AktuellesAktuelles

 

Hartmut Melenk: Nachruf auf Karlheinz Fingerhut (13.07.2018)

 

Der Tod von Karlheinz Fingerhut kam für seine Kollegen und Freunde unerwartet. Wir wussten, dass es ihm seit Jahren schlecht, sehr schlecht ging. Aber es schien so, als könne er damit einigermaßen gut umgehen – und als könne dies noch eine Zeit lang so weitergehen. Seine Lebensfreude hatte er nicht erkennbar eingebüßt.

Er wurde schon früh, in den 70er und 80er Jahren, bekannt durch die Bände „Politische Lyrik“ und „Liebeslyrik“. Das sind Sammlungen von Gedichten, Aufgaben dazu sowie Kommentare und Hintergrundinformationen für Lehrer; sie lesen sich, als wären sie gestern geschrieben; man staunt über das Wissen des Autors und über sein Interesse für große Zusammenhänge – und man ist geradezu erschlagen bei der Vorstellung, dass Schüler oder selbst Lehrer diese Unterrichtseinheiten tatsächlich bewältigen könnten. Welch ein Optimismus in die Leistungsfähigkeit und Arbeitsbereitschaft der Schulen und der Schüler! Karlheinz Fingerhut muss sich selbst zum Maßstab genommen haben: So begeistert für Literatur wie ich und so allgemein interessiert an Sozialgeschichte, Philosophie, Ästhetik müssen alle sein, Lehrer wie Schüler. Und diese Begeisterung hat sich tatsächlich übertragen; die vielen Auflagen dieser Bücher sprechen dafür.

Die Literatur war sein großes Thema, nicht der aktuelle Literaturbetrieb, sondern die Literatur, die in der Schule gelesen wird, die Klassik, Heine, der Vormärz, bis hin zu Kafka und Brecht. In vielen Aufsätzen diskutierte er die Frage, wie diese Literatur zu lesen sei. Er wurde ihr Anwalt und verteidigte sie gegen die vielen Missbrauchsfälle, denen sie in der Schule ausgesetzt war und ist: gegen die Überinterpretation, die Ideologiekritik, den produktionsorientierten Literaturunterricht, den Glauben daran, die Kompetenzen von Schülern könnten ohne die angemessene Begegnung mit den Inhalten gefördert werden. Diese Plädoyers formulierte er sehr entschieden; sie gelangen ihm sehr gut und er wurde eine führende Gestalt in der Deutschdidaktik; 1998 war er der erste Träger des neu geschaffenen Erhard Friedrich Preises. Eine Konstante zog sich durch sein Werk, die Figur Franz Kafka, dessen Mentalität zu seinem eigenen, offenen und zupackenden Naturell so gar nicht passen will. 1981 erschien der erste Doppelband, „Franz Kafka – Klassiker der Moderne“, 1996 eine gedrängte, alle Perspektiven berücksichtigende Monographie „Kafka für die Schule“ und vor wenigen Wochen ein neuer Sammelband „Kafka für Querdenker“.

Einen anderen Lebenskreis boten ihm die Partnerschaften der PH Ludwigsburg zu den Universitäten in Grenoble, Verona, Barcelona; dort war er Austauschdozent, hielt Gastvorträge, nahm an Kongressen teil. Hier konnte er Germanist sein ohne alle Beschränkungen der Didaktik und er baute ein regelrechtes germanistisches Netzwerk auf in Verona, Parma, Venedig und Mailand. Er kaufte eine Wohnung in Verona und war dort voll integriert als „il signore con la cagna grande“ – der Herr mit der großen Hündin.

Sein Kollege und Freund Gian Paolo Marchi zitiert oft einen Vers von Tasso: „Ma nulla fa, chi troppe cose pensa. – Doch wer zu viel denkt, handelt nicht.“ Dieser Satz passt überhaupt nicht auf Karlheinz Fingerhut, der zwar ständig über alles Mögliche intensiv nachdachte, aber zugleich sehr handlungsstark war: Er war politisch aktiv, lernte im fortgeschrittenen Alter Kajak fahren, malte und versuchte sich als Hundeerzieher.

In der Hochschule hatte er alle möglichen Funktionen inne, war im Senat, im Fakultätsrat, gab die Hochschulschriften mit heraus. Vor allem war er Gründungsmitglied des Hochschulrats von 2000 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2005. Dessen damaliger Vorsitzender, der frühere Ludwigsburger Oberbürgermeister Ulshöfer, nannte seine Beiträge dort „sachlich und konstruktiv“; man habe sich auf ihn verlassen können. Er sei doch noch ziemlich jung gewesen. Ich sagte: 79 – und er meinte, aus seiner Perspektive sei das jung, er gehe auf die 90 zu. Dies ist Karlheinz Fingerhut nicht vergönnt gewesen.

 

 

 

Kooperation mit der Universität Stuttgart

Die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg kooperiert mit der Universität Stuttgart u.a. im Rahmen der Professional School of Education Stuttgart-Ludwigsburg (PSE).

Dadurch haben Sie die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen an der Partnerhochschule zu besuchen. Durch diese geöffneten Lehrveranstaltungen und kooperativen Lehrformate entsteht für Sie ein Mehrangebot an Kursen in den Bereichen Fachwissenschaft und Fachdidaktik. Sie können also auch ausgewählte Veranstaltungen an den Universitäten Stuttgart und Hohenheim belegen und anerkennen lassen.

Für das Sommersemester 2018 finden Sie alle Informationen zu den geöffneten Kursen, zur Anmeldung und zum Anerkennungsformular auf der PSE-Homepage: http://www.pse-stuttgart-ludwigsburg.de/studium

 

 

 

Keine Artikel in dieser Ansicht.

ABTEILUNG DEUTSCH 
SUCHE
Deutsch > Aktuelles
Startseite   Download Zentrum  Sitemap  KontaktLogin

DruckansichtDruckansicht