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25-04-2019

2000: Es klang als hätte sich ihre Stimme den Fuß verstaucht - Erich Kästner: Kinderszenen

 

von Gabriele Czerny

Projektbericht: 

Mit diesem Projekt wurde den Studierenden des Erweiterungsstudiengangs "Spiel und Theater" und den siebten Klassen der Erich - Kästner Realschule in Steinheim ein Angebot zu einem längerfristigen Theaterprojekt gemacht, welches die Stufen des Sich-Kennenlernens, Ausprobierens, Entwerfens, Improvisierens, Gestaltens, Fixierens, Trainierens, Wiederholens und Präsentierens umfasste. Dabei wurde deutlich, dass Theaterspiel "Ensemblespiel" ist, in dem jede und jeder seinen Raum und Platz findet und das Zusammenspiel der Gruppe die theatrale Form und der künstlerische Ausdruck bestimmen.

Alle Spielerinnen und Spieler machten die Erfahrung, dass sie Theaterspielen können, wenn Atmosphäre, Spielfreude und Vertrauen die Spielsituationen bestimmen. Auf darstellerische Einzelleistungen wurde verzichtet und der Phantasie jedes Einzelnen Raum gegeben. Dieses Anliegen wurde methodisch durch den kreativen Umgang mit der literarischen Vorlage unterstützt. Dem Thema dieses Projekts lag ein aktueller Bezug zugrunde: der 100. Geburtstag von Erich Kästner:

"Die Geschichte fängt noch gar nicht an". Mit diesen Worten beginnt der erste Roman von Erich Kästner, der zugleich sein erster Roman für Kinder ist. Oder vielmehr er beginnt eben noch nicht. Zuvor erklärt Kästner, welche Geschichte er nicht erzählen wird: keinen Südseeroman, keine Indianergeschichte, nichts Exotisches, nichts Erfundendes. Statt dessen wird er nur von Dingen erzählen, die er kennt. Damit meint er einerseits die Großstadt, Untergrundbahnen, Hotels, Kinder und Erinnerungen. Und dann geht "die Sache mit Emil endlich los". "Sie geht los" hieß für unser Theaterprojekt danach zu suchen, was uns Kästner heute noch in seinen Kinderbüchern zu sagen hat.

Die Grundlage für die szenische Auseinandersetzung waren die Kinderromane "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton", "Das fliegenden Klassenzimmer" und "Die Konferenz der Tiere". Es war kein leichtes Unterfangen, die drei Kinderromane von Kästner und seine eigene Lebensgeschichte zu einer Präsentationsform zu führen. Den Auftakt zu der szenischen Collage bildete die "Geburt" Kästners. Er entsteht, dargestellt von zwei Studenten, die von der Theatergruppe durch Perkussion an Fässern und Trommeln begleitet, unterstützt und vorangetrieben wurde und blieb als Erzähler durchgängig präsent. In schneller Bilderfolge und offenen Verwandlungen wurden Szenen aus den obengenannten Romanen dargestellt, die durch musikalische und rhythmische Übergänge zu einem "Ganzen" arrangiert wurden.

Die Aufführungen fanden am 19. Juni in der Erich- Kästner Realschule und am 21. Juni an der PH Ludwigsburg statt.

Voraussetzungen: Die Theaterspielgruppe

Das Prinzip, verschiedene Gruppen und Gruppierungen in einem Theaterprojekt zusammenzuführen, hat sich wieder für alle Beteiligten als anregend und bereichernd erwiesen. Die Theaterspielgruppe setzte sich aus Studierenden der PH Ludwigsburg, und den Schülerinnen der Erich Kästner Realschule mit ihrem Theaterlehrer und Rektor der Schule Rainer Fröbel und der Musikerin Beata Albert vom Kindertheater Radelrutsch Heilbronn zusammen.

Zunächst wurde getrennt gearbeitet, im Seminar an der PH Ludwigsburg und an der Erich Kästner Realschule in Steinheim. Die Überlegung dazu war, dass sich zuerst jede Gruppe für sich als Spielgruppe konstituieren sollte, ehe sie dann im April 2000 zusammengeführt wurde. Damit begann noch einmal eine neue und intensive Phase des Spielens. Die beiden Gruppen mussten sich zu einer homogenen Spielgruppe zusammenfinden. Sowohl für die Studierenden als auch für die Jugendlichen war dies eine fruchtbare und inspirierende Begegnung. Sie verlangte und brachte gegenseitigen Respekt, Toleranz, Einfühlung und hohe Konzentration aller Beteiligter mit sich.

Ein Höhepunkt dieses Projekts bildete das Probenwochenende an der Akademie für Schulkunst und Schultheater in Bad-Rotenfels. Begleitet wurden wir von Prof. Dr. Harald Vogel sowie dem Kunstdozenten der PH Ludwigsburg Herrn Thomas Bickelhaupt und 11 seiner Studentinnen, die ihrerseits an einem Projekt arbeiteten, nämlich Theaterarbeit zeichnerisch zu gestalten. Alle weiteren Aufgaben, die zu einer Inszenierung gehören, wie Kostüme, Bühnenbild, Licht und Ton, Gestaltung des Progammheftes, Werbung wurden gemeinsam von der Gruppe entwickelt und durchgeführt.

Ausgangspunkt: Das Spielen lernen

Der Schwerpunkt des Wintersemesters konzentrierte sich zunächst auf die Entdeckung und Entwicklung der eigenen Spielfreude aller Mitspielenden, denn "wer Spielen lernen will, muss selbst spielen". Die Spielgruppe musste sich zuerst zusammenfinden, um dann sich selbstfindend zu entfalten und zu konstituieren. Dazu war es notwendig, Kennenlern-, Interaktions-, Kooperations-, Bewegungs-, und Tanzspiele durchzuführen, Aufwärmrituale zu üben und Methoden der Spannung und Entspannung kennenzulernen. Jedes Seminar begann mit einem intensiven "Aufwärmen," in dem das Erleben der eigenen Körperlichkeit im Mittelpunkt stand.

Der Körper ist beim Theaterspielen Subjekt und Objekt zugleich und muss deshalb in all seinen Ausdrucksmöglichkeiten erfahren werden. Die Studierenden lernten beispielsweise durch das Experimentieren, mit Körperschwerpunkten Emotionen auszudrücken und Typen bzw. Figuren zu entwickeln. Wichtig war dabei die Erkenntnis, dass Figuren sich in einem dialektischen Austausch von innerem Erleben und äußerem Gestalten entstehen können. Ausgehend von der eigenen Wahrnehmung des Körpers wurden weitere Spielräume "entdeckt": die Spielpartner, der Raum, die Sprache, der Rhythmus, das Requisit und der Text.

Der methodische Weg: Vom Improvisieren zum Darstellen

Die Improvisation bildete die methodische Vorgehensweise im Umgang mit den literarischen Vorlagen. In der Improvisation wurde mit Texten, bzw. Textfragmenten, rhythmischen und musikalischen Bausteinen experimentiert. Die in der Improvisation gefundenen Spielformen wurden dann in einem weiteren Schritt so deutlich fixiert, dass sie im Probenprozess immer wieder zur Verfügung standen. Sie mussten für die Spielenden so viel Variationsspielraum bieten, dass sie immer noch Raum für eigenes kreatives Handeln hatten. Letztendlich fand eine Synthese statt zwischen festgelegtem Handeln und improvisiertem Spiel. Ausgehend von eigenen Kindheitserinnerungen (Eltern-Kind, Kind-Lehrer, Kind- Kind) wurde mehr und mehr "Kästnermaterial", wie Textauszüge, Gedichte, Lebenserinnerungen mit eigenen Erfahrungen verbunden und zum Ausdruck gebracht.

Die Studierenden fühlten sich zunehmend in die Lebenswelt und die Lebensgeschichte der "Kästnerfiguren" ein. Die eigenen körperlichen, sprachlichen, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten entwickelten sich hin zu körper-, sprech- und situationsspezifischen Haltungen der darzustellenden Figuren. Die Rollenentwicklung erfolgte über Statusarbeit (Keith Johnstone), Habitusübungen (Bourdieu) und Rollenbiographien. Wichtig war, den Spielenden die Erfahrung zu vermitteln, dass es nicht darum geht "Rollen" nachzuspielen, sondern "Figuren" darzustellen, d.h. die theatrale Figur entsteht erst in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich als ein bewusst gestalteter Teil dieses Ichs. In diesem Prozess geben die Spielenden ihrer Phantasie und ihrem Vorstellungsvermögen einen objektivierten Ausdruck. In dieser Phase lernten die Studierenden außerdem dramaturgische "Kniffe" wie Strichfassung, Szenenaufbau und Szenenübergänge kennen und erlebten die Entwicklung zu einer angemessenen Präsentationsform. Es erwies sich beispielsweise als dramaturgisch sinnvoll, die Figur des Erich Kästner zu "doppeln" und ihm die Rolle eines Theaterautors zuzuschreiben, von der Kästner selbst zeitlebens geträumt hat (aus der Biographie ersichtlich), die ihm aber nicht beschieden war.

Schlussgedanken:

Ziel und Anliegen dieses über zwei Semester sich erstreckenden Theaterprojekts war es, Studentinnen und Studenten die Möglichkeit zu geben, sich künstlerisch zu erproben und ihre eigene Ausdrucks- und Darstellungsfähigkeit zu entwickeln. Dabei konnten sie neue Erfahrungen machen mit sich selbst, verschiedene Haltungen ausprobieren, eigene Vorstellungen zu realisieren und Unterstützung für das eigene künstlerische Wollen und Können zu finden. Dieses Projekt erlaubte den Spielerinnen und Spieler einen Prozess von der ersten Improvisation bis zur Präsentation mit zu verfolgen und mit zu gestalten und dabei noch die Integration verschiedener Gruppen zu erleben.

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