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westlich

Samara vom Westufer der Wolga aus (Foto: K. Metz)

Die Veranstaltung ›Internationale Textwerkstatt‹ im Sommersemester 2008 war eine Kooperation der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit einer kleinen Studentinnengruppe unserer Partneruniversität Samara (Russland). Durch die Kommunikationsmöglichkeiten des Internet konnten beide Gruppen die gleichen Schreibaufgaben bearbeiten, die entstandenen Texte lesen und in einen Dialog darüber eintreten. 

Nach einer Vorstellungsrunde mit kleinen literarischen Portraits, ging es zunächst – motiviert durch Rose Ausländers Gedicht »östlich« um die wechselseitige Perspektive auf den Westen.

Im Westen

Im Westen, im Westen,
Ja wir sind die Besten

Modern, ökonomisch,
Plausibel und modisch

Moralisch und ethisch der letzte Schrei –
Doch da kommt der Osten

Owei, owei...

Vanessa Dreischer-Scheib

 

Westlich

Anders leben.
Nicht schlechter oder besser,
sondern westlich.
Nicht existieren, sondern leben
Nicht hier, sondern westlich.

Andere Menschen mit gleichen Körpern,
Andere Sprachen, mit gleichen Lauten.
Gleiches versucht man vom Leben zu fordern,
Die Glücksvorstellung ist aber anders.

Glücklich sein.
Nicht reicher oder ärmer,
sondern glücklich.
Nicht irgendwann, sondern jetzt,
Nicht westlich, sondern hier...

Irina Chuvatkina

 

Schreiben auf dem Weg

Im Shiguli-Gebrige nördlich von Samara (Foto: K. Metz)

›Schreiben auf dem Weg‹ zur PH bzw. zur PU als Thema oder der Weg, d.h. das jeweilige Verkehrsmittel als Schreibort, inspirierte die folgenden Texte, bevor die mehr oder weniger kultivierte Natur den Schreibanlass darbot, sich schreibend mit den eigenen Wahrnehmungen und Assoziationen zu beschäftigen – gegen die ›Schere im Kopf‹, möglichst ungefiltert Gedanken zulassen und zu Papier bringen, ohne hinderlichen Selbstanspruch und Qualitätsdruck. So bilden manche Texte den Besuch im Favoritepark hinter der PH Ludwigsburg ab, andere entfernen sich (bewusst?) von diesem Ort, enden zuweilen im »Niemandsland«.

Relativität

Ich habe beim Weg nur ein Dilemma,
Außer dieses gibt es ja kaum Probleme
Sie besteht darin, dass ich nicht sicher bin,
Ob ich selbst an alles vorbeigehe, oder alles an mir...

Anna Samonova

STILLE??

Schattenspiele
Lichtstrahlen tanzen im satten Grün
Der Wind haucht den Takt
Kein Moment gleicht dem anderen

Und doch steht alles still
Die Alten bilden das luftige Dach
Bleiben
Ruhen
Ihr Leben lang

Michèle Stepanow

 

Schreiben im Museum

Aquarell von Guntram Funk in der Studiengalerie der PH Ludwigsburg (Foto: A. Thomitzni)

Die Aquarelle von Guntram Funk, ausgestellt in der Studiengalerie der PH motivierten ein Spektrum von beschreibenden Bild-Text-Transformationen, narrativen Assoziationen zum Gesehenen oder zu den Betrachtern. So werden das Hängen der Ausstellung mit dem Künstler als Vorbild oder die Bild tragende Stellwand in der Ecke zu Motiven in Texten, die auch ohne Bildkorrespondenzen funktionieren.

Das Fließen

ich versuchs
allzu oft

Papier
Lavur
Lasur
Pigment im Näpfchen

ich versuchs
allzu oft

streichen
fließen
tropfen
kratzen

ich versuchs
allzu oft

teure Pinsel
Gummiarabicum
Bütten
und das Wasser

ich versuchs
allzu oft

doch der kleine Mann kanns besser, sagt mir der Nagel an der Wand.

Andrea Thomitzni

 

 

"Nach fünf im Urwald"

Quelle: www.exlibris.ch

Der Film »Nach fünf im Urwald« von Hans-Christian Schmid (D 1996) wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Samara und Ludwigsburg angeschaut und literarisch adaptiert. Dialogausschnitte des Films, lyrische Zusammenfassungen wesentlicher Handlungsstränge, die Verarbeitung grundlegender Motive des Films oder die freie Assoziation aus der Unmittelbarkeit filmischen Erlebens ließen wiederum Texte entstehen, die unabhängig von der filmischen Inspiration ihre Wirkung entfalten.

Wenn man groß ist, wird alles anders…

Wenn man groß ist,
kann man endlich tun, was man möchte.

Wenn man groß ist,
darf man aufbleiben, so lange man will.

Wenn man groß ist,
darf man Eis essen, bis einem schlecht wird.

Wenn man groß ist,
hat man vor nichts mehr Angst.

Wenn man groß ist,
weiß man auf alles eine Antwort.

Wenn man groß ist,
wird alles anders… als man denkt.

Martina Krug

 

Schreiben für den Slam

Im letzten Teil der textwerkstatt entstanden Texte für den Poetry Slam, die teilweise am 8. Juli im Literatur-Café der PH Ludwigsburg von den Autorinnen zum krönenden Semesterabschluss im Dichterwettstreit vorgetragen wurden. ›Das Mikrophon und ich‹, ›lyrische Parodien‹ und schließlich ›Lautmalereien‹ als literarische Fingerübungen, launige Sprachexperimente oder lyrisches Lernen am Modell.

Ich & das Mikrofon

Ein Durchatmen
Ein Schritt vor
Ein Räuspern
Ein Lächeln
Ein Lippenlecken
Ein Luftholen
Ein Fingerspitzenzittern
Ein Herzklappenflattern
Ein Halsbänderräuspern
Ein Kippeln
Ein Lächeln
Ein Durchatmen
Ein Mut
Ein Luftholen
Ein Wort
Eine Rückkopplung.

So´ne Scheiße.

Andrea Thomizni

 

 

Begleitet wurde die Veranstaltung in Ludwigsburg durch das Experiment einer literarischen Schreibberatung. Tutorinnen boten ein persönliches Feedback zu den produzierten Texten im Gespräch oder via Internet an, um im sensiblen Feld individueller literarischer Ausdruckssuche subjektiv Leseeindrücke zu schildern und Überarbeitungs- bzw. Weiterarbeitstipps zu geben. Hier mussten einige Autorinnen und Autoren über den eigenen Schatten springen: sich anderen schreibend zuzumuten bedarf der Überwindung, ist aber der vielleicht entscheidende Schritt von der Schubladenpoesie zum literarischen Schreiben für eine Leserschaft.

Eine Anthologie der Internationalen Textwerkstatt ist im Lit-Café für € 3.- erhältlich.

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