Das binationale und videobasierte Lehrerinnen- und Lehrerfortbildungsprojekt „MuBiL“1

Sebastian Kuntze

 

Zusammenfassung / Abstract: In diesem Beitrag wird ein Überblick über die Struktur des binationalen und videobasierten Lehrerinnen- und Lehrerfortbildungsprojekt „MuBiL“ gegeben, dessen Interventionsphase nun abgeschlossen ist. Dieses von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Projekt verfolgte ein mit der Unterrichtspraxis der teilnehmenden Mathematiklehrerinnen und -lehrer verzahntes und auf verschiedene Bereiche des Mathematikunterrichts ausgerichtetes Konzept. So wurde etwa einerseits das konkrete Handeln von Lehrpersonen im Klassenzimmer anhand von Unterrichtsvideos diskutiert, andererseits entwickelten die Teilnehmenden schüleraktivierende Unterrichtsmaterialien und erprobten entsprechende Unterrichtsformen. Besonders lebendig wurde die Arbeit in diesen Bereichen des Fortbildungsprojekts durch die binationale Ausrichtung des Projekts.

An das Projekt angegliedert ist eine umfangreiche Begleitforschung, die unter anderem der Evaluation der Fortbildungsreihe dient.

 

 

Das Lehrerinnen- und Lehrerfortbildungsprojekt „MuBiL“ - Rahmendaten

 

MuBiL“ ist ein von der Robert-Bosch-Stiftung gefördertes Lehrerinnen- und Lehrerfortbildungsprojekt, das von Mathematikdidaktikerinnen und Mathematikdidaktikern der Universität Augsburg und der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz in Luzern konzipiert und umgesetzt wurde. Antragsteller des Projekts sind auf Seiten der Universität Augsburg Kristina Reiss und Sebastian Kuntze, der Kooperationspartner für „MuBiL“ an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz ist Reinhard Hölzl.       
Das Fortbildungsprojekt richtete sich an Teams von Mathematiklehrerinnen und -lehrern an Gymnasien. Insgesamt waren Lehrerinnen- und Lehrerteams von 14 bayerischen und Schweizer Schulen vertreten.

 

MuBiL erstreckte sich mit einer Serie von drei Fortbildungswochenenden über das ganze Schuljahr 2003/2004. Die etwa 50 teilnehmenden Gymnasiallehrerinnen und -lehrer verteilten sich auf drei parallelisierte Gruppen. Insgesamt fanden sechs dreitägige Termine in Tagungshotels statt, zu denen eine bzw. zwei dieser Gruppen eingeladen wurden. Im Verlauf des Fortbildungsprojekts erörterten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Schweiz und aus Deutschland gemeinsam mögliche Verbesserungen des Mathematikunterrichts und hatten Gelegenheit, diese in ihrer Unterrichtspraxis zu erproben. Die Arbeit in den Lehrerteams war neben dem Erstellen und Einsetzen von schüleraktivierenden Unterrichtsmaterialien auf die Auseinandersetzung mit Unterrichtsvideos ausgerichtet. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete dabei das Argumentieren und Beweisen in der Geometrie (Kuntze, 2003a; Reiss, Hellmich & Thomas, 2002). Ziel der Arbeit mit den Unterrichtsvideos war es insbesondere, ein Bewusstsein für in der aktuellen Forschung betrachtete Fokusbereiche von Unterrichtsqualität (vgl. hierzu Klieme, 2002; Clausen, Reusser & Klieme, 2003) zu schaffen und diesbezügliche, gemeinsam erarbeitete Verbesserungsmöglichkeiten im Mathematikunterricht zu erproben. Die in MuBiL gewählten Fokusbereiche für die Diskussion von Lehrerhandeln im Mathematikunterricht waren die der „kognitiven Aktivierung“, des „argumentativen Gehalts des Unterrichtsgesprächs“ und des „Lernens an Fehlern“ (vgl. Kuntze, 2004).

 

 

Ein neues Format von Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung

 

Das Verzahnen der Unterrichtspraxis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Fortbildung war ein zentrales Ziel von MuBiL. Eine Voraussetzung dafür, dass eine derartige Verzahnung gelingen kann, ist ein Eingehen auf vorhandene professionelle Strukturen der Lehrerinnen und Lehrer. Die folgenden vier Komponenten von professionellen Strukturen können unterschieden werden:

 

         berufsbezogene kognitive Strukturen (z.B. Wissen, Überzeugungen)

         handlungsbezogene Strukturen (z.B. praktische klassenraumspezifische Fähigkeiten, Gewohnheiten)

         logistische Strukturen (z.B. dem Lehrer zur Verfügung stehende Materialien, Medien)

         berufsbezogene affektive Strukturen (z.B. persönliche motivationale Bedingungen, Zufriedenheit mit dem Beruf)

 

Das Fortbildungsprojekt MuBiL konzentrierte sich auf die Unterstützung der professionellen Strukturen der teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer in den ersten drei dieser Komponenten. Aus diesem Grund wurden inhaltlich die drei Bereiche „Lehrerverhalten“, „Unterrichtsformen“ und „Unterrichtsmaterialien“ in den Mittelpunkt der Fortbildungsangebote von MuBiL gestellt. Während der erste Bereich das konkrete Lehrer(innen)handeln in Standardsituationen zum Inhalt hatte, dienten die Bereiche „Unterrichtsformen“ und „Unterrichtsmaterialien“ der Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer und ihrer Unterstützung auch durch schüleraktivierende Materialien. In allen drei Bereichen wurde eine Verzahnung der Fortbildung mit der Unterrichtspraxis angestrebt.

 

Eine Voraussetzung dafür war der zeitlich-organisatorische Rahmen der Veranstaltung. Das Fortbildungsprojekt bestand aus einer Serie von drei über das Schuljahr verteilten Wochenenden. In den Zwischenphasen konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fortbildungsergebnisse im Unterricht erproben und eigene Erfahrungen wieder in die Fortbildung einbringen.

Es sei angemerkt, dass der äußere Rahmen dieses Fortbildungsformats in der Regel nicht jenseits der Möglichkeiten staatlicher Fortbildungsprogramme liegt: Betrachtet man etwa einwöchige Fortbildungslehrgänge in den Fortbildungsakademien der Bundesländer, so ist insgesamt eine in etwa vergleichbare Fortbildungsdauer festzustellen.

 

Die Verzahnung der Fortbildung mit der Unterrichtspraxis erstreckte sich auch auf die inhaltliche Gestaltung von MuBiL. So bot der Einsatz von Unterrichtsvideos eine gute Möglichkeit, konkrete Unterrichtssituationen zu diskutieren. Diese situierte Sichtweise sollte den Aufbau handlungsrelevanten Wissens der Lehrerinnen und Lehrer anregen und unterstützen. In einem zweiten Schritt wurden in die Arbeit mit Unterrichtsvideos auch Aufzeichnungen aus dem Unterricht der teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer einbezogen. Im Laufe des Fortbildungsprojekts wurden von etwa einem Drittel der Teilnehmer eigene Videoausschnitte eingebracht und diskutiert.

 

Neuartig waren auch die Lernumgebungen, zu denen von den Lehrerinnen und Lehrern Materialien ausgearbeitet und im eigenen Unterricht erprobt wurden. Bei der zugrunde liegenden Unterrichtsmethode handelte sich dabei um so genannte Themenstudienarbeit (vgl. Kuntze, 2003b, im Druck), eine metabegrifflich ausgerichtete und rohmaterialienbasierte Unterrichtsumgebung, die auf einer sprachlichen Herangehensweise an mathematische Inhaltsbereiche aufbaut.

 

Ein weiteres Ziel des Fortbildungsprojekts war es, Formen der Kooperation zwischen den Fachkolleginnen und Kollegen anzuregen. Erfahrungen in dem BIQUA-Projekt von I. Parchmann und C. Gräsel (vgl. http://www.ipn.uni-kiel.de/abt_chemie/ChiK/index.htm) deuten darauf hin, dass es außerordentlich schwierig ist, eine solche Kooperation zwischen Lehrerinnen und Lehrern durch Fortbildungsmaßnahmen anzuregen. Erkenntnisse zu der Frage, inwiefern solchen Schwierigkeiten durch das Format des Fortbildungsprojekts eventuell begegnet werden konnte, dürften sich aus der Begleitforschung von MuBiL ergeben.

 

 

 

Literatur

Clausen, M., Reusser, K. & Klieme, E. (2003). Unterrichtsqualität auf der Basis hoch-inferenter Unterrichtsbeurteilungen: Ein Vergleich zwischen Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Unterrichtswissenschaft, 31 (2), 122-141.

Klieme, E. (2002). Was ist guter Unterricht? Ergebnisse der TIMSS-Videostudie im Fach Mathematik. In W. Bergsdorf et al. (Hrsg.), Herausforderungen der Bildungsgesellschaft. [4. Ringvorlesung der Universität Erfurt] (S. 89-113). Weimar: RhinoVerlag.

Kuntze, S. (2003a). Wie beteiligen Lehrer ihre Schüler an Beweisen im Geometrieunterricht? Erste Ergebnisse einer Auswertung videografierter Unterrichtsstunden. In W. Henn (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2003 (S. 373-376). Hildesheim: Franzbecker.

Kuntze, S. (2003b). Themenstudienarbeit im Mathematikunterricht als Vorbereitung auf die Facharbeit. Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht (MNU), Jg. 56, Heft 8. 490-495.

Kuntze, S. (2004). Vorstellungen von Mathematiklehrerinnen und -lehrern zur Unterrichtsqualität - Erste Ergebnisse der Begleitforschung des binationalen und videobasierten Fortbildungsprojekts „MuBiL“. In A. Heinze & S. Kuntze (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2004. Hildesheim: Franzbecker.

Kuntze, S. (im Druck). Schülerinnen und Schüler reflektieren, beurteilen und präsentieren mathematische Themen - Die Themenstudienmethode im gymnasialen Mathematikunterricht. 9. Tagung zur Allgemeinen Mathematik. Darmstadt.

Reiss, K.; Hellmich, F. & Thomas, J. (2002). Individuelle und schulische Bedingungsfaktoren für Argumentationen und Beweise im Mathematikunterricht. In M. Prenzel & J. Doll (Hrsg.), 45. Beiheft zur Zeitschrift für Pädagogik (S. 51-64). Weinheim: Beltz.

 

1 gefördert durch die Robert-Bosch-Stiftung