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Dr. Thomas Breuer
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Institut für Philosophie und Theologie
Evang. Theologie/Religionspädagogik

 

Kirche schwieg zum Brand - nur aus Angst?
Verantwortungsgefühl gegenüber Nichtchristen war zu wenig entwickelt


"Reichskristallnacht" - ein allzu schöner Name für eine grausame Geschichte. Denn bei jenen angeblich spontanen, in Wahrheit aber von Goebbels und seinen Mannen inszenierten Ausschreitungen im November 1938 ging mehr als nur Glas zu Bruch. Überall im Deutschen Reich wurden Synagogen angesteckt, Friedhöfe geschändet, Geschäfte geplündert, Wohnungen verwüstet. Sehr viele Juden wurden verhaftet, etliche verletzt, 91 Menschen wurden getötet. Zu allem wurde den deutschen Juden als "Buße" für den Mord am Diplomaten vom Rath, die als Vorwand für das Pogrom herhalten mußte, eine Geldstrafe von 1 Milliarde Mark auferlegt.

Anders als die NS-Propaganda glauben machen wollte, fand die Aktion bei einem Großteil der Bevölkerung keinen Gefallen. Den Ausschlag für diese Haltung gab allerdings weniger humanitäres Empfinden als vielmehr die Aufregung über die 'sinnlose' Vernichtung von Sachwerten. Daher beurteilten die meisten die Zerstörungen und Plünderungen abfällig, während sie die Auferlegung der Geldbuße und die Ausschaltung der Juden aus dem Erwerbsleben begrüßten.

Bekanntermaßen haben auch katholische Bischöfe und Priester kaum zur Schärfung der Gewissen beigetragen. Daß der mutige Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der am Tag nach der Pogromnacht zu einem Gebetsgottesdienst "für die verfolgten nicht-arischen Christen und für die Juden" einlud, immer wieder und zu Recht als leuchtendes Beispiel angeführt wird, liegt vor allem daran, daß man sonst kaum jemanden zu nennen vermag.

Warum schwieg die Kirche? Bischöfe, Klerus und Kirchenvolk agierten nicht in einem demokratischen Rechtsstaat, sondern waren mit einem terroristischen Willkürsystem konfrontiert, das auch die Kirche in die Knie zwingen wollte. In München bliesen die Nazis 1938 nicht nur zum Angriff auf das Judentum, sondern auch auf dessen "schwarze und rote Bundesgenossen". Auch in der katholischen Bevölkerung wurde die Pogromnacht häufig als Übung für künftige Zerstörungen der Kirchen betrachtet.

Dennoch kann Furcht vor Terror gegen die Kirche nicht als einziger Grund für das weitverbreitete Schweigen zum Terror gegen die Juden gesehen werden. In anderen Fragen war man katholischerseits durchaus kampfbereit. Der Münsteraner Bischof Galen predigte gegen die "Euthanasie", entschlossen stellten sich die Katholiken im Oldenburger Münsterland und in Bayern quer, als die Kruzifixe aus den Schulen entfernt werden sollten. Angst spielte hier keine Rolle. Zum anderen funktionierte der Mechanismus, die Judenverfolgung gar nicht richtig wahrzunehmen und stattdessen mit Sorge auf das Schicksal der Kirche zu schauen, nicht erst beim Pogrom 1938, sondern schon beim Judenboykott 1933. Damals konnte von Kirchenkampf noch keine Rede sein. Der Breslauer Kardinal Bertram hatte als Bischofsvorsitzender eine Intervention damit abgelehnt, es handle sich "um einen wirtschaftlichen Kampf in einem uns in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessenskreise".

Bertram bringt zweierlei zum Ausdruck: die traditionelle Distanz der Kirche zur jüdischen Glaubensgemeinschaft und die Tatsache, daß die Bischöfe ein Eintreten für verfolgte Juden nicht zu ihrem eigentlichen Arbeitsgebiet zählten. In diesem Sinne äußerte sich der Kölner Erzbischof Frings rückblickend im August 1945: "Die Kirche ist nicht Kontrollinstanz für den Staat in dem Sinne, daß sie verpflichtet wäre, gegen jedes Unrecht, das die Staatslenker begehen, durch ihre Priester oder Bischöfe öffentliche Verwahrung einzulegen." Historisch erklärbar - aber auch theologisch sachgerecht? Kann man wirklich unberührt von brennenden Synagogen in der Eucharistiefeier Gott loben und danken?

Zum 50. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz bekannte die Deutsche Bischofskonferenz am 27. Januar 1995 das damalige katholische Versagen und forderte: "In der Kirche darf es keinen Platz und keine Zustimmung für Judenfeindschaft geben. Christen dürfen keinen Widerwillen, keine Abneigung und erst recht keinen Haß gegen Juden und Judentum hegen. Wo sich eine solche Haltung kundtut, besteht die Pflicht zu öffentlichem und ausdrücklichem Widerstand." Mindestens ebenso wichtig erscheinen folgende Worte zum christlich-jüdischen Verhältnis: "Die Kirche achtet die Eigenständigkeit des Judentums. Zugleich muß sie selbst neu lernen, daß sie aus Israel stammt und mit seinem Erbe in Glaube, Ethos und Liturgie verbunden bleibt. Wo es möglich ist, sollen christliche und jüdische Gemeinden Kontakt miteinander pflegen. Wir müssen alles tun, damit Juden und Christen in unserem Land als gute Nachbarn miteinander leben können."

Wie oft wird auch heute noch der angeblich grausame und rachsüchtige Gott des Alten Testaments dem barmherzigen Liebesgott des Neuen Testaments gegenübergestellt, wie häufig jüdisches Ethos mit einer primitiven Vergeltungsmoral verwechselt! Wer den zitierten Forderungen der deutschen Bischöfe aber Rechnung tragen will, muß Wert darauf legen, daß der jüdische Glaube nicht als überholte Gesetzesreligion karikiert wird. Wie oft aber wird von den Juden - selten böswillig, meist gedankenlos, in der Vergangenheitsform gesprochen... Wann lernen wir Christen, daß wir unseren gemeinsamen Gott verleugnen, wenn wir uns von der jüdischen Wurzel abschneiden?

[erschienen in: Katholisches Sonntagsblatt. Kirchenzeitung für die Diözese Rottenburg-Stuttgart Nr. 45, 8.11.1998, S. 11.]

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