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Leitung: Prof. Dr. Peter Kirchner

Die zweite Großexkursion des Fachs Geographie führte im Frühjahr 2010 als Busreise rund um den nördlichen Teil des Adriatischen Meeres. Das Überqueren der Adria erfolgte durch die Nachtfähre zwischen den beiden etwa auf gleicher geographischer Breite liegenden Städten Split und Ancona. Neben den Schwerpunktländern Kroatien und Italien wurde an einem Tag auch Slowenien besucht.
 
An der 14-tätigen Großexkursion vom 20. März bis zum 2. April nahmen 16 Studierende teil. In einem Seminar hatten sich die Studierenden zuvor intensiv auf die Reise in diese Teilregion des Mittelmeers vorbereitet, u.a. durch die Erstellung einer Materialiensammlung für die Arbeit vor Ort. Übergeordnetes Thema der Großexkursion war der natur- und kulturlandschaftliche Gegensatz zwischen der kroatischen und italienischen Seite des Adriatischen Meeres. Durch den Badeurlaub mit der Familie kannten bereits viele Studierende einzelne Ziele im Bereich der italienischen Adria zwischen Ancona und Venedig oder der nord- und mitteldalmatinischen Inseln. Ziel der Exkursion war es jedoch, die exemplarischen Einzelstandorte zu einem Gesamtüberblick und einem systematischen Vergleich zu verdichten. Die zwischen den Standorten zurückgelegten Wegstrecken dienten der eingehenden Landschaftsbeobachtung, für die der Reisebus gleichsam als rollender Hörsaal fungierte.

Die Anreise zum ersten Tagesziel am Golf von Triest erfolgte vorbei an Salzburg, zwischen den Tauern hindurch, durch den Katschbergtunnel, an der friaulischen Metropole Udine vorbei schließlich in die Lagunenstadt Grado. Von diesem seit mehreren Jahrzehnten massentouristisch erschlossenen Standort führte eine erste Tagestour nach Triest, das in seiner wechselvollen Geschichte mehr als 500 Jahre zum Habsburgerreich gehörte und dessen wichtigster Hafen war. Im heutigen Stadtbild spiegelt sich die österreichische Prägung durch einen rechtwinkligen Straßengrundriss und die vielen repräsentativen Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert wider. Der Nachmittag stand im Zeichen einer Steilküstenwanderung entlang der Rieviera Triestina zum Schloss Duino. Das slowenische Karstgebirge stürzt hier fast 100 Meter steil in die Adria hinab und bildet eine markante Landschaftsgrenze zur ostvenetischen Schwemmlandebene. Zwischen 1911 und 1912 lebte Rainer Maria Rilke als Gast auf dem von den Fürsten Thurn und Taxis errichteten neuen Schloss Duino und verfasste dort u.a. die zehn „Duineser Elegien“.  Am dritten Exkursionstag war der slowenische Karst mit seinen durch Kalksteinlösung entstandenen Großformen das Ziel. Ein herausragendes Erlebnis war die Befahrung der Höhle von Skocjan. Diese Höhle verfügt zwar nicht über prächtige Tropfsteine, dafür aber über eine bis zu 100 Meter tiefe unterirdische Schlucht des Flusses Reka, dessen rauschendes Wasser man über eine schmale Brücke in 45 Metern Höhe überquert. Wegen der schlechten Straßenverhältnisse und der Überschwemmungen des nur nach der Schneeschmelze bestehenden Zirknitzer Sees folgte am Nachmittag eine abenteuerliche Erkundung der Zirknitzer Polje.

Auch während der folgenden fünf Tage in Kroatien blieben Karsterscheinungen unser ständiger Begleiter. Auf dem Weg zum Übernachtungsstandort Miletici unweit der Insel Pag lernten wir die norddalmatinische Küste mit ihren vorgelagerten Inseln durch eine kurvenreiche Panoramafahrt auf der Küstenstraße kennen. Das steil in das Meer abfallende Kalksteingebirge bietet nur in wenigen Buchten Platz für die Besiedlung. Fast bedrohlich wirkt die Kulisse vor der sich auf über 1700 Meter über die Adria erhebenden steilen Wand des Velebitgebirges. Erst südlich des Velebits öffnet sich über die breite Küstenebene von Zadar und das landeinwärts folgende Zrmanja-Kalksteinplateau die Landschaft wieder. Von unserer am Meer gelegenen und überaus gastfreundlichen Pension aus fuhren wir verschiedene Tagestouren. Durch Wanderungen wurden die küstennah gelegene Paklenica-Schlucht und der Zrmanja Canyon erschlossen. Der beschwerliche Aufstieg zwischen den bis zu 400 Metern aufragenden Wänden der Paklenica-Schlucht führte das Zusammenspiel zwischen tektonischer Hebung und Tiefenerosion des Flusses eindrucksvoll vor Augen. Zu Fuß und per Schiff erfolgte die Erkundung der Plitvicer Seen im Hinterland. Aber wie schon beim Zirknitzer See führten die Schneeschmelze und die daraus resultierende Überschwemmung der Wege zu einer ungewollten Herausforderung. Über weite Strecken musste die Gruppe barfüssig durch buchstäblich eiskaltes knöcheltiefes Wasser waten. Allen drei Standorten ist gemeinsam, dass sie wegen ihrer naturlandschaftlichen Besonderheiten nicht nur geographische Studienobjekte ersten Ranges darstellen, sondern auch als Schauplätze für die Winnetou-Filme dienten.

Die dalmatinische Inselwelt mit ihren parallelen Inselketten, die durch den Meeresspiegelanstieg als Reste eines Gebirges aus dem Wasser ragen, ist Namen gebend für eine besondere Küstenform, die Canale-Küste geworden. Ein atemberaubender Panoramablick über diese Canale-Küste war der verdiente Lohn des fast schon alpinen Aufstiegs zum mit 349 Metern höchsten Berg der Insel Pag, dem Sveti Vid. Der flachere Abstieg über ein scharfkantiges Karstfeld war kaum weniger beschwerlich und vermittelte einen Eindruck von der häufig mit einer Mondlandschaft verglichenen Kalksteinwüste der Insel Pag. Verantwortlich für die Zerstörung der Vegetation ist neben der Abholzung durch den Menschen auch der vom Velebit-Gebirge mit großen Geschwindigkeiten über die Insel hinweg fegende kalte Fallwind Bora. Einen ganzen Tag lang führte eine Rundfahrt mit einem alten Fischkutter zwischen den vier parallelen Inselketten vor Zadar hindurch zur Inselgruppe der Kornaten. Der an diesem Tag heftig wehende Südostwind Yugo peitschte das Meer an den nicht durch Inseln geschützten Passagen zu meterhohen Wellen auf. Über weite Strecken der Rückfahrt führte eine Kommilitonin das Ruder und brachte uns sicher in den Hafen von Zadar zurück. Vor der Überfahrt von Split nach Ancona blieb am Palmsonntag noch genügend Zeit für einen Rundgang in der vom Diokletianspalast dominierten Altstadt von Split. Wie ein Amphitheater ziehen sich die Stadt und ihr Umland von der Bühne der Flaniermeile Riva am Hafen über mehrere Siedlungsstufen bis zum hoch aufragenden Kranz des umgebenden Kalksteingebirges hinauf.

Die am nächsten Morgen folgende Panoramafahrt von Ancona zum Monte Conero führte den natur- und kulturlandschaftlichen Kontrast zwischen dem schroffen und vegetationslosen dalmatinischen Karst und dem in sattem Grün glänzenden weichen tertiären Hügelland der italienischen Marken deutlich vor Augen. Noch einmal stand bei einer Wanderung auf dem Monte Conero ein sich über die Adria wie ein Balkon erhebendes Kalksteingebirge im Mittelpunkt.

An den letzten Exkursionstagen standen der Massentourismus und die Städte an der italienischen Adria und der Lagune von Venedig auf dem Programm. Im Rahmen der Umfahrung der Lagune von Venedig wurde die am Südrand gelegene Stadt Chioggia besucht, die in der Mittagszeit fast wie ausgestorben wirkte. An diesem Standort konnten wir auch den Baufortschritt des südlichen von insgesamt drei Fluttoren für das Mose-Projekt beobachten. Durch den Bau von aufwändigen Fluttoren soll das durch den Meeresspiegelanstieg bei gleichzeitigem Absacken des Lagunenbodens bedrohte Venedig geschützt werden. Dem Phänomen Venedig selbst blieb es vorbehalten, den glänzenden Schlusspunkt der Exkursion zu setzen. Trotz der ernormen Besuchermassen zog uns die besondere Ausstrahlung dieses inszenierten Freilichtmuseums in seinen Bann. Und wer sich abseits der Hauptströme bewegte, konnte sich am Canal Grande oder in den verwinkelten Gassen sogar alleine wähnen. Die Probleme einer wegen fehlender Arbeitsplätze und steigender Mieten schwindenden Bevölkerung gehörten allerdings auch zu einer ausgewogenen Betrachtung.

Die zweite Alpenquerung über den Brenner- und Fernpass brachte die Exkursionsgruppe am Karfreitag durch ein schneebedecktes Alpenpanorama wieder zurück nach Ludwigsburg. 14 lehrreiche, spannende, zum Teil abenteuerliche und durchweg anstrengende Exkursionstage haben bei allen Beteiligten bleibende Eindrücke hinterlassen

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Geographie > Galerie > Großexkursion Nördliche Adria 2010
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