Gesang als seelische Gabe

Die Sopranistin Véronique Gens
 



 
Véronique Gens wurde in Orléans geboren, jener zentralfranzösischen, am nördlichen Bogen der Loire gelegenen, 1344 zum Herzogtum erhobenen Krönungs- und Residenzstadt. Die alten Römer bezeichneten von ihnen verschiedene Völker, die eine höhere Kultur pflegten, als 'gens'. Das französische Substantiv 'gens' kann im Deutschen mit den Begriffen Menschen, Leute, Geschlecht, Volk übersetzt werden; als Familienname kommt Gens nicht häufig vor. Entsprossen einer angesehenen famille orléanaise, deren Tradition es war, Mediziner und Pharmazeuten hervorzubringen, absolvierte Véronique das Lyzeum und unternahm als junges Mädchen erste musikalische Gehversuche in Chören ihrer Heimatstadt. Bereits damals wurden der Elevin Solopassagen anvertraut, und weil sie diese so überzeugend wiedergab, rieten Leute ihr an, sich im Gesang ausbilden zu lassen. Dieser Anregung ging sie nach. Sie trat in die Klasse von Jacqueline Bonnardot am Konservatorium von Orléans und erwarb auf Anhieb einen Ersten Preis für Gesang. In der Folge entschied die junge Gens, zunächst an der Pariser Université de Sorbonne Anglistik zu studieren - das war Mitte der 1980er Jahre. 

Ebenfalls in Paris lehrte William Christie das Fach Alte Musik am dortigen Conservatoire National Supérieur de Musique. Entsprechend der Satzung schrieb der Amerikaner 1986 wiederholt einen Wettbewerb für ein Studium in seinem Institut aus. Véronique Gens nahm an diesem für sie alles entscheidenden Wettstreit der Sängerinnen teil und beeindruckte William Christie dergestalt, dass er ihr sogleich einen Studienplatz in seiner Klasse zuerkannte und eine umfassende Unterweisung angedeihen ließ. Bereits in diesem Jahr  - 1986 - trat Véronique Gens als fixes Mitglied von Christies Vokal- und Instrumentalensemble Les Arts Florissants auf. 1987 wirkte sie dank einer Minirolle erstmals in einer Oper von Jean-Baptiste Lully mit, "Atys", deren Pariser Inszenierung so etwas wie die wahrhaftige Renaissance der Barockoper im 20. Jahrhundert bildete. Ungeachtet jenes innovativen Projekts verfolgte unsere Sängerin während der Zeit ihrer Ausbildung und danach vorwiegend einen geduldigen, fast demütigen Weg als Verkünderin spiritueller Erbauungsmusik des französischen Hochbarock. Gemeinsam mit Christie & Les Arts Florissants, den Dirigenten Philippe Herreweghe, Hervé Niquet interpretierte Gens ebenso im Chor wie als Solistin einen eindrucksvollen Kanon geistlicher Musik der Komponisten Charpentier, Delalande, Gilles, Boismortier, Rameau, Lully, Campra, J. S. Bach, welcher auf etlichen CDs dokumentiert wurde. Im Verlauf ihrer frühen Zeit verließ Véronique Gens durchaus den Radius der sakralen Musik, indem Christie ihr antrug, beim Festival d'Aix-en-Provence in Henry Purcells "The Fairy Queen" aufzutreten wie auch in Jean-Philippe Rameaus Tragédie lyrique "Castor et Pollux" (1989/91). Inmitten dieser Phase einer Erweiterung des Repertoires nahm sich ihrer der Dirigent für Alte Musik Jean-Claude Malgoire an. Er offerierte der Nachwuchssängerin von der Loire 1991 die frivole Rolle des Cherubino in Mozarts "Le nozze di Figaro", die sie am Théâtre Lyrique de Tourcoing ausführte. Rasch folgte ihr Debüt als Vitellia, der Gemahlin des Kaisers in Mozarts "La clemenza di Tito", welches der Ausprägung des Soprans von Véronique Gens förderlich war. Im Anschluss an diese von erfreulicher Resonanz bestätigten Annäherungen an den Wiener Klassiker nahm sie 1992/94 Angebote wahr, sowohl im Théâtre des Champs Élysées als auch in der Opéra National de Lyon wiederholt Partien binnen Tragédies lyrique von Lully zu verkörpern: "Alceste", "Armide", "Phaéton", "Roland" wurden unter Malgoire, Herreweghe sowie dem Christie-Schüler Marc Minkowski gegeben und auf CDs veröffentlicht.

Synchron zu ihrem Tätigsein als nunmehr meistgebuchte französische Bühnensängerin für barocke Opernspektakel begann Véronique Gens 1992 eine Zusammenarbeit mit dem Countertenor Gérard Lesne, den sie einige Jahre zuvor im Collegium musicum von William Christie kennen lernte. In Beiträgen unsere Vokalistin betreffend wird diese gut fünf Jahre anhaltende musikalische Partnerschaft, die wunderbare Erträge hervorbrachte, bedauerlicherweise nicht oder nur beiläufig mitgeteilt, gemessen an ihrem Rang keineswegs genügend gewürdigt. Die Stimmen von Véronique Gens und Gérard Lesne - dazu die feine Phrasierung des begleitenden Kammerensembles Il Seminario Musicale - verschmelzen beim kontemplativen Intonieren geistlicher Gesangsstücke des 18. Jahrhunderts auf ideale Weise, und kraft seines verinnerlichten Vortragsstils schuf das französische Gesangspaar exemplarische Gattungsbeiträge von vergeistigter Schönheit. Auf dem CD-Markt ist das Duo u.a. mitsamt der Trias von Lamentationen Jommellis (1996), Motetten de Brossards (1997) wie des "Stabat Mater" von Pergolesi (1997) vertreten. Weiterhin profilierte sich die Gens Mitte der 1990er Jahre inwendig ihrer Heimat wie auch im westlichen und südwestlichen Europa als die große Hoffnung der Klassikszene, für die schließlich nur noch die Titelpartien oder weiblichen Hauptrollen ausgesuchter Opern und Oratorien in Betracht kamen. Unter Christie wirkte sie zuletzt 1994/95 in Purcells "Dido & Aeneas" (Dido) sowie "King Arthur" mit, innerhalb des festlichen Rahmens von Versailles im Sommer 1994 als Aricie in Rameaus "Hippolyte et Aricie", geleitet von Marc Minkowski, flammend gespielt von dessen Les Musiciens du Louvre. Die Opéra de Lyon verpflichtete Véronique Gens für die Spielzeit 1994/95, damit sie in Mozarts "Le nozze di Figaro" (Inszenierung: Jean-Pierre Vincent) die Gräfin Almaviva gebe. Kritiken französischer Magazine wie Journale attestierten der Sopranistin eine überragende Darstellung der leidvollen Contessa, und dieses Gastspiel in Lyon sicherte ihr den Durchbruch als begnadete junge Mozart-Sängerin. In der Folge debütierte sie wiederholt unter dem Dirigat Malgoires live als Donna Elvira in Mozarts "Don Giovanni". All ihre Interpretationen der von Da Ponte/Mozart entworfenen, komplexen Frauenfiguren erbrachten Véronique Gens 1995 in Frankreich erstmals die Auszeichnungen "Artiste Lyrique de l'Année" resp. "Prix de la Révélation". Aus der Alten Musik zog sich die Künstlerin keinesfalls zurück. Sie gab in durch Minkowski und den Musiciens du Louvre 1996/98 zu Paris dargebotenen Lully- und Rameau-Zyklen Göttinnen, Prinzessinnen, Nymphen Gestalt und mittels hinreißender Arien Leben ("Acis et Galatée", "Dardanus"), nachzuvollziehen anhand der jeweiligen CD-Mitschnitte.

Fehlte, um den Mozart-Olymp gänzlich bestiegen zu haben, noch die ihrer Stimmlage entsprechende Partie der unschuldig-sinnlichen, durch neckisches Spiel gelockten und getäuschten Fiordiligi - wohnhaft zu Neapel - in des Genies drittem mit Da Ponte abgefassten Meisterwerk "Così fan tutte" - jahrhundertelang geschmäht ob seines  leichtfertigen Sujets. Véronique Gens sang, spielte, litt die Fiordiligi wohl erstmals im Theater 1997 in Belgien. Seitdem kommt sie von diesem dankbaren Part nicht mehr los, den sie, mit der Figur bestens vertraut, unter René Jacobs mitsamt dem Concerto Köln 1998 für eine bahnbrechende Neuproduktion auf CD einspielte. So liebenswürdig, psychologisch fein differenziert mit innigem Gefühl, funkelnder Energie, drolligem Witz und durchdrungen von sublimer Erotik war diese imaginäre, von Cupido verwirrte mozartsche Person vorher noch nicht zu erleben, als jetzt von der Französin abgebildet. In den Sommern 1998 wie 1999 feierte Mlle Gens beim Festival d'Aix-en-Provence Triumphe in ihrer - neben der Contessa und Fiordiligi - Paraderolle Donna Elvira im "Don Giovanni" (Inszenierung: Peter Brook), einem Erfolgsstück, mit dem die Aix-Truppe auf Welttournee zog. Véronique Gens füllte - 1998 unter der Leitung von Claudio Abbado, 1999 mit dem Briten Daniel Harding als Dirigenten - eine gepeinigte, aufgewühlte Elvira mit Leben, verkörperte samt erotisiertem Elan einen leidenschaftlichen Charakter abendländischen Musiktheaters, wobei sie farbenreiche Mittel intensiven Ausdrucks einsetzte und zuweilen auf schönen Gesang verzichtete zu Gunsten eines darstellerisch überzeugenden Porträts von Don Giovannis betrogener Gattin. Nicht zuletzt dieses Kunststück beider Jahrgänge erbrachte der Sopranistin 1999 ein zweites Mal die Ehrung "Artiste Lyrique de l'Année". Die Harding-Vorführung von Aix wurde mitgeschnitten und 2000 auf CD veröffentlicht. Im Juli 2001 gastierte sie erneut an diesem Ort des hohen Gesangs. Diesmal als Gräfin im "Figaro" (Inszenierung: Richard Eyre) unter der musikalischen Leitung von Marc Minkowski und wie 1999 instrumentell umwoben vom Mahler Chamber Orchestra; wenige Monate später im Herbst in Paris agierte sie nochmals in Gestalt der Gräfin, wobei René Jacobs die Aufführung leitete.

Ihre Premiere auf einer Theaterbühne in Deutschland gab Véronique Gens im Februar/März 2002 an der Hamburgischen Staatsoper in der Titelpartie der Oper "Alcina" (Uraufführung London 1735) von Georg Friedrich Händel (musikalische Leitung: Ivor Bolton, Inszenierung: Christof Loy). Vermöge ihrer Wandlungsfähigkeit bildete die Künstlerin in jeder Szene der drei Akte umfassenden Zauberoper gesanglich wie schauspielerisch einen veränderten, in Entwicklung begriffenen Aspekt der archetypischen Frauenfigur Alcina ab, stellte die im unglücklichen Verhängnis befindliche Zauberin dar als dem Zugriff ihrer Zeitlichkeit vergebens sich widersetzende, einsam leidende Frau, die im vorherigen Verlauf des Stückes noch so sinnenfroh war. Betörend ihre elegische Arie "Ah! mio cor!", erschütternd  das Rec. acc. "Ah! Ruggiero crudel", gefolgt von der Sturmarie "Ombre pallide" am Beschluss des 2. Aktes. Diese Aufführung an der Hamburgischen Staatsoper geriet gewissermaßen zum Preludio einer Reihe von Verpflichtungen, die Véronique Gens seither auch in Deutschland wahrnimmt. Während der Jahre 2002 bis 2011 folgten Auftritte von ihr in Berlin, München, Schwetzingen, Dresden, Dortmund, Freiburg i. Br., Erlangen, Bingen a. Rh., Bremen, Baden-Baden, Essen, Stuttgart, Köln, Nürnberg Offenburg, Neumarkt. Im Oktober 2004 und wieder im Herbst 2005 übernahm die Sängerin an der Deutschen Oper Berlin die Partie der Mélisande in Claude Debussys lyrischem Drama "Pelléas et Mélisande" auf Grundlage des Bühnenstücks von Maurice Maeterlinck (musikalische Leitung: Marc Albrecht, Inszenierung: Marco Arturo Marelli). Gens verkörperte die unergründliche Mélisande traumverloren, schemenhaft, im Innern zutiefst verletzt, unsicher ob ihres zerbrechlichen Lebensfadens, anmutig wie ätherisch, dabei die Erotik einer jungen Frau, die ihren Schwager Pelléas verführt und diesem angesichts ihres Ablebens ihre Liebe gesteht, sowie den unbefangenen Witz einer bisweilen heiteren Mélisande mit dem tragischen Kern der Figur in exemplarischer Weise vereinigend. Im Frühling von '04 wurde der Tonträgermarkt mit einer Einspielung von Mozarts "Le nozze di Figaro" durch René Jacobs und dem Concerto Köln angereichert. Ganz in der mit "Così fan tutte" eingeleiteten, frischen und lebendigen Spielweise agieren die Charaktere so putzmunter, als seien sie von den auf sie einstürzenden Ereignissen des tollen Tages völlig überrascht und müssten sich im Nu auf die neue, unerwartete Situation einstellen. Véronique Gens singt in dem Stück die Gräfin Almaviva, und sie singt in ihren beiden Arien den puren Schmerz einer verletzten Seele. 

Im Mai 2005 debütierte sie als die Furien Giunone/L'Eternità in dem Barockspektakel "La Calisto" von Francesco Cavalli an der Bayerischen Staatsoper München (musikalische Leitung: Ivor Bolton). Damit knüpft Véronique Gens an eine umfängliche Präsenz in ebenso Oper, Konzert wie Recital, die die Französin über Paris, Versailles, Lyon und Aix-en-Provence in die bedeutendsten Musiksäle u.a. von Straßburg, Caen, Monte Carlo, Beaune, Lille, Nantes, Metz, Toulouse, Saint-Denis, Tourcoing, Angers, Luxemburg, Lausanne, Luzern, Montreux, Zürich, London, Glyndebourne, Tanglewood, New York, Salzburg, Mailand, Rom, Brüssel, Antwerpen, Amsterdam, Kopenhagen, Madrid, Barcelona, Lissabon, Tokyo, 2008 auch Prag führte. Seit Ende der 1990er Jahre gibt sich die Sängerin neben ihrer Karriere als Protagonistin des Musiktheaters vermehrt der französischen Mélodie hin (Debussy, Fauré, Hahn, Poulenc, Chausson, Ravel, Roussel, Canteloube) - ein im deutschsprachigen Raum weithin unbekanntes Repertoire, das sie während Liederabenden mit ihrer idiomatisch reinen Stimme und einem Partner am Klavier erklingen läßt (CD "Mélodies francaises", 2000). Im Verlauf des Jahres 2003 widmete sich Véronique Gens in einigen Teilen Europas der Würdigung des Komponisten Hector Berlioz. Zu Berlioz' 200. Geburtstag interpretierte die Französin in gewissen zeitlichen Abständen eindringlich dessen Zyklus "Les nuits d'été", den sie bereits 2001 auf CD verewigte (Dirigent: Louis Langrée). Im Mozartjahr 2006 figurierte sie erstmals binnen der Salzburger Festspiele die Rolle der Arminda in dem vormals selten gespielten Stück "La finta giardiniera" (Dirigent: Ivor Bolton, Regie: Doris Dörrie). Ihre mit Christophe Rousset und Les Talens Lyriques eingespielte CD "Tragédiennes" erwies sich im Sommer 2006 als Verkaufsschlager. Mitsamt diesem sorgsam zusammengestellten Programm bestehend aus Arien von Lully, Campra, Rameau, Leclair, Mondonville, Gluck und Royer für Diven und Tragödinnen der Zeitalter Ludwigs XIV./Ludwigs XV. tourten die Sängerin und das Ensemble Mai/Juni 06 durch Frankreich. In diesem Jahr empfing Gens in Frankreich den Titel 'Chevalier des Arts et des Lettres'. Es folgten weiterhin Opernverpflichtungen als Donna Elvira, Vitellia ("La Clemenza di Tito"), Agrippina, Iphigénie u.a. in etlichen Metropolen auf dem Globus.

Die Pfingstfestspiele Baden-Baden boten Ende Mai 2007 eine Neuinszenierung von Verdis Spätwerk "Falstaff" (musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock, Inszenierung: Philippe Arlaud). Mittendrin in der Buffa Véronique Gens als umtriebige Mrs. Alice Ford. Als defraudierte Frau aus Windsor bot sie beherzt den krummen Touren Falstaffs Paroli und schmiss auf der Bühne den Laden, trieb putzmunter und mit überlegener Schauspielkunst die Handlung der Komödie an. Dass diese Rolle für sie, wie sie sagte, ungewohnt und schwierig sei, sah man ihr auf der Bühne wahrlich nicht an. Im Frühjahr 2008 setzte sie sich in Deutschland und den Niederlanden vehement für das Opernschaffen Rameaus ein ("Castor et Pollux") und trat in der Semperoper sowie in Barcelona in die Gewänder der Donna Elvira ("Don Giovanni"). Der Mai jenes Jahres sah Véronique Gens beim von der Presse gerühmten Festival "Voilà la France", ausgerichtet in der Stadt Essen. Am 18. d.M. gab sie mit Les Talens Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset in der Philharmonie Essen ein Konzert unter dem Motto "Tragédiennes", welches an ihre Spielfolge zwei Jahre zuvor anschloss. Einige Minuten vor Beginn des Recitals gab Madame Gens zu verstehen, dass sie sich nicht besonders wohl fühle und die Abfolge um zwei Stücke gekürzt habe. Ihr Vortrag auf dem Podium indessen ließ einen Eindruck ihrer vermeintlichen Indisposition nicht aufkommen: Aufwühlend, mit dramatischer Deklamation, innigem Tonfall und eindringlichen Akzenten stellte die Sängerin die tragischen Heldinnen von Rameau, Gluck, Piccini, Cherubini, de Arriaga und Berlioz dar und führte sie ihrem Unglück entgegen ... Im Herbst 08 zog es sie mit Ivor Bolton und "La Calisto" zur Covent Garden Opera in London. 2009 in Barcelona gab sie erstmals die Eva in Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg", im Sommer/Herbst d.J. ging sie mit Thomas Hengelbrock und dem Balthasar-Neumann-Ensemble mitsamt Stücken von Beethoven, Haydn und Mozart auf Tournee in West- und Südosteuropa. Zuvor präsentierte Véronique Gens ihre CD "Tragédiennes 2", die sie mit Christophe Rousset und Les Talens Lyriques einspielte, eine Fortsetzung des Programms von 2006 mit Kompositionen von Rameau, Gluck, Grétry, Arriaga, Piccini, Sacchini, Cherubini, Berlioz und zugleich ein Abbild des Konzertauftritts in Essen vom Mai 2008. Zu Anfang des Jahres 2010 ist Gens endlich in Wien angekommen, wo sie im Theater an der Wien mit der Titelrolle die Inszenierung der Gluck-Oper "Iphigénie en Tauride" beseelte, wie die Wiener meinten (musikalische Leitung Harry Bickett, Regie Torsten Fischer). Im Mai 2010 galt es, am Théâtre des Champs-Elysées in einer Aufführung unter Christophe Rousset ihre Erfahrungen als Giunone und Il Destino aus der ursprünglichen München-Inszenierung von "La Calisto" einzubringen, wobei Macha Makeieff die Regiearbeit übernahm. Ebenfalls 2010 spielte und sang die Französin im Atelier Lyrique de Tourcoing unter ihrem Mentor aus alten Zeiten Malgoire im "Don Giovanni" die Donna Elvira, im Sommer brillierte sie beim Festival d'Aix-en-Provence in der Titelrolle binnen einer groß angelegten, von den Medien hervorgehobenen Darbietung von Glucks "Alceste" (Regie: Christof Loy). Mit einem ihrer Lieblingsensembles, dem Balthasar Neumann Ensemble unter Thomas Hengelbrock, nahm Madame Gens im Herbst 2010 die Gelegenheit wahr, in London Covent Garden Royal Opera House die Titelrolle der Oper in drei Akten von Agostino Steffani "Niobe - Regina di Tebe" aus dem Jahr 1688 (Regie: Lukas Hemleb) in einer äußerst positiv rezipierten Aufführung zu übernehmen.

Im Januar 2011 und wieder mit dem Balth.-Neum.-Ensemble, diesmal unter der Leitung von Newcomer Teodor Currentzis, wirbelte Gens als Fiordiligi in Mozarts "Così fan tutte", angeleitet von Philipp Himmelmann, über die Bühne des Festspielhauses Baden-Baden, in dem sie mittlerweile ein gern gesehener und anerkannter Act ist, was die Presse mit Passagen wie "... ist es vor allem Véronique Gens, die ihren warmen und gefühlvollen Sopran mit großer schauspielerischer Verve und Einfühlungsvermögen paart. Es macht Spaß, ihre naive und ungebrochene Spielfreude zu sehen und es berührt tief, sie in Selbstzweifeln zu erleben ..." (Badische Neueste Nachrichten) lautstark bestätigte. Geht doch. Für das Mozart-Requiem, welches die Truppe, wenn man schon mal dabei war, außerdem aufführte, gab es "standing Ovations" (Badisches Tagblatt). Im Frühsommer 2011 wechselte die Sängerin das Orchester. Sie zog samt dem Freiburger Barockorchester mit Chef Gottfried von der Goltz und französischem Barockrepertoire durch Teile Deutschlands und sang Kantaten von Monteclair und Rameau unter dem Motto "Les splendeurs du baroque". Chapeau! Die Musiker verstanden es, den Mozartsaal in Stuttgart zum Beben zu bringen. Klar, dass Madame Gens, wie schon an derselben Stätte 2009, Gänsehaut erzeugte.

Véronique Gens verkörpert in bezwingender Weise gleichermaßen die "appolinische Musik" als auch die "dionysische Musik" (nach Nietzsche) - in summa die Synthese von beidem. Jede Modellierung des meditativen Moments klassischer Musik gerät durch die Künstlerin ebenso wahrhaftig wie die visionäre, tiefgründig-entgrenzte expressive Darstellung. Liederabende formt sie als Mixtur von Tiefe, Esprit und Humor. Während Konzerten samt Orchester verströmt sie ihren Gesang gleichsam mit dem Habitus einer Priesterin, die sich für die Transformation des musikalisch-lyrischen Flusses medial hingibt und öffnet und beim Turmlied der bedauernswerten Mélisande "Mes long cheveux descendent jusqu'au seuil de la tour ..." oder vermöge des Liederzyklus "Les nuits d'été" magische Momente erschafft. Abseits der Bühnen erscheint sie als bescheidene, liebenswürdige junge Frau, die mit Freude über ihre Arbeit spricht. Nach Bloch ist es "nicht vermeidbar, im Singen einen Ruf zu hören." Und ist, umgekehrt zu Bloch, das Wahrnehmen des Rezipienten durchaus ein Hören, Lauschen "ins Entbehrte", mit dem wir die ferne Gestalt erreichen?


B. Böttcher, November 2003/April 2012


 

http://www.emiclassics.de/veroniquegens

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