Das binationale und videobasierte Lehrerinnen- und Lehrerfortbildungsprojekt „MuBiL“1

Sebastian Kuntze

 

Zusammenfassung / Abstract: In diesem Beitrag wird ein Überblick über die Struktur des binationalen und videobasierten Lehrerinnen- und Lehrerfortbildungsprojekt „MuBiL“ gegeben, dessen Interventionsphase nun abgeschlossen ist. Dieses von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Projekt verfolgte ein mit der Unterrichtspraxis der teilnehmenden Mathematiklehrerinnen und -lehrer verzahntes und auf verschiedene Bereiche des Mathematikunterrichts ausgerichtetes Konzept. So wurde etwa einerseits das konkrete Handeln von Lehrpersonen im Klassenzimmer anhand von Unterrichtsvideos diskutiert, andererseits entwickelten die Teilnehmenden schüleraktivierende Unterrichtsmaterialien und erprobten entsprechende Unterrichtsformen. Besonders lebendig wurde die Arbeit in diesen Bereichen des Fortbildungsprojekts durch die binationale Ausrichtung des Projekts.

An das Projekt angegliedert ist eine umfangreiche Begleitforschung, die unter anderem der Evaluation der Fortbildungsreihe dient.

 

 

 

Ausgewählte Fragestellungen der Begleitforschung - ein Ausblick

 

Im Rahmen der Begleitforschung von „MuBiL“ wurden vor der Fortbildungsreihe mehrere Bereiche professionellen Lehrerwissens sowie unterrichts- und fachbezogener Überzeugungen der Teilnehmer erhoben. Im Rahmen einer Kooperation können einige dieser Daten mit der in der Schweiz und in Deutschland repräsentativen Untersuchung von Lipowsky, Thußbas, Klieme, Reusser & Pauli (2003) in Beziehung gesetzt werden.

Die Untersuchungen zu unterrichtsbezogenen Vorstellungen und epistemologischen Beliefs der Mathematiklehrkräfte stützt sich auf die folgenden in der aktuellen Forschung betrachteten Elemente von Professionswissen (in Anlehnung an Shulman, 1986):

 

Diese Facetten von Professionswissen weisen jeweils einen Bereich deklarativen und prozeduralen Expertenwissens und einen Bereich deklarativer und präskriptiver Überzeugungen auf. Komponenten von unterrichtsbezogenen Vorstellungen und epistemologischen Beliefs, die in diese Übersicht eingeordnet werden können, sind beispielsweise die konstruktivistische oder rezeptive Orientierung im Verständnis vom Lehren und Lernen (Stern & Staub, 2000), epistemologische Beliefs zur Mathematik (Grigutsch, Raatz & Törner,1995; Klieme & Ramseier, 2001), Beliefs zur Stabilität mathematischer Fähigkeiten oder die Belief-SkalaHow to Motivate Students“ (MacGivers, Stipek & Bogard, 1993). Diese allgemeinen Komponenten unterrichtsbezogener Vorstellungen und epistemologischer Beliefs werden mit dem Fragebogen von Lipowski et al. (2003) untersucht.

 

Dem Befund, dass Lehrer Unterricht in größeren Handlungseinheiten wahrnehmen und diese Episoden mit Sinnstrukturen verknüpfen (Bromme, 1997; Leinhardt & Geeno, 1986), wurde in MuBiL dadurch Rechnung getragen, dass unterrichtsbezogene Vorstellungen und epistemologische Beliefs der Lehrerinnen und Lehrer nicht nur auf diesem allgemeinen Niveau, sondern auch situiert erhoben wurden. Diese situierten Erhebungen bezogen sich auf den Bereich des Beweisens und Argumentierens und beinhalteten auch Beurteilungen von Unterrichtsvideos durch die Probanden. Videogestützte Untersuchungsinstrumente für diesen Bereich der Begleitforschung von MuBiL wurden entwickelt. Auch hier wurde mit der Arbeitsgruppe von E. Klieme am DIPF in Frankfurt kooperiert.

Die Fragestellung, der in Verbindung mit der situierten Erhebung von Lehrervorstellungen nachgegangen wird, lautet: Wie hängen verschiedene Bereiche unterrichtsbezogener Vorstellungen und epistemologischer Überzeugungen mit dem Antwortverhalten in der situierten Erhebung zum Beweisen und Argumentieren zusammen?

 

Ein weiterer spezieller Fokus der Begleitforschnung von MuBiL betrifft die Vorstellungen der Lehrerinnen und Lehrer von Unterrichtsqualität.

Ziel ist es, in diesem Bereich zu untersuchen, worin die Probanden beobachtbare Merkmale von Unterrichtsqualität sehen und inwiefern diese Merkmale den Grunddimensionen von Unterrichtsqualität (Klieme, 2002; Clausen, Reusser & Klieme, 2003) zuzuordnen sind. Erste Forschungsergebnisse zu diesen Fragen liegen bereits vor (Kuntze, 2004).

 

Ein weiterer Schwerpunkt der Begleitforschung von MuBiL besteht in einer Akzeptanzstudie zur Themenstudienmethode im Mathematikunterricht. Hier soll erkundet werden, wie Mathematiklehrerinnen und -lehrer Themenstudienarbeit einsetzen, und welche Vorstellungen sie mit dieser Lernumgebung verbinden, die sie im Rahmen von MuBiL kennen lernten und erprobten.

 

 

 

Literatur

Bromme, R. (1997). Kompetenzen, Funktionen und unterrichtliches Handeln des Lehrers. In F. Weinert (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie: Psychologie des Unterrichts und der Schule (S. 177-212). Göttingen: Hogrefe.

Clausen, M., Reusser, K. & Klieme, E. (2003). Unterrichtsqualität auf der Basis hoch-inferenter Unterrichtsbeurteilungen: Ein Vergleich zwischen Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Unterrichtswissenschaft, 31 (2), 122-141.

Grigutsch, S., Raatz, U. & Törner, G. (1995). Mathematische Weltbilder bei Lehrern. Gerhard-Mercator-Universität Duisburg Gesamthochschule. Schriftenreihe des Fachbereichs Mathematik. Preprint Nr. 296.

Klieme, E. (2002). Was ist guter Unterricht? Ergebnisse der TIMSS-Videostudie im Fach Mathematik. In W. Bergsdorf et al. (Hrsg.), Herausforderungen der Bildungsgesellschaft. [4. Ringvorlesung der Universität Erfurt] (S. 89-113). Weimar: RhinoVerlag.

Klieme, E. & Ramseier, E. (2001). The Impact of School Context, Student Background, and Instructional Practice. Vortrag auf der Tagung der EARLI, Fribourg, Schweiz.

Kuntze, S. (2004). Vorstellungen von Mathematiklehrerinnen und -lehrern zur Unterrichtsqualität - Erste Ergebnisse der Begleitforschung des binationalen und videobasierten Fortbildungsprojekts „MuBiL“. In A. Heinze & S. Kuntze (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2004. Hildesheim: Franzbecker.

Leinhardt, G. & Greeno, J. (1986). The cognitive skill of teaching. In Journal of Educational Psychology 78, 75-95.

Lipowsky, F., Thußbas, C., Klieme, E., Reusser, K. & Pauli, C. (2003). Professionelles Lehrerwissen, selbstbezogene Kognitionen und wahrgenommene Schulumwelt - Ergebnisse einer kulturvergleichenden Studie deutscher und Schweizer Mathematiklehrkräfte. Unterrichtswissenschaft, 31 (3), 206-237.

MacGivers, Stipek & Bogard, (1993).

Reiss, K.; Hellmich, F. & Thomas, J. (2002). Individuelle und schulische Bedingungsfaktoren für Argumentationen und Beweise im Mathematikunterricht. In M. Prenzel & J. Doll (Hrsg.), 45. Beiheft zur Zeitschrift für Pädagogik (S. 51-64). Weinheim: Beltz.

Shulman, L. (1986). Paradigms and research programs in the study of teaching: A contemporary perspective. In M. Wittrock (Hrsg.), Handbook of research on teaching (S. 3-36). New York: Macmillan.

Stern, E. & Staub, F. (2000). Mathematik lehren und verstehen: Anforderungen an den Unterricht. In: E. Inckermann, J. Kahler & A. Speck-Hamdan, Sich Lernen leisten. (S. 90-100). Neuwied: Luchterhand.

 

1 gefördert durch die Robert-Bosch-Stiftung