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20-07-2019

Didaktische Rekonstruktion des Themas Boden und Bodenzerstörung

Boden und Bodenzerstörung. Didaktische Rekonstruktion auf Grundlage qualitativer Interviews mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 10. (Dissertationsvorhaben)

Kerstin Drieling, PH Ludwigsburg


Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Die Einführung in die Wissenschaft Geographie bedeutet für die Schülerinnen und Schüler eine Einführung in neue Denk- und Arbeitsweisen mit einer eigenen Fachsprache, die durch komplexe Konzepte und Theorien gekennzeichnet ist. Geographische Phänomene werden von Schülern anders wahrgenommen als von der Wis-senschaft. Ihre Alltagsvorstellungen beruhen auf Erfahrungen und Wissen aus dem Alltag. Die Schülervorstel-lungen weisen meist eine große Diskrepanz zu den fachlichen Theorien auf. Dies gilt auch für den Bereich der Bodenkunde. 
Um diese Diskrepanz zu überwinden, werden in einem Dissertationsvorhaben einerseits die Alltagsvorstellun-gen zum Thema Boden von Schülerinnen und Schülern und andererseits die fachlichen Theorien geprüft und für den Unterricht fruchtbar gemacht.

Theorie und Methode der Untersuchung

Als theoretischer und methodischer Rahmen für die Untersuchung dient das in der Lehr- und Lernforschung international etablierte Modell der Didaktischen Rekonstruktion. Dieses Modell beinhaltet drei Untersuchungs-aufgaben: die fachliche Klärung, die Erfassung von Schülervorstellungen und die didaktische Strukturierung. Im Forschungsprozess werden fachwissenschaftliche Theorien und Lernervorstellungen systematisch in Beziehung gesetzt, um Leitlinien für den Unterricht zu entwickeln (KATTMANN ET AL.1997). Das Modell basiert auf einer moderat-konstruktivistischen Position und wird zunehmend auch für den Geographieunterricht entdeckt (LETHMATE 2007, REINFRIED 2007).
Die Schülervorstellungen zum Thema Boden und Bodenzerstörung wurden in den Jahren 2005/06 mit Hilfe eines Leitfadeninterviews mit Schülerinnen und Schülern der 10. Jahrgangsstufe erhoben. Ein bis zwei Wochen nach dem Interview wurde mit dem/der jeweiligen Schüler/in die Struktur-Lege-Technik durchgeführt. Diese macht es möglich, die subjektiven Theorien der Schülerinnen und Schüler graphisch darzustellen und Kausalbe-ziehungen zwischen den einzelnen Konzepten sichtbar zu machen. Auch komplexe Vorstellungen können so strukturiert werden (SCHEELE ET AL. 1992).
In der fachlichen Klärung werden fachwissenschaftliche Quellen zum Gegenstand Boden einer kritischen Ana-lyse unterzogen und systematisch untersucht.
In der didaktischen Strukturierung werden dann Entscheidungen über Ziel-, Inhalts- und Methodenfragen ge-troffen und begründet. Schülervorstellungen und fachwissenschaftliche Theorien werden miteinander verglichen und aufeinander bezogen. Die Ergebnisse dienen der Entwicklung von Leitlinien im Unterricht.

Erste Ergebnisse der Schülervorstellungen

Die erhobenen subjektiven Theorien der Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit dem Aufbau und den Bestandteilen des Bodens, der Bodenentwicklung und den Bodenfunktionen. Die Vorstellungen werden an In-terviewaussagen wie auch an von Schülerinnen und Schülern erstellten Skizzen konkretisiert und es werden allgemeine Konzepte und Denkfiguren herausgearbeitet. Erste Ergebnisse wurden bereits herausgearbeitet und in Vorträgen und einer Publikation vorgestellt (DRIELING 2008):

  • Die Schülerinnen und Schüler hatten während des Interviews die Aufgabe eine Skizze zu erstellen, wie sie sich den Boden unter ihren Füßen vorstellen. Aus den Interviews konnten drei wiederkehrende Hauptkonzepte ausgemacht werden: Boden ist für den einen Schüler in Schichten im Sinne von geolo-gischen Schichten unterteilt, die aus verschiedenen Materialien wie z.B. Erde, Sand, Kies oder Steinen bestehen. Eine andere Schülerin stellt sich unter Boden eine mehr oder weniger einheitliche Materie, in der die Tiere wohnen und die nach unten hin vom Wasser begrenzt wird, vor. Eine weitere benennt Schichten im Sinne von Bodenhorizonten, die durch unterschiedliche Farben und Zusammensetzung der Bestandteile gekennzeichnet sind.
  • Bei der Bodenentwicklung gehen die Schülerinnen und Schüler oft nur auf die Zersetzung und Humifi-zierung als bodenbildende Prozesse ein. Verwitterung, Transformations- und Verlagerungsprozesse sind den meisten Schülern unbekannt.


Praktische Umsetzung im Unterricht

All diese Vorstellungen können konstruktiv genutzt werden. Schülervorstellungen und fachwissenschaftliche Theorien werden wechselseitig miteinander verglichen. Es werden lernhinderliche und lernförderliche Konzepte herausgearbeitet und didaktische Konsequenzen aus den Ergebnissen für den Unterricht abgeleitet (KATTMANN ET AL.1997).
Um zu einem Konzeptwechsel im Sinne eines kontextspezifischen Wechsel zu gelangen bietet sich zur prakti-schen Umsetzung im Unterricht die konstruktivistische Unterrichtsstrategie nach DRIVER (1989) an (vgl. HÄUßLER ET AL. 1998). Auf Grundlage der ersten Ergebnisse konnte bereits eine Unterrichtseinheit entwickelt werden (DRIELING2008).


Literatur

  • DRIELING, K. (2008): Erde oder Boden, Horizonte oder Schichten? Alltagsvorstellungen zum Aufbau des Bodens. In: geo-graphie heute H. 265, S.34-39.
  • HÄUßLER, P. & BÜNDER, W. & DUIT, R. & GRÄBER, W. & MAYER, J. (Hrsg.) (1998): Naturwissenschaftsdidaktische For-schung – Perspektiven für die Unterrichtspraxis. Kiel. S. 169-219.
  • KATTMANN, U. & DUIT, R. & GROPENGIEßER, H. & KOMOREK, M. (1997): Das Modell der Didaktischen Rekonstruktion. In: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften. H. 3, S. 3-18.
  • LETHMATE, J. (2007): „Didaktische Rekonstruktion“ als Forschungsrahmen für die Geographiedidaktik. Geographische Rundschau 59 (7/8), S. 54-59.
  • REINFRIED, S. (2007): Alltagsvorstellungen und Lernen im Fach Geographie. In: Geographie und Schule, H.168, S.19-28.
  • SCHEELE, B. & GROEBEN, N. & CHRISTMANN, U. (1992): Ein alltagssprachliches Struktur-Lege-Spiel als Flexibilisierungs-version der Dialog-Konsens-Methodik. In: SCHEELE, B. (HRSG.): Struktur-Lege-Verfahren als Dialog-Konsens-Methodik. Münster.

 

Projektförderung

Das Projekt wird von 05/2009 bis 06/2011 unterstützt durch das
Schlieben-Lange-Programm für Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kind.

 

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