Logo Pädagogische Hochschule Ludwigsburg

http://www.ph-ludwigsburg.de/3967.1.html

29-10-2020

Lehrveranstaltungen

Seminarveranstaltungen im Wintersemester 2020/2021: 

Die Seminare werden voraussichtlich online ablaufen, wenn sich nichts Grundlegendes an der Corona-Situation verändert. Meine Seminare werden überwiegend ein asychrones Format haben. Es sind  Moodlekurse, allerdings mit einer einer empfohlenen Kernarbeitszeit in der gemeinsamen Seminarzeit - so dass Beiträge halbwegs zeitnah aufeinander reagieren können. Wir können - nach Abstimmung zwischen den Teilnehmer*Innen - von Fall zu Fall synchrone Formate (Live-Video-Übertragung) integrieren oder auch - ebenfalls nach Abstimmung - möglicherweise auch Face-to-Face-Treffen einplanen, wenn dies im Winter (noch) möglich sein sollte. Voraussetzung hierfür ist eine - bezogen auf die dann geltenden Sicherheitsregelungen - hinreichend geringe Teilnehmer*innenzahl. Eine reine a-sychrone Beteiligung ist aber jedenfalls möglich.

Die Präsenz-CP werden durch eine bestimmte Anzahl von Postings in den Diskussionsforen erworben (Anzahl der Sitzungen x 2). Benotete Seminarleistungen können durch Präsentationen in Online-Formaten und deren Ausarbeitungen (min. 5/10/12 Seiten für 1/2/3 CP) bzw. normalen Hausarbeiten (min. 7/12/15 Seiten) erworben werden.

 

1. Soziologie der Behinderung
Do 14:15 bis 15:45 (Raum: 8a - 8A.003)       

„People are disabled by society, not by their bodies“ lautete ein Slogan der Britischen Körperbehindertenbewegung in den 1970er Jahren, der etwa 20 Jahre später in Deutschland  mit den Worten übersetzt wurde: „Man ist nicht behindert. Man wird behindert.“ Dahinter stand eine heute zum Allgemeingut gewordene Einsicht: das, was wir Behinderung nennen, hat mit sozialen „Barrieren“ der vielfältigsten Art zu tun. Aber spielt deshalb der Körper (samt „Psyche“ und „Geist“) bzw. eine in medizinischen Kategorien fassbare Schädigung keine Rolle für Behinderung? Ist Behinderung deswegen nur etwas im „Auge des Betrachters“, ein „Bild, das wir uns machen“, eine „gesellschaftliche Konstruktion“, ein „sozialer Diskurs“, oder neuerdings: lediglich eine Form "sozialer Diversität“? Das ist immer  a u c h  so, aber das Schwierige am Thema "Behinderung" ist, dass es nicht  n u r  so ist. Behinderungen werden konstruiert, weil es Behinderungen in der Wirklichkeit  g i b t .

In dieser Veranstaltung soll versucht werden, den verschiedenen Dimensionen und Aspekten des komplexen Phänomens Behinderung von vorne herein Rechnung zu tragen. Dies soll auf der Grundlage einer präzisen Bestimmung des Verhältnisses von Körper und Gesellschaft geschehen. Soziale Praxis ist immer körperlich und der Körper ist immer sozial. Schon deshalb kann es keinen strikten Gegensatz zwischen einem „sozialen“ und einem „medizinischen“ Modell der Behinderung geben. Weder kann Behinderung nur auf ein „Bild“, das wir uns machen, reduziert werden, noch nur auf eine symbolische Konstruktion, aber eben auch nicht nur auf die Realität einer körperlichen Schädigung. Das Schwierige ist, dass Behinderung dies alles immer zugleich ist.

Wir werden darüber diskutieren, was Behinderung eigentlich ist, und uns – unter anderem in Anlehnung an das Behinderungsmodell der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) - ein biopsychosoziales Verständnis von Behinderung erarbeiten, in dem wir die Vereinseitigungen und Dichotomisierungen pädagogischer und erziehungswissenschaftlicher Diskurse vermeiden und dabei immer auch aktuelle Diskussionen über Behinderung und Gesellschaft (z.B. Inklusion) mit einbeziehen.

 In diesem Sinne wird es darauf ankommen mindestens drei Aspekte miteinander zu verknüpfen und in ihrer wechselseitigen Verschränkung zu betrachten:

  • soziale Produktion: Sowohl körperliche wie kognitive und psychische Behinderungen bzw. die mit ihnen zusammen hängenden Schädigungen können durch soziale Verhältnisse kausal verursacht werden, z.B. durch Armut, Gewalt, deprivierende Lebensverhältnisse. Besonders interessant sind hier neuere Studien über den Zusammenhang von Armut, Stress und kognitiver Leistungsfähigkeit im Spannungsfeld von Soziologie und Neurowissenschaften.
  • soziale Reaktion: das soziale Umfeld reagiert auf Behinderung, egal, welche Ursachen sie hat. Diese Reaktion – positiv, negativ (stigmatisierend), zumeist aber: ambivalent – tritt mit der Behinderung unmittelbar in Interaktion und bestimmt ihre individuelle und soziale Realität mit. In diesem Zusammenhang soll auch ein soziologischer Blick auf die Frage der Inklusion und Integration behinderter Menschen geworfen werden.
  • soziale Konstruktion: Behinderungen werden auf verschiedenen Ebenen (Gesellschaft, Familie, persönliche Beziehungen) sozial ausgedeutet und interpretiert und umgekehrt: die sozialen Deutungsmuster prägen ihre Wirklichkeit und die sozialen Reaktionen wesentlich mit. Insbesondere die sogenannten Disability Studies beschäftigen sich mit diesem Aspekt der kulturellen Relativität von Behinderung. Wir werden uns an zwei kontrastierenden Beispielen mit der sozialen Konstruktion von Behinderung befassen: den sogenannten „Freakshows“ und der nationalsozialistischen Propaganda („Rassenhygiene“).

Es geht um theoretische Probleme, aber immer auch um empirische Befunde und um die Analyse von Beispielen.

Literatur:   
Im Zentrum steht das für dieses Seminar konzipierte Lehrbuch: Jörg Michael Kastl "Einführung in die Soziologie der Behinderung", Wiesbaden 2017 (2. Auflage!), über das jede/r Teilnehmer*in verfügen sollte. Von Sitzung zu Sitzung müssen die jeweiligen Kapitel von den TeilnehmerInnen gelesen werden. Hinzu kommen Präsentationen der Teilnehmer*innen zu dazu passenden Zusatzthemen, Vorschläge dazu finden sich am Ende der jeweiligen Kapitel. 


2. Komik, Gewalt und Behinderung
Do.    16:15 bis 17:45    woch        8a - 8A.002

Lachen über Behinderungen und Lachen über behinderte Menschen ist ein Thema, seit es kulturelle Zeugnisse über Lachen einerseits und über behinderte Menschen andererseits gibt. Bereits in den antiken Theorien der Komik und des Lachens spielt die Verknüpfung dieser Themen eine Rolle. Recherchiert man heute beispielsweise im Internet oder auch in der wenigen Literatur, die es zu diesem Thema gibt, dann steht meistens die normative Frage im Vordergrund: "Darf man über Behinderung/behinderte Menschen lachen?". Die Frage, warum denn Behinderungen eigentlich komisch sein können, ob sie in irgend einem Sinne anders komisch sind als andere Sachen, die wir komisch finden - diese Frage wird in der Regel nicht gestellt. Es wäre aber auch für den ethischen Aspekt der Sache nützlich, zunächst einmal diese Frage nach der Komik im Allgemeinen und der Komik von Behinderung im Besonderen zu stellen. Was ist überhaupt Komik? Was kann an Behinderungen komisch sein?

Der französische Philosoph Henri Bergson hat in diesem Zusammenhang eine interessante Komik-Theorie vorgeschlagen. Er vertritt die These, dass alles, was wir komisch finden, mit Behinderungen in einem weiten Sinn zu tun haben - Hindernissen, die sich unseren Handlungen, Verhaltensweisen, unserer Spontanität, unseren Lebensprozessen entgegenstellen und sie auf eigentümliche Weise verändern. Wenn das so wäre, wäre es nicht verwunderlich, dass auch Behinderungen im engeren Sinne ("disabilities") komisch sein können, aber natürlich nicht müssen.

Wir werden uns in dem Seminar a) anhand einer genauen Lektüre von Bergsons Schrift über "Das Lachen" mit seiner und mit verwandten Komiktheorien auseinandersetzen; b) sie auf das Thema Behinderungen anwenden und vor allem c) an Beispielen (Videos, Texten, Bildern, Karikaturen) komisches Material analysieren. Dabei geht es darum herauszufinden: warum wird über Komisches gelacht, was macht Komik im Einzelfall aus? Aber auch: wann kippt Komik in Abwertung, Ausgrenzung, ja Gewalt um und warum ist Komik strukturell in der Gefahr, dass das passien kann? Wir werden aber auch die ethischen Fragen diskutieren und vor allem auch dem Thema des Zusammenhangs von Lachen/Komik und Gewalt nachgehen. Auch das ist nämlich eine Implikation der Komiktheorie Henri Bergsons. 

Bereitschaft zur Lektüre und Beteiligung an Analyse von konkreten Beispielen ist zwingend.

Literatur:  
-Henri Bergson: Das Lachen. Hamburg (Meiner) 2011
- Claudia Gottwald: Lachen über das Andere. Eine historische Analyse komischer Repräsentationen von Behinderung. Bielefeld (Transcript) 2009.
-  Jörg Michael Kastl: Komik und Behinderung. In: Susanne Hartwig (Hrsg.): Behinderung. Kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart (Metzler) 2021
- Klaus E. Müller: Der Krüppel. Ethnologia passionis humanae. München (Beck) 1996

 

3. Wohnen und Leben mit Behinderung und psychischer Erkrankung - historische, soziologische, biographische und sozialrechtliche Aspekte
Fr 10:15 bis 11:45 8a - 8A.003    

Das Seminar versteht sich als eine Einführung in die verschiedenen Aspekte des Wohnen und Lebens mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Dazu zählen:

  • historische Fragen: wie haben Menschen mit dem, was wir heute Behinderungen oder psychische Erkrankungen nennen, früher gelebt? wo waren sie untergebracht? inwieweit beeinflusst diese Geschichte des Wohnens noch heute die Wohn-Verhältnisse, aber auch unser Bild von behinderten oder psychisch kranken Menschen?
  • sozialrechtliche, sozialpolitische und professionelle Aspekte: welche Wohnstrukturen gibt es heute? wie sind diese von politischen, institutionellen und sozialrechtlichen Strukturvorgaben geprägt? welche Möglichkeiten eröffnen sie für professionelles Handeln und Unterstützung?
  • biographische und biographietheoretische Aspekte: wie prägen Wohnverhältnisse Biographien und wie prägen biographische Dynamiken und Entwicklungen Wohnverhältnisse?

Literatur:   
- Matthias Rosemann, Michael Konrad (Hg.): Selbstbestimmtes Wohnen. Mobile Unterstützung bei der Lebensführung. Köln (Psychiatrieverlag) 2017.

- Jörg Michael Kastl, Heidrun Metzler: Expertise zu den Strukturen der Wohn- und Beschäftigungsangebote für Menschen mit Behinderungen in Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Ländern sowie zu zentralen Begrifflichkeiten der Verwaltungsvorschrift des Sozialministeriums zur Investitionsförderung von Behinderteneinrichtungen vom 24.6.2013 (Inklusion, Integration und Teilhabe), im Auftrag des Sozialministeriums Baden-Württemberg. Mai 2015

 - Jörg Michael Kastl, Stefano Lavorano, Dirk Neges, Andreas Thiemke: "Selbstständig leben - Ambulantisierung mit anderen Mitteln." Forschungsbericht, Reutlingen (BruderhausDiakonie) 2011, 340 S.

- Michael Konrad, Sabine Schock, Joachim Jaeger: Dezentrale Heimversorgung in der Sozialpsychiatrie. Bonn (Psychiatrieverlag) 2006

 

4. Quantitative und qualitative Forschungsmethoden - Forschungskolloquium
Fr 12:15 bis 14:30 Raum 8.012    

Die Veranstaltung wird einerseits als Kolloquium durchgeführt. Das heißt, dass Teilnehmer*innen Fragestellungen, Probleme, Analysen, Impulse im Zusammenhang mit eigenen empirischen Forschungsprojekten einbringen und diskutieren können. Dabei kann es sich um geplante oder bereits laufende Forschungsprojekte etwa im Zusammenhang mit Studienabschlussarbeiten (Master), Dissertationsprojekten oder z.B. dem im Master "Soziale Arbeit in sonderpädagogischen Handlungsfeldern" vorgesehenen Studien-Projekt handeln. Wichtig ist ein sozial-, verhaltens-, oder kulturwissenschaftlicher Forschungsbezug, reine pädagogische Praxis-Projekte werden in diesem Kolloq nicht diskutiert. Die Präsentation von abgeschlossenen Projekten und Arbeiten ist dann möglich und sinnvoll, wenn das Kolloq bereits in der Arbeitsphase beteiligt war.

Zum anderen wird die Veranstaltung - orientiert an den Interessen der Teilnehmer*innen - forschungspraxisbezogen in Methoden der quantitativen und qualitativen Sozialforschung einführen und sie ggf. vertiefen. Vorgesehen ist es, immer einen Teil der Sitzungen für die Einführung in Methoden zu widmen. Einstiegen werden wir mit Methoden der uni- und bivariaten Analyse statistischer Daten; im weiteren Verlauf wird es um kategorienbildende, sequenzanalytische und typologische Methoden der qualitativen Datenauswertung gehen. Dabei sollen stets mit Übungen an praktischem Material gearbeitet werden (ALLBUS-Daten, Interview- oder Interaktionstranskripte).

© Pädagogische Hochschule Ludwigsburg