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Jeden Monat stellt die STUBE, Studien- und Beratungsstelle für Kinder-und Jugendliteratur (Wien), ein besonderes Kinder- und Jugendbuch aus der aktuellen Produktion vor.

Weitere Informationen zur STUBE: 
www.stube.at

Mit herzlichem Dank an die STUBE-Redaktion, die uns die Inhalte zur Verfügung stellt.

 

 

Kröte im Oktober 2020


Beltz&Gelberg 2020.

 

Elisabeth Steinkellner und Anna Gusella: Papierklavier

Elisabeth Steinkellner hat einen romantischen Roman geschrieben. An diesem Satz ist im Grunde alles falsch und doch …
... trifft es in gewisser Weise zu. Zunächst ist nicht ganz sicher, ob es sich um einen Roman handelt oder ob man nicht ein neues Wort für dieses zeitgenössische Hybridwerk erfinden müsste: Skizzenroman, oder fancy English: Scrap Novel. Oder es setzt sich schließlich doch der wissenschaftliche Begriff „fragmentarisch-fiktionalisierter Tagebuchroman mit bildästhetischer Anreicherung“ durch. Und romantisch ist die Erzählung über Maia, 16 Jahre, älteste Schwester von drei, Ersatzmutter, Saftladenangestellte im wortwörtlichen Sinne auch nicht. Mit Blick auf die unprätentiös eingeflochtenen Motive der feministischen, der queeren oder der Body-Positivity-Bewegung läutet sie wohl eher das post-romantische Zeitalter ein? Denn „Papierklavier“ spielt fernab von jener Jugendliteratur, die mit Hilfe von Adjektiven, Gefühle und psychologisierende Innenschau in Erzählungen arrangiert. „Papierklavier“ schreibt nicht über Gefühle. „Papierklavier“ ist ein Gefühl. Und genau hier wird es romantisch, nämlich im Sinne der kulturgeschichtlichen Epoche „Romantik“. Ein Beispiel:
„Ich schütte die vielen kleinen Glücksportionen der letzten Wochen vor mir aus – und staune, weil sie meinen See augenblicklich auf Hüfthöhe anwachsen lassen. Also hole ich Luft und tauche ab. Und wie ich mich so umsehe stelle ich fest: Es ist alles andere als perfekt hier. Aber eindeutig ziemlich schön.“
Die Romantiker_innen liebten das Unabgeschlossene, das Abtauchen ins Blaue, das Unendliche und konstruierten dies in teils verschwurbelten Formulierungen und Strukturen, die sie schließlich fragmentarisch nannten. Elisabeth Steinkellner bleibt ihrer klaren und zugleich poetischen Sprachform dagegen auch bei tiefgehenden Gedankenspielen treu und so gelingt es ihr, vieles in der Schwebe zu halten, um so ausreichend Spielraum für die Empathie der Leser_innen übrig zu lassen: Wie fühlt es sich an, unterschiedliche Rollen einzunehmen, wie fühlt es sich an, wenn der eigenen Körper auf Grund gesellschaftlich konstruierter Normen ständig in Frage gestellt wird? Maias Empfinden wirkt dabei nie abgehoben, sondern unmittelbar, was mit der Form des Fragmentarischen, die hier wirklich eingehalten wird, zu tun hat: Dank der gewählten Tagebuchform, die durch Anna Gusellas Illustrationen an zeitgemäße Scratch Books erinnert, in das geklebt, gekritzelt und geschrieben wird, entstehen Lücken, wird Emotion durch Schrift eingefangen, können Widersprüche entstehen und in der Summe der einzelnen Teile wird erfahrbar, wie sich Identität prozesshaft formt. Dank des bruchstückhaften Erzählens wird nicht alles auserzählt, womit die Beziehungen zur Mutter, zu den Schwestern, zu den Freund_innen und die Charakterisierung der jugendlichen Figuren, ein Stück weit jenen überlassen wird, die sich damit ziemlich gut auskennen: den jugendlichen Leser_innen selbst.
Dank Anna Gusellas fein abgestimmter Farbpalette kommt noch mehr Romantik im Sinne der Romantiker_innen des 19. Jahrhunderts ins Spiel: Die Illustratorin spinnt einen sanften Blauton als eine Art illustratorisches Leitmotiv vom Cover bis zum Nachsatzpapier. In der Farbenlehre steht Blau bekanntlich für die Unendlichkeit und darf mit etwas Mut zur Interpretation nicht nur als stimmiges Gestaltungsmittel, sondern auch als Maias nie ganz abgeschlossene Suche nach sich selbst verstanden werden. Es ist die Verbindung zwischen Ästhetik und Inhalt, das Zusammenspiel von Bild, Text sowie Schrift, die dieses Gattungshybrid (natürlich auch eine Vorliebe der Romantik!), diesen Jugendroman so einzigartig machen.
Elisabeth Steinkellner und Anna Gusella gestalten einen unromantisch-romantischen Jugendroman der Gegenwart, der die Frage nach der eigenen Identität ernst nimmt und dabei bläulich-leicht sowie „eindeutig ziemlich schön“ davon erzählt, wie es sich anfühlt, 16 zu sein.

Peter Rinnerthaler

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