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15-12-2019

2004: Experiment Ludwig!

Gabriele Czerny, Ulla Gohl-Völker, Thomas Bickelhaupt

von Gabriele Czerny, Thomas Bickelhaupt, Ulla Gohl-Völker

Projektbericht

publiziert in der Zeitschrift  Spiel und Theater. Die Zeitschrift für Theater von und mit Jugendlichen. hrsg. von G. Frenzel. H. 176. Jhg. 57. S. 25.-30. Weinheim.

Historischer Hintergrund
Das zweisemestrige Theaterprojekt „Experiment Ludwig“ stand unter dem Motto einer Reise zurück ins Barock in die Zeit Herzog Eberhard Ludwigs von Württemberg. Anlass war das 300jährige Jubiläum der Grundsteinlegung des Residenzschlosses Ludwigsburg, das im Rahmen eines Barockes Festes drei Tage lang vom 7.- 9. Mai 2004 gefeiert wurde. An diesen drei Tagen zeigten wir im Schlosstheater (erbaut 1758/1759) unsere Interpretation dieser bewegenden Zeit der Schlossgründung.
Stadt und Schloss Ludwigsburg verdanken ihrer Existenz Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1677-1733). Ursprünglich hatte Herzog Eberhard auf dem Erlachhof nur ein Lustschloss zum Jagd- und Sommeraufenthalt geplant. Doch aufgrund der Beispiele anderer Fürsten und der absolutistischen Ansicht, die Gründung von Städten lasse so die Macht eines Herrschers erkennen wurde das Jagdschloss zur Keimzelle des größten Barockschlosses in Deutschland und gleichzeitig der dazu gehörenden, planmäßig angelegten Stadt. 1709 rief Eberhard Ludwig erstmals Menschen aus dem ganzen Land zur Gründung der noch fehlenden Ansiedlung auf. Er versprach ihnen namhafte Privilegien, etwa die Befreiung von Steuern. Der Herzog erhob Ludwigsburg 1724 anstelle von Stuttgart zur „alleinigen und beständigen“ Residenz.

Didaktisch-Methodische Konzeption: SAFARI-Modell
Als didaktisch-methodische Vorgehensweise wird unter dem Begriff SAFARI ein Theatermodell vorgestellt, das die einzelnen theatralen Prozesse strukturiert und ästhetische Erfahrung wie z. B. die Erfahrung der Differenz, die Selbstreflexivität oder die Erfahrung der Darstellung des Nicht-Darstellbaren ermöglicht.

Der Stoff bildet die Ausgangssituation für das Theaterprojekt. Er kann im weiteren Verlauf der Arbeit erweitert, verändert oder auch verfremdet werden. Grundsätzlich sollte er die Imaginationsfähigkeit der Studierenden anregen, sie zu sinnlich-körperlichen Darstellung herausfordern und eigene Denkweisen hinterfragen bzw. neue kennen lernen.
Der Auftakt hat vorbereitende Funktion. Er sensibilisiert die Spielenden sich selbst auf der leibsinnlich-emotionalen Ebene wahrzunehmen und zu erleben, aber auch die Gruppe und den Raum. Dazu gehören u.a. Übungen zur Haltung, zur Imagination, Atem, Stimme, Bewegung, Spannung und Entspannung.
In der Arbeitsphase des Spielprozesses kommt der Figurenverkörperung eine zentrale Aufgabe zu. Die Figuren sind Träger der Handlung und stehen immer in Beziehung zu anderen Figuren oder stellen Beziehungen zu anderen Figuren her.
Die in der Figurenentwicklung gemachten Erfahrungen und Prozesse werden nun weiter im Baustein Aktion (A) so geformt und entwickelt, dass Improvisationen entstehen. Ziel ist es, die entstanden Improvisationen dann zu Szenen zu verdichten.
Im gesamten Spielprozess kommt der Reflexion (R) eine besondere Rolle zu. Durch die Reflexion soll der SpielerIn Erlebtes bewusst gemacht werden. Zudem erfolgt die Klärung szenischer Abläufe sowie das Prüfen der Theaterspielprozesse im Hinblick auf die Aufführung in Form einer Gesamtreflexion.
In der Inszenierung (I) werden die entwickelten Szenen in einen Ablauf gebracht. Sie ist Ausdruck des gesamten Theaterprozesses und wird vor Publikum präsentiert.

Stoff: „Zwischen Sinn und Sinnlichkeit“
Die Epoche des Barock erschlossen sich die Studierenden zunächst aus historischer, literarischer, kunst- und kulturwissenschaftlicher sowie theatersemiotischer Sicht. Durch Annäherung über höfische Tänze wurden Menuetttänze ausprobiert. Eine Reihe von Vorträgen, vom Dozententeam gehalten, bildete die Klammer für den individuellen Aneignungs- und Verstehensprozess.

a) historische Spurensuche
Die Spurensuche zu dem „historischen“ Herzog Eberhard Ludwig begann an dem Originalschauplatz, dem Residenzschloss in Ludwigsburg. Zur Garten- oder Hofseite waren die Prunkräume ausgerichtet, mit bis zu 5 Meter hohen Decken, wertvoll eingerichtet mit Mobiliar, gearbeitet von Kunsthandwerkern aus ganz Europa. Dahinter, im Innern des Schlosses, befanden sich die sogenannten „Degagements“, die Dienerschaftsräume. In den Dienerschaftsräumen war eine Zwischendecke eingezogen, so dass die Räume nur halb so hoch waren und damit zusätzliche Fläche entstand. Häufig befanden sich in den unteren Ebene die Aufenthaltsräume der Bediensteten, während oben die Schlafräume zu finden waren. Die Räume waren karg und schmucklos eingerichtet. In den Zimmern befanden sich oft große Schränke, die als Kleiderkammer des Königs dienten. Die Tageslichtversorgung war durch die Lage im Kern der Schlossanlage sehr begrenzt, sodass mit Öllampen beleuchtet werden musste. Bienenwachskerzen standen nur den herrschaftlichen Räumen mit ihren Kronleuchtern zur Verfügung, diese waren aber zu teuer für die Dienerschaft Schließlich machten die Ausgaben für Kerzen ein Fünftel des Haushaltes des Hofstaats aus!

b) literarische Spurensuche
In Büchners „Leonce und Lena“ wird in der Figur des König Peter das Bild eines absolutistischen Herrschers dargestellt. Büchner karikiert den Monarachen als bedeutungsloses Staatsoberhaupt, der von unfähigen Staatsbeamten und einem von Dummheit gekennzeichneten Polizeiapparat bestimmt wird. Diese von Büchner entworfene Herrscherbild wird zur Grundlage unserer Improvisationen zur Figur des Herzog Eberhard Ludwig und seines Hofstaates. Nach historischen Überlieferungen weist er überraschend ähnliche Züge wie König Peter auf.

c) theatersemiotische Spurensuche
Konstitutiv für das Theater des Barock ist die Vorstellung des “Theatrum Mundi“: die Welt als Bühne und Bühne als Welt. Die Menschen sind die Schauspieler, die eine Rolle spielen, die Rolle ist das Leben und das Leben eine Rolle. Nur aus dieser wechselseitigen Bedingtheit heraus erhalten sowohl das Theater als auch das Leben ihre Signifikanz. Gott ist der oberste Spielleiter und beurteilender Zuschauer, der den Menschen als Schauspieler und sein Leben als die ihm von Gott übertragene Rolle bestimmt Für das Theater des Barock und auch generell für die Kunst gelten so E. Fischer-Lichte die Prämissen und Forderungen der Wirkungsästhetik. Die Wirkung auf den Betrachter musste stark, mächtig und schlagartig zutage treten.
Die Vorstellung eines autonomen Kunstwerks, das seinen Sinn und Wert in sich selbst trägt war den damaligen Kunstschaffenden noch fremd.
Das Theater des Barock sollte die Macht des jeweiligen Herrscherhauses repräsentieren, seine besonderen Ziele und Bestrebungen verkünden und nicht zuletzt seine Größe zu verherrlichen. Entsprechend hat das Barock in den unterschiedlichsten kulturellen Ausdrucksformen - wie Bewegung, Gestik, Kleidung, Tanz, Theater, Musik eine Vielzahl von Zeichen hervorgebracht, die das Ich zu repräsentieren imstande sein sollten.
Vor allem die äußere Erscheinung des Menschen musste als möglichst vollkommene Repräsentation des „Ich“ auf eine Weise um- und ausgestaltet werden.
Franciskus Langs’ „Dissertatio des actione scenia“ war das führende Schauspielbuch dieser Zeit. Lang beschreibt ausführlich Haltungen und Gesten, mit denen die Schauspieler bestimmte Affekte zum Ausdruck bringen sollen. Er ist Repräsentant einer Figur und soll beim Publikum Affekte auslösen durch Deklamation und Aktion. Im Barocktheater ging es nicht um die Herstellung einer Illusion, sondern um die Präsentation von Zeichen, die unbedingt vom Zuschauer wahrgenommen werden muss, um richtig gedeutet zu werden. Die Studierenden experimentierten mit Übungen aus diesem Schauspielbuch.
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d) kulturwissenschaftliche Spurensuche
Das Zeitalter des Barock war geprägt von der Idee des zentralistischen Fürstenstaates, des Absolutismus. Den Mittelpunkt des hierarchisch gegliederten Gesellschaftsmodells bildete der absolutistische Herrscher mit seinem Hof. Obwohl der Herrscher nur sich selbst und Gott gegenüber verantwortlich war, unterlag sein Verhalten einem festen Zeremoniell, das vom Gedanken der Repräsentation bestimmt war. Er repräsentierte als Person die Einheit von Staat und Gesellschaft, und verkörperte den Reichtum und die Macht des Staates. Der Darstellung der staatstragenden Gedanken hatten alle Individuen, Handlungen und künstlerischen Erscheinungsformen zu dienen, so dass am Ende ein barockes Gesamtkunstwerk entstand, in dessen sinnlich wahrnehmbarer Größe allenfalls ein Abglanz der inneren Macht und Größe des Fürsten zu sehen war. Die Wirkung der Projekte erfuhr eine Steigerung durch eine geschickte Inszenierung der Größe und Dimension durch den Kontrast von Licht und Schatten. Die Brechung des Lichts in den aufgebrochenen Oberflächen erzeugte eine Fülle sich überlagernder Sinneseindrücke und ließ Übergänge und Nuancen zwischen strahlender Helle und trübem Dunkel entstehen.
Diese Gestaltungsintentionen zeigten sich auch in der höfischen Bekleidung des Barock. In der Männermode dominierte die Uniform. Sie stieg zur Hofkleidung auf, nachdem der französische König sie trug. Sie ist einerseits ein sichtbarer Ausdruck der Einbindung und Unterordnung des Einzelnen in einen größere Einheit, andererseits ermöglicht sie eine klare zeichenhafte Binnendifferenzierung als Ausdruck bestehender Hierarchien durch das Material, die Farben, die Knöpfe sowie den Schmuck der Orden und Tressen. Die Oberbekleidung der Männer umfasste drei Teile: Justaucorps, Weste, Kniehose. Ergänzt wurde das Ensemble durch Seidenstrümpfe, Schuhe mit hohen Absätzen und einer voluminösen Alongeperücke. Die Überhöhung der Gestalt erfolgte durch die Absätze der Schuhe und die hohe Perücke. Eine zusätzliche optische Streckung brachte die Betonung der vertikalen Kanten mit den kontrastierenden Tressen. Die reichliche Verwendung von Spitzen in der Männerkleidung bildete einen farblichen und formalen Kontrast zu den klaren Farben und Formen der männlichen Uniformen.
Die Frauenmode wies ein enges Oberteil bis zur Taille mit einem breiten tiefen Ausschnitt auf. Der Rock bestand aus mehreren Teilen, die die Gesamtform bestimmten. Über einem Form gebenden Reifrock wurde ein reich verzierter Rock oder Jupe getragen. Eine vorne geöffneter Überrock oder Manteau wurde einem Theatervorhang gleich zur Seite gerafft und gab den Blick auf den dekorativen Jupe frei. Er endete im Rücken in einer Schleppe, deren Länge die gesellschaftliche Stellung ausdrückte. Die hohen Absätze der Schuhe, ein Haaraufbau, die Fontange und die Schleppe des Rockes ließen die Trägerinnen optisch größer erscheinen. Die Vielfalt der textilen Oberflächen erfuhr eine Erweiterung der Farbskala durch die Brechung des Lichts in den Faltungen, Raffungen und durch den Besatz von Schleifen und Spitzengarnituren.
Die offizielle Bekleidung mit ihren steifen Formen und Schnürungen sowie einem beachtlichen Gewicht an Stoffen, schränkte die Beweglichkeit von beiden Geschlechtern erheblich ein. So entstand erstmals in der Geschichte eine inoffizielle legere Hauskleidung. Die Anzahl der Ensembles, ihre Ausgestaltung und Trägeanlässe waren genau reglementiert, weil sich auch darin der Reichtum und die soziale Stellung der Träger und Trägerinnen manifestierten. Die für uns heute selbstverständliche Funktions- und Anlass bezogene Differenzierung der Bekleidungsformen und Bekleidungsensembles hat hier ihren Beginn.

Abb. Skizze Höfische Kleidung Ma/Fr. des Barock

e) kunsthistorische Spurensuche
Kunsthistorisch ist die Zeit des Barocks durch kirchlichen und weltlichen Absolutismus geprägt. Die katholische Kirche versucht im Zuge der Gegenreformation, die Gläubigen durch transzendentale Verinnerlichung oder durch übersteigertes Pathos in ihren Bann zu ziehen. Die absolutistischen Könige stützen und verklären ihren Status durch gesteigerte Selbstdarstellung.
In der sakralen wie in der profanen Kunst des Barocks gehen die einzelnen Gattungen ineinander über, wobei jede ihre Qualität so weit zurückstellt, dass sie mit der anderen Gattung jeweils eine Synthese eingehen kann. Architektur, Malerei und Skulptur verbinden sich zu einem Gasamtkunstwerk.
Im Unterschied zur intellektuellen Welterkenntnis der Renaissance zeichnet sich die Kunst des Barocks durch die Verbindung von natürlicher und übernatürlicher Welt aus, was sich in dem Bestreben nach Illusionismus zeigt: Unsere Sinneswahrnehmung wird in Frage gestellt. Wir können nicht mehr unterscheiden zwischen Sein und Schein. Die typische Themen und Gestaltungsprinzipien belegen dies. Die immer wiederkehrenden Themen in der Malerei sind Verherrlichung und die Apotheose. Die Gestaltung zeichnet sich durch den Einsatz aller möglicher Kontraste aus, z.B. das Spiel zwischen konvexen und konkaven Elementen in der Architektur und dem damit verbunden dramaturgischen Spiel zwischen Licht und Schatten.
Sowohl die römische Kirche als auch die Könige und Fürsten Europas des 17. und 18. Jhdts. haben die Kunst als eine Möglichkeit entdeckt, um die Menschen zu beeindrucken und zu überwältigen, und um ihre Macht zur Schau zu stellen und der Menge zu imponieren.


Auftakt „Zwischen Körper-Haben und Körper-Sein“
Der Auftakt beinhaltet das innerliche und äußerliche „Ankommen“ der Spielenden bei sich selbst, im Raum und in der Gruppe. Neben einer Reihe elementarer Theaterübungen zum Körper, Atem, Stimme und Raum lag bei diesem Projekt der Schwerpunkt auf dem Experimentieren mit Polaritäten wie z. B. Hoch - Tiefstatus, lockerer Körper - angespannter Körper - verkrampfter Körper, Gehen in verschiedenen Tempi bis zur totalen slow-motion. Aber auch mit den Elementen der Übertreibung und Untertreibung, Verzerrung und der Groteske wurde gespielt z. B. durch akzentuierte Betonung einzelner Körperteile wie z. B. Bauch, Becken, Po, Kinn, Bein und Fuß ergaben sich skurrile Körperhaltungen. Sie bildeten wiederum den Ausgangspunkt für die Entwicklung von Figuren wie z. B. Adel, Herzog und Herzogin. Ein weiteres Element war das Spiel mit Zeit und Dynamik. Wie kann ich eine Bewegung z. B. verlangsamen bzw. beschleunigen? Das Spiel mit der Sprache, mit einzelnen Worten und Lauten um Stimmungen und Emotionen auszudrücken war ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Phase. Die Studierenden wählten sich Textstellen aus „Leonce und Lena aus“ mit denen sie sprachlich und stimmlich experimentierten. Auch hier galt das Prinzip der Übertreibung und Verzerrung. Es ging weniger um den Sinn des Textes zu erfassen sondern der Materialität der Sprache auf die Spur zu kommen. Die Spielenden sahen sich in dieser Phase einem besonderen Spannungsverhältnis ausgesetzt, das vom Produzieren und Rezipieren geprägt war oder anders ausgedrückt vom Agieren und Beobachten. Hieraus resultierte u.a. die für das Spielen notwendige Konzentration und Aufmerksamkeit. In der Reflexion zwischen Produzieren und Rezipieren kann sich ästhetische Erfahrung bilden, die sich in sozialer ästhetischer Verantwortung für die Gruppe zeigt.

Figur „Zwischen Nicht-Ich und nicht Nicht-Ich“
Die Figurenverkörperung ist das zentrale Element der Theaterarbeit. Hier kommt der eigentliche Spielstoff zum Tragen. Es geht jetzt darum, das Figurenpotential des Stoffes zu erschließen und in eine innere Auseinandersetzung und äußere Gestaltung zu treten. Tragende Figuren in diesem Projekt waren der Adel, Herzog und Herzogin und der dritte Stand. Die Spielenden „zeigten“ im Brechtschen Sinn diese Figuren in ihrem Habitus und Gestus, die durch Maske und Kostüm stark verzerrt und gebrochen wurde.
Verbindendes Glied der einzelnen Szenen war die Figur eines „Elfen“ der erklärend, kommentierend und philosophierend auftrat. Er hatte quasi Narrenfreiheit und hatte „Moderationsfunktion“ für das Publikum.

Aktion: „Zwischen Nicht und Sondern“
In dieser Phase geht es vor allem darum, die in der Auseinandersetzung mit den Figuren gewonnenen Einsichten und Erfahrungen durch die thematische Vorgabe weiter zu formen, so dass Improvisationen entstehen. Improvisiert wurde hier vor allem mit einzelnen Szenen aus „Leonce und Lena“.

Aber auch die Erfahrungen aus der Schlossführung im Residenzschloss waren Impuls für Improvisationen. Die Spielenden erhielten die Aufgabe Situationen wie sich beispielsweise in den Räumen des Schlosses ereignet haben könnten vorzustellen und dann in einem Standbild darzustellen. Die Standbilder bildeten dann den Ausgangspunkt für weitere Improvisationen wie z. B. „Im Ankleidezimmer des Herzogs“, „Ein Ball im Thronsaal“, „In der Küche“ „Aufstehzeremonie von Herzog und Herzogin“ usw.
Auch in den Improvisationen wurde mit dem Barockzeit bestimmenden Motiv der Antithetik gespielt: Schein und Sein, Lebensgier- Todesbewusstsein, Carpe diem - in memento mori, Erotik, Wollust - Tugend, Askese, Reichtum - Armut.

Kunstprojekte
Innerhalb des Projektes entwickelte eine Gruppe von Kunststudenten ausgehend von den Grundphänomenen „Sein und Schein“, „Macht und Ohnmacht“ mehrere Objekte und Aktionen.
Ausgehend von dem Wissen über Barock, führten wir ein gemeinsames Brainstorming durch. Aus der Fülle der Ideen wählte jeder der Gruppe eine Idee aus, die er bearbeite.

Sein und Schein:
Mehrere Studenten widmeten sich diesem Phänomen, das sie aber in sehr unterschiedlicher Art und Weise bearbeiteten.
Rollo: Eine Studentin arbeitete diesen Kontrast wie folgt aus: Ausgehend von zwei annähernd lebensgroßen Fotografien, die sie einmal nackt und einmal bekleidet zeigen, schnitt sie diese in ca. 2 cm große Streifen, die sie jeweils auf die Lamellen eines Rollos klebte. Durch drehen der Lamellen ist es möglich, sie in dicken Pelzmantel gehüllt oder nackt zu sehen. Dieses Objekt wurde in die Performance integriert, als Puck über „Sein und Schein“ philosophierte.

Spiegelsandwichman: Der Raum ist abgedunkelt. Ein Beamer projiziert einen Film auf die Bühne. Eine Frau, die zwei große Spiegel umhängen hat, betritt die Bühne und blendet das Publikum mit den gespiegelten Projektionen. Über die Wände, die Decke, und über die Zuschauer hinweg bewegen sich traumhaft wirkende Filmsequenzen. Die Betrachter werden vom Film geblendet und Teil von diesem.

Traum-Film: Ausgehend von der psychoanalytischen Betrachtung des Königs und von traumhaften Assoziationen, stellte eine Studentin eine Filmcollage zusammen, in der unterschiedlichste Figuren und Szenen auftauchten - vom glorreichen Cowboy bis zu Liebesszene. Die Sequenzen wurden auf verschieden Spiegel, Platten, etc. projiziert, abgefilmt und bei der Aufführung wandelten die Schauspieler traumhaft vor dieser Projektion, so dass sie Teil des Filmes wurden. Film und Schauspieler verbinden sich in dieser Szene miteinander.

Macht und Ohnmacht:
Bauplan: Eine Studentin sitzt auf dem Boden – vor ihr liegen Legosteine, mit denen sie ein Legoschloss baut. Eine Kamera filmt diesen Vorgang. Als der Puck von den Plänen des Herzogs bezüglich des Schlossbaus berichtet, wird die Aktion über einen Beamer auf die Leinwand projiziert. Stein um Stein wächst sein Traumschloss.

Arm/Reich Figur: Zwei Studentinnen entwickelten eine drehbare Figur. Auf der einen Seite ist der Herrscher in machtvoller Pose und prunkvoller Kleidung zu sehen, dreht man die Figur, so sehen wir einen in Lumpen gekleideten und gebückten Menschen. Diese Figurine wurde eingesetzt als das Spannungsfeld Arm – Reich theatralisch bearbeitet wurde.

Volksgruppe: Andere Studierende entwickelten eine aus fünf Figuren bestehende Silhouettengruppe - Stereotype Gesichter, bei denen nur der Mund zu bewegen ist. In der Performance wurde diese Gruppe bespielt, als der König das Volk befragte und dieses ihm nach dem Mund spricht. Alle Äußerungen des Königs wurden entweder wiederholt oder mit einem „jawohl, jawohl“ bestätigt.

Fortschrittsrad: Als der König von seinen Untertanen ein Pferd und Fortschritt verlangt, trägt eine Studentin ein umgebautes Fahrrad auf die Bühne. Am Hinterreifen angeschlossen ist ein Seil, über das verschiedene Gegenstände transportiert werden kann. Tritt die Studentin in die Pedale, so werden die vom König gewünschten Gegenstände an dem Seil hängend auf die Bühne befördert.

Reflexion: „Zwischen Erleben und Reflektieren“
Die Phase der Reflexion richtet sich sowohl an die Spielenden selbst als auch auf die bisherigen Arbeitsphasen. Die Konzentration liegt auf der Auswertung aller durchgeführten Theaterspielprozesse. Der bis zu diesem Zeitpunkt entstandene theatrale Prozess wird nochmals gesichtet, überprüft und mit dem Blick auf die Aufführung ausgewertet. Intention und Ziel des Prozesses müssen jetzt noch mal allen Spielenden deutlich ins Bewusstsein treten.

Inszenierung : „Die Erfahrung des Nicht-Darstellbaren“
Die Inszenierung bestand aus einem 30minütigen kaleidoskopartigen Reigen von einzelnen Bildern, die durch die Figur des „Elfen“ verbunden wurden. Die Theaterszenen wurden durch den Einsatz filmischer Elemente zum Teil angehalten, unterbrochen oder als Folie, das Theaterspiel interpretierend eingesetzt.
Die Szenen im Ablauf:
1. Bild:
Elf führt in die Geschichte ein (Zeitreise ins Barock durch den Elfen)
Herzog und Herzogin stehen, in der Zeit angehalten, im Bilderrahmen
2. Bild:
Auftritt des Adels als Marionetten des Herzogs
Zwischenspiel: „Spiegelungen“ in Szene gesetzt durch Filmeinspielungen und einem „Sandwichmann“ sowie Adlige die Spiegel halten und den Film und die Beleuchtung spiegeln
3. Bild:
Elf stellt den Herzog und seine Mätresse vor
„Ich will ein Schloss“ (Schloss wird mit Legosteinen gebaut und auf die Leinwand projiziert)
„Ich will Macht und Reichtum“ (Ein Fahrrad wird auf die Bühne geschoben und es wird in die Pedale getreten)
„Ich will eine Mätresse (Mätresse wird lebendig)
„Ich will die neueste Mode aus Paris“ (Es folgt eine „Anziehszene“ Perücke, Gamaschen usw. werden vom Adel in einer Reihe transportiert bis sie beim Herzog angelangen)
„Ich will einen Hofstaat“ (Hofstaat tritt auf: In kleinen Gruppen bewegen, sprechen und machen ihre Aufwartung dem Herzog. Sie improvisieren zum Teil nur mit einzelnen Wörtern wie ohje, oh, nein, ach doch)
4. Bild:
Puck philosophiert über Macht und Ohnmacht und dreht dabei die Figur des Herzogs der vorne sich majestätisch zeigt und hinten einen gebückten Bauern darstellt
5. Bild:
Lehenabgabe
6. Bild:
Puck philosophiert über Schein und Sein und dreht dabei an einem Rollo der vorne eine Frau im Mantel zeigt und hinten eine nackte Frau. In das nächste Bild wird durch den Impuls des Elfen „Tanz, Tanz, Tanz“ übergeleitet.
7. Bild:
Ball auf dem Schloss
Menuett des Adels wird durch einen flashdance der Bauern unterbrochen
8. Bild:
Puck philosophiert über Traum oder Alptraum
9. Bild:
Herzog hat einen „Alptraum“ der in filmischen Bildern gespiegelt wird
der Alptraum wird unterbrochen durch den Auftritt des lebendigen Stillebens
10. Bild:
Lebendiges Stilleben „Fressen und Saufen“
Diese Szene wird durch die Bauern unterbrochen
Adel und Bauern stehen sich im Kampf gegenüber
11. Bild: Schluss
Der Elf unterbricht den Kampf- das Ende bleibt offen und wendet sich mit einer Frage an das Publikum
„Hat sich seit damals viel verändert?“

 

 

 

 

 

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