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Jeden Monat stellt die STUBE, Studien- und Beratungsstelle für Kinder-und Jugendliteratur (Wien), ein besonderes Kinder- und Jugendbuch aus der aktuellen Produktion vor.

Kröte im Mai 2020 


Der Zyklop, Gerstenberg 2020

 

Daan Remmerts de Vries und Floor Rieder: Der Zyklop

Bereits durch seine auffällige und aufwendige Covergestaltung besticht dieses aus dem Niederländischen übertragene Bilderbuch: Ein grünes echsenartiges einäugiges Monster droht ein erschrockenes Insekt zu verschlingen. Der Schriftzug „Der Zyklop“ prangt auf dem Hintergrund seines großzügig ins Bild gesetzten Bauches, dessen feine Schraffuren durch minimale Hervorhebungen auch physisch ertastet werden können. Nicht weniger eindrucksvoll präsentiert sich das Buch nach dem Aufschlagen. Der Text tritt fast vollständig in den Hintergrund, wird in kleiner unauffälliger Schrift maximal peripher am oberen oder unteren Rand der mal bildgewaltigen, mal detailverliebten Illustrationen platziert. Gleich auf der allerersten Doppelseite zoomen wir ganz nah an das frontal vergrößerte Auge des titelgebenden Protagonisten heran. Ein Zyklop hat nur ein Auge, führt der Text in das markante, wesensdefinierende Merkmal jener Kreatur ein, die traditioneller Weise Furcht und Schrecken verbreitet.

Dass das von Daan Remmerts de Vries verfasste Bilderbuch aber keinesfalls bei gewöhnlichen Darstellungsweisen stehen bleibt, sondern dieserart Konventionen vielmehr mit Ironie und Humor bricht, wird schon nach dem ersten Umblättern deutlich, wenn der Text launisch fragt: Ein Auge – wie viel kann man damit sehen? Zwei übereinander platzierte, horizontal in die Länge gezogene Panels zeigen den einäugigen Riesen ergänzend dazu kontemplativ an einem Fluss- oder Teichufer sitzen und mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck ins Wasser blicken, während sich dieser ob seiner mangelhaften Sehkraft lamentiert. Der Seufzer, der seinen Lippen entgleitet, wird in Floor Rieders bemerkenswert ausdrucksstarken Bildern dabei regelrecht hörbar. Zuletzt hatte die niederländische Künstlerin mit ihren Illustrationen zu der als Wendebuch gestalteten Ausgabe von „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ beeindruckt, dessen stimmiges, sorgsam ausgestaltetes künstlerisches Gesamtkonzept sich durch gezielt gesetzte farbliche Akzentuierungen und eine an Holzschnitte erinnernde Technik mit modernem, innovativem Layout auszeichnete. Auf ähnliche Weise lässt Floor Rieder nun in detailliert ausgearbeiteten, am Computer nachkolorierten Linolschnitten in langen doppelseitigen Panoramaansichten ein ganzes Insektendorf entstehen, in dem Heuschrecken – in völliger Ignoranz gegenüber der Existenz des Zyklopen – in Hängematten dösen, Bienen genussvoll Hönig schlemmen und Raupen auf Pilzen Pfeife rauchen (die kennen wir doch!). Aber nicht alles ist Eitel, Wonne, Sonnenschein in Krümelspritz, jeder und jede hat hier seine/ihre Aufgabe und trägt so zum reibungslosen Funktionieren des großen (bzw. in diesem Fall eher miniaturhaft kleinen) Ganzen bei:

Die Seidenraupe spann Bettdecken.
Die Kakerlake sammelte die vollgekackten Eimerchen ein.
Die Rote Kreuzspinne versorgte die Kranken.
Die Wasserjungfer verteile Gläser mit Getränken.
Die Fleischfliege machte Rauchwürste.

Kurzum: alle waren füreinander da – bis eines Tages der Zyklop auftaucht und das Insektendorf Godzilla-gleich verwüstet.
Dabei sequenziert Floor Rieder ihre Bilder in Panels und legt so parallel zu Daan Remmerts de Vries Text schrittweise offen, dass der (scheinbar zu Unrecht als Monster deklarierte) Protagonist gar nicht aus absichtlicher Boshaftigkeit, sondern aufgrund seiner eingeschränkten Sehkraft ungewollt auf Kirchturm und Schulbus tritt. Da eilen die altruistischen Insekten dem frustrierten Zyklopen selbstverständlich sofort zur Hilfe, basteln ihm flink eine Brille – penibel werden hier die entzückenden Handwerksarbeitschritte der eifrigen Helferlein ins Bild gesetzt – und alles könnte wieder gut sein. Wenn der Zyklop nur nicht so dickköpfig wäre …

Wiederholt bricht die Erzählung mit bereits aufgebauten Spannungsbögen und spielt gekonnt mit den Erwartungshaltungen der Leser_innen, um schließlich ausgelassen das Moment des (Monsterhaft-)Anarchischen zu feiern. Demgemäß ähnelt der Zyklop auch weniger einer klassischen Repräsentation der riesenhaften Kreatur aus der griechischen Mythologie, sondern erinnert dank seiner schuppenartigen Haut, seinen abgerundeten Fußspitzen, seiner hervorschnellenden Zunge und nicht zuletzt seiner geschmeidigen, sich windendenden Körperbewegungen eher an einen (einäugigen) Gecko. Als eine solche chimärenhafte Echse fällt er im Mikrokosmus des Insektendorfes nicht nur durch seine okulare Mutation, sondern vor allem auch durch seine relative Größe aus der Norm. Bei aller (vermeintlichen) Liebenswürdigkeit ist der Zyklop aber letztlich doch ein Zyklop, der tut, was ein Zyklop am besten kann.

Fast unerträglich verständnisvoll zeigen sich die Insekten im Angesicht dieses nun wirklich nicht nett[en] Egozentrismus …

„Der arme Mann“, sagt er dann. „Da geht er wieder. So ganz allein.“
„Furchtbar“, sagten die Dorfbewohner. „Was für ein armer Tropf!“
„Tja, so ist das“, sagte der Bürgermeister. „Das sieht man auch ohne Brille.“

… und bauen mit unbeirrbarem Optimismus und noch genauso nett wie immer ihre Häuser wieder auf. Eine erfrischende Erzählung, die keine Möglichkeit zur überraschenden Kehrtwende auslässt, dabei aber nicht nur durch ihre spielerische Dramaturgie, sondern nicht zuletzt auch durch ihre kunstvolle Bildgestaltung beeindruckt. Monster bleiben (manchmal) eben Monster.

 

hetra und Magare leben auf einer Insel. Sie haben kein festes Zuhause, keinen geordneten Tagesablauf, keine “richtige” Familie. In dem Getummel der Großstadt bedienen sie sich an dem Reichtum derer, die, wie es scheint, mehr als genug haben. Abliefern müssen sie das Erbeutete bei dem skrupellosen Krakadzil, der nicht zögert, handgreiflich zu werden, wenn die Rechnung einmal nicht stimmt. Ertragen können sie all das nur dank des Feenstaubs, mit dem sie Krakadzil versorgt. Als Petru jedoch Marja kennenlernt, mit ihr die fremde Sprache sprechen und lesen lernt und sich in sie (und ihre warmherzige Familie) verliebt, scheint sein Leben endlich eine Wendung zu nehmen.

Ihren dritten Roman lehnt Cornelia Travnicek an “Peter Pan” an und verknüpft dabei zeitlose Märchenmotive mit gegenwärtiger Sozialkritik. Vor der Folie von James Matthiew Barries Klassikertext erzählt sie von verlorenen, verwunschenen Jungen, einem tickendenden, alles verschlingenden Krokodil und einer mütterlich fürsorglichen Gwendolin. Anders als der Peter Pan des Originals ist Petru jedoch kein Anführer, sondern nur blinder Passagier in seiner eigenen Geschichte wie auch in seinem eigenen Leben. Sein unentdecktes, insulares Dazwischen fällt – wie Nimmerland – aus Zeit und Raum, so wie auch dessen Bewohner_innen aus dem Raster und durch das Sicherheitsnetz der Mehrheitsgesellschaft fallen – unsichtbar solange sie deren Leben nicht unmittelbar berühren.

Dass der magisch-ermächtigende Feenstaub aus “Peter Pan” – der nur wirkt, wenn man an ihn glaubt – dabei zu jener devastierenden Substanz wird, die die Heranwachsenden zwar für kurze Zeit “fliegen”, aber schon bald darauf noch tiefer fallen lässt, ist bezeichnend für Cornelia Travniceks sorgfältig arrangierte Metamorphose des Originaltexts, an der sie unglaubliche sieben Jahre gearbeitet hat. Das in “Peter Pan” nur latent angelegte Moment der Bedrohlichkeit wird in Travniceks Transformation an die Oberfläche geholt: Ist das Verweigern des Erwachsenwerdens für Peter Pan und die Kinder in Nimmerland mehr ein rebellisch-aufsässiges Spiel als bitterer Ernst, wird es in dem nur scheinbar phantastischen Text der österreichischen Autorin mit der harten Realität der Opfer von Kinderhandel konfrontiert: Petru und die anderen wollen und dürfen nicht erwachsen werden, denn als Taschendiebe haben Kinder einerseits leichteres Spiel, andererseits kommen mit dem mündigen Alter auch Unsicherheiten und Verantwortlichkeiten – nicht zuletzt vor dem Gesetz – auf sie zu, durch die ihre Lebenssituation womöglich noch prekärer werden würde. Und so belügen sie

Claudia Sackl

 

Weitere Informationen zur STUBE: www.stube.at

Mit herzlichem Dank an die STUBE-Redaktion, die uns die Inhalte zur Verfügung stellt.

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