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Prof. Dr. Harald Vogel, Gründer und Leiter des Lit-Cafés von 1984-2007

WIE ALLES BEGANN...


Ein denkmal- und feuerpolizeilich geschützter Flurleerraum, der um einen vom Tageslicht abgeschotteten Hörsaal gruppiert war, sollte mit seiner Glas- und Betonfaszination die Studierenden zu einer flanierenden Entspannung animieren, da außer Holzblumenbänken ohne Pflanzengrün keine glaskäfigbelebenden Requisiten existierten. Diese kafkaeske Räumlichkeit also animierte mich 1984, mit der Fachschaft Deutsch eine bescheidene hochschulrevolutionäre Aktion zu starten:

Eine dieser freien Glasbetonflurecken im l. Stock des L-Gebäudes wurde mit Sperrmüllkostbarkeiten (Sofas und Sesseln etc.) und mit in der [Eglosheimer] Nachbarschaft gespendeten Pflanzenkübeln ausgestattet. Begabte Studenten des zweiten Bildungsweges, die nach ihrer Handwerkerqualifikation über die berühmte »Eignungsprüfung« die Studienqualifikation an der Pädagogischen Hochschule erlangt hatten, bastelten zum Teil mit den Hausmeistern (erlaubt oder unerlaubt, es blieb unaufgeklärt) ein paar Holzpodeste und Kunststudenten beklebten und verdunkelten die denkmalgeschützte Glasfront - und siehe da: mit einer Kaffeemaschine, Sammeltassen und »erworbenem« Cafeteriageschirr wagte sich diese Ecke als »Literatur-Cafe« der Fachschaft Deutsch zu etikettieren.

Helles Entsetzen, skeptisches Kopfschütteln, neugieriges Beschnuppern und engagiertes Nachfragen erlebte diese »Schmuddelecke«. Nachdem sich das Podium literarisch mit Künstlern der Kleinkunstszene aus ehemaligen Esslinger Seminarkontakten belebte, fand diese Hochschulkuriosität einen unerwarteten Zuspruch, auch für »Kulturfreaks« aus der Stadt. Nachdem sogar etablierte Künstler mit reduzierten Gagen finanziert werden konnten: u. a. Uli Keuler, Thomas Felder, Christoph Stählin, Gerd Schinkel, Wolfgang Höper, Eva Vargas, die Galgenstricke, Thaddäus Troll, Peter Härtling, Johannes Poethen, Anne Birk, Peter Bichsel, Hilde Domin, kam Presse und es wurden auch ein paar Hochschullehrer gesichtet.

Nachdem die Papierbahnen durch Stoffbahnen an den Fenstern ersetzt waren, die Sperrmüllsofas auf eine hygienische Auswahl reduziert, Seminarbestuhlung dazu kam und aufgrund der engagierten Förderung des Projekts durch den Verein der Freunde der Pädagogischen Hochschule das Geschirrspülritual aus dem WC-Waschraum an eine gesponserte Theke verlagert werden konnte, gab es tolerante Absicherung dieses improvisierten Literatur Cafes seitens des Rektors, des Senats und sogar des Hochbauamtes.

Besonders in der Zeit anhaltender Lehrerarbeitslosigkeit und zurückgehender Studierendenzahlen florierte das Literatur-Cafe, lockte junge unbekannte Künstler und auch Ludwigsburger Publikum. Foyergestaltung und Bühnenlicht sowie Trennstellwände vervollständigten langsam die Raumwirkung. Die PH-Abteilung des Ministeriums, die einen Besuch abstattete, begann bescheiden, aber regelmäßig das Projekt zu fördern. Manchmal denken wir nostalgisch an die studentische Neugier und das Besucherengagement der Gründerjahre, wenn bei der stark gestiegenen Deutschlehrerstudierendenzahl die Besucherquote heutzutage lahmt, wenn nicht bekannte Künstler oder Bewegungskunst locken. Aber auch hier warten wir geduldig auf eine der sich immer schneller einstellenden Trendwenden.

Wer das heute neu platzierte Literatur-Cafe, nach den Umbaumaßnahmen im Luftgeschoss (L-Gebäude I. Stock), aufsucht, wird eine perfekte Verdunkelung, neue Möblierung, Bühneninstallation und demnächst eine neue Theke entdecken, dessen Komplettierung durch eine neue Foyerausstattung angestrebt wird. Eine Hoffnung ist mit dieser Renovierung auch verbunden, dass ein schonenderer Umgang mit dieser weiterhin ungeschützten Kultur- und Kommunikationsnische der Pädagogischen Hochschule gepflegt wird.

Aus der so genannten Nische ist mittlerweile ein Kommunikations-, Freiarbeits- und Veranstaltungsbereich geworden, der aus dem kulturellen und sozialen Raumhaushalt der Hochschule nicht mehr wegzudenken ist und der zu den verschiedensten Aktivitäten animiert - bis jetzt immer noch aufopfernd betreut von der Fachschaft Deutsch in Koordination mit dem Institut für Sprachen, in deren Auftrag ich an der Weitergestaltung engagiert bin.
Der so genannte Bühnenraum aktivierte aber auch zu einer theaterproduktiven Initiative, die ich mit der Gründung des »Podiumtheaters im Literatur-Cafe« offerierte, um mit diesem Literaturbrettl auch eine Brücke zum Spiel- und Theaterpädagogikstudiengang vor allem im Erweiterungsstudienfach für Lehramtsstudierende zu institutionalisieren.

Aus: Harald Vogel (2001): »Podiumtheater«, »Literatur-Café«, »Werkstatt Lyrik«, »Lyrik-Bühne«: Hochschuldidaktische Wege in den öffentlichen kulturellen Raum. In: W. Heinrichs/ A. Klein (Hrsg.): Deutsches Jahrbuch für Kulturmanagement 2000. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 206-208

 

 




Fotos: Anne Kessmeyer

EIN GRÜNDUNGSMITGLIED BERICHTET

 

[Nach dem Besuch im Literatur-Café im Rahmen einer Lehrerfortbildung schrieb mir Anne Kessmeyer eine Mail]:

Mit großer Freude habe ich von meinen diversen ISP-Studierenden hören dürfen, dass es das von uns einst ins Leben gerufene Lit-Café immer noch gibt! Beim anschließenden Googlen war ich von seinem aktuellen Stellenwert und Programm sehr beeindruckt.
 
Jetzt, im Rahmen einer FoBi, konnte ich mir einen eigenen Eindruck verschaffen und war voller Freude, einmal im Leben etwas mit angestoßen zu haben, das Wirkung und Bestand zeigt - politisch/gesellschaftlich gesehen meine ich damit. 
 
Angeblich gäbe es bedauerlicherweise keine Bilder aus der Gründungszeit, so hörte ich, weswegen ich einige Abzüge aus meinem Foto-Album (!) vorbei brachte und sie den jungen Leuten im LitCafé übergab.

Die Fachschaft Deutsch lag 1983 im Argen und es war die damalige Dozentin Ingelore Oomen-Welke, die uns zur Minna machte, weswegen wir so jammerten, wir hätten doch auch nichts zu bieten, nicht einmal ein Literatur-Café gäbe es hier.

Das traf uns hart und begleitet von Harald Vogel nahmen wir die Herausforderung an und konnten mit einer Lesung des HuS Dozenten Frieder Stöckle [gest. 2015] am 19.12.1983 das Literatur-Café feierlich eröffnen.

Unsere vordersten Kämpfer waren Hans-Peter Brugger und Monica Lesny (heute Lesny-Ruoff), die auch auf, bzw. vor der Leiter zu sehen sind.

Pit Brugger ist heute Rektor in Neckarsulm, Moni am Seminar für Lehramtsanwärter in Stuttgart.
Auf halber Höhe steht Bernhard Bleil, heute ebenfalls Rektor am SBBZ Lernen in Eglosheim und in der Lehrerbildung tätig, nicht auf dem Bild, aber ebenfalls aktiv: Annette Conrad Bleil, heute Rektorin in Ingersheim.

Mit den langen, blonden Haaren steht ein ehemaliges Fachschafts-Mitglied neben der Leiter, das der PH auch heute noch verbunden ist: Claudia Crämer, die als akademische Oberrätin im Förderschwerpunkt Sprache für die Sonderpädagogik tätig ist.


Auf der anderen Seite der Leiter stehe ich, damals Anne Bihr, jetzt Kessmeyer. Aus mir und Ralf Mohrbacher wurde nix Besseres als Lehrer, mit den Lehramtsanwärtern und ISP-Praktikanten zu arbeiten, bereitet mir viel Spaß. Die letzte Person vom 'Leiter-Bild' ist Brigitta Neher.


Nicht zu sehen, aber sehr engagiert war auch Angelika Tschiggfrei, heute Tschiggfrei-Christof, die das SBBZ Lernen, die Seelachschule in Stgt Weilimdorf leitet und auch seit Jahren für das SSS arbeitet.

 

Zum Bild vor der Glas-Trennwand kann ich noch kurz auf die Herren im Gespräch verweisen: die Dozenten Fingerhut und Ossner [rechts daneben: Jutta Pilz-Gruenhoff], sowie auf die interessiert nach vorne schauende blonde Frau mit Brille weiter vorne im Publikum, die besagte Dozentin Frau Ingelore Oomen-Welke - alle 3 natürlich aus dem Fachbereich Deutsch.

Anne Kessmeyer im April 2018 [ga 4/18]

Dr. Michael Gans, Hochschulbeauftragter für das Lit-Café seit 2007

WAS DANACH GESCHAH...


Die Umsetzung geltender Brandschutzbestimmungen machte 2007 umfangreiche Umbaumaßnahmen im Gebäude 1 (vormals "L-Gebäude") der PH erforderlich. Anfänglich sahen wir das Projekt "Lit-Café" gescheitert: die ersten Planungen sahen eine "Glas-Einsargung" des bestehenden Bühnen- und Zuschauerbereiches vor - ohne die abzutrennenen Fluchtwege ein 6 Meter schmaler Schlauch. Not macht erfinderisch und wir gingen in die planerische Offensive: die Bühne drehen, einen Technik- und Garderobenraum schaffen, die Theaterbeleuchtung erneuern, eine Tonanlage und die Elektrik neu installieren, eine Entlüftung montieren, den Raum mit Glas- und Türelementen abschließen und neu bestuhlen, zusätzliche Rundbänke und -tische im Foyerbereich aufstellen. Hochbauamt und Hochschule zeigten sich äußerst kooperativ und so konnten wir Harald Vogel im November 2007 im umgebauten Ambiente einen gebührenden Abschied bereiten.

Im Februar 2008 trat zum ersten Mal der "Kulturbeirat Literatur-Café" zusammen und plante das Veranstaltungsprogramm für das kommende Semester. Kulturschaffende und -interessierte aus verschiedenen Instituten und Institutionen der Hochschule tragen seitdem zu einem abwechslungsreichen und niveauvollen Programm auf der Bühne des Lit-Cafés bei. Im Wintersemester 2008/2009 gelang es zum ersten Mal, an jedem Dienstag der Vorlesungszeit ein Abendprogramm zu präsentieren: Konzerte, Lesungen, Kabarettprogramme, Improvisationstheater, Filmvorführungen, Podiumdiskussionen, Poetry Slam, Buchvorstellungen....

Das Lit-Café ist inzwischen die "gute Stube" der PH geworden: zahlreiche Empfänge, Festakte, Verabschiedungen, Abschlussfeiern werden hier veranstaltet, Workshops und Seminare angeboten und in den freien Öffnungszeiten finden Ruhesuchende hier eine entspannte, gemütliche Atmosphäre zum Ausspannen oder konzentrierten Arbeiten. Die Fachschaft Deutsch stillt in den Mittagspausen den Kaffeedurst.
Liebevoll gepflegte Pflanzen und Wechselausstellungen an den Wänden runden das Erscheinungsbild ab.

Für 2009 hatte der AStA eine Aufstockung seines Kulturetats beantragt, die dem Lit-Café finanzielle Spielräume für die Programmgestaltung eröffnete. Eine neue, größere Kaffeemaschine ist in den Mittagspausen im Dauereinsatz... Im Sommer 2009 wurde endlich das sehnsüchtig erwartete Türelement neben der Theke montiert, sodass die Frischluft der Deckenheizung Paroli bieten und im Sommer der Freibereich an der Westseite mit genutzt werden kann. Zudem soll ein Kühlelement im Lüftungssystem für erträgliche Raumtemperaturen sorgen.

2010 konstitutierte sich ein PH-weiter Kulturbeirat, ein für alle Hochschulangehörigen offenes Gremium, das seitdem die verschiedenen und vielfältigen Kulturinitiativen der PH koordiniert und kulturelle Belange innerhalb der Hochschule erörtert und deren Interessen vertritt. Veranstaltungen sollen gemeinsam beworben, die Kultur innerhalb der PH insgesamt gestärkt und vernetzt werden. Im Sommer wurde Michael Gans vom Senat zum Kulturbeauftragten gewählt, der das Gremium leitet und interner und externer Ansprechpartner in kulturellen Fragen ist. Auch 2010 wurde der AStA-Kulturetat für die Programmgestaltung im Literatur-Café durch Mittel aus Studiengebühren aufgestockt. Ende Februar beriet der Kulturbeirat über das Programm im Sommersemester. Es wurde an jedem Dienstagabend eine Veranstaltung präsentiert. Weitere Kooperationspartner sorgten für ein dichter und größer werdendes Netzwerk infrage kommender Veranstaltungen. Neue Formate wurden ausprobiert und das Programm in einem übersichtlichen Folder beworben. Im Verlag der Pädagogischen Hochschule wurden die ersten Bände der "Edition Literatur-Café" herausgebracht. Ergebnisse aus Textwerkstätten oder indviduellen literarischen Schreibprojekten haben so die Möglichkeit in einer kleinen Auflage mit ISBN-Nummer publiziert zu werden.

2011 wuchs die Zahl der kulturellen PH-Veranstaltungen nicht nur im Literatur-Café weiter an. Die Fachschaft Deutsch unterstützte den Kulturbetrieb im Lit-Café personell, finanziell und ideell in sehr löblicher Weise. Einige Mitglieder der Fachschaft sind auch Mitglieder des Lit-Café-Teams, was die enge und gute Zusammenarbeit beider Gruppen sehr erleichtert. Im Februar wurde erstmals ein "Science-Slam" durchgeführt, an dem Wissenschaftler der Hochschule teilnahmen. Im Sommer gab es im Rahmen des zweiten Lernfestivals an der PH ein buntes Abendprogramm im Literatur-Café. Einige Veranstaltungen wurden von Campus TV aufgezeichnet, Artikel erschienen im Online-Magazin imPHuLs, Radiobeiträge in HoRadS - die PH-eigene Medienberichterstattung funktionierte ganz ausgezeichnet. Die Kühlanlage leistet inwzischen erfreulich gute Dienste...

Die Jahre 2012 bis 2016 standen ganz im Zeichen der Generalsanierung von Gebäude 1. Auch das LC wurde umgebaut (verkleinert), bekam eine neue Elektro-Installation, eine neue Heizung und einen neuen Notausgang auf die Terrasse.

ga 04/16

 

 

 

WIE ES WEITERGEHT...

 

Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten im April 2015 stand das etwas verkleinerte Literatur-Café wieder für Veranstaltungen zur Verfügung. Die Lichttechnik wurde erneuert und eine neue Theke installiert. Für größere Veranstaltungen in Hörsaal 1.201 fungiert das LC als Foyer. Die abgegebenen Quadratmeter sind Teil des neu entstandenen Arbeits- und Aufenthaltsraums für Studierende, der lebhaft frequentiert ist. Vor dem LC gibt es mehrere Regale für eine Bücher-Tauschbörse. Die Fachschaften Deutsch, Sonderpädagogik, Islamische Theologie/Religionspädagogik und Kultur- und Medienbildung bieten in den Mittagspausen Kaffee auf Spendenbasis an.

Die erfolgreiche Arbeit im Literatur-Café hat ihren Preis, der weiterhin durch eine Mischfinanzierung aus Mitteln der Hochschule und der Verfassten Studierendenschaft (VS) beglichen wird.

Die Ausstattung von Hörsaal 1.201 zum Multifunktionsraum mit Licht-, Ton- und Bühnentechnik ist vollzogen. Damit stehen für Veranstaltungen bis 100 Zuschauer das Literatur-Café, für Veranstaltungen bis 300 Zuschauer der Hörsaal 1.201 und für Großveranstaltungen die Aula zur Verfügung.

(Stand April 2018)

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