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Vorbemerkung:

Die Veranstaltungen im Sommersemester 2020 laufen irgendwie "überwiegend digital" ab! Die untenstehenden Raumangaben gelten nur für den Fall, dass wir uns in diesem Semester auch nochmal face-to-face sehen :-(  .  Alle, die sich zu meinen Veranstaltungen im LSF angemeldet haben, erhalten zu den Terminen ihres angekündigten Stattfindens (nächste Woche ab 23.4.) via Mail einen Moodle-Schlüssel und weitere Informationen über den Ablauf der Seminare. Wer noch nicht im LSF registriert ist oder noch zusätzlich daran teilnehmen will, kann sich per Mail bei mir, möglichst mit seiner Immatrikulationsnummer melden.

 

Folgende Veranstaltungen biete ich an:

 

1. Körper, Psyche und soziale Praxis - Einführung in die Soziologie der Behinderung (Dis-/Ability) und sozialer Benachteiligung. Do 16.15 – 17.45 Uhr, Raum 8A/002, Beginn: 23.4.2020

Gesellschaft und gesellschaftliche Praxis sind eine körperliche Wirklichkeit. Diese auf den ersten Blick seltsame Aussagesoll in diesem Seminar theoretisch und an konkreten Beispielen verständ-lich gemacht werden. Der Begriff "Körper" wird dabei in dem weiten Sinn "körpergebundener Funktionen und Strukturen" verwendet, wie er etwa in der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) der Weltgesundheits-organisation (WHO) zugrunde gelegt wird. Damit kommen aber inhaltliche Aspekte aller sonderpädagogischer Fachrichtungen zur Sprache: sensomotorische Fähigkeiten, kognitive und psychische Funktionen ebenso wie Sprache. Diese Aspekte haben nicht nur nebenher auch noch eine "soziale Dimension", sondern sie sind buchstäblich das eigentliche "Substrat" sozialer Praxis und sozialer Ordnung und werden umgekehrt durch diese soziale Praxis und soziale Ordnung immer wieder neu strukturiert, generiert und sozial konstruiert. Das ist der eigentliche Grund für die zentrale Rolle von Begriffen wie Integration, Inklusion und Teilhabe innerhalb der Sonderpädagogik. Weil soziale Praxen nichts anderes sind als spezifische Konstellationen sensomotorischer, sprachlicher, kognitiver und psychischer Prozesse, haben die individuellen Dispositionen unmittelbare Implikationen für die Teilnahme von Individuen an sozialen Praxen. Und genau deshalb besteht zugleich ein enger Zusammenhang von Benachteiligung, psychischer und körperlicher Deprivation/Traumatisierung sowie Behinderung und sozialer Teilhabe. Dieser "performativ-praxeologische" Ansatz führt zu einer veränderten Sicht auf die für die Sonderpädagogik als Fach konstitutiven Phänomene sozialer Benachteiligung und Deprivation sowie der unterschiedlichen Formen von Behinderung. Das soll an konkreten Beispielen aus allen sonderpädagogischen Fachrichtungen analysiert und diskutiert werden.

 

2. Menschenrechte, Sozialrecht und Behinderung. Do 18.15 – 19.45 Uhr, Raum 8A-002, Beginn 23.4.2020

Behinderung ist in der modernen Gesellschaft auch und vor allem eine rechtliche Kategorie. Als solche ist sie – im Verbundmit den entsprechenden institutionellen Strukturen - ausschlaggebend darüber, welche Lebensmöglichkeiten behindertenMenschen in der modernen Gesellschaft offen stehen oder verschlossen bleiben. Das beginnt bereits bei der Frage, obdie Abtreibung eines ungeborenen mutmaßlich behinderten Kindes straffrei möglich ist oder nicht. Wie Menschen mit Behinderungen ihr Leben gestalten können, wie und wem sie wohnen und leben, ob und mit welchen Hilfen sie einer Schul- oder Berufsausbildung und –Tätigkeit nachgehen können oder nicht – das hängt nicht zuletzt von Rechtsansprüche auf Sozialleistungen ab, ohne die sie möglicherweise die dabei nötig werdenden Unterstützungsformen und Hilfen nicht finanzieren können. Politische Auseinandersetzungen über gesellschaftliche Lebensmöglichkeiten behinderter Menschen werden deshalb wesentlich auch in Form von Konflikten über rechtliche Normierungen ausgetragen. Das zeigt auch die bildungs- und sozialpolitische  Diskussion über die Inklusion behinderter Menschen. Ihr Hauptauslöser war eine Rechtsnorm, nämlich die sogenannte „UN-Behindertenrechtskonvention” (UN-BRK). Sie bekräftigt die eigentlich selbstverständliche Einbeziehung (Inklusion) auch behinderter Menschen in alle Menschen- und Grundrechte. Allerdings machen Grund- und Menschenrechte in den wenigsten Fällen Vorgaben über spezifische sozial- oder bildungspolitische Strukturen oder gar einzelfallspezifische Entscheidungen. Sie müssen als solche auf einem hohen Generalisierungsniveau formuliert sein, schon ihr verfassungsrechtlicher Status ist jeweils komplex. In konkreten Entscheidungs-situationen stehen verschiedene Menschen- und Grundrechte (oder auch gleichen Rechte verschiedener Personen) in aller Regel in einem Spannungsverhältnis. Allein schon deshalb sind Menschenrechte in ihren konkreten Konsequenzen in hohem Maß auslegungsbedürftig, in ihren rechtlichen und politischen Bindungseffekten unscharf. Dennoch oder gerade deshalb hatte die Berufung auf faktische oder auch nur vermeintliche Menschenrechte schon immer die wichtige Funktion, für politische Anliegen öffentliche Aufmerksamkeit zu finden und zu mobilisieren und die grundsätzliche Inklusion aller in alle Funktionsbereiche der modernen Gesellschaft zu deklarieren. Dieser Zusammenhang von Menschenrechten und Inklusion wurde von der Soziologie - lange vor der erst in den 2000er-Jahren einsetzenden Diskussion in den Erziehungswissenschaften und der Sonderpädagogik bereits in den 1950 und 1960-er Jahren analysiert. Für die Frage der faktischen Einbeziehung (behinderter) Menschen in die Gesellschaft und ihre verschiedenen Funktionssysteme (Beruf, Bildung, Privatleben und Familie, Kultur, Recht u.a.) ist aber nicht so sehr die Ebene der Menschenrechte entscheidend, sondern deren Konkretisierung in den Rechtsnormen des Sozialrechts, des Schulrechts, des bürgerlichen Rechts. In dem Seminar wird es also darum gehen der Überschätzung der rechtlichen Bindungswirkungen von Menschenrechten(bzw. konkret: der UNBRK) in der (Sonder-) Pädagogik ein realistischeres Verständnis des sehr viel komplexeren Zusammenhangs von Menschenrechten, Verfassungsrecht und konkreter Rechtsgebiete (z.B. Sozial- und Schulrecht, bürgerliches Recht) entgegenzusetzen und von da aus die spezifischen und begrenzten gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Funktionen von Grund- und Menschenrechten zu verstehen; zu erarbeiten, welche Bedeutung konkrete Rechtsnormen für die Lebens- und Teilhabechancen behinderter Menschen zum Beispiel in den Lebensbereichen Bildung, Wohnen, Arbeiten haben; die derzeit wegen des schrittweisen Inkrafttretens des Bundesteilhabegesetzes komplexe Rechtslage (z.B. Schulrecht, Eingliederungshilfe) kennenzulernen und kritisch zu diskutieren.

 

3. Kultur, Gegenkultur, inklusive Kultur? Behinderung, Benachteiligung und kulturelle Praktiken. Fr 10.15-11.45 Uhr, Raum 8A-003, Beginn 24.4.2020

In dem Seminar geht es um die Frage, inwieweit Lebenssituationen der sozialen Benachteiligung und der Behinderung(sub-)kulturelle Praktiken, Stile und Objekte generieren können und diese wiederum auf das, was wir unter "Kultur" überhaupt verstehen, Auswirkungen haben. Es geht nicht darum, "eigene" kulturelle Aktivitäten zu entwickeln oderanzuregen, sondern bestehende Praktiken mit soziologischen Instrumentarien zu analysieren. Im ersten Teil werden wir uns kritisch mit verschiedenen Konzepten von "Kultur", u.a. auch mit dem sogenannten "kulturellen Modell" von Behinderung, auseinandersetzen und uns dabei ein Verständnis kultureller Praxis im Kontext des "performativ-praxeologischen Turns" in den Sozial- und Kulturwissenschaften erarbeiten. Im zweiten Teil werden wir uns - orientiert an den Interessen der TeilnehmerInnen - konkrete Beispiele (sub-)kultureller Praktiken und Stile herausgreifen und unsere theoretischen Überlegungen konkretisieren und auf Fälle beziehen, zum Beispiel Hip-Hop als Stil, jugendkulturelle Szenen, neue Genres und Formen im Internet (z.B. You-Tube-Clips --> vgl. etwa den Youtube-Kanal "Tourette - Gewitter im Kopf"), Varianten pädagogisch veranstalteter "inklusiver Kultur", subkulturelle Aktionen und Praktiken aktueller KünstlerInnen und Performer.

 

4. Kolloquium Sozialtheorie und Sozialforschung. Fr 12.15-14.30 Uhr, Raum 8A-002; Beginn 24.4.2020         

 „Inklusion”, „Vielfalt”, „Anerkennung”, „Erziehung”, „Behinderung”, „Natur”, „Armut”, „Behinderung”, „Stress”,„Professionalität”, „Beruf”, „Schule”, „soziale Konstruktion”, „Körper”, „Leib”, „Habitus”, „soziale Ungleichheit”, „Geschlecht/Gender”, „Identität”, „(soziales) Gedächtnis”, „Körper”, „Benachteiligung”, „Bildung”, „soziales System”, „Teilhabe”, „Bürokratie”, „Sprache”, „Rassismus”, „Erziehung”, "Sozialisation", „psychische Krankheit”, „Klimawandel”, „(Sub)-Kultur”, „Jugend”, "soziale Klasse" - das alles sind alles Beispiele für Konzepte und Komplexe, die im Zusammenhangmit pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen von Bedeutung werden können. Gerade in wissenschaftlichen Hausarbeiten, Bachelor- und Masterarbeiten sowie in Dissertationen müssen immer wieder solche sozialtheoretischen Konzepte aufgegriffen, für die eigenen Fragestellungen erschlossen, angepasst und mit eigenen Forschungsfragen in Beziehung gesetzt werden. Wie macht man das? Welche inhaltlichen, formalen und methodischen Probleme tauchen dabei auf? Wie erarbeitet man sich schnell einen Einblick in solche Grundlagenfragen aus den Nachbargebieten der Sozialphilosophie, Sozialpsychologie und Soziologie  /Soziologischen Theorie? Wie passt man solche Begriffe an eigene Fragestellungen an? Welche sozialtheoretischen Konzepte und Fragestellungen liegen aktuellen (sonder-)pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskussionen zugrunde? Solche Fragen sollen in dem Kolloquium exemplarisch, also entlang an konkreten Themen und Problemen erarbeitet und diskutiert werden. Welche das genau sein werden, orientiert sich an den Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es können dabei sozialtheoretischen Themen, Konzepte, Problemstellungen eingebracht werden, die aus irgendeinem Grund interessant für Sie sind; zum Beispiel, weil sie immer wieder in aktuellen fachlichen, öffentlichen, kulturellen oder  politischen Diskussionen auftauchen („Was ich schon immer mal wissen wollte...” „was ist eigentlich ‚Teilhabe‘, ‚Nachhaltigkeit‘ ... ?”); weil sie in studienbezogenen Arbeiten (Hausarbeiten, Masterarbeiten, Dissertationen) eine Rolle spielen oder spielen sollen; weil solche Konzepte in eigenen Forschungen (empirisch) operationalisiert werden müssen und Sie diskutieren wollen, wie das gehen könnte. Darüber hinaus (bzw. damit in Verbindung) sollen, wie gewohnt, in dem Kolloquium Probleme mit Erhebungs- und Auswertungsmethoden der empirischen Sozialforschung (qualitativ oder quantitativ) im konkreten Fall und in Auseinandersetzung mit Problemstellungen von Arbeiten der TeilnehmerInnen besprochen werden. In der ersten Sitzung werden wir aus konkreten Vorschlägen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie des Dozenten ein gemeinsames Arbeitsprogramm zusammenstellen. Damit das Kolloq als Arbeitszusammenhang wechselseitiger Konsultation funktionieren kann, ist die Bereitschaft zu einer regelmäßigen Teilnahme aller wichtig.

 

 

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