DE  |  EN

<h2>                                                                                                                    Dr. Thomas Breuer</h2>

„Es muss doch mehr als alles geben.“

Von der Sehnsucht nach dem ganz Anderen [1]

 

 „Sehnsucht heißt das alte Lied der Taiga“, sang in meiner Jugend Alexandra mit ihrer unvergessenen Stimme, die mir nicht mehr aus dem Ohr ging. Ob es an dieser Nähe zur populären Musik liegt, dass die Sehnsucht in theologischen Lexika keinen Platz findet zwischen dem Segen und dem Sein?

 

Letzten Mittwoch (18.04.01) brachte die ARD einen Film mit dem Titel „Der Preis der Sehnsucht“. Thema: Eine Frau in reiferem Alter, eine geschiedene Ärztin, mietet sich einen Callboy und verliebt sich in diesen. Als die Schwiegertochter gleichgerichtete Begierden offenbart, kommt es zum erbitterten Kampf der beiden Frauen. Kurzkommentar meiner Fernsehzeitschrift: ein „Stück mit Rühr-Faktor 10“.

 

Ist die Sehnsucht etwas Rührseliges? Hat sie nur zu tun mit „Herz, Schmerz und dies und das“? Ist sie nur etwas für Menschen mit einer Überdosis Sentimentalität? Vielleicht gar für Leute, die nicht alle Sinne beieinander haben? Für Traumtänzer, die sich nicht den Realitäten des Lebens stellen?

 

„Wat braucht der Mensch schon zum Leben? Glotze schauen, n’ bisschen Bumsen, n’ bisschen Anerkennung. Det is alles.“, sagt Rocchigiani, der sich ansonsten durch das Leben boxt.

 

Ist der Mann mit seiner Anspruchslosigkeit nun zu beneiden oder zu bedauern?

 

Mir scheint, eine solche Haltung offenbart nicht nur eine für einen Sportstar fast schon sympathische Bescheidenheit, sondern schließt auch ein gewisses Maß an Resignation und Unterwerfung in die natürlichen Notwendigkeiten ein. Offenbar ist ein Mensch wie Rocchigiani relativ leicht zufrieden zu stellen. Er wirkt in einem bestimmten Sinn vernünftig, weil er sich mit den Realitäten abfindet und große Ziele erst gar nicht ersehnt.

 

Trotzdem, es gelingt mir nicht, Rocchigiani für seine realitätstüchtige Haltung zu beneiden. Ich halte mich lieber an die österreichische Poetin Marie von Ebner Eschenbach; sie sagt: „Nenn dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind, nenne dich arm, wenn du nie geträumt hast.“

 

Oder an Wolf Biermann, der in einem bekannten Lied singt:

 

Das kann doch nicht alles gewesen sein,

das bisschen Sonntag und Kinderschrein,

das muss doch noch irgendwo hingehn, hingehn.

Die Überstunden, das bisschen Kies.

Und abends inne Glotze: das Paradies.

Darin kann ich noch keinen Sinn sehn, - Sinn sehn.

Das soll nun alles gewesen sein.

Da muss doch noch irgendwas kommen.

Nein, da muss noch Leben ins Leben – Leben ...

 

Da muss noch Leben ins Leben! Ich möchte leben - und nicht nur gelebt werden.

 

Es geht um den Hunger nach gelingendem Leben. Es geht um den Hunger nach Vertrauen und Zuneigung, um den Hunger nach Sinn. Ein Buchtitel von Dorothee Sölle lautet: "Es muss doch mehr als alles geben."

Es muss doch mehr als alles geben! Mehr als Essen und Trinken, mehr als Reichtum und Ansehen, mehr als alles, was wir uns in unserem gesellschaftlichen System von Leistung und Gegenleistung erwirtschaften können.

 

Sehnsucht ist Ausdruck einer Suche, eines Mangels. Man vermisst etwas, ohne es womöglich richtig zu kennen oder benennen zu können. „Ich denke dies und denke das, ich sehne mich, und weiß nicht recht nach was“, heißt es in einem Gedicht Eduard Mörikes.

 

Der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky, ehemaliger Mönch und nun schon viele Jahre der Ehemann von Dorothee Sölle, sagt es so:

Etwas vermissen, das ist eine große Fähigkeit des Menschen. Nicht so dickärschig abgefunden zu sein. Dass der Mensch weiß, er ist hier nicht endgültig zu Hause. Selbst wenn es nur für Stunden oder Minuten ist, das Gefühl, es steht noch etwas aus, die Lahmen gehen noch nicht, die Blinden sehen noch nicht, die Tränen sind noch nicht abgewischt. Also man braucht mehr als dem Menschen hier gegeben ist.“

 

Die Sehnsucht erinnert einen daran, dass es noch etwas Anderes gibt als das, was man gerade erlebt. Tief im Menschen lebt eine Art Traum vom Paradies, wo er sich ganz und geborgen fühlt. Die Sehnsucht zu spüren macht einerseits glücklich, weil man sich mit ihr träumend der Vollkommenheit nähern kann. Doch sie wird auch als schmerzlich empfunden, weil man sich vom Ziel noch so weit entfernt fühlt. Wenn man sich ganz in ihr verliert, kann sie eine Art Krankheit sein, die zum Tode führt. „Ich sterbe vor Sehnsucht!...“ Der Sehnsüchtige geht an seiner Sehnsucht zugrunde.

 

Doch auch in ihren nicht pathologischen Formen hat die Sehnsucht nicht nur mit Lust, sondern auch mit Leiden und Schmerz zu tun. Hören wir Johann Wolfgang von Goethe:

 

Nur wer die Sehnsucht kennt,

Weiß was ich leide!

Allein und abgetrennt

Von aller Freude,

Seh ich ans Firmament

Nach jener Seite.

Ach! Der mich liebt und kennt,

Ist in der Weite.

Es schwindelt mir, es brennt

Mein Eingeweide.

Nur wer die Sehnsucht kennt,

Weiß, was ich leide.

<h2> </h2>

Die Sehnsucht: ein glühendes und ziehendes Gefühl, ein inniges und schmerzliches Verlangen.

Die Sehnsucht ist ein Spannungszustand. Gespannt wie ein Bogen mit bebender Sehne. Hier sein und dorthin wollen. Gleichzeitig.

 

In der Sehnsucht, in der ganz tiefen Sehnsucht, steckt eine tiefe Traurigkeit. Für mich kommt dies nirgendwo besser zum Ausdruck als in der Musik des Flamenco.

Seine Wiege ist Andalusien, der viele Jahrhunderte von den Arabern beherrschte Süden Spaniens. Der Flamenco vereint Elemente der arabischen und jüdischen Musik, aber auch jener der Urbevölkerung und der spanischen Zigeuner (gitanos). Im Grunde war der Flamenco immer Musik der armen und unterdrückten Minderheiten. Ursprünglich war er purer Gesang, der nur von rhythmischem Klatschen begleitet wurde. Noch heute kann man in Andalusien erleben, wie dieser cante jondo, ein ernster, klagender Gesang, Touristen verstört, die ein lebenslustiges und farbenfrohes Schauspiel erwartet haben. Ganz anders ist es, wenn sich eine Schar von aficionados genannten Anhängern zusammenfindet, die sich mit Klatschen und Anfeuerungsrufen an diesem musikalischen Ereignis beteiligen. Wenn sich dann die richtige Atmosphäre einstellt, kann man erleben, wie die Sänger ihre ganze Sehnsucht in die Welt hinausschreien und die Stiefelabsätze der Tänzer alle Leidenschaft in den Boden stampfen.

 

Keine Sehnsucht also ohne das Gefühl eines Mangels, keine Sehnsucht ohne Schmerz. Ohne Hass und Lieblosigkeit keine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung, ohne Unterdrückung und Krieg keine Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, ohne Einsamkeit und Unbehaustsein keine Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit. Die Sehnsucht hat viele Gesichter. Schauen wir uns einige von ihnen an. Es könnte sich lohnen. Denn schließlich meint die Schriftstellerin Nelly Sachs: „Wenn wir Gott als einen Gott des Lebens glauben, dann könnte die Sehnsucht eine Spur sein, auf der wir ihn finden und uns einen Weg weisen, was denn sein Wille ist: Die Sehnsucht ist eine Stimme Gottes in mir, die er in meine Seele hineingewoben hat.“

 

Fünf menschliche Sehnsüchte möchte ich benennen.

 

Da ist zunächst

<h3 style="margin-bottom:6.0pt;text-align:justify">1. die Sehnsucht nach dem Kick.</h3>

<h3 style="text-align:justify">Je eintöniger der Alltag empfunden wird, je verplanter das Leben in Büro und Haus ist, desto größer wird der Wunsch etwas Besonderes zu erleben. Häusle bauen, Kinder zeugen, Apfelbäumchen pflanzen und im Beruf auf die nächste Beförderung warten, das füllt selbst den Schwaben heutzutage nicht mehr aus. Man möchte etwas erleben. Und da die Erlebnisgastronomie auf Dauer auch nicht alle Bedürfnisse erfüllt, suchen immer mehr nach dem ultimativen Kick. Bungee-Jumping hieß der Trendsetter, der mittlerweile fast schon wieder ein alter Hut ist. Doch je nach Mut, Budget und persönlichen Lebensumständen locken verschiedene Abenteuer. Manche suchen den Nervenkitzel beim Wildwasser-Rafting, andere hängen als Freeclimber oft nur mit einer Hand an senkrechten Felswänden, Paraglider stürzen sich mit Gleitschirmen die Hänge hinab. Entdecker auf Zeit machen Trekking-Touren durch Nepal und Tibet, andere paddeln in Kanus den kanadischen Yukon hinab oder tauchen in der Karibik zu Hai-Schwärmen hinab.</h3>

Die Sehnsucht nach dem wilden Leben sei „ein Mega-Trend“, sagt der Direktor der LTU-Touristik gegenüber dem SPIEGEL, die Entwicklung dieses Marktsegmentes sei „nach oben offen“. 1990 wagte sich nicht einmal jeder zehnte deutsche Tourist auf eine Abenteuerreise, im Jahr 2010 werde, so glauben Freizeitforscher, beinahe jeder dritte im Jahresurlaub nach irgendeiner Art Thrill suchen. Die Tourismusindustrie werde sich, so vermuten Soziologen, zu einer „Erlebnisindustrie entwickeln, die Freiheit von der Stange verkauft“.

Kann diese Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen wirklich „eine Stimme Gottes  im Menschen sein?

Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Denn neben dem Versuch, der Langeweile und dem Leerlauf des Lebens zu entfliehen, kann man in vielen dieser Abenteuer auch die Sehnsucht nach dem Erleben der Natur entdecken. Je mehr wir unsere Landschaft zupflastern, je mehr wir unverbrauchte Natur nur noch in der Bierwerbung nach dem Fußballspiel erblicken, desto mehr zieht es uns in abgelegene Gebiete der Erde, wo die vermeintlich heile Welt noch zu finden ist. Das Einssein mit der Natur, das Einssein mit der Schöpfung, es sucht sich heute neue Bahnen. Nicht alle diese Wege führen zum Ziel. Die Sehnsucht bleibt.

 

Die Kehrseite des Fernwehs ist

2. die Sehnsucht nach Heimat.

Die Sehnsucht nach Heimat kennen nicht nur die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge. Auch wer freiwillig sein Land verlässt und vielleicht gar nicht mehr dort leben will, kennt dieses Gefühl. Nicht immer jedoch bezieht sich die Sehnsucht nach Heimat auf einen konkreten Ort. Die in den 80er Jahren recht bekannte ostdeutsche Liedermacherin Bettina Wegner hat das sehr schön ausgedrückt:

 

Ich
habe Sehnsucht, will fort
und weiß doch keinen Ort
hab nur Heimweh
nach Heimat
wo das auch sein mag.
Heimat
wo das auch sein mag.


Mehr als das Verlangen, an einen bestimmten Ort zurückzukehren, artikuliert sich in der Sehnsucht nach Heimat der Wunsch nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Es ist auch die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, nach dem Zuhause, mit dem sich bestimmte Erinnerungen verbinden. Bei mir sind es z.B. die Erinnerungen an bestimmte Spiele, an das Backen von Weihnachtsplätzchen oder das Naschen vom fertigen Kuchenteig. Es ist übrigens interessant, dass die Auswertung von Feldpostbriefen ergeben hat, dass für die deutschen Soldaten in Stalingrad „Kuchen“ zentrales Objekt ihres sehnsüchtigen Begehrens war. Sehnsucht nach Kuchen – das klingt allzu banal, aber es ist doch klar, dass der Guglhupf Sinnbild war für Zuhause, für das Beisammensein in der Familie, das die meisten von ihnen nie mehr erleben sollten.

 

3. Sehnsucht nach erfüllter Liebe

Ich glaube, in jedem Menschen steckt eine tiefe Sehnsucht nach unbedingter, erfüllter Liebe. Wenn wir verliebt sind, scheint es so, als sei diese Sehnsucht gestillt. Verliebte leben in einer anderen Welt, sie leben im siebten Himmel, nicht hier unten auf der Erde. Sie tanzen den Tanz des Lebens und sind sich selbst genug. Himmelhochjauchzend, niemals betrübt. Niemals betrübt, bis der Rausch zu Ende ist. Und was dann? Manch einer versucht es mit einem neuen Rausch, sprich einer neuen Beziehung, andere arrangieren sich und verlieren jegliche Leidenschaft. Der Fehler scheint mir hier wie dort darin zu bestehen, dass man von einem einzigen Menschen erwartet, er könne ganz allein alle Sehnsucht des Lebens stillen. Das kann kein Mensch. Kein Mensch kann wirklich „mein Ein und Alles“ sein. Damit überfordere ich diesen Menschen. Wir können mit einem geliebten Menschen Augenblicke erfüllter Liebe erleben, wir können in einer dauerhaften Beziehung erfahren, wie wir gehalten werden auch in schwierigen Phasen unseres Lebens, aber wir können den rauschhaften Zustand des Verliebtseins und der ekstatischen Vereinigung nicht für die Ewigkeit konservieren. Die Sehnsucht bleibt – auch in gelungenen Beziehungen. Sich dies einzugestehen, ist keine Entwertung des Partners, sondern eine Entlastung der Beziehung. 

 

4. Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Die Sehnsucht der Menschen nach Gerechtigkeit zeigt sich nicht im Schimpfen über die vermeintlich ungerecht hohen Benzinpreise. Sie offenbart sich im Schrei der Verarmten und Benachteiligten in den Elendsvierteln dieser Welt.

Zwar gibt es auch in Deutschland „eine erhebliche Ungleichverteilung der Vermögen“, wie im neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung festgestellt wird, doch wen regt das hierzulande schon auf? Solidarität ist tatsächlich wieder zu einem Fremdwort geworden und scheinbar ist jeder seines Glückes Schmied. Seit dem Untergang des real existierenden Sozialismus wird jeder, der in Frage stellt, dass der ökonomische Bereich den eigenen Gesetzen des Marktes folgt, die quasi von selbst den größtmöglichen Reichtum aller garantieren, als unverbesserlicher Utopist angesehen, der den Zug der Zeit verpasst hat.

Dennoch ist auch bei uns die Sehnsucht nach Gerechtigkeit nicht völlig erstickt. Wenn der sozialdemokratische Bundeskanzler, auf die Stammtische schielend, davon schwadroniert, dass es kein Recht auf Faulheit gebe und sich damit als Geistesverwandter seines christdemokratischen Vorgängers offenbart, der schon vor Jahren Deutschland als kollektiven Freizeitpark bezeichnete, so wird dies von vielen Menschen angesichts der konstant hohen Arbeitslosigkeit als Frivolität empfunden. Dass die Großen und Mächtigen noch immer ihr Schäfchen ins Trockene gebracht haben, während sich viele Kleine oft vergeblich abstrampeln, wird zwar inzwischen als fast unabänderliches Naturgesetz hingenommen, aber keineswegs begrüßt. Die Hoffnung, „dass es“, wie der Philosoph Max Horkheimer sich ausdrückte, „bei dem Unrecht, durch das die Welt gezeichnet ist, nicht bliebe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge“, bewegt auch heute noch die Menschen.

In unserer Heiligen Schrift wird besonders im Alten Testament auf Schritt und Tritt die bestehende soziale und ökonomische Ungerechtigkeit als nicht im Einklang mit dem Willen Gottes stehend verurteilt. Das Grunddatum der Glaubensgeschichte Israels, der Exodus aus Ägypten, ist von geradezu revolutionärer Kraft. Der Glaube, dass der Gott, der Israel aus dem Sklavenhaus befreit hat, auch fürderhin keine Armut, Unterdrückung und Ungerechtigkeit will, birgt ein enormes Widerstands- und Hoffnungspotential, das vor allem in den prophetischen Schriften immer wieder zum Ausdruck kommt und schließlich in messianischen Sehnsuchtsbildern mündet. Auch im Neuen Testament werden die selig gepriesen, die nach Gerechtigkeit hungern, und auf ihren letzten Seiten entfaltet die Bibel, in der Offenbarung des Johannes, die Vision einer neuen Welt, des himmlischen Jerusalem, von dem es heißt: „Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, kein Mühsal.“

 

 

5. Sehnsucht nach Transzendenz

Wir haben gesehen: Manchmal blitzt etwas auf in unserem Leben, was die Erfüllung unserer Sehnsucht ahnen lässt: eine tiefe Erfahrung von Glück und Freude, etwa in der liebenden Begegnung mit einem anderen Menschen oder bei einem schönen Erlebnis in der Natur: solche Sternstunden sind Momente, in denen wir die Zeit anhalten möchten.

Doch weil wir wissen, dass das nicht geht, stellt sich oft ein Hauch von Melancholie ein. Immer wieder müssen wir schmerzlich erfahren, dass unsere Sehnsucht nicht endgültig gestillt wird, dass unser Glück nicht von Dauer ist.

Menschliche Sehnsucht verlangt nach mehr, nach unendlich mehr. Sie ist unstillbar, nie ganz zu löschen, nie endgültig zu befriedigen. Unsere Sehnsucht ist stets größer als ihre Erfüllung, sie weist hinaus ins Unendliche und Absolute.

 

Nichts in der Welt kann meine Sehnsucht endgültig stillen. Bedürfnisse lassen sich befriedigen, die Sehnsucht nicht. Sie bleibt, solange ich lebe. Leben ist Sehnsucht. Leben ist unruhiges Suchen nach dem ganz Anderen.

 

In der Bibel sind es vor allem die Psalmen, in denen der Sehnsucht nach dem lebendigen Gott in poetisch starken Worten Ausdruck verliehen wird:

 

Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. (Ps 63,2)   

 

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen? (Ps 42,2f)   

 

Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“, formulierte auch Augustinus, dieser große Gottsucher der Spätantike, in einem bekannten Gebet. Und in einem anderen Text schreibt er:

Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das andere, das Fremde. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt, kann ihn niemals ganz erfüllen.

Seine Sehnsucht ist größer. Im Grunde seines Herzens sucht er ruhelos den ganz Anderen, und alle Wege, zu denen der Mensch aufbricht, zeigen ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg ist, ein Pilgerweg zu Gott.“

 

Der Schriftsteller Heinrich Böll hat einmal gesagt, für ihn sei diese innere Unruhe des Menschen ein Art Gottesbeweis. Und er meint, dass wir alle eigentlich fühlen, dass wir hier auf Erden nicht ganz zu Hause sind.

Nein, es geht nicht um Weltflucht und um Verachtung des Humanen. Das wird jedem klar sein, der etwas von diesem unorthodoxen rheinischen Katholiken weiß. Wir dürfen alles Schöne und Gute hier auf Erden genießen. Es ist ein Vorgeschmack auf das Größere, das noch aussteht.

 

 

6. Die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen

Kommen wir noch einmal kurz zurück zu Augustinus und öffnen uns einem weiteren Gedanken. Augustinus hat einmal den Satz geprägt: „Homo desiderium dei“. Die Lateiner unter uns wissen, dass man dies zweifach übersetzen kann: „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“ und: „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes!“ Eine gewagte und faszinierende Vorstellung: Gott sehnt sich nach dem Menschen. Weil Gott Sehnsucht hatte, hat er die Welt, hat er den Menschen geschaffen: „Gott hatte Sehnsucht nach Wesen, die gemeinsam mit ihm lieben“, so drückt es der Franziskanertheologe Johannes Duns Scotus aus.

Gott sehnt sich nach den Menschen: Und der Menschen Sehnsucht ist Gott! Weil wir uns der Sehnsucht eines maßlosen Gottes nach der Schöpfung verdanken, trägt die Schöpfung und in ihr der Mensch eine maßlose Sehnsucht nach Gott in sich.

Die Bibel lässt an vielen Stellen etwas von dieser Sehnsucht Gottes nach dem Menschen durchleuchten. Die bekannteste ist sicherlich jenes lukanische Gleichnis, in dem der Vater sehnsüchtig Ausschau hält nach dem jüngeren Sohn, den die Sehnsucht nach prallem Leben hinaus in die Ferne getrieben hat. Gott, die große Sehnsucht, die alles überschreitende Kraft der Liebe, aus der wir hervorgehen, wird uns am Ende auch wieder umschließen.

 

 

Schluss

All unsere Sehnsucht ist das Echo der Sehnsucht Gottes nach dem Menschen. Deshalb ist die Sehnsucht eine starke Kraft. Sie macht uns mutig und lebendig. Sie macht erfinderisch und phantasievoll. Die Sehnsucht will über Grenzen gehen. Sie ist der Motor für das, was wir sein wollen.

 

Entdecken wir also die Sehnsucht, die in uns steckt. Geben wir uns nicht zufrieden mit reiner Bedürfniserfüllung. Lassen wir uns von unserer Sehnsucht in die Weite ziehen.

Von Saint Exupéry, dem Autor des kleinen Prinzen, stammt das Wort:

Wenn du ein Schiff bauen willst, suche nicht Holz und Handwerker, sondern suche Männer, die die Sehnsucht nach dem weiten Meer im Herzen tragen.“

Es kommt in unserem Leben nicht in erster Linie darauf an, dass wir alles perfekt organisieren und planen, sondern darauf, dass wir der Sehnsucht in uns Raum geben. Machen wir aber jetzt nicht den Fehler, uns nun wieder unter einen neuen Leistungsdruck zu stellen, nach dem Motto: Du musst möglichst viel Sehnsucht haben, und wenn du nicht dauernd die Sehnsucht nach Gott in dir spürst, bist du verloren. Sehnsucht und Leistungsdruck vertragen sich nicht miteinander.

Eine letzte kleine Geschichte soll deshalb diejenigen unter uns ermutigen, die nicht immer die große Sehnsucht in sich spüren:

Ein junger Jude kommt zu seinem Rabbi und sagt: „Ich möchte gerne dein Jünger werden.“ Da antwortete der Rabbi: „Gut, das kannst du, aber ich habe eine Bedingung: Du musst mir eine Frage beantworten: Liebst du Gott?“ Da wurde der Schüler traurig und nachdenklich. Dann sagte er: „Eigentlich lieben – das kann ich nicht behaupten...“
Der Rabbi sagte freundlich: „Gut, wenn du Gott nicht liebst, hast du Sehnsucht danach, ihn zu lieben?“ Der Schüler überlegte eine Weile und sagte dann: Manchmal spür ich die Sehnsucht danach, ihn zu lieben, recht deutlich, aber meistens habe ich soviel zu tun, dass diese Sehnsucht im Alltag untergeht.“
Da zögerte der Rabbi und sagte dann: „Wenn du die Sehnsucht, Gott zu lieben, nicht so deutlich spürst, hast du dann Sehnsucht danach, die Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?“
Da hellte sich das Gesicht des Schülers auf und er sagte: „Genau das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben.“
Der Rabbi entgegnete: „Das genügt. Du bist auf dem Weg.“

 

 

Leseanregung:

Stimmen der Sehnsucht. AusLesebuch des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Stefan Herok/Agnes Molzberger-Stich, Deutscher Katecheten-Verein e.V., München 2000.

 


[1] Vortrag im Nachteulengottesdienst in der Ludwigsburger Friedenskirche am 22. April 2001. - Eine Predigtansprache ist keine wissenschaftliche Arbeit. Um es in Abwandlung eines bekannten Liedes der Gruppe „Die Prinzen“ zu  sagen: „Es ist vieles nur geklaut...“. Deshalb ist dieses Manuskript nur zum privaten Gebrauch bestimmt.

EVANGELISCHE THEOLOGIE / RELIGIONSPÄDAGOGIK 
SUCHE
Evangelische Theologie / Religionspädagogik > Hauptamtliche Lehrkräfte > Breuer, Thomas > Texte (online) > - Von der Sehnsucht nach dem ganz Anderen
Startseite   Download Zentrum  Sitemap  KontaktLogin

DruckansichtDruckansicht