Parabeln - Kurzprosa
Inhaltsverzeichnis
3. Der Aufstand der Buchstaben
7. Es war halb
drei
(Nach einer
Kurzgeschichte von W. Borchert, Das Brot, 1946)
8. Reiseantritt
Eine
extraordinäre
Geschichte
Die sich nach Vollendung des Werkes einstellende harmonische Selbstzufriedenheit des Künstlers, die sein Gemüt mit anmutig würdiger Erhabenheit erfüllte, zumal er sich durch die Darstellung der Totalität seines Vermögens mit der Unendlichkeit verbunden glaubte, wurde durch einen dissonanten Zweifel jäh zerrissen, und der sphärische Gesang der hypnotischen Schönheit Arkadiens verwandelte sich in eine Kakophonie, die den Musenfreund, noch in Nektar und Ambrosia schwelgend, in einen rasenden Taumel versetzte und an die taurische Barbarenküste der Atridengreuel schleuderte.
Der schreiend zischende Urknall, der ihn bei der Kontemplation der reinen Ideen wie ein feuriger Blitz eruptiv überfallen hatte, katapultierte ihn in das Geschlecht des Tantalus zurück und entdeckte ihm den infernalischen Durchbruch des höllischen Dämons, dessen vulkanisch brodelndes Wesen, sich selbst in unendlicher Glut verzehrend, aus der qualitas occulta des Nichts emanierte. Diese bestialisch wütende Urzelle gebar in elementarer Wollust einen fieberhaften Rausch, der das Blut des angefallenen Sklaven in gärender Wildheit durch die zu engen Bahnen jagte, seine Nerven in polarer Spannung auseinanderriß und seinen glühend vibrierenden Geist in eine derart extatische Erregung versetzte, daß die schwefelnde Entzündung seiner Zellen ihn in feuriger Glut lebend zu verglühen drohte.
Wie auf Lanzen aufgespießt, stießen die dissonanten pyrrhonischen Zweifel aus der Seele des Götterfreundes empor und durchstachen die Pestbeulen des maroden Zaubers der lasziven Sekurität, deren wesenloser Glanz wie klebriges Konfekt am Spiegel des Giganten zersplitterte, der mit kratzenden Klauen und krallenden Tatzen nach seinem Lebensodem griff.
Um seine flackernd lodernde Seele dem Todesbrandt zu entreißen, stürzte sich das Opfer in panischer Flucht unter die schützende Ordnung der vermeintlichen Rationalität; aber das keifend schäumende Untier schleuderte wie Polyphem in apokalyptischem Zorn brüllende Felsblöcke nach dem Gejagten und trieb ihn mit peitschendem Sturmregen aus dem orthos logos in die Paralogie der finsteren Einsamkeit der beißend leckenden Flammen seines delirierenden Selbst zurück.
Die aufgereizten Nerven des Rebellen warfen die schreienden
Glieder
des gemarterten Körpers wehrlos in die erstickende
Umschlingung
der elementaren Urkräfte, und mit kalten Krallen die gestachelten
Widerstandskrämpfe seines Gegners verzehrend, erbrach der
Dämon
mit heroischem Nihilismus die Fesseln des organischen Kerkers, um den
Schatten
des Daseins mit vulkanischer Energie in die Plasmasuppe des
Nichts zu ejakulieren.
Der feurigflüssige Schmelzfluß
Entströmt der schöpfenden Quelle
Des Todes, zu tränken die Erde
Mit seinem qualligen Schleim.
2. Ein Tag ohne Ende
Seit Tagen saß er da - am Fluß auf dem abgeschlagenen
Birkenstamm.
-
Eines Morgens war er hierhergekommen, um die alte Birke mit seiner
Axt zu fällen; in dem strengen Winter mangelte es ihm an Holz. Er
tat es nur ungern, denn die Birke und er waren seit Jahren Freunde, und
sie erinnerte ihn an seine Kindheit, als er mit seinem Vater an dieser
Stelle zum Angeln ging. Dennoch mußte er die alte Birke
fällen,
wenn er nicht die Nächte, in Mantel und Decken gehüllt, bei
seinen
Schafen verbringen wollte, denen er an besonders kalten Tagen ein wenig
von ihrer Herdenwärme stahl.
Im Morgengrauen brauchte er vor dem Entdecktwerden durch die noch schlafenden Dorfbewohner keine Furcht zu haben, denn die Bauern versorgten das Vieh im Stall. - Auf den Feldern schimmerte unter trübem Nebel eine weiße Frostdecke, der Wind heulte und jagte ungehindert bis an das andere Ufer des Flußes, wo er auf den Widerstand des Birkenwaldes traf, der unter seiner Wucht zu leiden schien, und die dünnen Stämme, Äste und blattlosen Zweige stöhnten und ächzten.
Der Alte hatte Mitleid mit den Bäumen, deren nackter bleicher Körper im Winter nicht unter dem Schutze des Blättermantels stand, der ihn vor der Kälte hätte schützen können. Nicht die langen weißen Beine, sondern die Krone, der Oberkörper, wie er meinte, litt so sehr unter der Kälte des Winters, daß er glaubte, sie zittern und frösteln zu hören.
Die zu stumpfe Axt machte ihm seine Aufgabe nicht leicht, da er bald schwitzend stöhnte, bald naß vom Winde ergriffen vor Kälte zitterte. Um sich wieder zu erwärmen, zwang der sich zu einem noch stärkeren, fast wütenden Arbeitseifer, doch seine Arme schmerzten und seine Glieder wurden vor klirrender Kälte starr und steif.
Mit beiden Händen schwang er die Axt und hub tiefe Wunden in die breiten Seiten der Birke, bis diese keine Kraft mehr hatte und zu Boden fiel. Weißes Blut umgab den Baumstumpf und erfüllte die Luft; der Wind wehte die leichten Lebensfasern in den Fluß des Vergessens.
Erschöpft setzte sich der Alte auf den Stamm und starrte
ins Wasser. Er war so müde wie die Birke, die tot zu seinen
Füßen
lag.
3. Der Aufstand der Buchstaben
Wie üblich schlug ich auch an diesem Abend, zu später Stunde nach Ablauf des geschäftigen Tages am Schreibtisch sitzend, meine Bücher auf, um bei tristem Lampenlicht in aller Ruhe und Abgeschlossenheit in stiller Kammer, fern von den lärmenden Alltagsmenschen und geschäftlichen Pflichten, meine privaten Studien fortzusetzen. Allein die notwendige Konzentration wollte sich nicht einstellen, um die Seelengeister zu einer geduldigen Betrachtung anzuregen.
Ein wenig dekonzertiert, begann ich meine sich sträubenden Gedanken mit forcierter Anstrengung und übersteigertem, wenn auch zweifelhaftem Eifer, zu sammeln und in den aufgeschlagenen Werken zu blättern, ohne jedoch die verborgene Bedeutung meines wohlgeordneten Gegenübers dechiffrieren zu können. Die Buchstaben wollten sich nicht zu sinnvollen Wörtern zusammenfügen lassen, und unter den kleinen Gesellen in ihren schwarzen Gewändern verbreitete sich eine flutende Unruhe, die ich nicht einzudämmen vermochte. Ich gedachte, die erhitzten nebulösen Gemüter durch das Hissen der Friedensfahne besänftigen zu können und entsandte meinen konzilianten Geist als Vermittler in dieser Affäre in das aufbegherende Lager. Dieser Versuch wurde aber, trotz der oratorischen Geschicklichkeit und rhetorischen Überzeugungskünste des Gesandten von keinerlei Erfolg gekrönt. So kehrte er, in seiner Siegerehre zutiefst gekränkt, zurück, um über den Ausgang der Unterredung zu berichten.
Eine solche Auflehnung gegen die bestehende Ordnung, welche ungeachtet jeglicher Tradition die gesetzlichen Vorschriften der gesellschaftlichen Anordnungsgrammatikalität geradezu ignorierte und verwarf, empfand ich als eine derartige Insolenz, daß ich in fieberhafte Exaltation geriet. War nicht meine Geisteskraft der Schöpfer dieser ansonst leblosen skurrilen Wesen, dieser seelenlosen Schattenkreaturen? Die Leugnung dieser zeugenden Kraft empfand ich als undankbaren Frevel, und ein stürmischer Zorn entbrannte in meinen Adern.
Sollte ich diese verräterischen Gestalten nicht strafend zerdrücken und in ihrem Einband seelenlos der unendlichen Einsamkeit preisgeben? Oder sie den gierigen Feuerfurien als Opfergabe darbieten?
Die quälende Gärung meiner schlagenden Brust ließ mich mit besessener Tollheit die ruchlosen Verräter zu Boden schleudern, um sie unter stampfenden Titanenfüßen zu zertreten und in den Höllenpfuhl des lodernden Feuers zu stoßen.
Allein als die brennende Seele seinen eigenen Leib zerriß,
fühlte
der Schöpfer ihren Untergang als den seinigen.
Nach einer schwierigen, hoffnungsvollen, langen Reise kommt der alte Mann ans Wasser. Dieses Gewässer, so sinniert er, muß ich noch überqueren, und sei es auch das Meer, dann bin ich am Ziel.
Mit den Händen schützt er seine ermüdeten Augen vor den glitzernden Strahlen der Sonne und schaut über die bewegliche, blaue, wellige Fläche in die Ferne; aber der Anblick des gegenüberliegenden Ufers bleibt ihm verwehrt. Die Sonne scheint zu grell, und mein Augenlicht läßt nach, spricht er zu sich. Als ich jung war, hätte ich noch über das Meer schauen können.
Der Alte gibt die Hoffnung aber nicht auf. Sein Ziel ist gesetzt, und er muß es erreichen. Er denkt an seine Kindheit zurück und die lange Reise, die er dann unternommen hat. Er ist in seinem Leben schon auf viele Hindernisse gestoßen; er hat sie aber immer meistern oder umgehen können.
Jetzt brauchte er eine Brücke, ein Schiff oder auch nur ein Floß. Er setzt seinen müden Körper in Bewegung und macht sich auf die Suche nach einer glücklichen Gelegenheit, um das Wasser zu überqueren.
Ans Essen und seinen Hunger denkt er nicht mehr. Viel haben seine Beine auch nicht zu tragen: einen dürren, abgemagerten Körper, aber zäh ist er. Tagelang, wochenlang irrt der Alte am Ufer umher. Was ist eine Woche, ein Monat, denkt er, hat er nicht sein ganzes Leben nach dem Ziel gesucht? Jetzt, wo es so nahe liegt, kann er doch nicht aufgeben.
Endlich stößt er auf eine Brücke, die ihm anzeigt, daß er ein Fluß vor sich hat und er bald sein Ziel erreichen wird; aber die Brücke scheint kein Ende zu nehmen, und sie muß doch ans andere Ufer führen!?
Der sich im Wasser widerspiegelnde blendende Glanz der Sonne
stößt
ihm wieder in die Augen; der Alte beschleunigt seinen matten Schritt
und
gelangt an das Ende der Brücke, wo sich vor ihm ein endloses
Gewässer
ausbreitet.
Um ihm aus dem Wege zu gehen, fuhr ich ans Meer. Am Vortag hatte ich kurzfristig meinen Urlaubsgesuch beim Chef eingereicht. Um 17 Uhr hatte ich die Bestätigung. Eine viertel Stunde darauf verließ ich das Büro. Zuhause packte ich schnell ein paar Sachen zusammen, aß und ging zu Bett.
Um 3.40 Uhr läutete der Wecker, fiel dabei vom Nachttisch, der große Zeiger zerbrach. Die Glasscheibe war schon länger ab. Strümpfe, Hose, Hemd, Weste angezogen, Zähne geputzt, Kaffee getrunken, Gas abgestellt. Um 4.20 Uhr war ich am Bahnhof. Der Zug traf pünktlich um 4.26 ein.
Die Fahrt verlief ohne besondere Zwischenfälle: die Fahrkarten bitte, Paßkontrolle, nichts zu verzollen, Koffer aufmachen, Cola, Fanta, Kaffee jemand, - um 8.15 stieg ich wieder aus. Im Hotel trank ich einen Kaffee, brachte die Koffer auf mein Zimmer und ging ans Meer.
Er war aber schon da. War er mit demselben Zug gefahren? Was suchte er am Meer - eine unendliche Weite, das blaue Wasser, der Strand? Er konnte keine Gesellschaft finden. Oder war er meinetwegen mitgefahren?
Ich erkannte, daß ich mich vor ihm weder am Meer, noch in den
Bergen, der Wüste oder sonstwo verbergen konnte. Ich konnte nicht
einfach von ihm weggehen, da er mich wie ein Schatten verfolgte. Ich
mußte
mit ihm kämpfen, sonst würde er Sieger bleiben. Aber auch der
Kampf ginge verloren, ich könnte ihn nicht töten; und er
klebt
an mir, ich kann ihn nicht abschütteln, nicht abwaschen, seine
Haut
bleibt auf meinem Körper. Ich könnte versuchen, ihn zu
vergessen,
aber er vergißt mich nicht.
Auf gepflasterten grauen Wiesen und an den Bordsteinkanten der von metallenen Bogenlampen besetzten schmalen Bürgersteige versammeln sich die unzähligen anonymen Menschenautos und verharren mit stumpfen leeren Blicken unter trübem Regen in stummer Trauer, während ein Strom namenloser Gestalten ihnen respektlos den Rücken kehrt und auf den zu engen Trottoirparcouren, in Kolonnen hastig vorwärtsschreitend, zielstrebig ins Innere des Stadtmolochs drängt.
An den breiten Kreuzungen stauen sich die scharenden Menschenmassen auf und bilden eine fremde Herde aufgeregter verwirrter Einzelwesen, die, in ihrem Schritt ungeduldig geschäftig auf der Stelle tretend, auf das Signal zum Vormarsch warten. Auf der Verkehrsinsel drängen sich die hilflosen Schiffbrüchigen und die letzten Ankömmlinge, die das gegenüberliegende Ufer vor der einsetzenden Springflut der Blechkarosse nicht mehr rechtzeitig erreichen konnten, und sie drohen auf der zu kleinen überbevölkerten Schutzinsel von den flutenden Wogen der aufbrausenden Höllenmotoren erfaßt und hinweggerissen zu werden. Noch ziehen unendliche Reihen der rollenden Genossen über die regennassen Straßen und versperren dem Fußvolk den Durchmarsch. Einige tapfere Späher beugen sich bereits mutig vorwärts, heben ungeduldig den Fuß zum Vormarsch und konzentrieren sich angestrengt auf das Zeichen des roten Generals, aber eine letzte vorbeijagende Salve läßt sie in stummem Schrecken zusammenzucken und veranlaßt sie, sich wieder auf den sicheren Stützpunkt zurückzuziehen.
Endlich verhallt das knatternde Getöse der getriebenen Maschinen in der Ferne, die letzten puffenden Abgaswolken schweben davon, das Feld wird frei, man hälte den Atem an und zählt eins, zwei..., der Countdown läuft, vier, drei, zwei... ein letztes tiefes Atemholen - eins, der Startschuß fällt, die Athleten springen explosionsartig aus ihren Startblöcken heraus und sprängen in kräftigen muskelstarken Sätzen auf das Ziel zu.
Nur treten die Gegner von der gegenüberliegenden Seite entgegen, und die Kämpfer jagen mit doppelter Geschwindigkeit aufeinander zu. Die Entfernung verringert sich immer mehr, die Kampfpartner geraten in gefährliche Aufprallnähe und überlegen in verzweifelter Aufregung, wie sie der unvermeidlich erscheinenden fatalen Kollision ausweichen könnten: ein schneller Sprung zur Seite, wie beim Fechten, ausweichen, parieren, angreifen. Endlich hat man die Front der feindlichen Ritter durchstoßen, und nach dem Scharmützel überprüft seine Rüstung, an der einige Scharniere fehlen, Knöpfe, Riemen, Bänder. Man schaut nach den Verletzten, Gefallenen und Verwundeten. Kleine Kinder schreien und klammern sich ängstlich an die Arme ihrer Eltern, ein alter Mann schimpft über die Respektlosigkeit der Jugendlichen, eine Passantin klagt über die Streifen auf ihren Lackschuhen, eine andere gestikuliert wütend, schneidet Grimassen und steckt ihre verlorengegangene Fasanenfeder wieder auf ihren Hut, ein junger Mann zeigt ein schmerzverzogenes Gesicht, da er einen pendelnden Armschlag zu verdauen hat, und eine schwangere Frau hält noch schützend ihre verschränkten Arme über ihren Bauch.
Kaum marschiert der Trupp wieder in monotoner Kadenz, als das
schrill aufheulende Blaulicht eines vorbeirasenden Unfallwagens die
gesichtslosen
Köpfe der erschrockenen Passanten zum Umschauen veranlaßt.
Einige
Unvorsichtige laufen dadurch auf ihren Vordermann auf, man schimpft,
man
entschuldigt sich, man trottet weiter. Eine unterirdische Passage wird
durchschritten, um eine weitere Kreuzung zu vermeiden, aber diese
unendlichen
Stufen, die überfüllten Rolltreppen, man hört den
rauschenden
Strom der Autoschlangen, künstliches Licht scheint auf Papier,
Schmutz,
Flaschen, der Boden ist mit Zigarettenkippen übersät,
Uringeruch,
klebende, ausgespuckte Kaugummis, gelbgrüne Rotze, Hundekot, ein
Clochard
schimpft mit einer leeren Rotweinflasche als Menetekel in der Hand
über
die Unverschämtheiten der modernen Wohlstandsmenschen.
Das Tageslicht verkündet den Austritt aus der Unterwelt und den Aufstieg in das graue Schattenreich des trüben Regens. Schwarze Regenzelte werden aufgeschlagen, um die schutzlosen Häupter vor den prasselnden Regenkörnern zu schützen; grünuniformierte Kapuzenmenschen schleichen mit eingezogenen Köpfen, unter den vorspringenden Dächern der Geschäftshäuser Schutz suchend, schweigend voran.
Man nähert sich der Zonengrenze, die Gehwege werden breiter, und zahlreiche Nebenflüsse ergießen ihre Wassermassen in den Hauptgeschäftsstrom. Die unterirdischen Kanäle der Metroschächte erbrechen wie aus Katakombenstollen tausende Unterweltgestalten, und die brodelnde Lava der gärenden Masse ergießt sich in den Fußgängerdschungel. Das zu schmale Flußbett droht über die Ufer zu treten oder die Dämme zu sprengen.
Endlich erreichen die Menschenscharen die
Höhleneingänge
der Geschäftshäuser, wo der warme Odem des Molochs die
pflastermüden
Stadtmenschen in seinen Schlund zieht, um sie nach der Verdauung ihres
vitaminhaltigen Goldes an anderer Stelle als Exkremente wieder
hinauszudrücken.
(Nach einer Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert, Das Brot, 1946)
Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Stiller als sonst. Eine sterbende Stille. Stechende, sterbende Stille - und noch stiller als sonst.
Sie richtete sich auf, in ihrem Bett. Ihr Herz pochte. Es pochte und pumpte. Es pochte und pumpte immer schneller. Es raste und hämmerte. In der dumpfen Dunkelheit dr"hnte der donnernde Puls in ihren Adern, und die Aorta schwoll an, blähte sich auf, dröhnte, pochte, hämmerte - immer schneller. Nachts um halb drei.
Um sie herum Stille, Todesstille, eine sterbende, dumpfe, pochende Stille, die erdrückend wirkte, schwül, stechend. Schweißperlen zeigten sich auf ihrer Stirn, und das pochende pumpende Herz jagte den roten Lebenssaft durch die zu engen, erwürgenden Bahnen. Das glühende Feuerwerk in ihrem Kopf wurde kontrapunktisch durch die vibrierenden Bässe ihres exaltierten Herzens begleitet, und die Stille verdichtete sich zu einem erstickenden Schrei der Erkenntnis: Ihr Mann. Was war passiert? Hatte er es doch getan? Sie erschauderte, und ihr lavabrodelndes Herz erstarrte wie ein Stalaktit in einer Eishöhle.
Langsam bewegte sie ihre dünnen, bleichen, knochigen, verhungerten Finger über das Bett, aber sie fand nichts Vertrautes, Warmes, Lebendiges, Menschliches. Sie tastete sich in der Hoffnung und im Schrecken der Erwartung bis zum Bettrand vor. - Nichts. Er war nicht mehr - da. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: Sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche.
Es war halb drei. Nachts. Morgens. Nein, nachts. Alles hatte sich verändert. Es gab keine Zukunft mehr für sie, nein. Jetzt nicht mehr. Und auch die Vergangenheit hatte sich aufgelöst in die nebulöse Existenz des Nicht-Seins. Hatte sie je gelebt, existiert, war sie je geboren worden, würde sie je geboren werden? Oder war sie eine Ejakulation des Nichts?
Sie - oder es? - tappte weiter bis zur Küche. Es war halb drei. Genau halb drei. Dreißig Minuten nach zwei und ebenso viele Minuten vor drei. Nachts. Am Morgen. Auf der Schwelle zwischen der Zeit und dem Nichts.
Blasse Lichtgestalten drangen unter die Küchentür hindurch, und schattige Skurrilitäten zeichneten wie ein Menetekel bewegte Bilder an die Wand, die in einem extatischen Tanz als apokalyptische Reiter der Hölle den Lichtschein in eine stechende, brennende, leckende Hitze verwandelten.
Ihre Kleidung war durchnäßt durch den Schweiß der Angst, der sie zu ertränken drohte, und als sie die Hand auf die Klinke legte, explodierte ihre Stimme vor Schmerz, als hätte sie das glühende Eisen des Satans selbst berührt. Die Tür sprang auf, riß aus ihren Angeln, und ihre Augen wurden geblendet durch den schrillen Strahl des Lichtes der Apokalypse. Sie sah etwas Weißes am Küchenschrank stehen (...) Nachts. Um halb drei. In der Küche.
Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, daß er sich rohes Fleisch abgeschnitten hatte - von einem warmen, noch pochenden, zuckenden Herzen. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Blutflecken. Wenn sie abends zu Bett gingen, machte sie immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Blutflecken auf dem Tuch. Und das Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hochkroch. Und sie sah von dem Teller weg.
Neununddreißig Jahre waren sie verheiratet gewesen. Sie stellte den Teller vom Tisch und wischte die Blutflecken von der Decke. Nein, es war wohl nichts (...) Das war wohl draußen (...) Es war wohl die Dachrinne (...) Die Dachrinne schlägt immer bei Wind gegen die Wand. Dann sah sie ihn, kam ihm aber nicht zu Hilfe. Sie nahm das scharfe, klebrige lange Messer und - fiel wieder in ihren Schlaf. Er sagte noch: „Das war wohl draußen." Aber sie merkte wie unecht seine Stimme klang, wenn er log (...) Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie noch, schon im Halbschlaf, daß er leise und vorsichtig kaute. Sie atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, daß sie noch wach war. Aber sein fleischiges Kauen und sein blutiger Atem waren so regelmäßig, daß sie davon langsam einschlief.
In der Nacht hörte sie einen Schuß und fuhr aus ihrem
Schlaf
auf, aber als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand
sie ihren Mann, der ruhig atmete, ausatmete, expirierte.
8. Reiseantritt
Eine extraordinäre Geschichte
Er überschritt die Türschwelle und vor ihm befand sich ein unendlich langer Gang, dessen Seitenwände sich in der Ferne in einem vertikalen Längsstreifen zu vereinigen schienen. In gleichmäßig kurzen Abständen befanden sich auf beiden mit weißer Farbe gestrichenen Seitenwänden äGlastürenä, die in der Ferne kleiner, aber viefältiger werdend, den Aspekt einer riesigen Glas- oder Spiegelwand annahmen. Der Gang war so breit, daß fünf erwachsene Personen bequem nebeneinander hätten herschreiten können, ohne sich auf irgendeine Weise behinderlich zu werden. Die Decke des Ganges, ebenfalls weiß, war für einen durchschnittlich gewachsenen Mann, ohne daß sich dieser erheblich hätte strecken müssen, mit den Fingerspitzen durchaus erreichbar.
Was meinen eigenen Standort anbetraf, so blieb ich ein wenig konfus, da ich zwar einerseits einen mit einem schwarzen Anzug gekleideten wohlgewachsenen schlanken Mann von hinten sah, der auf seinem Kopfe einen Zylinder trug und sonst den Eindruck erweckte (soweit jemand, den man nur von hinten sieht, einen Eindruck erwecken kann), daß er sich für eine Beerdigung angekleidet hatte, obwohl dieses natürlich nur spekulative Annahmen sein konnten, die keineswegs nachzuweisen gewesen wären, es sei denn, ich hätte ihn gefragt, aber meine körperliche Anwesenheit konnte ich nicht feststellen und somit war mir auch das Sprechen versagt, obwohl ich sowohl ihn, als auch den Gang, soweit mir durch seine Gestalt die Sicht nicht verdeckt war, bewußt erblickte,- jedenfalls war mein Blick auf diesen Mann gerichtet.
Dieser schritt also langsam vorwärts, wendete sich dann zur rechten Seite um, bewegte sich auf die erste Türe zu, hinter welcher er wahrscheinlich ein Zimmer vermutete, in das er einzuschreiten gedachte. Vor der Türe angelangt, hob der Mann seinen rechten Unterarm, um im nächsten Augenblick mit der Hand die Türklinke niederzudrücken und die Türe aufzustoßen. Dann beobachtete ich, wie der Unterarm wieder langsam herabsank und die alte Stellung einnahm, in welcher die Fingerspitzen auf der äußeren Seite des Oberschenkels unterhalb der Hosentasche am Beinansatz auf der Anzugshose ruhten und die Hand in ihre losen Haltung hohl erscheinen ließ. Sogleich sollte ich den Grund dafür erfahren, da, obwohl ich mich noch gerade hinter ihm befunden, oder zumindest mein Blick den Mann von hinten betrachtet hatte, ich in seine Sichtperspektive eingeschaltet wurde. Wie und warum dieses geschah, weiß ich nicht, aber ich gewann den Eindruck, daß mein Blick aus seinen Augen hervorstoßen mußte, ohne welches ich nicht hätte erkennen können, daß der Türe die Klinke fehlte. Ebenfalls erstaunte ich, daß die Glastüre keine solche war, denn es war mir nicht möglich hindurchzuschauen; ein Spiegel konnte es deshalb nicht sein, weil sich meine Gestalt nicht in ihm reflektierte. Sicherlich, dieses konnte nicht der Fall sein, da, wie ich bereits festgestellt hatte, meine Existenz auf den Blick reduziert war; die Frage bleibt aber offen, ob ich nicht, da ich in das Blickfeld des Mannes eingetreten war, dessen Gestalt in der Spiegelung hätte erkennen müssen. Es war mir weder erlaubt durch dieses Gas, das weder Glas noch Spiegel war, hindurchzuschauen, noch wurde mein Blick erwidert.
Der in schwarz gekleidete Mann wendete sich um und schritt in der Mitte des Ganges vorwärts. Sobald er sich fortbewegte, fiel mein Blick aus seiner Perspektive heraus, um ihn wieder von hinten betrachten zu müssen. Mein Blick schien diesen Mann nicht zu stören; vielleicht hatte er ihn auch nicht bemerkt oder bemerken können. Ebenso konnte mein Blick den zugehörigen Körper suchen, ohne daß dieser sich ihm zu erkennen gab.
Langsamen Schrittes bewegte sich der Mann im schwarzen Anzug voran, gefolgt von meinem Blick, der ihm im Nacken saß und jede seiner Bewegungen genau verfolgte. Er schritt an unzähligen Türen, die keine waren, vorbei, und er hegte wahrscheinlich die Absicht, zumal er seinen Schritt beschleunigte, schnellstens ans Ende des Ganges zu gelangen. Pl"tzlich blieb er stehen und verharrte unbeweglich, wobei sich mein Blick sofort in seine Sehperspektive einschaltete.
In einem unmittelbaren Abstand von schätzungsweise fünf Metern befand sich ein alter Mann, welcher in gebückter Haltung damit beschäftigt war, einen roten Teppich auszurollen, wie es oft bei Hochzeiten geschieht. Er unterbrach schließlich seine Beschäftigung, richtete sich auf, indem er sich mit der linken Hand im Rückgrad stützte und blieb still stehen. Da ihn nichts Fremdartiges, Unerwartetes zu irritieren schien, konnte ich den Alten genau beobachten.
Er war von merkwürdiger Gestalt, da sein entarteter Körper eine Sammlung von Mißbildungen aufwies. Neben einer deformierten Körperaufteilung, das rechte Bein war erheblich kürzer als das linke, die Füße in Relation zum Körper überdimensional groß, ein riesiger Bauch, der in Nackenhöhe von einem ebensolchen Buckel im Gleichgewicht gehalten wurde, ein zu kurz gewachsener linker Unterarm, an dessen Handgelenk sich fünf enorme verkrüppelte Finger anschlossen, die rechte Hand, welche im Kindesalter ihr Wachstum aufgegeben haben mußte; diese Gestalt von zwergartiger Größe veräußerte ihren Schrecken in einem gigantischen Kopf, welcher wohl ein Drittel seines Körpers ausmachte. Das durch unzählige Runzeln, Furchen und Narben gekennzeichnete eingefallene Gesicht ließ die Schädelform erahnen; die Adern traten blutdurchdrungen deutlichst hervor. Der halb offenstehende Mund, an dessen Oberlippe ein lückenhafter, grauer Schnurrbart ansetzte, zeigte keine Zähne. Eine hervortretende breite Nase wies nur ein Nasenloch auf, das andere schien zugewachsen. Die braunen Augen lagen tief in ihren Höhlen und warfen dem Betrachter einen düsteren Blick zu; Augenbrauen und Augenlider waren nicht erkennbar. Lange graue Haare, durch einen Mittelscheitel gespalten, verdeckten gerade die Ohren. Der Alte war mit einem einfachen grauen Anzug gekleidet; eine graue Krawatte, die auf seinem Bauch ruhte, schloß den weißen Hemdkragen.
Nachdem der Alte eine kurze Weile ausgeruht hatte, beugte er seinen Körper nach vorne, um mit seiner Arbeit fortzufahren. Er machte aber einen Fehlschritt, versuchte sich krampfhaft mit den zu schwachen Armen abzufangen und prallte mit der Stirn auf den harten Marmorboden, wo er noch nicht vom Teppich bedeckt war und den Fall hätte dämpfen können. Mit großem Bemühen richtete sich der Alte wieder auf, wobei in der Mitte seiner Stirn eine größere Platzwunde sichtbar wurde, aus welcher Bluttropfen hervorquollen, die sich in seinem Schnurrbart auffingen und diesen rot zu färben begannen. Der junge Mann im schwarzen Anzug näherte sich dem Alten, und als er vor ihm stehenblieb, sah ich, wie er ihm ein Fünfmarkstück auf die Wunde legte, als wenn er sie hätte kühlen und den Schmerz lindern wollen.
Die Münze brachte einen sonderbaren Effekt hervor. Sobald sie sich auf der Stirn des Alten befand, drückte sie sich in diese hinein und schaffte ein rundes Loch, so daß ich unzählige kleine Würmer erkennen konnte, die im Begriff waren, das sichtbar gewordene Gehirn anzufressen. Das Loch beeinflußte aber auf einzigartige Weise die Verhaltensweise der Würmerkolonie, die sich einig auf den Kopfausgang zubewegte, durch welchen sie in einigen Minuten zu Hunderten hinausströmten, als hätten sie seit langer Zeit nach Freiheit verlangt. Der Spur des Blutes folgend, welches in Form einer Quelle aus der offenen Wunde herausfloß und sich durch die Runzeln eine Bahn suchte, strebten die Würmer zuerst dem Schnurrbart zu, der durch das angesammelte Blut eine bequeme Nahrungsstelle bildete. Für die Auswanderung gerüstet und gestärkt kroch der größte Teil der Würmer den Körper hinab, der bald vollends von den Tierchen bedeckt wurde; andere drangen durch das Nasenloch oder den offenstehenden Mund wieder in den Körper ein, der für sie ein Gefängnis gebildet haben mußte, aber dennoch ein Protektorat gegen äußere Gefahren war und eine satte Nahrungskammer darstellte.
Der Alte sank langsam zu Boden, wobei seine Glieder einzeln vom Körper abfielen und sich dann öffneten, um den im Inneren verborgenen Schrecken zu erbrechen. Seine Gestalt zerfiel vollends und eine Unzahl winziger Insekten bedeckte den Marmorboden wie ein dunkler Teppich. Die bewegliche Masse von Tierchen begann sich auszubreiten und näherte sich auch meinem Blick, der immer getrübter wurde - schließlich verlor ich das Bewußtsein.
Leise Geräusche und Stimmen riefen mich ins Leben zurück. Vom Schrecken beherrscht schlug ich um mich und riß die Augen weit auf, aber alles war schwarz. Panik ergriff mich, als ich durch das mir bekannte Geräusch einer Toilettenspülung in die reale Welt zurückkehrte. Ich befand mich in meinem Bett und hatte einen schrecklichen Alptraum gemacht. Der Schweiß stand mir auf der Stirn und meine Herzschläge hatten ihren ruhigen Rhythmus durch den erfahrenen Horror verloren. Sollte ich meine Mutter rufen, fragte ich mich, da die Angst noch nicht aus meinem Körper gewichen war?
Ich beschloß, wach zu bleiben, um den furchtbaren Traum nicht fortführen zu müssen. Vom Schlaf überwältigt, schlief ich aber schon bald ein. Diesmal sollte der Schlaf von Josef P, wie wir den Alpträumer nennen wollen, nicht getrübt werden, und selbst der schrille Lärm des Weckers, der pünktlich um acht Uhr schellte, konnte den Schlafenden nicht aus seiner Ruhe reißen. Kurze Zeit später bahnten sich die ersten grellen Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Fensterläden ihren Weg in das Zimmer und kitzelten Josef P an der Nase; dieser wälzte sich unruhig im Bett, drehte sich von einer Seite auf die andere, wie es jemand tut, der vergebens Schlaf sucht, weil bestimmte Gedanken seinen Geist nicht in Ruhe lassen wollen, und versucht den Sonnenstrahlen zu entrinnen, um noch einige Minuten in dem sorgenfreien Schlaf zu verweilen.
An diesem Morgen fühlte Josef P sich so richtig wohl in seinem Bett, den schrecklichen Traum schien er bereits völlig vergessen zu haben, und er dachte an seine Mutter, die ihm in der Küche sein Frühstück zubereitete, wie sie es seit dem Tode seines Vater jeden Morgen zu tun pflegte: ein gekochtes Ei, nicht zu lange, nicht zu wenig gekocht, gerade wie er es gerne hatte; zwei Brötchen, die der Bäcker persönlich jeden Morgen frisch lieferte und die seine Mutter für ihn bestellt hatte; sie selber aß lieber Rosinenweißbrot, welches sie selber buk; gute Butter, selbstgemachte Erdbeermarmelade und eine Tasse schwarzen Kaffee ohne Zucker und Milch. Die Vorlesung für die Universität - vor drei Jahren hatte Josef P einen Professorenstuhl für Deutsche Literatur erhalten, welche er mit Begeisterung unterrichte, und unter seinen Kollegen galt er als kluger Kopf mit großem Wissen, obwohl manche behaupteten, er sei zwar ein Gelehrter, aber kein gebildeter - hatte er schon am Vorabend genauestens studiert - Fausts metapysischer Trieb war das Thema -, damit er sich am frühen Morgen nicht zu beeilen habe und nach einem guten Frühstück unbesorgt zur Universität gehen konnte.
Endlich entschlossen aufzustehen, obwohl seine Mutter ihn noch nicht geweckt und zum Frühstück gerufen hatte, tastete er mit der rechten Hand nach seiner Armbanduhr, die er vor dem Schafengehen auf seinem Nachttich abgelegt hatte. Seine Hand fiel aber ins Leere und fand das gewünschte Objekt nicht. Langsam öffnete Josef P seine Augenlieder, zunächst nur einen Spalt weit, damit er von den Sonnenstrahlen nicht geblendet würde. Der vertraute Blick auf den seinem Bett gegenüberhängenden hellbraunen Wandteppich sollte ihm an diesem Morgen versagt sein; statt dessen blickte er auf eine weiß gestrichene Rauhfaserwand, deren rechte Hälfte von einem alten rustikalen Schrank verdeckt war. Auf der linken Zimmerseite erkannte er ein weißes Waschbecken und auf der rechten ein großes Fenster. Er überlegte einen Augenblick, um dann die Augen wieder zu schließen, als könne er das erkannte Bild dadurch löschen. Träumte er noch immer, oder war er auf ungewöhnliche Weise geblendet worden? Ein rustikaler Schrank, ein weißes Waschbecken? Diese Gegenstände wußte Josef P in seine gewohnte Umgebung nicht einzuordnen und, wahrheitsdurstig, riß er seine Augen auf. Sein Blick hatte ihn nicht getäuscht und seine Hoffnung, das ihm vertraute Zimmer vorzufinden, bestätigte sich nicht.
Da fiel ihm aber auch schon ein, daß er Ferien hatte und sich auf der Reise nach der Stadt F befand, wo er einen guten Freund besuchen wollte. Am Vorabend hatte er an einem Hotel haltgemacht, da er, von der langen Autofahrt ermüdet, ruhebedürftig geworden war. Josef P erinnerte sich wie er, am Steuer schläfrig geworden, das rote Signallicht einer Ampel übersehen und beinahe einen die Straße überquerenden prächtigen Schäferhund überfahren hatte. Im letzten Augenblick hatte er noch bremsen können. Wenn das Leben eines Hundes auch nicht den Stellenwert eines Menschen einnehmen kann, Tierliebhaber mögen mir dieses verzeihen, so sei doch zu bemerken, daß der Hund ein Blindenhund war.
Diese Leichtsinnigkeit konnte P sich nicht verzeihen und lange
Zeit bevor er einschief plagten ihn unruhige Gedanken, da er sich die
Folgen
eines derartigen Unfalls auszumalen veruchte. Er hätte den Hund
oder
noch schlimmer den Blinden, glattwegs überfahren können. Wie
hätte seine Frau, Kinder oder Verwandten auf diesen Unfall
reagiert?
Vielleicht wäre ein guter Freund besonders betroffen gewesen? Der
Blinde war noch sehr jung und hatte vielleicht einen großen
Bekanntenkreis,
in welchem sein Verlust arg bedauert würde? Wie sollte der
arme
Hund ohne den Blinden seinen Weg durchs Leben machen? - Daß er
vielleicht
eine Pension hätte zahlen und daß auch sein neuer Wagen, ein
Mercedes 220, kein Diesel, wie er stolz zu sagen pflegte, hätte
beschädigt
werden können, überdachte er mit einem zweifelhaften
Gefühl,
das eine gewisse Selbstverachtung nicht ausschloß. - Als er dann
endlich eingeschlafen war, hatte dieser schreckliche Traum ihn
ergriffen,
an dem er nur zögernd mit Unbehagen und leichtem Grauen
zurückdachte.
Beim Erwachen glaubte er sich noch im elterlichen Haus und war doch in
einem Hotel.