Die Struktur des Schulwesens hat entscheidenden Einfluss auf die Bildungschancen und die Bildungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. Ein leistungsstarkes und chancengerechtes Bildungssystem trägt zur Zukunftsfähigkeit eines Landes bei.
Aktuell wird über die Struktur des Schulsystems in Baden-Württemberg wieder intensiv diskutiert. Die Hintergründe sind vielschichtig: Während die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums (G9 neu) und die damit verbundene Rückkehr zur verbindlichen Grundschulempfehlung zum Schuljahr 2025/26 einen unmittelbaren Anlass bildete, werden auch die (ökonomisch und kulturell) heterogene Gesellschaft, die wiederholt unbefriedigenden Befunde der Schulleistungsvergleichsstudien, Diskussionen zur Qualität von Schule, die geringer werdenden Spielräume in den Haushalten des Landes und der Kommunen und nicht zuletzt die demografischen Veränderungen als Gründe benannt, die Aufgaben der Schule und das Bildungssystem mit seiner historisch gewachsenen Schulstruktur zu überdenken.
Vor diesem Hintergrund hat sich im Januar 2024 eine unabhängige Arbeitsgruppe aus Schulleiter*innen aller Schularten, aus Personen der Administration und Verwaltung und aus Bildungswissenschaftler*innen gebildet und im Juni 2024 einen Konzeptvorschlag mit dem Titel „Neue Sekundarschule“ in Baden-Württemberg“ veröffentlicht. Aktuell stellt die Arbeitsgruppe eine überarbeitete Fassung dieses Konzeptes vor. Das Projekt wird durch die Robert Bosch Stiftung GmbH unterstützt.
Was ist die Neue Sekundarschule?
Die Neue Sekundarschule ist ein Vorschlag zur Neugestaltung der Schulstruktur in Baden-Württemberg. Hintergrund ist die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) sowie die wachsenden sozialen und pädagogischen Herausforderungen, die vor allem die nicht-gymnasialen Schularten wie Werkrealschule, Realschule und Gemeinschaftsschule betreffen. Das Konzept sieht vor, diese Schularten in einer neuen, inklusiven Sekundarschule zusammenzuführen, um strukturellen Ungleichheiten entgegenzuwirken. Die Neue Sekundarschule bietet alle wichtigen Abschlüsse an – vom Ersten Abschluss nach Klasse 9 und 10, über den Mittleren Abschluss bis zur Hochschulreife. Sie ist als Ganztagsschule organisiert, in der multiprofessionelle Teams gemeinsam mit den Jugendlichen arbeiten. In unterschiedlichen Bildungsabschnitten werden Basiskompetenzen gesichert, Interessen geweckt und fachliche Profile ausgebildet. Besonderes Augenmerk liegt auf einer individuellen Lernbegleitung, einer neu aufgestellten, intensivierten Berufsorientierung und digitaler Bildung, einschließlich Informatik und Künstlicher Intelligenz als durchgängiges Fach.
Die Einführung der Neuen Sekundarschule soll in einem klar geregelten Prozess erfolgen, mit einer vierjährigen Vorbereitungszeit und anschließender schrittweiser Umsetzung. Die Schulen erhalten dabei größtmögliche Autonomie und Unterstützung, um den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden.
Neuerungen und Weiterentwicklungen in der erweiterten Fassung der Neuen Sekundarschule
Das Konzept der Neuen Sekundarschule wurde nach zahlreichen Gesprächen mit über 60 bildungspolitischen Akteuren, Institutionen und Einzelpersonen sowie zwei Tagungen in Stuttgart im Juni 2024 und im Februar 2025 weiterentwickelt. Die Rückmeldungen haben dazu geführt, die Problemlagen des gegliederten Schulsystems noch genauer zu analysieren und die Fakten zur aktuellen Schulstruktur, insbesondere zu Übergangszahlen, Schulartenwechseln und Ressourcenverteilung, zu ergänzen. Ökonomische Argumente wurden stärker berücksichtigt und der nationale sowie internationale Forschungsstand differenziert analysiert und beschrieben. Zudem wurde der Begriff der Inklusion geschärft und die Bedeutung standortspezifischer Qualitätsentwicklung hervorgehoben. Das sogenannte „Transition Year“ nach Klasse 10, das in der öffentlichen Diskussion besondere Aufmerksamkeit erfahren hat, wurde konkretisiert und die berufliche Orientierung auch darüber neu strukturiert. Hinweise zu einer sozialindexbasierten Ressourcenzuweisung und zum kommunalen Bauen wurden ebenfalls aufgenommen. Aus den zahlreichen Gesprächen heraus wurde viel Unterstützung sichtbar, die in Form von Zitaten abgedruckt sind.
Die Arbeitsgruppe empfiehlt eine vierjährige Vorbereitungszeit für die Einführung der Neuen Sekundarschule, um sowohl gesetzliche Grundlagen zu schaffen als auch einzelne Elemente in Pilotschulen zu erproben. Die Schulen sollen im Umsetzungsprozess ein hohes Maß an Autonomie und adaptive Unterstützung erhalten, beispielsweise soll ein regionaler Schulentwicklungsplan die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort differenziert aufgreifen. Das Ziel ist, möglichst allen Jugendlichen einen ersten Bildungsabschluss und möglichst vielen einen mittleren Abschluss oder die Hochschulreife zu ermöglichen.
Die Arbeitsgruppe versteht ihr Konzept als sachlichen und überparteilichen Beitrag und hofft, damit einen wichtigen Impuls für die Weiterentwicklung des Schulsystems in Baden-Württemberg zu geben.
Weitere Informationen: Neue Sekundarschule Baden-Württemberg (NeuSek) - TaskCards
Arbeitsgruppe Neue Sekundarschule:
Silke Benner, Schulleiterin der Glemstalschule Schwieberdingen-Hemmingen (Gemeinschaftsschule)
Johannes Blumenstock, Schulleiter des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums mit Schwerpunkt Lernen in Pfullingen
Thorsten Bohl, Erziehungswissenschaftler am Institut für Erziehungswissenschaft und Direktor der Tübingen School of Education an der Universität Tübingen
Jörg Fröscher, Gemeinschaftsschulrektor i. R., Asperg
Dirk Grunert, Bürgermeister, Dezernat III, Mannheim
Angela Keppel-Allgaier, Schulleiterin der Hans-Küng-Gemeinschaftsschule mit Oberstufe in Tübingen
Peter Koderisch, Bereichsleiter (Pädagogik/Pädagogische Psychologie) am Seminar für Ausbildung und Fortbildung in Freiburg (Gymnasium) i. R., Berater für Schulentwicklung, Lehrer, Freiburg
Sascha Lieneweg, Leiter des Amtes für Schule und Bildung der Stadt Heidelberg
Norbert Pellens, Schulleiter der Laura-Schradin-Schule Reutlingen (berufliche Schule)
Anne Sliwka, Bildungswissenschaftlerin an der Universität Heidelberg, Mitglied des Wissenschaftlichen Bildungsrates in Baden-Württemberg
Albrecht Wacker, Schulpädagoge für die Sekundarstufe I an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und Leiter der Abteilung Schulpädagogik
Jochen Wandel, Schulleiter der Wilhelm-Hauff-Realschule Pfullingen