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Jeden Monat stellt die STUBE, Studien- und Beratungsstelle für Kinder-und Jugendliteratur (Wien), ein besonderes Kinder- und Jugendbuch aus der aktuellen Produktion vor.

Weitere Informationen zur STUBE: 
www.stube.at

Mit herzlichem Dank an die STUBE-Redaktion, die uns die Inhalte zur Verfügung stellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kröte im April 2021

 

 

 

 

 

 

Diogenes 2021.

 

Benedict Wells: Hard Land

 

Die innige Zusammenarbeit zwischen STUBE und Literarische Kurse schlägt sich nicht nur im täglichen Tun nieder, sondern wird durch das nächste Leseheft im Fernkurs »ausLESEN« der Literarischen Kurse durch eine weitere Dimension ergänzt: Heidi Lexe widmet sich darin den intermedialen Dimensionen von Literatur – und dieser Anlass ist Grund genug, im April die Kröte und den Lese-Tipp gemeinsam zu bespielen.

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.

Mit diesem ersten Satz wird eigentlich schon alles vorweggenommen, was für Sam von Bedeutung ist. Und dennoch stellt sich auf den folgenden 337 Seiten keine Sekunde Langeweile ein, wenn retrospektivisch mit einem Jahr Abstand erzählt wird:

1985, Missouri/USA: Der zu Beginn des Textes 15-jährige Sam lebt in einem verschlafenen, fiktiven Örtchen namens Grady, wo mit dem Slogan „Die 49 Geheimnisse von Grady" geworben wird – wobei von den Einwohner_innen keiner so genau weiß, welche das sind (einige weniger werden aber im Verlauf des Textes gelüftet).

Die Sommerferien stehen vor der Tür und das heißt für den einzelgängerischen Protagonisten, dass die wohl langweiligste Zeit des Jahres auf ihn zukommt. Wäre da nicht zum einen die Krebserkrankung seiner Mutter, die wie ein dunkler Schatten über der Familie hängt und zum anderen der Nebenjob im hiesigen Kino, das kurz vor der Schließung steht. In eben diesem trifft er auf die drei Freund_innen Cameron, Hightower und Kirstie, die soeben die Schule abgeschlossen haben und bald in neue Gefilde namens College aufbrechen werden. Den vier Freund_innen bleibt also ein gemeinsamer Sommer; jener Sommer, der für Sam zugleich der aufregendste und traurigste sein wird. Einerseits ist da seine Familie. Die Mutter schwer krank, der Vater wortkarg und scheinbar anteilslos und die Schwester weit entfernt, um für die erfolgreiche Serie „Georgetown“ zu arbeiten. Und andererseits eben jener Freundeskreis, durch den Sam aus seinem Schneckenhaus herausgeholt wird und durch den er sich allmählich von seiner Familie abnabelt. Und es ist der Sommer des ersten Verliebt-Seins.

Das Setting der 1980er-Jahre wird in diesem Coming-of-Age-Roman durch unzählige intermediale Verweise geprägt. In einem Podcast wurde Bendict Wells, der selbst ein Kind der 1990er-Jahre im ländlichen Bayern aufgewachsen ist, gefragt, warum ein deutscher Autor seinen Text in den 1980ern in den USA verortet. Die Antwort fiel recht knapp aus: Sehnsucht. Und genau diese Sehnsucht gelingt es dem Autor, in seinen Text zu transportieren – mit Witz, aber auch der notwendigen Tragik für den Plot. Und sie ist das Gefühl, das den jugendlichen Protagonisten stets begleitet, aber keine konkrete Benennung findet.

Wo zunächst „nur“ eine literarische Thematisierung von Sehnsuchtsmotiven und die Selbstfindung sowie Trauerbewältigung einer jugendlichen Figur vermutet wird, zeigt sich beim genaueren Hinsehen eine raffiniert-durchdachte Textkomposition: In fünf Teile gegliedert (Die Wellen, Der Ball in der Luft, Die Prüfung, Der Streich und Die Pointe) erinnert der Text dieserart an den Aufbau eines Dramas (Exposition, Komplikation, Peripetie, Retardation und Katharsis), während die 49 Kapitel auf jene 49 Geheimnisse verweisen, die es in Grady zu entdecken gilt.

Gespickt mit intermedialen Anleihen entsteht so eine ganz besondere Atmosphäre, die dazu einlädt, Platten aus den 1980ern aufzulegen und währenddessen „La Dolce Vita“ oder „Breakfast Club“ auf VHS-Kassette anzusehen. Beginnend mit dem titelgebenden Gedichtband „Hard Land“ des fiktiven Autors William Morris, der traditionellerweise im vorletzten Schuljahr an Gradys Highschool gelesen wird – eine Referenz auf Diogenes-Autorenkollegen Joey Goebel „Heartland“ ­– und der immer wieder plotprägend ist, hat man es im Text mit einem regelrechten Füllhorn an Verweisen auf Text, Film und Musik zu tun. Da ist beispielsweise der Pick-up von Hightower, der nur das Bossmobil genannt wird, denn dort ist ausschließlich Musik von Bruce Springsteen erlaubt – auch wenn die Lieder nicht mehr gehört werden können:
»Verdammt, Brand, ich kann’s nicht mehr hören, dieses Gerede von Stahlfabriken und ehrlichen amerikanischen Arbeitern und irgendeinem Mädchen aus der Jugend und diese ganzen Storys!«
Doch Hightower sagt nur: »Das sind Phasen. Mal nervt dich der Boss, aber dann kriegt er dich auch wieder!«
Und so war’s.


Musikalisch bleiben die intermedialen Verweise nicht auf den Text beschränkt, vielmehr wird durch einen mitgelieferten Soundtrack die transportierte Stimmung erweitert und intensiviert. Die Filmwelt der 80er-Jahre wird auf inhaltlicher Ebene durch den Job im Kino und das gemeinschaftliche Filmrezipieren geprägt, während auf der formalen Ebene Filmelemente bis zur letzten Seite ausgespielt werden, wenn am Ende keine Danksagung im herkömmlichen Sinne steht, sondern Abspann & Credits.

Literarische Verweise wiederum ergeben sich durch die Buchhandlung, die von Sams Mutter geführt wird, aber auch durch teils subtile, teils eindeutige innertextliche Referenzen. Sprachliche Kniffe nehmen daneben ebenso viel Raum ein; denn wie lässt sich ein adoleszentes Leben besser beschreiben als mit dem Begriff Euphanologie, eine Wortschöpfung aus Euphorie und Melancholie, die Wells Kirstie in den Mund legt und seinerseits den Grundton des Romans auf den Punkt bringt.

Trotz dieser Fülle an Verweisen bleibt der konsequent aus der Ich-Perspektive erzählte Text stets bei der Innenwelt des Protagonisten und dessen Zerrissenheit:

Und ich sagte, dass ich nicht mal wisse, welches mein Ich sei: Sam, der hier am Tisch saß und gerade diese Worte sprach. Oder das unsichtbare Wesen in meinem Kopf, das Sam dabei beobachtete und alles innerlich kommentierte.
Aber was, wenn auch das falsch war? Wenn das wahre Ich eben nicht die eigenen Gedanken, Gefühle und inneren Stimmen war, sondern etwas 
dahinter, das man nur erahnen, aber nie ganz erwischen konnte?

Die erste Liebe wir von der wortgewandeten Kirstie mit der Zahnlücke nicht erwidert und der Protagonist findet sich mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert und in einer Leere wider, nachdem seine Freund_innen zum College aufgebrochen waren. Er bleibt alleine mit dem Vater zurück, zu dem er nie einen Draht gehabt hat. Sams innere Zerrissenheit erreicht hier ihren Peak; auch wenn sich sein Erfahrungshorizont in den Sommermonaten erweitert hat und die Euphorie das tonangebende Gefühl war, dominiert gegen Ende die Melancholie, vielleicht sogar die Schwermut. Benedict Wells nutzt dafür nicht nur bekannte Songtexte sowie Film- und Buchzitate, die aufgerufen werden, sondern stellt diesen auch Texte, die aus seiner eigenen Feder stammen, an die Seite. Neben selbstgeschriebenen Lyrics des Protagonisten nimmt der bereits genannte Gedichtband „Hard Land“ eine besondere Rolle ein, wenn immer wieder lyrische Passagen in den prosaischen Text eingestreut werden:

Du wirst zurückkehren zu diesen Jahren, doch
betreten wirst du sie nie mehr …
Jugend ist der Ort, den du verlassen hast.


Sam ist im erzählten Sommer und den darauffolgenden Monaten durch den Verlust und die gesammelten Erfahrungen den Kinderschuhen und frühen Jugendjahren entwachsen. Er befindet sich in der Übergangsphase zum Erwachsenwerden, was durch eine weiteres Zitat aus „Hard Land“ gekonnt auf den Punkt gebracht:

Kind sein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterfällt.
[…]
[M]ir wurde bewusst, dass 
mein Ball schon längst wieder herunterfiel, und ich fragte mich, ob ich ihn zuvor, speziell im letzten Sommer, wirklich hoch genug geworfen hatte.


Alexandra Hofer

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