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Jeden Monat stellt die STUBE, Studien- und Beratungsstelle für Kinder-und Jugendliteratur (Wien), ein besonderes Kinder- und Jugendbuch aus der aktuellen Produktion vor.

Kröte im April 2020

Feenstaub, Picus 2020

 

Corniela Travnicek: Feenstaub

 

Petru, Chetra und Magare leben auf einer Insel. Sie haben kein festes Zuhause, keinen geordneten Tagesablauf, keine “richtige” Familie. In dem Getummel der Großstadt bedienen sie sich an dem Reichtum derer, die, wie es scheint, mehr als genug haben. Abliefern müssen sie das Erbeutete bei dem skrupellosen Krakadzil, der nicht zögert, handgreiflich zu werden, wenn die Rechnung einmal nicht stimmt. Ertragen können sie all das nur dank des Feenstaubs, mit dem sie Krakadzil versorgt. Als Petru jedoch Marja kennenlernt, mit ihr die fremde Sprache sprechen und lesen lernt und sich in sie (und ihre warmherzige Familie) verliebt, scheint sein Leben endlich eine Wendung zu nehmen.

Ihren dritten Roman lehnt Cornelia Travnicek an “Peter Pan” an und verknüpft dabei zeitlose Märchenmotive mit gegenwärtiger Sozialkritik. Vor der Folie von James Matthiew Barries Klassikertext erzählt sie von verlorenen, verwunschenen Jungen, einem tickendenden, alles verschlingenden Krokodil und einer mütterlich fürsorglichen Gwendolin. Anders als der Peter Pan des Originals ist Petru jedoch kein Anführer, sondern nur blinder Passagier in seiner eigenen Geschichte wie auch in seinem eigenen Leben. Sein unentdecktes, insulares Dazwischen fällt – wie Nimmerland – aus Zeit und Raum, so wie auch dessen Bewohner_innen aus dem Raster und durch das Sicherheitsnetz der Mehrheitsgesellschaft fallen – unsichtbar solange sie deren Leben nicht unmittelbar berühren.

Dass der magisch-ermächtigende Feenstaub aus “Peter Pan” – der nur wirkt, wenn man an ihn glaubt – dabei zu jener devastierenden Substanz wird, die die Heranwachsenden zwar für kurze Zeit “fliegen”, aber schon bald darauf noch tiefer fallen lässt, ist bezeichnend für Cornelia Travniceks sorgfältig arrangierte Metamorphose des Originaltexts, an der sie unglaubliche sieben Jahre gearbeitet hat. Das in “Peter Pan” nur latent angelegte Moment der Bedrohlichkeit wird in Travniceks Transformation an die Oberfläche geholt: Ist das Verweigern des Erwachsenwerdens für Peter Pan und die Kinder in Nimmerland mehr ein rebellisch-aufsässiges Spiel als bitterer Ernst, wird es in dem nur scheinbar phantastischen Text der österreichischen Autorin mit der harten Realität der Opfer von Kinderhandel konfrontiert: Petru und die anderen wollen und dürfen nicht erwachsen werden, denn als Taschendiebe haben Kinder einerseits leichteres Spiel, andererseits kommen mit dem mündigen Alter auch Unsicherheiten und Verantwortlichkeiten – nicht zuletzt vor dem Gesetz – auf sie zu, durch die ihre Lebenssituation womöglich noch prekärer werden würde. Und so belügen sie die anderen und sich selbst, machen sich jünger, als sie tatsächlich sind, um einen Schutzraum zu beanspruchen, den sie bitter nötig haben. Wie alt Petru nun genau ist, das weiß er ohnehin nicht mehr.

Erzählt wird die Geschichte in einzelnen Textfragmenten, die mal aus mehreren Seiten, mal aus einem einzigen knappen, mal aus einem zeilenlang gedehnten Satz bestehen. So ausschnitthaft wie die Form ist auch das Erzählte selbst: Nur vereinzelt erfahren wir Versatzstücke aus Petrus Vergangenheit. Er ist “nicht von hier”, kommt aus einem Land, dessen Bewohner_innen eine andere Sprache als jene seines neuen Zuhauses sprechen. Erst spät im Text lernen wir, dass er nicht einmal die hiesige Schrift lesen kann. Geografische, kulturelle, politische oder zeitgeschichtliche Hintergründe werden von Cornelia Travnicek nicht genauer ausgeleuchtet. Sie bleiben unbestimmt und können so von jedem Leser und jeder Leserin mit eigenen Assoziationen und Erfahrungen befüllt werden. Manch eine wird vielleicht meinen, in Petrus nebelumwobenem “Niemandsland” die Wiener Donauinsel wiederzuerkennen. Ein anderer wird womöglich gar nicht an ein wortwörtliches Eiland denken. Anstelle einer konkreten Verortung wird für Petru aber gerade das Fehlen seiner Biografie und das – ebenfalls an Peter Pan erinnernde – Rollenspiel identitätsstiftend:

“Jedes Mal, wenn ich Marja sehe, lüge ich. Wenn ich sie nicht anlügen würde, könnte ich sie nicht sehen. Lieber wäre mir, dass alles, was ich ihr bisher erzählt habe, mit einem Schlag die Wahrheit wäre, damit ich endlich ich bin, auch wenn ich dann ein anderer sein müsste, nur damit ich mich nicht mehr, als hätte ich die Verbindung zu mir verloren, als ginge ich ständig mit Abstand zu mir selbst.”

Wenn das Erinnern scheitert, sehnt sich Petru danach, “kein Davor, kein Danach, nur ein Jetzt” zu haben. Denn die heile Traumwelt eines “Es war einmal” ist für ihn so weit weg wie ein “normaler” Alltag in seiner Lebensrealität als Straßenkind. Für seine Geschichte findet Cornelia Travnicek eine poetische melancholische, aber auch hoffnungvolle Sprachform, die ihrem Protagonisten schrittweise seine Selbstbestimmung und sein Selbstwertgefühl zurückgibt:

“Du bist vielleicht ein verlorener Junge, Petru, aber solange etwas verloren ist, bedeutet das auch, dass jemand danach sucht.”

 

Claudia Sackl

 

Weitere Informationen zur STUBE: www.stube.at

Mit herzlichem Dank an die STUBE-Redaktion, die uns die Inhalte zur Verfügung stellt.

 

 

 

 

Kröte im März 2020

 
Julian ist eine Meerjungfrau, Knesebeck 2020

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau

Arielle war DIE Meerjungrau der 1990er-Jahre, Julian ist 2020! Als Kinder ihrer Zeit zeigen die an Andersens Märchen „Die kleine Seejungfrau“ (1837) angelehnten Figuren wie sich die Schlüsselfrage nach der eigenen Identität maßgeblich unterscheiden und wie konträr das Thema „Gender“ ins Bild gebracht werden kann. Während Arielles stereotype Norm-Körperzeichnung und die selbstverständliche Wiederholung des Prince-Charming-Narrativs beispielhaft für alle Disney-Prinzessinnen kritisiert werden kann, ist Julian ein Vorbild für eine zeitgemäße Erzählung über Gender-Fluidität. Was nach schwer theoretischer Kost für die genderaffine Blase klingt, ist jedoch ein Bilderbuch, das mit dem Prinzip der Einfachheit zeigt, wie man mit dem eigenen Leben und dem eigenen Körper glücklich sein oder werden kann.


Das beginnt auf dem Vorsatz- und endet auf dem Nachsatzpapier, wo fünf in ihren Dimensionen ganz unterschiedlich gezeichnete, mit bunten Badeanzügen bekleidete Frauenfiguren (später: Meerjungfrauen) und Julian durch ein türkis eingefärbtes Swimmingpool gleiten. Dazwischen entwickelt die in Brooklyn lebende Bilderbuchkünstlerin Jessica Love eine bunte, humorvolle und durchaus spannende Erzählung, in dessen klarem Text kein Wort unbedacht gesetzt zu sein scheint: „Das ist ein Junge namens Julian. Das ist seine Oma. Und das hier sind drei Meerjungfrauen. Julian LIEBT Meerjungfrauen.“ Auf wunderschön brauntönigem Papier setzen sich die geringfügig dunkleren Hautfarben der Bilderbuchfiguren auf harmonische Weise ab und zeigen ebenso wie die reduzierte Raumgestaltung, dass es keine üppige Detailarbeit braucht, um eine vielfältige Erzählung ins Bilderbuch zu setzen. Die einleitende U-Bahn-Szenerie, in der Julian mithilfe eines Buches von seiner eigenen Transition zur Meerjungfrau zu träumen beginnt, wird mit einem abgerundeten Fenster und einer Sitzbank angedeutet. Der farbenfrohe Unterwasser-Traum samt einer schwungvoll inszenierten Unterwasserwelt-Verwandlungsallegorie schwappt wie eine leichte Welle in Julians Alltag herein, bevor er von seiner Oma rasch in die Realität zurückgeholt „Komm, mein Schatz. Wir sind da.“ Üppig gestaltet sind dagegen Kleidung, Make-up, Frisuren der Figuren und die Pop-kulturellen Einschreibungen, die das Bilderbuch in ein sommerlich, zeitloses Brooklyn setzen, wo unter anderem ein entfesselter Wasserhydrant mit spielenden Kindern oder Sonnenbrillen tragende sowie an Milkshakes schlürfende Jugendliche vor einer rotschattierten Backsteinwand für eine äußerst hippe Szenerie sorgen.

Doch auch der wirklich coole, mit Schirmkappe, zwei Dackeln, gelb-grün-gestreiftem Hemd, Flower-Short und weißen Strümpfen ausgestattete Senior-Hipster wird von einer Figur in den Schatten gestellt: Julian, dessen prozesshafte Verwandlung in den eigenen vier Wänden, in Abwesenheit der Großmutter, dem Medium Comic ähnlich in Sequenzen erzählt und vor einem Spiegel von Statten geht. Als Oma aus der Dusche steigt, hat der Titelheld den farbenfrohen Blumenschmuck der Wohnung in kunstvolle Hair-Extensions, den weißen Rüschenvorhang in einen eleganten Rock verwandelt und farblich abgestimmt Rouge und Lippenstift aufgetragen. Doch wirklich begeistert scheint Oma von der Aufmachung des Enkelkindes nicht zu sein. Sie verlässt den Raum, kehrt mit grimmiger Miene und dem Satz „Komm mal her, mein Schatz“ zurück. Das Moment des Umblätterns sorgt auch in diesem Bilderbuch für eine ordentliche Portion Spannung; gepaart mit der nun leicht verunsicherten Mimik der jungen Meerjungrau.

Auf der nächsten Doppelseite ist dann alles gut! Oma überreicht einer der queersten Figuren der Bilderbuch-Geschichte die noch fehlende Perlenkette, von der das Kind schon in der U-Bahn geträumt hatte und die das Meerjungfrauen-Dasein komplettiert. Hand in Hand verlassen die zwei nun top-gestylten Figuren das Haus und machen sich auf den Weg: „‚Wohin gehen wir?‘ / ‚Das wirst du gleich sehen‘, sagte Oma.“ Ohne das Ende vorwegzunehmen, kann verraten werden, dass es sich um eine noch buntere, noch modischere Zukunft handeln wird. Ein perfekter Ort für eine Meerjungfrau, wie Julian eine ist, ein Ort für die jungen und alten, großen und kleinen, dicken und dünnen sowie alle irgendwie dazwischenliegenden (Meeres-)Bewohner_innen der Stadt.

Peter Rinnerthaler

Kröte im Februar 2020


Der kleine Fuchs, Gerstenberg 2020

Edward van de Vendel: Der kleine Fuchs. Ill. v. Marije Tolman. Aus dem Niederl. v. Rolf Erdorf.

Das Gefühl, zu fallen, kennt wahrscheinlich ein jeder und eine jede aus seinen/ihren Träumen. Man läuft, man springt, man fällt. Zumeist jedoch ohne je anzukommen. Ohne je aufzuschlagen. Denn davor wacht man (zum Glück meistens) auf. Kein solch endloser, aber ebenfalls ein traumhafter Moment des Fallens steht in einem Bilderbuch, das der niederländische Schriftsteller Edward van de Vendel und die niederländische Illustratorin Marije Tolman verfasst haben, sowohl am Anfang als auch am Ende der Erzählung: 

Auf den ersten Seiten läuft der titelgebende kleine, in grellem Neonorange leuchtende Fuchs durch eine feingliedrige, monochrome Landschaft. Quer durch Wälder und Wiesen. Auf der Jagd nach lila Schmetterlingen. Bis er am Strand an einen Vorsprung kommt, plötzlich durch die Luft segelt und mit einem „SCHLAG“ am Boden landet. 

[Szenenwechsel]

Ein Babyfuchs, „so klein wie ein Äpfelchen“, denkt an „Mama und Milch und an Milch und Mama und mmmmmmmmmmmmmmmm“. Ein junges Füchslein kugelt mit seinen Fuchsbrüdern und Fuchsschwestern durch den Bau. Im Schutz der Nacht zwängt es sich schließlich durch den engen Tunnel hinauf in den Mondschein. Aus dem ersten werden viele Male, denn oben wartet eine buntduftende Welt, die erkundet werden will.

Nach dem Fall des Fuchsjungen haben sich die Darstellungs- und Erzählweisen des Bilderbuchs deutlich verändert. Wurde der Handlungsstrang bis dahin hauptsächlich von den Bildern erzählt, strukturiert nun ein schriftsprachlicher Text das folgende Geschehen. Und auch auf der Bildebene zeichnen sich neue räumliche Ordnungen ab. Die großformatigen, abfallenden Illustrationen – eine Montage aus doppelseitigen, blauweiß eingefärbten Landschaftsfotos und Tierzeichnungen, die in den unterschiedlichsten Farben leuchten – werden abgelöst von durchwegs farbigen, sequentiellen Bildformaten, die als kleine Vignetten oder einzelne Panels (teilweise mit, teilweise ohne Rahmenstruktur) zwischen dem episodenhaft erzählenden Text platziert sind: Der kleine Fuchs trifft auf Käfer, Würmer und Rehe, lernt Blumen, Beeren und Wasserpfützen kennen. Er geht auf Raschelmausjagd, plündert Müllsäcke und schließt Freundschaft mit einem Menschenjungen in roter Latzhose. 

Was wie Kindheitserinnerungen erscheint, wird vom Text jedoch als „Traum“ ausgewiesen und immer wieder von der als Rahmenhandlung inszenierten Erzählebene unterbrochen: 

[Szenenwechsel]

Wir sehen einen rotgekleideten Jungen (denselben, der den Fuchs in dessen „Träumen“ aus einer ungemütlichen Situation gerettet hat) auf seinem Rad durch die (bereits bekannten) blauweißen Wiesen fahren. Nicht unweit des Strandes, auf dem der kleine Fuchs nach seinem Fall träumend auf dem Rücken liegt. 

[Szenenwechsel]

In seinen in den unterschiedlichsten Farbtönen dargestellten Streifzügen, fragt sich der kleine Fuchs zunehmend: „Was ist das für ein Traum?“ Was ist das denn für ein Traum, in dem plötzlich zwei lila Schmetterlinge durch die Luft flattern? Ein Traum, in dem der kleine Fuchs den beiden hinterherjagt? In dem der kleine Fuchs plötzlich durch die Luft segelt? Dem Boden immer näher kommt. Bis er mit einem „SCHLAG“ unten aufkommt.

[Szenenwechsel]

Der Junge findet den schlafenden Fuchs und bringt ihn zu seiner Familie zurück. Dort wacht der kleine Fuchs schließlich auf…

Mithilfe von Stilmitteln wie Wiederholung und Lautmalerei, mithilfe lebensweltlicher Vergleiche und sinnesübergreifender Metaphern weiß Edward van de Vendel, die Erlebnisse des Fuchses in eine behutsame aber expressive Sprache zu kleiden. Dass Marije Tolman es versteht, vielschichtige Geschichten zu erzählen, hat sie bereits in ihren Illustrationen zu „Mein Papa ist der größte Held der Welt“ (Text von Daan Remmerts de Vries, Gerstenberg 2019) bewiesen, in dem sie die phantastischen Vorstellungen der kleinen Lynn gekonnt in die realistische Bildebene integriert hat. In „Der kleine Fuchs“ wählt Tolman eine ebenso einzigartige Farbgebung, wobei sich die Verflechtungen von Wirklichkeit und Imagination nun jedoch wesentlich komplexer und verzweigter zeigen. Dementsprechend raffiniert gestaltet sich auch die bildliche Umsetzung, in der Tolman einzelne Elemente wie den orangeleuchtenden Fuchs, den rotgekleideten Jungen und die lilafarbigen Schmetterlinge zwischen den beiden narrativen Ebenen hin und her wechseln lässt. 

Dabei spielen Autor und Illustratorin gekonnt mit Fiktion und Wahrheit, verschränken Binnen- und Rahmenerzählung miteinander und lassen Realität und Traum auf eine Weise verschwimmen, sodass man sich nicht mehr sicher sein kann, was nun Traum und was Wirklichkeit ist: Handelt es sich bei den blauweißen Wiesen vielleicht doch um jene farbentleerte Seelenlandschaft, auf der sich der eigentliche Traum des kleinen Fuchses entspinnt? Was bzw. welcher Fall durch die Luft war zuerst da? Und wird es (in einer Art Zeitschleife) womöglich immer so weitergehen? Immerhin sind die lila Schmetterlinge am Ende des Buches verschwunden und der kleine Fuchs tollt mit seinen Geschwistern wieder durch den (blauweißen) Wald...


Kröte im Januar 2020


Elektrische Fische, Carlsen Verlag, 2019

 Susan Kreller: Elektrische Fische

I shouldn’t be here –  

Die ersten Worte von „Lights of Home“ könnten auch für Emma gelten. Von der Hölle des Jetzt und den besten Tagen, die eigentlich schon zurückliegen, ist im Song der irischen Rockband U2 die Rede. 
Susan Kreller stellt ihrem neuen Jugendroman ein Zitat dieses Songs voran und verweist damit auf die Pein der Entwurzelung, die zu einem Leitmotiv für Emmas Ich-Erzählung wird. Dennoch zitiert die 2015 für ihren Roman „Schneeriese“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Autorin eine Passage des Songs, die wortwörtlich Hoffnung aufleuchten lässt: In your eyes I see it / The lights of home. 

Aufgefächert ist damit das Spannungsfeld zwischen dem Verlust des Home – der Heimat – und einem ersten, möglichen, noch unsicheren Moment des Ankommens.
Dabei legt Susan Kreller sich zu unterschiedlichen literarischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen quer: Sie erzählt keinen jener Flüchtlingsgeschichten, die in ihrer unterschiedlichen Qualität vor den politischen Hintergründen in Syrien oder Afghanistan oder Somalia die Erfahrungen jener schildern, die einen lebensgefährlichen Weg nach Europa auf sich genommen haben. Sie erzählt aber auch nicht von jener Entleerung, mit der Gebiete im Osten Deutschlands zu kämpfen haben. Vielmehr ziehen Emma, deren Mutter und Geschwister in eine Gegend, die viele andere verlassen (haben):

Ihr habt da übrigens irgendwas falsch verstanden. Man zieht nicht in diese Gegend, niemand macht das. Wenn überhaupt, zieht man hier weg. (55)

Emma ist in Irland aufgewachsen und wird nun von ihrer Mutter in deren ursprüngliche Heimat, das (fiktive) Dorf Velgow in Mecklenburg-Vorpommern verpflanzt, sprich: in eines der ehemaligen Gebiete der DDR. Es ist weniger die Provinzialität, die für Emma zur Herausforderung wird, als vielmehr der Verlust kultureller, vor allem aber sprachlicher Zugehörigkeit.

Ich bin in einem Deutsch gelandet, in dem ich mich immer wieder verlaufe. (16)

Emma ist zweisprachig aufgewachsen; dennoch sind jene deutsche Sprache, die sie kennt, und jene, die in Velgow gesprochen wird, einander fremd. Emma stößt auf zahlreiche Worte, die sie nicht einzuordnen weiß; andererseits vermag sie keine adäquate Translation für Sprichwörter zu finden, die ihr nicht nur geläufig sind, sondern ihre Situation auch treffend beschreiben: It‘s going arseway.“ Dieserart ließe sich das neue Familienleben im Haus der Großeltern beschreiben, doch der plumpe Begriff arschwärts wird dem nicht annähernd gerecht. Emma erkennt, dass Sprache nicht nur das Werkzeug der Kommunikation, sondern identitätsstiftend ist: 

Die englische Sprache bin ich.
Deutsch spreche ich nur.
Deutsch ist immer noch ein paar Meere von mir entfernt.
 (17)

Noch sehr viel drastischer als Emma verweigert ihre jüngere Schwester Aoife die neue Identität: Sie verstummt. 
Einzig Emmas älterer Bruder Dara scheint sich rasch einzuleben, findet Freund_innen, ist umschwärmt, präsentiert seiner Familie eine auch sprachlich heiter wirkende Oberfläche seiner selbst. Erst am Ende des Romans legt Emma offen, dass er derjenige war, der in Wahrheit immer der Traurigste von uns gewesen ist (179) und der später letztlich auch als einziger der drei Geschwister nach Irland zurück geht. 
In Aoifes Fall ist der Schmerz des Heimatverlustes offensichtlicher. Hey now, do you know my name? heißt es im paratextuellen Zitat aus „Lights of Home“ – und in Aoifes Fall zeigt bereits die Fremdheit des Namens die scheinbare Unmöglichkeit, zwei (sprachliche) Welten zueinander zu bringen:

Ich frage mich, wie die Leute in Velgwo Aoifes Namen aussprechen werden, wahrscheinlich genauso falsch wie der deutsche Großvater. „Du musst Eufe sein“, hat er am Flughafen gesagt, und sie hat ihn nur böse angeguckt und langsam den Kopf geschüttelt und „Iiiifa“ gesagt, wieder und wieder. (9)

Die Sorge um die verstummte Aoife hält Emma davon ab, Velgow rasch wieder zu verlassen. Doch, so ihr Plan, sobald Aoife wieder zu sich selbst gefunden hat (und wieder spricht), wird Emma zurück nach Irland gehen. Sie trifft dafür bereits heimlich Vorbereitungen und findet in Levin unerwartet einen Partner, der ihr bei diesen Vorbereitungen hilft.
Dabei erschien ihr gerade Levin unter den neuen Schulkolleg_innen am verschrobendsten; doch eine unerwartete Begegnung am Meer legt den Grundstein dafür, dass Levin letztlich zu jenem light of home wird, das Emma auf ganz neue Art an die neue, fremde Heimat bindet. Vielleicht liegt das auch daran, dass Levin keiner ist, der viel redet, und Emma gerade dadurch weit weniger fremd erscheint als andere. 
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Levin weiß, was Verlust heißt – auch wenn er ihn auf ganz andere Weise erfahren hat, als Emma: „Verloren“ hat Levin seine Mutter; oder um es genauer zu formulieren: Verloren hat Levin eine Mutter, die den Normen und Vorstellungen ihrer selbst, der Familie und Gesellschaft entspricht. Durch eine psychische Krankheit ist sie zurück geworfen auf ein ebenso wirres wie verwirrtes Dasein, das mehr als durch alles andere durch Paranoia geprägt wird. 
Und doch scheint gerade Levins Mutter diejenige zu sein, die auf ihre schräge, hexenhafte Art Wahrheiten erkennt:
Heimat ist da, wo man verstanden wird. Und wo keiner vergiftet wird.“ (63)

So wie Emma durch Aoife ist Levin durch seine Mutter an diesen Ort gebunden; seine Mutter, die einst Meeresbiologin war und nun auf ein Aquarium als Mittelpunkt ihres Lebens zurück-geworfen ist – eines jener poetisch einprägsamen Bilder, mit deren Hilfe Susan Kreller auf Emmas neuen Leben blickt, und durch jene sprachlichen Genauigkeiten, sprachlichen Volten und sprachliche Zartheit verstärkt, die ihren literarischen Stil prägen.

Letztlich sind es Levins Mutter und deren Wunsch nach einer Wieder-Begegnung mit dem Meer, die nicht nur zum dramatischen Höhepunkt des Romans werden, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Bewegung und Gegenbewegung bewirken: Emmas Versuch, Velgow zu verlassen führt durch die verqueren Umstände letztlich dazu, dass Emma bleibt. Und damit dem Refrain eines Songs von Flogging Molly, einer weiteren irischen Band (im Glossar vorgestellt als irisch-amerikanische Folk-Punk-Rock-Band) folgt: Hurry back to me, my wild calling.

Heidi Lexe und Kathrin Wexberg

 

Weitere Informationen zur STUBE: www.stube.at
Mit herzlichem Dank an die STUBE-Redaktion, die uns die Inhalte zur Verfügung stellt.

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