aus den Notenheften abzubilden. Sie wurden als Begleiter neben Aretha Franklin für Konzerte auf dem Kontinent verpflichtet, ferner als Vorgruppe für die Beach Boys. Besonders hervorgehoben sei die Teamarbeit mit der aus Südafrika stammenden Sängerin Sharon Tandy, Ehefrau des Polydor-Produzenten Frank Fenter. Gemeinsam mit den Top-Musikern absolvierte S. Tandy Gigs in Clubs wie Speakeasy, Marquee, Finsbury Park Astoria oder The Scotch of St. James. Abgesehen davon, dass die Südafrikanerin total unterbewertet blieb, gehören ihre von den Fleur de Lys aufgewerteten Singles mit Songs wie "The Fool On The Hill", "Stay With Me Baby", "Hold On", "Daughter Of The Sun" zu den sicherlich aufregendsten, tanzbarsten und schrillsten Hervorbringungen des 67er-Jahrgangs. Brillant ist Bryn Haworths brennendes Gitarrensolo ("A white 61 Stratocoaster through a 'Fuzz Face' into a Vox AC30.") in Tandys "Hold On", eines der besten innerhalb eines Popsongs! Und es ist gar nicht schlimm, dass der Virtuose Anregungen holte von Jimi Hendrix, mit dem die Fleurs im Speakeasy anpackten. Für die allgemeine Vinylproduktion des Spätsommers '67 bereiteten sie erneut eigene Singles zu (mit Haworth als Sänger): "I Can See The Light"/"Prodigal Son", "Tick Tock"/"That's A How Down", die allesamt keine Hitqualitäten aufwiesen. 

Fleur-de-Lys (auch diese Schreibweise ist gängig) boten über einige Jahre verteilt ein Spektrum von Beat, Psychedelic, Soul, Pop und Heavy, blieben jedoch stets ein Projekt ohne inneren Zusammenhang und stellten bei jeder (vergeblichen) Veröffentlichung eine andere Gruppe dar. 1968 gab es weiterhin genügend Clubauftritte wie auch BBC-Radio-Shows und -Sessions im Rücken so bedeutender Showgrößen wie Vanilla Fudge, Cream und Traffic. Allein, die Flora der Freude erwuchs nicht zu Bäumen, sie blieb zierliches Blumenbeet, den Blicken eines größeren Publikums weitgehend entzogen. Der Mai brachte eine weitere Fleur-Blüte: "Gong With The Luminous Nose", geschrieben und gesungen von Gordon Haskell, mittendrin ein Gitarrensolo von Bryn Haworth. Eine ersehnte Langspielplatte kam nicht zustande, Haskell schied aus und ließ die Türe offen für Tony Head (voc), Tago Byers (b), Graham Maitland (key). Mit frischem Blut richtete das von Haworth geleitete Ensemble (teils unter dem Namen Chocolate Frog) nochmals drei erfolglose Singleplatten aus, wovon "You're Just A Liar"/"One City Girl" vom Frühjahr 1969 das Finish der Fleurs war. Käufergunst und Kritikerjubel wären die Wasser gewesen, welche die Band genährt hätten.

Gordon Haskell schaute schon längst aus seiner Maisonette auf das marginale Treiben seiner Ex-Band. Um nicht zu verhungern, begab er sich 1970 an den Hofe von King Crimson, da ihn weder seine erste Solo-LP "Sailing My Boat" noch die flüchtige Mitwirkung bei Cupid's Inspiration (1969) ernähren konnten. Dank seines 1971-Albums "It Is And It Isn't" erschuf er eines der stillen Meisterwerke der progressiven Ära, welches anzuhören Gehör wie Gehirn schult. Das verkannte Genie Bryn Haworth schleppte Instrumente nebst Saiten mit nach Kalifornien und schien dort begraben. Ist er aber nicht, denn er lebt schon lange wieder in seiner Heimat und legte in den 1970er Jahren seine musikalischen Ideen vermöge exzellenter, bedauerlicherweise immer noch versunkener Soloalben nieder. Diese warten auf ihre Wiederentdeckung. Lieferbar hingegen sind seine textlich religiös ausgerichteten, musikalisch Folk, Country und Bluegrass zitierenden Platten von 1983 und aus den 1990ern.

 

B.Böttcher, 05/01

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